WachstumskritikJan Müller hat genug

Die Wirtschaft muss wachsen, wachsen, wachsen, sagen Politiker aller Parteien. Aber wozu eigentlich? Plädoyer für einen bescheideneren Kapitalismus von 

Die Bettdecke ist gefaltet, die Hemden sind gebügelt, die Bücher stehen akkurat im Regal. 14,4 Quadratmeter Ordnung: Das ist das Zimmer von Jan Müller.

Jan ist 18 Jahre alt. Er mag Stefan Raab und den 1. FC Köln, liest gerne Harry Potter und sagt: "Ich blicke positiv in die Zukunft." In wenigen Monaten macht er Abitur. Wenn alles gut geht, hat er danach noch sechzig Jahre Leben vor sich, mindestens.

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Jan gehört zu den ersten Jahrgängen, die nicht mehr zur Bundeswehr müssen. Sein Vaterland wird ihn trotzdem brauchen. Jan Müller muss Deutschland neue Kraft geben. Schwung, Energie.

Er muss viel einkaufen gehen.

"Europa braucht mehr Wirtschaftswachstum", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich in einem Zeitungsinterview.

"Die Wachstumsraten unserer Volkswirtschaft müssen wieder steigen", sagt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.

"Jetzt gilt es, das Wachstum zu stabilisieren", sagt FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.

"Wir müssen für Wirtschaftswachstum sorgen", sagt Linken-Parteichef Bernd Riexinger.

"Wir brauchen eine Wachstumsstrategie", sagt Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin.

Es ist der Refrain der Finanzkrise, der Euro-Krise, der Schuldenkrise: mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Wachstum! In jedem Industrieland ist er zu hören. Politiker aller Parteien wollen, dass die Unternehmen ihres Landes von Jahr zu Jahr mehr Autos, mehr Zahnbürsten, mehr Fernseher, mehr T-Shirts, mehr Schreibtischstühle produzieren. In fünf Jahren, in zehn Jahren, in zwanzig Jahren. Immer mehr.

Der Verstand nennt es Verschwendung, das Kalkül nennt es Wachstum

Eines gerät dabei manchmal in Vergessenheit: Damit die Wirtschaft wächst, muss irgendjemand all die neuen Waren auch kaufen, in fünf, zehn, zwanzig Jahren. Das wird dann wohl Jan Müller sein müssen.

Dazu ist zu sagen: Jan Müller gibt es gar nicht. Oder genauer, es gibt ihn schon, aber nicht einmal, sondern viele Tausend Mal. Er ist: der typische deutsche 18-Jährige. Ein Musterknabe. Die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt hat ihn erschaffen, aus Tausenden von Daten und Fakten, ermittelt in Umfragen und Hausbesuchen.

Jan Müller heißt Jan, weil dies der häufigste Vorname in seinem Jahrgang ist. Er wohnt in Nordrhein-Westfalen, weil dort die meisten deutschen 18-Jährigen leben, er ist Kölner, weil Köln die größte Stadt Nordrhein-Westfalens ist, und er wohnt bei seinen Eltern, weil dies unter den 18-Jährigen in Deutschland so üblich ist. Mit Mama und Papa versteht er sich übrigens sehr gut, aber das ist für die Frage des künftigen deutschen Wirtschaftswachstums nicht so entscheidend. Wichtiger ist, wie es in Jan Müllers Zimmer aussieht.

Die Leute von Jung von Matt haben es nachgebaut, in ihrer Werbeagentur. Sie haben Möbel hineingestellt und Deutschlands häufigste Tapete an die Wand geklebt, die Raufasertapete Erfurt 52, mittlere Körnung. An die Tapete haben sie ein Poster von der Brooklyn Bridge gehängt und einen Stadtplan von Manhattan, weil sich Jugendliche typischerweise Bilder ihres Sehnsuchtsorts an die Wand hängen, und das ist nach wie vor New York. Sie haben eine Postkarte von Jans erster Freundin neben den Schreibtisch gepinnt, eine Packung Kondome ins Nachtkästchen gelegt, weil das eigene Zimmer auch der Ort der ersten sexuellen Erfahrungen ist. Und sie haben einen alten Teddybären unter die Bettdecke gestopft, weil sich Jan trotz allen Erwachsenwerdens noch nicht so recht von seinem ersten Kuscheltier trennen kann.

