BuchhandelZähne zeigen

Zunächst waren Ketten wie Thalia mächtige Rivalen, jetzt ist Amazon der größte Herausforderer. Wie kleine Buchhändler überleben. von Jana Gioia Baurmann

Als Frithjof Klepp im vergangenen Jahr im Gewerbeamt Berlin-Mitte stand, in einem Büro mit Ficus und Spanholzmöbeln, da sagte der Beamte zu ihm: "Sie sind doch zur Beratung hier. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Machen Sie sich nicht selbstständig!" Klepp war dort, weil er ein Gewerbe anmelden wollte, aber kein Internet-Start-up oder so etwas, nein, er wollte einen Buchladen eröffnen.

Klepp ist ein Mann mit Glatze und einer Brille, die aussieht, als könne man sich mit ihr auch bei Windstärke zwölf gegen den Luftstrom stellen, ohne dabei die Augen zusammenkneifen zu müssen. Von seinem Vorhaben hat ihn der Beamte nicht abbringen können. Heute, ein dreiviertel Jahr später, sitzt Klepp in seiner Buchhandlung in Berlin-Mitte.

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Es ist ein Buchladen, der nicht unbedingt so aussieht, wie ein Buchladen traditionellerweise aussieht: Vorne, im Eingangsbereich, stehen Tische und Bänke, es gibt eine Theke mit Kuchen drin und Kaffeemaschine dahinter. "Ocelot," heißt sein Laden, wie das Raubtier, und das Komma verrät, dass es noch weiter geht: "not just another bookstore".

Klepp wollte nicht irgendeinen Buchladen, er wollte genau diesen: die Nummer 181 in der Brunnenstraße, 265 Quadratmeter puristisch designte Verkaufsfläche. Vorher war hier Schlecker drin. Zehn Prozent des Startkapitals hat Frithjof Klepp in Markenentwicklung gesteckt, das Markendesign-Konzept von Ocelot umfasst vierzig DIN-A4-Seiten; ob Bleistifte, Tüten oder Postkarten – überall ist das Ocelot-Logo drauf. Klepp ist zufrieden mit den Umsätzen, wie viel genau er verdient, möchte er nicht sagen.

2012 registrierte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. Berlin-Brandenburg 304 Buchhandlungen in der Hauptstadt, die Epizentren sind Berlin-Mitte und Charlottenburg/Wilmersdorf. Das sind mehr als im Jahr zuvor. Auch in anderen Bundesländern ist die Lage gar nicht so schlecht, wie oft vermutet wird; die Zahl der Buchhandlungen bleibt dort seit Jahren annähernd konstant. Und das, obwohl der aggressivste Konkurrent – Amazon – stetig wächst.

Das Magazin Buchreport berichtet, dass der deutsche Amazon-Umsatz mit Büchern in den vergangenen zwei Jahren um 65 Prozent gestiegen ist. Hierzulande hält der Onlinehändler mit schätzungsweise 1,8 Milliarden Euro fast 20 Prozent des gesamten Marktes. Dieser wiederum ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen, er liegt inzwischen bei knapp zehn Milliarden Euro. Erstmals gab es 2011 allerdings ein leichtes Minus von rund einem Prozent.

DVDs sollen bei Thalia den Umsatz steigern

In Berlin geht es derweil längst nicht allen Buchhandlungen gut. Frithjof Klepp ist seit fast 15 Jahren in der Branche, von den 17 Lehrlingen, die mit in der Buchhandelsklasse waren, arbeiten nur noch drei in diesem Beruf. Klepp sagt: "Viele Buchläden funktionieren nur wegen Selbstausbeutung." Das ist kein neues Phänomen, weiß man beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. Berlin-Brandenburg. Schon seit Jahrzehnten müssten Buchhändler für wenig Geld viel arbeiten.

Almut Winter hat in der Regel einen 10-Stunden-Tag und macht dann abends noch die Buchhaltung. Vor zwei Jahren eröffnete sie in Berlin-Charlottenburg eine Buchhandlung, die genauso heißt wie sie: Winter. Almut Winter hat eine Buchhandelslehre gemacht, studierte in Bonn, arbeitete im Bundestag, wurde arbeitslos. Erst dann hatte sie die Idee mit der Selbstständigkeit – und viele schlaflose Nächte: Geld mit Büchern verdienen, geht das überhaupt noch? Winter sagt das schöner, mit dunkler Stimme und einem fränkischen Dialekt: "Um Gottes willen, heute eine Buchhandlung?!" Sie vertraute auf die Kiez-Struktur: Die Charlottenburger sind wohlhabender als der Durchschnitts-Berliner und gebildet, und tatsächlich, die Charlottenburger kamen, brachten zur Eröffnung sogar Brot und Salz mit. 2011 wählte die Fachzeitschrift Buchmarkt Winter zur Newcomerin des Jahres. Inzwischen bekomme sie immer mehr Butter unter die Füße, so nennt sie das. "Das fühlt sich gut an." Die Aushilfe, die Winter beschäftigt, wird demnächst eine Lehre bei ihr beginnen.

