Zürcher AppellProfessoren protestieren gegen Sponsoring von Unis

27 europäische Professoren fordern ein Ende der Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Sponsoring gefährde die Freiheit der Universitäten, schreiben sie. von Ursula Pia Jauch und Markus Müller

Heute, wo Kooperationen zwischen Privatwirtschaft und staatlichen Universitäten auch in Europa schon fast zum Normalfall geworden sind, muss man wieder einmal grundlegende Fragen stellen: Was ist eine Universität? Welche Funktion hat eine Universität in der Gesellschaft?

Universitäten sind aus der Idee entstanden, der freien Forschung, Bildung und Lehre einen geschützten und nicht käuflichen Ort zu schaffen. Sie dienen dem Wohl der Gemeinschaft und werden auch von der Gemeinschaft getragen. Direkt verbunden mit dieser Gründungsidee ist das wissenschaftliche Ethos, das den besonderen Ort "Universität" frei hält von politischen, ideologischen oder ökonomischen Verwertungsinteressen.

Anzeige

Die Freiheit von Lehre und Forschung ist von der Verfassung geschützt. Vor diesem Hintergrund versteht es sich von selbst, dass eine staatliche Universität mit Institutionen, die in der Öffentlichkeit mit Skandalen und unethischem Verhalten assoziiert werden, weder eine Kooperation noch ein Sponsoring eingehen soll. Dies schadet dem wissenschaftlichen Ruf aller Universitäten. Und es beeinträchtigt die Unabhängigkeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, insbesondere derjenigen, die direkt von solchen Institutionen finanziert sind. Damit büßen die Wissenschaftler ihren Status als Garanten für eine unabhängige und ethisch sensible Wissenschaft ein.

Auch die Universität Zürich ist 1833 aus dem Gedankengut der Unabhängigkeit heraus entstanden. Sie ist die "erste Universität Europas, die nicht von einem Landesfürsten oder von der Kirche, sondern von einem demokratischen Staatswesen gegründet worden ist". Dieser stolze Satz steht noch heute auf der Homepage der Universität Zürich.

Aber: Sind die heutigen Universitäten im Zeitalter von Kooperationen und Sponsoring noch hinreichend unabhängig? Im April 2012 hat die Leitung der Universität Zürich unter Ausschluss der Öffentlichkeit einen Kooperationsvertrag mit den Spitzen der UBS (Union Bank of Switzerland) abgeschlossen. Es geht um Universitätssponsoring durch die UBS in der Höhe von 100 Millionen Schweizer Franken und die Platzierung eines "UBS International Center of Economics in Society" innerhalb des universitären Raumes. Weder der Citoyen noch die an der Universität Forschenden und Lehrenden sind dazu befragt worden.

Der Vertrag zwischen der Universität Zürich und der UBS wurde im Frühjahr 2012 geheim abgeschlossen. Hier zeigt sich die Problematik des Sponsorings aufs Deutlichste: Die Universitätsleitung lässt es zu, dass die Bank den Raum der Universität als Interessenplattform benutzt. Doch gerade die UBS hat in der Vergangenheit gezeigt, dass sie unethische Geschäfte tätigt. Dass die UBS nun auch noch ihr Logo an der Universität Zürich platzieren konnte, hat nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern einzig mit Marketing.

In der Tat: Dies ist ein krasses Beispiel für die Problematik des Wissenschaftssponsorings. Doch es gibt, auch in anderen Ländern Europas, viele weitere Beispiele von fragwürdigem Universitätssponsoring (im Juni 2011 etwa hat die Deutsche Bank aufgrund berechtigter öffentlicher Kritik ein problematisches Universitätssponsoring abbrechen müssen). Das zeigt, dass an partikuläre Interessen und geheime Verträge gebundenes Sponsoring (im Gegensatz zum uneigennützigen Mäzenaten- und Stiftertum) eine Gefahr für die Unabhängigkeit der universitären Forschung und Lehre birgt. Das akademische Ethos steht auf dem Spiel.

Als Staatsbürger, Forscherinnen, Wissenschaftler und Studierende appellieren wir an die Leitung der Universitäten und an alle Bildungsverantwortlichen im In- und Ausland, dem kostbaren und von der Verfassung geschützten Gut der akademischen Freiheit und Unabhängigkeit Sorge zu tragen und das wissenschaftliche Ethos nicht mit problematischen Kooperationen zu gefährden.

Die Urheber des Appells sind Ursula Pia Jauch, Philosophin an der Uni Zürich, und Markus Müller, Staatsrechtler in Bern. Sie und die anderen 27 Erstunterzeichner sind auf dieser Website aufgelistet.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. An sich finde ich die Idee, dass Unis mit der Wirtschaft zusammenarbeiten können, gut - solange es um einen Erfahrungsaustausch zum gegenseitigen Nutzen geht. Manche Projekte leiden zum Beispiel darunter, dass sich Doktoranden immer fast vom Nullpunkt in ein Thema einarbeiten müssen, und wenn sie dann Erfahrung haben, schon wieder weg sind. Da ist es hilfreich, wenn langfristige, erfahrene Partner mit ins Boot geholt werden können, und der Transfer ins Praktische ist ja auch erwünscht! - Bedingung für eine solche Kooperation wäre für mich aber immer, dass eine Firma nicht einfach teils öffentlich finanzierte Ergebnisse komplett "einkassieren" kann; da muss absolut transparent und fair geteilt werden.