Die Werbeleute haben das Zimmer eingerichtet, um sich in die Gefühlswelt junger Menschen hineinzudenken. Man kann diese Bestandsaufnahme deutschen Wohlstands gut als Ausgangspunkt benutzen, um die eine Frage zu stellen, die über die Zukunft der deutschen Wirtschaft entscheiden wird: Hat Jan Müller genug?

Leserkommentare
  1. Jan Müller hat genug, DZ 10/2013, S. 17 von W. Uchatius
    Eigentlich müßte es ja jedem vernünftigen Menschen sofort einleuchten, daß das Mantra vom endlosen Wachstum nicht funktionieren kann und in sich „sinnlos“ ist, wie auch die beiden Skidelsky im Interview bekräftigen. Wir kritisieren immer den Fundamentalismus, meinen jedoch immer den der anderen. Aber was ist fundamentalistischer als unsere eigene Ideologie vom ständigen Wachstum, die Politiker uns bei jeder Gelegenheit gebetsmühlenartig eintrichtern? Was im Artikel zu kurz kommt ist der Beitrag der Reklameindustrie. Sie ist es, die mit immer raffinierteren und subversiveren Methoden in unser Bewußtsein eindringt und unser Verlangen nach immer Mehr und immer Neuem anstachelt. Ständige Unzufriedenheit zu erzeugen und in Kaufverlangen umzufunktionieren ist das erklärte Ziel aller Reklame. Hier müssen wir ansetzen.

    23 Leserempfehlungen
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    kein Wachstum für die , die es sich leisten können, auf Preissteigerungen für guten Strom und gutes, moralisch vertrettbares Essen reagieren zu können

    lesenswert: von Bettina Röhl...große Intellektuelle...wenn man sich schon die Mühe macht und auch externe Quellen heranzieht. Normale Menschen haben ja die Zeit nicht

    http://www.wiwo.de/politi...

    Der Artikel ist an vielen Ecken zu kurz gedacht / unvollständig:

    1.
    Wie quasi immer bei solchen Diskussionen wird der Fortschritt gerne etwas herunter geredet. Nach dem Motto, der arme Jan muss 2 Fernseher anstatt einem kaufen. Was natürlich völlig falsch ist. Wenn der Fernseher des Jan in 10 Jahren Hologramme in den Raum zeichnet und die doppelte Entwicklungs- und Fertigungsleistung/technik benötigt hat sich sein Konsum hierfür ebenfalls "verdoppelt". Diesen Trend kann man sehr gut daran erkennen, dass die Produktionsketten immer länger werden. An der Entwicklung eines Smartphones ist z.B. fast die ganze Welt beteiligt: Die ARM-Chips werden in England entwickelt, das Glas kommt aus USA oder Deutschland, das Plastik wahrscheinlich aus Deutschland, der Akku aus Japan, der Montage geschieht in China, der Speicher / Entwicklung aus Südkorea das Betriebssystem aus USA und nicht zu vergessen die Apps: die kommen aus der ganzen Welt. Wenn man alleine mal die Entwicklungszeiten aller existierenden Handy Apps zusammen nimmt, kommt man sicher auf eine etwa 1000-Fache Arbeitszeit wie die bei früheren Handys.

    2.
    Es wird hier quasi alles sehr materiell/stofflich betrachtet. Ganz vergessen werden Dienstleistungen. Es ist doch hervorragend, wenn die deutschen nicht mehr sinnlose Fließbandarbeit leisten müssen. Im Dienstleistungssektor gibt es eine unerschöpfliche Wachstumsquelle. Siehe hierzu z.B. Software oder Spieleentwicklung. Die Entwicklungszeiten für Software werden immer höher be

    Lieber Herr Henrici,

    ihre Ausführungen über die Wirkung der Reklame sind unbestreitbar.
    Doch wir sollten nicht die Reklame bekämpfen, sondern das, was die Menschheit so anfällig für deren hypnotische Wirkung macht.
    Ich bin davon überzeugt, dass die meisten ZEIT-Leser sich nicht von stupiden Werbekampagnen beeinflussen lassen.
    Da spielt die Bildung eine entscheidende Rolle, womit wir aber schon bei der Bildungspolitik wären.
    Und leider lässt sich da sagen, warum sollte der Staat was zu seinen ungunsten daran ändern?...

  2. Hoffentlich wird er viel gelesen.

    30 Leserempfehlungen
    • zoya
    • 12. März 2013 23:46 Uhr

    Auch ich bedanke mich auch für den inspirierenden und gut abwägenden Artikel!