Doch es gibt auch Buchhändler, die leiden. Ketten wie Thalia oder Hugendubel zum Beispiel. Eine Thalia-Filiale ist im Durchschnitt 800 Quadratmeter groß, Bestseller sind dort zu Büchertürmen gestapelt, es gibt Plüschtiere, Spielzeug, DVDs, CDs und Postkarten, alles sogenannte Non-Book-Artikel. Ein Fünftel der Ladenfläche ist damit vollgestellt.

Leserkommentare
  1. 1. Ebook

    Man kann aber auch auf den Kindle verzichten und sich einen anderen E-Reader zulegen.
    Für dieses Gerät kauft man sich dann das gewünschte Ebook in der Buchhandlung des Vertrauens - und allen geht's gut ;-)

    6 Leserempfehlungen
  2. ..Inhaber geführten Buchhandlung in Aschaffenburg. Eine mittelgroße Stadt, rund 67.000 Einwohner. Thalia hat hier insgesamt 4 Buchhandlungen platt gemacht. Jetzt gibt es nur noch uns und eben Thalia. Eine kleine Kinderbuchhandlung noch.
    Thalia hat nach wie vor eine alles überragende Marktmacht und nutzt sie weiter aus. Wenn die Menschen nicht anfangen und ihre Entscheidungen überdenken, bevor alle an die Wand gedrückt werden, wird es einfach kaum noch Titel geben die verlegt werden können. Weil Thalia und co. sie nicht in ihr Programm aufnehmen.

    Es werden nicht nur Buchhandlungen weiter verschwinden, nein, ganze Segmente des Buchhandels werden von der Bildfläche verschwunden sein.

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    ...mit Ramschliteratur und Chinaramsch, wie gut, dass die jetzt auch verramscht werden.

  3. Ganz ehrlich, diese algorithmischen Empfehlungen lieferten bei mir in letzter Zeit immer deutlich bessere Treffer als menschliche Empfehlungen und führten auch viel öfter zu echten Neuentdeckungen. Verständlicherweise. Zum einen muss man erstmal an einen Buchverkäufer geraten, der überhaupt gute Empfehlungen geben *kann*; die gibt es, aber das gilt nicht für alle. Und wie gross ist dessen Repertoire? Und auch: Welche wirtschaftliche Motivation hat er? Neben ihm steht ein Stapel von gekauften Büchern, die wegmüssen. Was verkauft er wohl?

    Und dann ist es ja nicht so, dass einem im Netz nur Maschinen begegnen. Auch dort findet man bessere und schlechtere Rezensionen und Empfehlungen von Menschen...

    Nein, die Empfehlung ist gerade nicht mehr die Stärke der menschlichen Händler. Aktionen, Veranstaltugen, Sozialisation schon eher; spezialisierte Buchläden wie Reisebuchläden vielleicht mal ausgenommen.

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    Sie denken zu kurz.
    Erstens: Der Buchhändler wird ihnen nicht einfach was aufschwatzen um kurz seinen Umsatz zu steigern. Er möchte ja das sie wiederkommen, am besten die nächsten 10-40Jahre.
    Zweitens: Auch der Algorithmus hat seine Tücken. Immerhin basiert er auf dem Kaufverhalten anderer, die wahrscheinlich auch einfach so drauflosbestellt haben, in der Hoffnung etwas passendes zu finden. Zudem kann der Buchhändler auch auf Wünsche außerhalb ihres herkömmlichen Kaufverhaltens eingehen, sollten sie z.B. mal statt den üblichen Krimis ein Sachbuch für ihren Sohn brauchen.
    So gesehen, finde ich, bietet doch gerade der Buchhändler, der mich bestenfalls so gut kennt, dass er schon beim Reinkommen weiß was ich möchte, der stehts auch offen für Neuartiges/Unbekanntes in der Welt der Bücher ist, immer noch den besten Service.
    Die Vorteile des Onlinehandels liegen in meinen Augen eher bei der 24h-Bestellmöglichkeit, egal wo man sich gerade befindet, und bei der imens großen Auswahl.

