Fiktives ReisenDie Erfindung von China

War Marco Polo jemals in Asien? Wir wissen es nicht genau. Aber das macht seine Aufzeichnungen nicht wertlos – im Gegenteil. An seinem Beispiel feiert der Literaturwissenschaftler Pierre Bayard das fiktive Reisen. von Pierre Bayard

Es gibt in der Universalgeschichte des Reisens wohl kaum einen Namen, der so ruhmreich und symbolisch ist wie der Marco Polos. Stärker noch als Christoph Kolumbus oder Vasco da Gama mit Abenteuer und der Entdeckung unbekannter Länder verbunden, gilt er geradezu als Allegorie einer Verbindung von körperlichem Mut und großer Weltkenntnis. Marco Polos Weltruhm hängt nicht nur mit seinen Reisen und ausgedehnten Aufenthalten im Ausland zusammen, sondern ebenso mit den akribischen Berichten, die er uns darüber hinterlassen hat. Dank gewissenhafter Kopisten über die Jahrhunderte überliefert, haben sie uns ein außerordentliches Wissen aus erster Hand über das asiatische Mittelalter und insbesondere das chinesische Imperium vermittelt, das im Okzident noch weitgehend unbekannt war, bevor Marco Polo es bereiste.

Marco Polo, ein venezianischer Händler, 1274 geboren und 1324 gestorben, hat ein höchst abenteuerliches Leben geführt. Er ist siebzehn, als sein Vater und sein Onkel, Handelsreisende aus Venedig, von einer langen Reise durch Zentralasien zurückkehren, wo sie dem Mongolenkaiser Kublai Khan, einem Enkel Dschingis Khans, begegnet sind, der ihnen einen Brief für den Papst anvertraute. Als sie zwei Jahre später nach China zurückkehren, begleitet er sie und lernt so seinerseits Kublai Khans Hof kennen. Er tritt in die Dienste des Mongolenkaisers ein, wird mit verschiedenen Missionen in China und anderen Ländern Asiens wie Iran und Russland betraut und übernimmt am Hof an der Seite des Souveräns zunehmend wichtigere Funktionen, die ihm einen außerordentlichen Einblick in das chinesische Imperium und seine Funktionsweise sowie die angrenzenden Länder ermöglichen.

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Nach mehr als 20 Jahren in der Fremde kehrt er über eine lange Seereise in sein Heimatland zurück, wo er mit dem in China erworbenen Reichtum eine Galeere aufrüstet, um an dem Krieg teilzunehmen, den Venedig gerade gegen Genua führt. Er wird jedoch bei einer Seeschlacht gefangen genommen und in Genua eingekerkert. Hier diktiert er Rustichello da Pisa einen Bericht seiner Reisen in die Feder. Der Originaltext, vermutlich 1298 in altem Französisch verfasst, ist nicht erhalten geblieben, doch im Mittelalter kursierten zahlreiche Abschriften, die eine recht klare Vorstellung von seiner Form und seinem Inhalt vermitteln. Dank dieser Manuskripte ist es uns heute vergönnt, die fabelhaften Reisen Marco Polos mit ebenso großer Bewunderung zu verfolgen wie seine ersten Leser.

Marco Polos Beitrag zur Kenntnis des mittelalterlichen Asiens ist in der Tat einschneidend. Er hat uns über sämtliche durchreisten Länder, Regionen und Städte – die er vom Nahen Osten bis nach Japan eine nach der andern ausführlich beschreibt – genaue Berichte vorgelegt, sowohl über die Lebensweise der Einwohner als auch über Geografie, Geld, Landwirtschaft bis hin zur Religion. Seine Auskünfte sind umso wertvoller, als sie in Form eines objektiven, systematischen Verzeichnisses gehalten sind. Welche Stadt oder welches Land er auch durchreist, Marco Polo legt eine systematische Karteikarte an, auf der er mit größter Sorgfalt sämtliche wissenschaftlichen Daten festhält, um all jenen zu Hilfe zu kommen, die sich eines Tages auf seine Spuren begeben wollen.