    Es ist eine populäre Hypothese, dass Wachstum benötigt wird, damit die Zahl der Arbeitsplätze trotz effizienterer Arbeitsstrukturen und Automatisierung nicht sinkt. (Also grob: Inflationsbereinigte Wachstumsrate sollte größer sein als Produktivitätssteigerung)
    Gibt es aber auch Länder, die durch ausgeglichenere Verteilung von Arbeit auch bei weniger Wachstum erfolgreich die Arbeitslosenquote niedrig halten konnten?

    Frankreich z.B. hat die 35 Stunden Woche ja leider nicht halten können..

    Eine Leserempfehlung
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    In den NL gibt es die 38 h Woche, allerdings wird 40 h gearbeitet, man bekommt entsprechend mehr Urlaub. Das ist glaube ich noch ein Resultat des Vertrages von Wassenaar, der zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelt werden musste, da ansonsten die damalige Regierung Kok gedroht hat, bei Nichteinigung werde ihre Regierung beiden Seiten ihre Ideen per Gesetz aufzwingen. Die Regelung zeigt bis heute Wirkung, denn die ALO-Quote liegt bei 5.4% und die Jahre vorher bei 3 und darunter. Die NL brauchten auch kein ALG II und haben einen Mindestlohn (so 1300 EUR pro Monat), Mindestrente auch ueber 1000 EUR im Monat und weitere arbeitsplatzvernichtende Sozialwohltaten, die nach Merkel & Roessler eigentlich laengst das Absaufen der NL zur Folge gehabt haben muesste. Sowas soll man in DE aber nicht wissen, sonst kommen die Deutschen noch auf dumme Gedanken. Und das Arbeiten und Leben in den NL ist einfach lockerer, weil man alles sehr gelassen sieht.

    "Gibt es aber auch Länder, die durch ausgeglichenere Verteilung von Arbeit auch bei weniger Wachstum erfolgreich die Arbeitslosenquote niedrig halten konnten?

    Frankreich z.B. hat die 35 Stunden Woche ja leider nicht halten können.."

    Ich wage mal eine hypothese, warum das so ist. Deutschland ist ja soo wettbewerbsfähig geworden, dass die Franzosen alleine deshalb schon Probleme haben (des Einen Vorteil ist des Anderen Nachteil). Andersherum gesagt: hätte Deutschland 2003 die Reformen moderater angegängen, wäre die Gesamtsituation durchaus besser. Es ist belegbar, dass die Agenda 2010 deutlich moderater hätte ausgestaltet werden können. Ab 2002 hatte Deutschland überwiegend deutliche Leistungsbilanzüberschüsse! Siehe Grafik: http://www.wirtschaftundg...

    • hareck
    • 13. März 2013 9:35 Uhr

    auf den Punkt gebracht.

    So einfach geschrieben, dass es jeder kapiert. Aber es ist tatsächlich so einfach.
    Ich kann mir vieles kaufen, aber wozu?

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    • dp80
    • 14. März 2013 9:18 Uhr

    "So einfach geschrieben, dass es jeder kapiert."

    Meiner Meinung nach ZU einfach geschrieben. Wohlstand an Elektronikartikeln und Klamotten zu messen, greift zu kurz. Es blendet vor allem aus, welche Innovationen in den nächsten 30 Jahren kommen KÖNNTEN.

    Der liebe Jan Müller mag im Alter von 18 Jahren noch zufrieden sein mit seinen 3 Playstations, aber im mittleren Alter kommen dann plötzlich ganz andere Bedürfnisse:

    Gesundheit: Lange Leben, lange gut leben, lange an gesellschaftlichen Aktivitäten teilnehmen können. Neue medizinische Fortschritte erlauben dann die Heilung von Krebs und das Verlangsamen des Alterns. Man wird mit 80 noch locker Sport treiben, Weltreisen unternehmen, Sex haben, neue Partnerschaften eingehen.

    Das wird sich in einem bis dahin privatisierten Gesundheitssystem jedoch nicht jeder leisten können. Daher wird sich Jan Müller freuen, wenn er in jungen Jahren das "LiveForever"-Versicherungspaket der Allainz-Versicherung abgeschlossen hat. Das ist teuer, und dafür wird Jan Müller eben doch schuften müssen. Nicht mit 18, aber wohl mit 30 Jahren.

    Mobilität: Jan Müller wird seine Freunde nur noch besuchen können, wenn er sich den letzten Schrei von emmissionsfreiem Elektroauto leisten kann und die horrenden kilometerabhängigen Straßennutzungsgebühren berappen wird.

