Wachstumskritik : Jan Müller hat genug

Die Wirtschaft muss wachsen, wachsen, wachsen, sagen Politiker aller Parteien. Aber wozu eigentlich? Plädoyer für einen bescheideneren Kapitalismus

Die Bettdecke ist gefaltet, die Hemden sind gebügelt, die Bücher stehen akkurat im Regal. 14,4 Quadratmeter Ordnung: Das ist das Zimmer von Jan Müller.

Jan ist 18 Jahre alt. Er mag Stefan Raab und den 1. FC Köln, liest gerne Harry Potter und sagt: "Ich blicke positiv in die Zukunft." In wenigen Monaten macht er Abitur. Wenn alles gut geht, hat er danach noch sechzig Jahre Leben vor sich, mindestens.

Jan gehört zu den ersten Jahrgängen, die nicht mehr zur Bundeswehr müssen. Sein Vaterland wird ihn trotzdem brauchen. Jan Müller muss Deutschland neue Kraft geben. Schwung, Energie.

Er muss viel einkaufen gehen.

"Europa braucht mehr Wirtschaftswachstum", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich in einem Zeitungsinterview.

"Die Wachstumsraten unserer Volkswirtschaft müssen wieder steigen", sagt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.

"Jetzt gilt es, das Wachstum zu stabilisieren", sagt FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.

"Wir müssen für Wirtschaftswachstum sorgen", sagt Linken-Parteichef Bernd Riexinger.

"Wir brauchen eine Wachstumsstrategie", sagt Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin.

Es ist der Refrain der Finanzkrise, der Euro-Krise, der Schuldenkrise: mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Wachstum! In jedem Industrieland ist er zu hören. Politiker aller Parteien wollen, dass die Unternehmen ihres Landes von Jahr zu Jahr mehr Autos, mehr Zahnbürsten, mehr Fernseher, mehr T-Shirts, mehr Schreibtischstühle produzieren. In fünf Jahren, in zehn Jahren, in zwanzig Jahren. Immer mehr.

Der Verstand nennt es Verschwendung, das Kalkül nennt es Wachstum

Eines gerät dabei manchmal in Vergessenheit: Damit die Wirtschaft wächst, muss irgendjemand all die neuen Waren auch kaufen, in fünf, zehn, zwanzig Jahren. Das wird dann wohl Jan Müller sein müssen.

Dazu ist zu sagen: Jan Müller gibt es gar nicht. Oder genauer, es gibt ihn schon, aber nicht einmal, sondern viele Tausend Mal. Er ist: der typische deutsche 18-Jährige. Ein Musterknabe. Die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt hat ihn erschaffen, aus Tausenden von Daten und Fakten, ermittelt in Umfragen und Hausbesuchen.

Jan Müller heißt Jan, weil dies der häufigste Vorname in seinem Jahrgang ist. Er wohnt in Nordrhein-Westfalen, weil dort die meisten deutschen 18-Jährigen leben, er ist Kölner, weil Köln die größte Stadt Nordrhein-Westfalens ist, und er wohnt bei seinen Eltern, weil dies unter den 18-Jährigen in Deutschland so üblich ist. Mit Mama und Papa versteht er sich übrigens sehr gut, aber das ist für die Frage des künftigen deutschen Wirtschaftswachstums nicht so entscheidend. Wichtiger ist, wie es in Jan Müllers Zimmer aussieht.

Die Leute von Jung von Matt haben es nachgebaut, in ihrer Werbeagentur. Sie haben Möbel hineingestellt und Deutschlands häufigste Tapete an die Wand geklebt, die Raufasertapete Erfurt 52, mittlere Körnung. An die Tapete haben sie ein Poster von der Brooklyn Bridge gehängt und einen Stadtplan von Manhattan, weil sich Jugendliche typischerweise Bilder ihres Sehnsuchtsorts an die Wand hängen, und das ist nach wie vor New York. Sie haben eine Postkarte von Jans erster Freundin neben den Schreibtisch gepinnt, eine Packung Kondome ins Nachtkästchen gelegt, weil das eigene Zimmer auch der Ort der ersten sexuellen Erfahrungen ist. Und sie haben einen alten Teddybären unter die Bettdecke gestopft, weil sich Jan trotz allen Erwachsenwerdens noch nicht so recht von seinem ersten Kuscheltier trennen kann.