    Die Internetangebote zu Büchern bieten doch eine hervorragende Informationsmöglichkeit. Dieses "Andere Kunden kauften auch..." gibt oft gute Anregungen, die viele Buchhändler -mangels geringerer Verkäufe- gar nicht nicht geben können. Im Internet recherchiert, beim Buchhändler gekauft, ist eine der Methoden, den Buchhandel dauerhaft zu unterstützen.
    Allerdings muss man seinen Bildschirm verlassen und eine "richtige Buchhandlung" aufsuchen, wo man Unmengen weiterer interessanter Titel findet, auf die man nie gestossen wäre.
    Ein gutes Vorbild auch für Kinder und Jugendliche.
    Wer Kindern das "Erlebnis Buchladen" nimmt, trägt dazu bei, dass unsere Welt immer "papierloser" und schliesslich auch immer "eintöniger" wird.

  4. ...der seine Zeit hatte aber im Informationszeitalter seine Bedeutung verliert.
    Der Weg zwischen Autor und um den bzw. sein/ihr Werk geht es mir, dem Kunden letzten Endes wird und soll auch kürzer werden.
    Vorallem mit ebooks machen Amazon und co. es sowohl dem Kunden als auch dem Autor leicht und das zu besseren Konditionen als die meisten Verlage. Empfehlungen gibts von Lesern statt Buchkritikern und die Weisheit der Masse hat schon was.
    Ich glaube nicht das in Zukunft weniger veröffentlicht wird sondern gerade weil es so leicht ist viel mehr. Darunter etwas gutes zu finden wird wie heute schon nicht leicht sein, aber wie von Forist Langeland bereits geschrieben, Beratung in der Buchhandlung ist heutzutage eher unwahrscheinlich.

    Ich glaube nicht das Buchhandlungen und das gedruckte Buch verschwinden werden, aber es wird eine Marktbereinigung geben.
    Immerhin wird heute mehr gelesen als je zuvor in der Geschichte der Menschheit, nur eben anders.

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    Wozu braucht es bei Ebooks noch Amazon? Über kurz oder lang wird die Marktmacht des Kindle nicht halten, denn Tablets werden den Ebook-Readern in Sachen Batterielaufzeit immer ähnlicher. Und dann lädt man das Buch einfach direkt beim Verlag oder gar direkt beim Autor herunter.

    Was bleibt, sind die menschlichen Komponenten. Sei es in Internet-Foren oder in Buchläden mit Cafétischen.

    dass Sie öfter Bücher lesen. Dafür schreiben Sie aber ganz schön fehlerhaftes Deutsch. Und sagen Sie jetzt nicht, der altehrwürdige Buchhändler sei schuld.

  5. "Fast drei Viertel der Kunden, die bei Amazon kaufen, wissen bereits vorher, welches Buch sie genau möchten."

    Genau hier kann der Buchhandel ansetzen ("meine" Buchhandung tut das auf der Internetseite) und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das gewünschte Buch per telefonischer Bestellung schon am nächsten Tag in der Buchhandlung um die Ecke ist und man nur einen kleinen Spaziergang zu machen braucht. - Was zumindest die Stadtmenschen betrifft. ;-) Man kann sich ja mal selbst am Riemen reißen.

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    "Fast drei Viertel der Kunden, die bei Amazon kaufen, wissen bereits vorher, welches Buch sie genau möchten."

    Ich gehöre zu denen, die gerade auch dann die Bestellmöglichkeit beim örtlichen Buchhandel nutzen, wenn ich schon weiß, was ich kaufen möchte (oft suche ich mir aber auch erst bei Amazon etwas aus und bestelle es dann hier). In meinem Fall ist das übrigens eine Buchhandlung in unserem Dorf, erst wenige Jahre alt und noch immer da. Vielleicht wegen der vielen älteren Menschen auf dem Lande, die das Internet noch nicht als selbstverständliche Einkaufsmöglichkeit nutzen - wer weiß, wie lange noch.

    Trotzdem muss ich zugestehen, dass das Netz und insbesondere Amazon mit seinem ausgefeilten Angebot an Leserbewertungen, "Blick ins Buch", Tags und elektronisch ermitteltem Kaufverhalten ein idealer Buchhandelsort ist, und zwar auch und gerade zum Stöbern.