    Ich sage nicht, dass ich Wachstum grundsätzlich gut finde, aber der Artikel ist schlichtweg mit zu wenig Phantasie geschrieben.

    • zippi
    • 13. März 2013 16:35 Uhr
    5. Danke

    Artikel wie dieser und seine Platzierung in einem bedeutenden deutschen Leitmedium sind eine willkommene Pause für den Zynismus, den ich mir zur Bewältigung "unserer Zeit" angeeignet habe.

    Danke!

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  3. Alles richtig, alles nachvollziehbar, gut formuliert. Der Text spircht mir aus der Seele und das Thema wird ja auch schon seit geraumer Zeit in allen möglichen Veröffentlichungen beschrieben. Ich habe Bücher darüber gelesen und Radioschwerpunkte dazu gehört.
    Aber noch niemand hat mir sagen können, was ich jetzt konkret tun kann. Auch dieser Text ist letztlich nur eine Sachdarstellung, eine Zustandsbeschreibung. Wo ist der Appell? Wo ist das Konzept? Wer kann Abhilfe schaffen? Welche Partei muss ich wählen? Welchem Verein soll ich beitreten? Wie kann ich mich einbringen?
    Ich bin der Erste, der mitmacht.

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    Während schon fast ein Konsens darüber besteht, dass wir aus dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem heraus müssen, ist noch nicht klar, wie das geschehen soll. Der Kapitalismus kann nicht einfach durch ein anderes System, eine Alternativökonomie, ersetzt werden, denn einer seiner Fehler ist ja gerade, dass er ein einheitliches System ist, das sich über alle natürlichen und menschlichen Besonderheiten hinwegsetzt und alles über denselben Kamm schert.

    Der Autor plädiert statt dessen für ein Besinnen auf die Gemeinschaften: Leben kann nur gemeinsam gestaltet werden. Die Zukunft liegt in den Commons, also in Arrangements zur Herstellung und Erhaltung von gemeinsam genutzten Ressourcen. P.M. zeigt sehr konkret und detailliert, wie der Kapitalismus abgelöst werden kann, wie Gemeinschaften Märkte ersetzen können: eine Gebrauchsanweisung für das Gemeinglück.

    »Solch ein kultureller Pluralismus wird unsere Überlebenschancen drastisch erhöhen und ganz nebenbei viel mehr Freude in unser Leben bringen. Die nötigen Investitionen sind minimal: Es kostet uns nur den Verzicht auf simple Weltbilder und lieb gewonnene Überzeugungen.« P.M.
    http://www.edition-nautil...
    http://www.neustartschwei...

    Mehr als man denkt! Es gibt eine Reihe auf ARTE, die verschiedene Lösungsansätz vorstellt:

    http://www.arte.tv/de/was...

    Besonders interessant zum Thema "Wohlstand ohne Wachstum" sind Serge Latouche und Tim Jackson, die sehr anschaulich erläutern, wie man auch ohne Konsumzwang gut und vielleicht sogar zufriedener leben kann. Ich halte die Thesen von Ökonomen wie diesen keineswegs für "retro", sondern glaube, dass sie in die richtige Richtung gehen.
    Neulich habe ich in der Bahn folgenden Satz mitgehört, O-Ton: "Meine Mitbewohnerin hat gar keine Produkte im Badezimmer stehen, voll gestört." Da haben wohl die drei Axe-Deos gefehlt. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen ihr Konsumverhalten überdenken.

    "Aber noch niemand hat mir sagen können, was ich jetzt konkret tun kann."

    - Niko Paech: "Befreiung vom Überfluss - Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie"

    Vielschichtige Darstellung, Hintergründe, Analysen UND Aufzeigen von Lösungen, im Großen wie im Kleinen.

    Es war nie naheliegender, was zu tun ist. Es fängt schonmal damit an, keine der 4 Blockparteien zu wählen. Die Linke lasse ich mal als Krawallkraft zu. Es gibt genügend Parteialternativen. Am bekanntesten sind zurzeit wohl die Piraten. Hier tun sich jedoch viele Leute mit dem Bild schwer, das von der Partei gezeichnet wird. Würden jene Leute sich ein eigenes Bild machen, sähe das vielleicht anders aus. Es gibt da aber z.B. auch noch die ÖDP. Ein Blick in zwei Wikipedia-Artikel kann hier auch helfen:

    http://de.wikipedia.org/w...

    http://de.wikipedia.org/w...