    Sponsoring und den "Kauf" kompletter Institutsnamen finde ich nicht in Ordnung, das bringt wirklich zu viel Abhängigkeit. Die öffentliche und mehr oder minder demokratische Finanzierung wird so durch Gefälligkeitsförderung ersetzt; wer gefallen muss, ist nicht mehr objektiv.

    7 Leserempfehlungen
  2. Initiative!!

    6 Leserempfehlungen
    • HerrS
    • 28. Februar 2013 12:25 Uhr

    Auch wenn die Studierendenzahlen steigen und die Universitätsausbildung durch den Bachelor eine Alternative zu klassischen Lehrberufen geworden ist: Wissenschaft muss Wissenschaft bleiben.
    Die Universitäten dürfen sich nicht durch die Wirtschaft und ihre Gelder zu einem Ausbildungsbetrieb für eben jene machen lassen.
    Ich begrüße die Initiative daher 100%.

    6 Leserempfehlungen
  3. Es ist sehr angenehm zu lesen, dass nun mehr und mehr auf diese Form der Problematik hingewiesen wird und gleichsam versucht wird, dagegen anzutreten!

    Eine derartige Verbindung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft ist jedoch leider komplexer und schwerer zu identifizieren als "nur" ein im geheimen abgeschlossener Vertrag.
    Allein in den Bereichen der Humanwissenschaft (und in Teilen der Psychologie) sind viele Forschungen erst durch Dritte möglich:
    Forscher sind am laufenden Band darum bemüht jene anzuwerben und hierbei kommt es somit leider des öfteren vor, dass der eine oder andere Pharma- bzw. Technologiekonzern bereit ist, Gelder im Austausch für lukrative Ergebnisse zu geben...

    3 Leserempfehlungen
  4. Und meine volle Zustimmung zu ihrer Intiative.

    4 Leserempfehlungen
    • Dakra
    • 28. Februar 2013 13:23 Uhr

    Ein Verbindung von Wirtschaft und Wissenschaft kann auch Vorteile haben, die man nicht vergessen sollte. Eine Förderung durch die Wirtschaft erhöht die finanziellen Mittel der Wissenschaft. Die Wirtschaft steht oft vor Schwierigkeiten, aus denen sich bei einer Kooperation interessante Forschungsfragen für die Wissenschaft generieren lassen. Die Wirtschaft verfügt oft über Datenbanke, die sehr wertvoll für die Gewinnung neuer Erkenntnisse sind. Die Wissenschaft kann auf der anderen Seite auch Einfluss auf den Aufbau der Datenbank nehmen, so dass mit ihr kausale Effekte geschätzt werden können. Erkenntnisse aus der Wissenschaft würden auf die Wirtschaft so zugeschnitten, dass sie diese verwerten kann.

    6 Leserempfehlungen
    • Dakra
    • 28. Februar 2013 13:27 Uhr

    Wenn eine Kooperation Interessenskonflikte mit sich bringen kann, dann bedarf es klarer Regeln, die diese Konflikte vermeidet oder zumindest vermindert. Dies müsste an dieser Stelle der Diskussionsgegenstand sein. Ich habe leider den Eindruck, dass dies versäumt wurde. Die Unterzeichner machen es sich hier zu einfach, scheinen nur in den Kategorien "Ja" oder "Nein" zu denken.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Governance Regeln machen aus einer Position der Stärke Sinn. Bei Kooperationen mit der Industrie befindet sich die Universität aber in einer schwächeren Position. Um wirklich neutral und im Sinne des Bürgers arbeiten zu können, müsste die Universität ohne einen Verlust diese Kooperation jederzeit beenden können. Kooperationen sind aber nur dann sinnvoll, wenn die Universität einen Nutzen davon hat: Forschungsgelder, eventuell sogar Stellen oder die Nutzung von Kapazitäten des Industriepartners.
    Auf der anderen Seite trübt so eine Kooperation immer die Neutralität. Forschungsaktivitäten anstellen, über die Umweltverträglichkeit der Produkte oder der Produktion des Partnerunternehmens? Da drückt man lieber beide Augen zu und ignoriert diese Themen. Einen „linken“ Professor, der genüsslich die Produkte der Finanzindustrie und deren wirken auseinander nimmt, während gleichzeitig Partner dieser Industrie einen Lehrstuhl an der Fakultät finanzieren? Wohl kaum.

    Die Universitäten und Forschungseinrichtungen sind Gehirn und Augen und Ohren unserer Gesellschaft. Keine andere Einrichtung hat auch nur annähernd deren Reputation. Mit den Satus einer verlängerten Werkbank der Industrie wird diese Reputation untergraben.

  5. Genau das haben sich viele Landesväter und Gründer sicher gedacht und denken die Dienstherren heute noch.
    Schon dieser historische Begründungsversuch ist reichlich weltfremd.
    Es bleibt den Herrschaften individuell völlig unbenommen, sich persönlich nicht sponsoren (vulgo: bezahlen) zu lassen.
    Aber solange aus den Universitäten nicht in Masse die angeblich vielen unabhängigen Geister Ihre Beiträge in die Gesellschaft und zu deren aktuellen Problemen liefern, können sie auch zum unterdrückenden Sponsoring schweigen.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte UBS | Deutsche Bank | Sponsoring | Wissenschaft | Forschung | Franken
Service