Das Land, das er am ausführlichsten behandelt, ist natürlich China, in dem er 17 Jahre gelebt hat und das er daher vorzüglich kennt. Das Buch wartet entsprechend mit üppigen Informationen über die kaiserliche Hauptstadt auf, über ihre Befestigungen und den Palast des Großen Kahn, die mongolische Armee und ihre Zusammensetzung, die Aufteilung der Befehlsgewalt oder auch die überraschenden Taktiken – darunter die der vorgetäuschten Flucht –, mit denen die Mongolen ihre Feinde bezwingen. Nicht minder gesprächig zeigt sich Marco Polo über die mongolische Administration, in der er lange gearbeitet hat und deren Räderwerk er uns in allen Einzelheiten schildert. Doch Marco Polos Beitrag ist nicht nur in Bezug auf seine Kenntnis der Armee und der kaiserlichen Verwaltung bahnbrechend. Sein Werk bietet darüber hinaus eine Fundgrube an fundierten, sachkundigen Informationen über das praktische Leben und den Alltag, etwa über religiöse Praktiken, Feiern, Bekleidung oder Ernährung.

Über die Liebessitten in den Ländern, die er durchreist oder in denen er gelebt hat, bietet uns Marco Polos Werk beispielsweise ein einmaliges Zeugnis, das seine Kraft ebenso aus seiner erzählerischen Qualität wie aus den authentischen Informationen schöpft, die es uns vermittelt. Das gilt insbesondere für das Land Xichang, dessen sexuelle Gewohnheiten uns Marco Polo unverblümt vor Augen führt:

Und nun vernehmt, nach welcher Sitte die Frauen behandelt werden. Ein Ehemann und Vater fühlt sich keineswegs in seiner Ehre verletzt, wenn ein Fremdling […] mit seiner Frau, seiner Tochter, mit seiner Schwester oder irgendeinem Weibe seines Haushalts zusammen schläft, sondern er schätzt es sogar. Die Leute glauben nämlich, auch der Gott und die Götzen hätten daran ein Wohlgefallen und würden solches Tun reichlich mit irdischen Gütern vergelten.

Leserkommentare
  1. Vielen Dank für Buchtip und Vorabzug von einem Reisenden, der hoffentlich bald wieder ein Zuhause findet für sich und seine Liebsten.

    Sf - derzeit in Bombay / Südindien

  2. Marco Polos Biographie könnte glatt aus der Feder eines irdisch gebundenen Jules Verne stammen. Zu phantastisch und unwahrscheinlich sind seine Schilderungen, stellenweise glaubt man Reisebeschreibungen eines englischen Gelehrten aus dem 18.Jh. in Händen zu halten.
    Alles nur Lug & Trug ?
    Sagen wir mal so: Marco Polo ist ein Pseudonym für eine ganze Reihe von Abenteurern, die genau das erleben haben könnten, was schließen ihm zugeschrieben wurde.
    Vom literarischen Standpunkt und der Verständlichkeit wegen eine verlegerische Glanzleistung eines unbekannten Italienischen Lektors :)

    Eine Leserempfehlung
  3. Die Mauer aus Stein, die wir heute bestaunen, wenn wir Peking besuchen, ist aus dem 15. Jahrhundert. Marco Polo war 100 Jahre früher dort. Es gab zwar ältere Mauern, aber die waren aus Lehm, und sind schnell wieder verfallen. Es gab in Deutschland vergleichbare Bauwerke, den Limes der Römer. Der hat auch nicht lange gehalten.

    Marco Polo war Kaufmann. Die Schilderungen über das Geld in China (inklusive Geldscheine und die Herstellung des Salzes, das als Deckung für die Scheinwährung diente) sind akribisch und korrekt wiedergegeben. Auch sonst stimmt eine Menge. Und die Chinesen haben durchaus schon ganze Kaiser aus den Archiven des Palasts verschwinden lassen, oder Delegationen des Papstes nicht erwähnt - z.B. wenn Leute in Ungnade gefallen sind. Das heißt also gar nichts, dass Marco Polo nicht erwähnt wird. Wahrscheinlich hat er auch etwas geflunkert, was seine Karriere betrifft.

    Ein Literaturwissenschaftler kann zu den Fakten eh wenig beitragen. Wie sieht's mit dem Stil aus? Der ist einheitlich, und die Akribie, mit der Marco Polo Details festhält, ist in jedem Abschnitt zu finden. Wiedergegebene Geschichten verschiedener Autoren sehen nicht so aus.

    Und wie würde der Autor Orang Utans bezeichnen? Menschen mit Mopsgesichtern, würde ich sagen. Die Beschreibung des Java-Nashorns ist auch akkurat auf den Punkt. Sowas kann man nicht nacherzählen, das muss man gesehen haben.

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