    Einzig das sinnlich-haptische Erlebnis fehlt, und wenn ich heute gelegentlich noch eine Großbuchhandlung (möglichst mit Cafe) betrete, dann genieße ich es dort auch, von interessanten unbekannten Büchern und einer gewissen Ruhe umgeben zu sein - sobald ich das Erdgeschoss mit den Wühltischen und den Bestsellern und Bücherbergen hinter mir gelassen habe.

    Aber es leuchtet mir ein, dass Buchhandel der alten Art absehbar nicht mehr gegen den - auch für Kunden - viel effizienteren Versandhandel bestehen kann. Zumal gerade die im Buchhandel vertriebenen Produkte ja großenteils auch elektronisch elektronisch lieferbar sind.

  6. ...mit Ramschliteratur und Chinaramsch, wie gut, dass die jetzt auch verramscht werden.

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    Leider gibt es in den Buchhandelsketten überall den gleichen, niveaulosen Müll. Da diese aber auch einen großen Teil des Buchhandelsgeschäftes abdecken, bestimmen die damit auch die "Bestseller".

    Das diese Handelsketten auch Fillialen dichtmachen, ist eine natürliche Entiwcklung. Beide Ketten haben viele Konkurrenten aufgekauft und haben in den Großstädten teilweise Fillialen die viel zu dicht nebeneinander liegen. Konsolidierung gehört zum Konzept.

  7. Wozu braucht es bei Ebooks noch Amazon? Über kurz oder lang wird die Marktmacht des Kindle nicht halten, denn Tablets werden den Ebook-Readern in Sachen Batterielaufzeit immer ähnlicher. Und dann lädt man das Buch einfach direkt beim Verlag oder gar direkt beim Autor herunter.

    Was bleibt, sind die menschlichen Komponenten. Sei es in Internet-Foren oder in Buchläden mit Cafétischen.

    2 Leserempfehlungen
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    ...Autoren schreiben Bücher, Artikel etc. und wollen diese an den Kunden bringen, dass ist ihre Aufgabe. Sicher könnte man das auch noch direkter machen, aber das würde Zeit in Anspruch nehmen die ein Autor besser mit schreiben verbringen könnte.
    Die meisten Bauern verkaufen ihrer Waren ja auch nicht direkt, weil ihnen der Aufwand zu groß ist und/oder die Expertise fehlt oder sie keine guten Verkäufer sind, ihnen die Zeit fehlt, etc...
    Wenn jemanden etwas besseres als Amazon einfällt wird auch deren Geschäft leiden, kein Thema.

    Wird die Marktmacht von Amazon sinken? Sicher, Veränderungen sind systemimmanent. (Mal sehen, ob es einen Aufschrei gibt, wenn Amazon Marktanteile an die nächste technische Evolutionsstufe verliert, so wie es jetzt einen Aufschrei gibt, weil die brick-and-mortar-Läden Marktanteile verlieren - sehr überzeugte Fans ökonomischer Einheiten gibt es halt nicht nur bei Handys.)

    Amazon wird Marktanteile bei der Lesehardware verlieren, da stimme ich ihnen zu. Tatsächlich ist der Verkauf von E-Ink-Reader letztes Jahr weltweit zurückgegangen, Ausnahme ist das Technikadaptionsnachzüglerland Deutschland, wo der Verkauf sogar noch anstieg und der Buchhandel es erst 2013 (!), also viel zu spät, geschafft hat, konkurrenzfähige Hardware vorzustellen (wenn auch keinen gemeinsamen Markt, womit diese Hardware eine Totgeburt ist).

    Der direkte Kauf vom Autoren wird sicherlich auch passieren, schlicht weil er möglich ist. Aber ein zentraler Einkaufspunkt ist für den Endkunden doch deutlich praktischer, etwas in der Art wird es sicherlich auch weiterhin geben. Da bündeln sich dann die Dienstleistungen, die früher Verleger und Händler angeboten haben. Und an dieser Schnittstelle hat Amazon schon eine feste Stellung. Allerdings ist es technisch auch deutlich einfacher als zu Offline-Zeiten, Nischen-Konkurrenz aufzubauen - man kann ja sogar für dieses Geschäftsmodell Amazons Plattform nutzen! Dass sich die Rolle von Verleger und Händler drastisch ändern, lässt sich aber nicht künstlich aufhalten.

  8. Das Konzept mit mehr Buchanteil könnte für den einen oder anderen Buchladen aufgehen:

    http://www.theodortucher.de/

    http://www.ahgz.de/news/pics/show/schmoekern-schlemmen-theodor-tucher-be...

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