    Die Informationen liegen da, man muss halt suchen wollen. Demokratie hört aber auch nicht an der Wahlurne auf. Demokratie ist nicht bequem, sondern besteht aus täglichem Auseinandersetzen mit der Gesellschaft. Es reicht nicht Mainstream-Medien zu lesen, zustimmend zu nicken oder den Kopf zu schütteln und ihre Phrasen bei Familienfeiern zu wiederholen.

    Kritisch sein, sich jenseits des Mainstreams informieren, mit seinem Umfeld ergebnisoffen diskutieren, reflektiert wählen gehen.

    Und dann wäre da noch ein Mittel, das wir lange verlernt haben: Direkter Kontakt zu Abgeordneten. Neben den ganzen neuen Kanälen eMail, Twitter, Facebook, abgeordnetenwatch.de gibt es auch immer noch ganz klassisch den Brief. Wer seinem Abgeordneten seine Interessen mitteilt, die dieser vertreten soll, gibt seinen Interessen ein Gesicht.

  4. 3 Leserempfehlungen
  5. Bei allem Respekt, aber mir konnte noch keiner aufzeigen, wie man mit Null-Wachstum Wohlstand sichern kann. Und alle, die sich gegen das Wachstumsmantra aussprechen, müssen dann auch bereit sein, einen Teil ihres Wohlstands abzugeben. Spätestens da wird es dann nickelig. Das wird dann wieder so sein wie beim Thema Umweltschutz: "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass."

    Auch ich halte das Mantra vom Wachstum für einen Kampf gegen Windmühlen. Aber wie soll die Alternative aussehen? Mein Arbeitsplatz ist vom Konsum anderer Leute abhängig, wie so ziemlich jeder Arbeitsplatz vom Konsum anderer Leute abhängig ist.

    Ich halte es für graue Theorie, wir könnten ohne Wachstum unseren Wohlstand aufrecht erhalten. Wie soll das gehen? Natürlich kann man mir sagen, ich soll mein Smartphone länger benutzen und es nicht alle zwei Jahre gegen ein neues austauschen. Und bei vielen Kaufentscheidungen achte ich auf lange Lebensdauer. Entweder, weil ich es lange nutzen möchte oder weil ich es später gut verkaufen kann, wenn ich es austausche.

    Das Phoebuskartell wurde von führenden Glühbirnenherstellern nicht umsonst gegründet. Hätten Glühbirnen ewig gehalten (und technisch war/ist das möglich), wären diese Unternehmen alle in die Pleite gerutscht.

    http://de.wikipedia.org/w...

    8 Leserempfehlungen
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    Wachstumszwang ergibt sich aus der kapitalistischen Funktionsweise: Privateigentum an Produktionsmitteln und Konkurrenz: jeder jagt jeden.
    Schneller, höher, weiter, billiger, mehr ...das erwächst aus dem Wirtschaftssystem.
    Wenn man Bedürfnis- statt Profitinteressen "bedient", Wenn man aufhört, die goldenen Wasserhähne usw. für die paar "oberen Zehntausend" und deren Interessen zu produzieren, inklusive der aus diesen Interessen erwachsenen Kriege usw., wenn man selbstverwaltet und selbstbestimmt wirtschaftet, kann man auf Wawchstum verzichten. Denn was ist dieses Wachstum: Ein immer mehr von Waren, die für einen Markt produziert werden, der zahlungskräftige Nachfrage verspricht: Kann ich mehr billiger produzieren als der Konkurrent, kann ich mit tollen Gadgets Kunden halten oder gewinnen, finde ich eine Zeitlang eine Nische? So kommt es, das wir in einer Welt leben, in der die (zahlungsunfähige) Nachfrage nach Nahrung in weiten Teilen nicht befriedigt wird, während andernorts die zahlungskräftige Nachfrage nach Luxus-Katzenfutter ihr Angebot findet...
    Alternativen?
    http://www.neustartschwei...
    http://www.trend.infopart...
    http://www.solidarity-us....
    http://endofcapitalism.co...

