Nein, hier geht es nicht um Klezmer und jiddische Lieder, auch nicht um Anatevka und Tewje, den Milchmann. Wenn Caspar Battegay von Pop spricht, dann meint er »alles, was populär und so gut ist wie die Eroica von Beethoven«. Die großzügige Definition stammt von Maxim Biller. In seinem Buch Der gebrauchte Jude erinnert sich Biller an ein Interview, das er 1984 mit Marcel Reich-Ranicki für die Zeitschrift Elaste geführt hatte. Was denn das für ein Blatt sei, will Reich-Ranicki wissen. Es gehe um Mode, Sex und Pop, antwortet Biller. Ein skeptischer Reich-Ranicki wiederholt das P-Wort. Caspar Battegay zitiert diese Episode, und er ist sich mit Biller einig, dass nicht nur die Eroica, sondern auch Reich-Ranicki Pop ist.

Battegay lehrt am Institut für Jüdische Studien der Universität Basel und diagnostiziert bei vielen Deutschen eine »unüberwindbare Furcht, die bekannten Repräsentanten der Popkultur auch als Repräsentanten des Judentums wahrzunehmen«. Diese Furcht erkennt er im Umgang mit so unterschiedlichen Pop-Erzeugnissen wie den Komödien mit Ben Stiller und den Gedichten von Leonard Cohen. In dem Hollywood-Film Meet the Parents resultiert die Komik aus der Begegnung einer jüdischen mit einer WASP-Familie. In der deutschen Fassung Meine Braut, ihr Vater und ich werden entsprechende Passagen einfach weggelassen oder »mit sinnfreiem Blabla substituiert«. Von Leonard Cohens Book of Longings liegt eine ausgezeichnete deutsche Übersetzung vor, die Kritik ist begeistert, klammert aber die jüdischen Motive in Cohens Lyrik »säuberlich« aus, so Battegay. Offenbar besteht da Säuberungsbedarf, das Verdrängte möge doch bitte verdrängt bleiben. Dabei gibt sich gerade Leonard Cohen wenig Mühe, das Jüdische zu camouflieren. Berühmt-berüchtigt ist sein großer Pop-Moment 1972, da ist er gerade zum Liebling deutscher Hippies aufgestiegen. Bei einem Konzert im Berliner Sportpalast sind ihm die Fans zu unruhig. Mit einem einzigen deutschen Satz bringt Cohen sie zum Schweigen. »Wollt ihr den totalen Krieg?«, ruft er in den Saal.

Viele Deutsche haben ihre Juden lieber demütig, nicht so offensiv wie diesen Sportpalast-Cohen, weshalb der bittere Witz, nach dem die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden, nach wie vor funktioniert. Am Beispiel des Kino-Hits Alles auf Zucker und einer Schimanski-Folge belegt Battegay, dass auch bei der Darstellung von Juden im Deutschland des 21. Jahrhunderts gut das Gegenteil von gut gemeint ist. Mit Klezmer und Schläfenlocken werden Juden identifiziert und folklorisiert. Diese Art der Markierung unterschlägt ihren gewichtigen Beitrag zur quasisäkularen Popkultur. Aus Juden bestand praktisch die komplette Belegschaft des Brill Building, der sagenumwobenen Songwriter-Fabrik am Broadway, in der Carole King und Gerry Goffin oder Jerry Leiber und Mike Stoller Hits für Elvis, die Drifters und die Ewigkeit schrieben.

Kein Punk in New York ohne Juden, so Steven Lee Beeber in seinem 2008 erschienenen Buch Die Heebie-Jeebies im CBGB’s – Die jüdischen Wurzeln des Punk. Beebers Punk-Begriff ist ähnlich freigeistig wie Battegays Pop-Verständnis: Der Komiker-Poet Lenny Bruce ist genauso Punk wie Lou Reed, die Ramones sowie die Beastie Boys mit ihrem »smart-ass-anarchischen jüdischen Humor. Sie sind die Marx Brothers der Musik.« Beebers viel diskutiertes Buch erzählt die Biografien jüdischer Einwandererkinder und belegt ihre Bedeutung für die Popkultur der größten jüdischen Stadt außerhalb Israels, man nennt sie auch Jew York.