Heute, wo Kooperationen zwischen Privatwirtschaft und staatlichen Universitäten auch in Europa schon fast zum Normalfall geworden sind, muss man wieder einmal grundlegende Fragen stellen: Was ist eine Universität? Welche Funktion hat eine Universität in der Gesellschaft?

Universitäten sind aus der Idee entstanden, der freien Forschung, Bildung und Lehre einen geschützten und nicht käuflichen Ort zu schaffen. Sie dienen dem Wohl der Gemeinschaft und werden auch von der Gemeinschaft getragen. Direkt verbunden mit dieser Gründungsidee ist das wissenschaftliche Ethos, das den besonderen Ort "Universität" frei hält von politischen, ideologischen oder ökonomischen Verwertungsinteressen.

Die Freiheit von Lehre und Forschung ist von der Verfassung geschützt. Vor diesem Hintergrund versteht es sich von selbst, dass eine staatliche Universität mit Institutionen, die in der Öffentlichkeit mit Skandalen und unethischem Verhalten assoziiert werden, weder eine Kooperation noch ein Sponsoring eingehen soll. Dies schadet dem wissenschaftlichen Ruf aller Universitäten. Und es beeinträchtigt die Unabhängigkeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, insbesondere derjenigen, die direkt von solchen Institutionen finanziert sind. Damit büßen die Wissenschaftler ihren Status als Garanten für eine unabhängige und ethisch sensible Wissenschaft ein.

Auch die Universität Zürich ist 1833 aus dem Gedankengut der Unabhängigkeit heraus entstanden. Sie ist die "erste Universität Europas, die nicht von einem Landesfürsten oder von der Kirche, sondern von einem demokratischen Staatswesen gegründet worden ist". Dieser stolze Satz steht noch heute auf der Homepage der Universität Zürich.

Aber: Sind die heutigen Universitäten im Zeitalter von Kooperationen und Sponsoring noch hinreichend unabhängig? Im April 2012 hat die Leitung der Universität Zürich unter Ausschluss der Öffentlichkeit einen Kooperationsvertrag mit den Spitzen der UBS (Union Bank of Switzerland) abgeschlossen. Es geht um Universitätssponsoring durch die UBS in der Höhe von 100 Millionen Schweizer Franken und die Platzierung eines "UBS International Center of Economics in Society" innerhalb des universitären Raumes. Weder der Citoyen noch die an der Universität Forschenden und Lehrenden sind dazu befragt worden.

Der Vertrag zwischen der Universität Zürich und der UBS wurde im Frühjahr 2012 geheim abgeschlossen. Hier zeigt sich die Problematik des Sponsorings aufs Deutlichste: Die Universitätsleitung lässt es zu, dass die Bank den Raum der Universität als Interessenplattform benutzt. Doch gerade die UBS hat in der Vergangenheit gezeigt, dass sie unethische Geschäfte tätigt. Dass die UBS nun auch noch ihr Logo an der Universität Zürich platzieren konnte, hat nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern einzig mit Marketing.

In der Tat: Dies ist ein krasses Beispiel für die Problematik des Wissenschaftssponsorings. Doch es gibt, auch in anderen Ländern Europas, viele weitere Beispiele von fragwürdigem Universitätssponsoring (im Juni 2011 etwa hat die Deutsche Bank aufgrund berechtigter öffentlicher Kritik ein problematisches Universitätssponsoring abbrechen müssen). Das zeigt, dass an partikuläre Interessen und geheime Verträge gebundenes Sponsoring (im Gegensatz zum uneigennützigen Mäzenaten- und Stiftertum) eine Gefahr für die Unabhängigkeit der universitären Forschung und Lehre birgt. Das akademische Ethos steht auf dem Spiel.

Als Staatsbürger, Forscherinnen, Wissenschaftler und Studierende appellieren wir an die Leitung der Universitäten und an alle Bildungsverantwortlichen im In- und Ausland, dem kostbaren und von der Verfassung geschützten Gut der akademischen Freiheit und Unabhängigkeit Sorge zu tragen und das wissenschaftliche Ethos nicht mit problematischen Kooperationen zu gefährden.

Die Urheber des Appells sind Ursula Pia Jauch, Philosophin an der Uni Zürich, und Markus Müller, Staatsrechtler in Bern. Sie und die anderen 27 Erstunterzeichner sind auf dieser Website aufgelistet.