    Vor dem Problem einer fehlenden bereits praktizierten Alternative stand der Mensch nun aber weiß Gott oft genug. Es liegt ja geradezu in der Natur der Sache, daß Neues, Alternatives, eben noch nicht exitierte. Vom alternativen, westwärtigen Weg nach Indien bis zur Alternative zu König und Leibeigenschaft wurde keine Blaupause, wie sie von vielen TINA -Verfechtern gefordert wird, bekannter Methoden verwendet, sondern ein erkannter Mißstand sooft auf verschiedene Art angegangen, bis eine funktionierende Alternative stand. Daß dieser Prozeß im gesellschaftlichen Maßstab besonders schmerzhaft und fehleranfällig sein kann darf nicht heißen, den status quo unangetastet zu lassen, denn in diesem Fall ist das schmerzhafte Ende garantiert.Praktizierte und/oder theoretisch mehr oder weniger ausgefeilte Versuche und Modelle gab und gibt es allemal, und wenn sie nur dazu dienen, aus ihren jeweiligen Fehlern und Unzulänglichkeiten zu lernen...

    Wenn eine Firma 50 Millionen Umsatz macht und Mio. Kuscheltiere herstellt. Warum reicht das nicht jahr für jahr. Sie macht doch trotzdem plus. Außerdem kann sie ja immer noch andere Geräte herstellen und dafür Arbeiter abstellen. Warum ist der Mensch nicht zufrieden? Weil Luxus und Geld nicht das ist, was uns zufrieden stellt. Für mich ist es das Schönste draußen mit meinen Leuten ein Bier zu trinken. Für beides braucht man nicht viel.

    • hareck
    • 14. März 2013 11:01 Uhr

    Statt die Tretmühle zu bedienen und dem nächsten Prozent Wachstum und Einkommenszuwachs entgegenzuschuften, könnten wir unsere Energie dafür verwenden, was wir wirklich für wichtig halten. Und das ist jeweils eine individuelle Entscheidung.

    Natürlich hat Wachstum mit Wohlstand zu tun, aber das ist ja gerade der Tenor des Artikels. Wir haben genug Wohlstand. So viel, dass es locker für alle reicht.

    Und gerade das Glühbirnenbeispiel illustriert ja, wie Kapitalismus eigentlich funktionieren sollte. Wer Schrott produziert, geht pleite. Gut so. Und muss etwas anderes produzieren...vielleicht etwas gutes und wichtiges.

    Unternehmen werden dann Produkte mit langer Lebensdauer herstellen und dennoch ihren Platz im Markt erhalten, wenn Kunden die Produkte mieten und nicht kaufen. Dann gibt es naemlich einen stetigen Geldfluss, der Investitionen erlaubt und mit dem Gehaelter bezahlt werden koennen. Statt einen Fernseher oder eine Waschmaschine zu kaufen, werden die Geraete gegen eine monatliche Nutzungsgebuehr ausgeliehen. Bleiben die Mieten aus, kann man sie jederzeit zurueckholen, die "Vermieter" hat natuerlich ein Interesse daran, dass das Geraet dann moeglichst lange stoerungsfrei laeuft, denn er waere ja fuer die Wartung zustaendig. Zum Teil passiert das ja bereits, z.B. bei Kopiergeraeten in Bueros und Institutionen oder im Bereich Auto-Leasing. Die Menschen wuerden dann auch eher energieeffiziente hochwertige Geraete mieten, weil es nicht mehr den hohen Anschaffungspreis gaebe, der sie jetzt davon abhaelt. Dadurch entsteht automatisch weniger Muell. In der Produktion wuerden Arbeitsplaetze wegfallen, weil weniger produziert wuerde, aber es gaebe einen hoeheren Bedarf an MAngestellten, die das alles organisieren und warten.

    ..irgendwas immer weiter wächst ohne aufhören zu können dann nennt sich das Krebs!

    Wachstum meint nicht alle 2 Jahre ein neues Smartphone sondern alle 2 Jahre mehr Smartphones wie vor 2 Jahren...

    Das geht irgendwann schief und ich glaube wir leben was das betrifft in interessanten Zeiten.

    Patentrezepte gibt es wohl keine, aber zahlreiche sehr interessante Vorschläge und Gedanken für eine Postwachstumsgesellschaft. Stichworte:

    - Geldpolitik und die Rolle des Zinses
    - Begrenzte Laufzeit für Geld ab dem Ausgabetag
    - Bodeneigentum allein in öffentlichem Besitz.

    Hier sind Kreativität und Mut gefragt - vor allem aber eine globale Verständigung auf gemeinsames Handeln. Dies wird vermutlich erst gelingen, wenn die Wohlstandsniveaus der meisten Nationen zumindest einigermaßen gleichverteilt sind.

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