Die Werbeleute haben das Zimmer eingerichtet, um sich in die Gefühlswelt junger Menschen hineinzudenken. Man kann diese Bestandsaufnahme deutschen Wohlstands gut als Ausgangspunkt benutzen, um die eine Frage zu stellen, die über die Zukunft der deutschen Wirtschaft entscheiden wird: Hat Jan Müller genug?

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Kommentare

153 Kommentare Seite 1 von 22 Kommentieren

Fortsetzung kommentar 47

...Die Entwicklungszeiten für Software werden immer höher bei gleichbleibenden Spielekonsum.

Fazit: Sicher wird das Wachstum irgendwann mal auf 0 zurück gefahren werden müssen. Jedoch wird dies nicht aus mangelnden Konsum passieren. Die Menschen werden in nächster Zeit (~30 Jahre) immer noch einen schöneren Film, ein beeindruckenderes Spiel eine intelligentere Software, eine bessere Sozial-Dienstleistung / Alterspflege / Kinderbetreuung wünschen.
Die sog. Sättigung wird dann eintreten, wenn die gesamte materielle Wirtschaft vollautomatisiert ist und jeder Mensch 8 Stunden für Dienstleistungen, Entwicklung und Innovation im Arbeitsleben aufbringt. Dann stößt das Wachstum an die natürliche Grenze der menschlichen Arbeitszeit. (Mehr als Vollbeschäftigung geht nicht).
Diese Zeit sehe ich aber noch längst nicht gekommen...

"lesenswert: von Bettina Röhl...große Intellektuelle..."

Das Problem von Röhl ist, dass sie selbst in höchsten Maß befangen ist, in dem Sinn, dass ihre Mutter (Ulrike Meinhof!) sie als Kind für die Weltrevolution im Stich ließ, und Röhl offenbar nun alles linke, alles emanzipatorische, alles ökologische dafür verantwortlich macht und in Grund und Boden schreibt.

Große Intellektuelle zeichnet m.E. aus, gerade hier selbstkritisch zu sein, statt für die Kränkung durch eine geliebten, gebrauchten Menschen eine Weltanschauung veranwortlich zu machen.

An die Wurzel...

Lieber Herr Henrici,

ihre Ausführungen über die Wirkung der Reklame sind unbestreitbar.
Doch wir sollten nicht die Reklame bekämpfen, sondern das, was die Menschheit so anfällig für deren hypnotische Wirkung macht.
Ich bin davon überzeugt, dass die meisten ZEIT-Leser sich nicht von stupiden Werbekampagnen beeinflussen lassen.
Da spielt die Bildung eine entscheidende Rolle, womit wir aber schon bei der Bildungspolitik wären.
Und leider lässt sich da sagen, warum sollte der Staat was zu seinen ungunsten daran ändern?...

Warum schneidet Frankreich schlecht ab?

"Gibt es aber auch Länder, die durch ausgeglichenere Verteilung von Arbeit auch bei weniger Wachstum erfolgreich die Arbeitslosenquote niedrig halten konnten?

Frankreich z.B. hat die 35 Stunden Woche ja leider nicht halten können.."

Ich wage mal eine hypothese, warum das so ist. Deutschland ist ja soo wettbewerbsfähig geworden, dass die Franzosen alleine deshalb schon Probleme haben (des Einen Vorteil ist des Anderen Nachteil). Andersherum gesagt: hätte Deutschland 2003 die Reformen moderater angegängen, wäre die Gesamtsituation durchaus besser. Es ist belegbar, dass die Agenda 2010 deutlich moderater hätte ausgestaltet werden können. Ab 2002 hatte Deutschland überwiegend deutliche Leistungsbilanzüberschüsse! Siehe Grafik: http://www.wirtschaftundg...

Holland in Not

Sehr informativ, aber ich hätte für das skizzierte Debakel - Mindestlohn, Mindestrente, niedrige Arbeitslosenquote - eine Lösung anzubieten: Könnte es vielleicht daran liegen, dass es in den Niederlanden weniger Lobbyisten gibt, die die dortigen Politiker vor sich her treiben? Dass dort weniger Lobbyisten Gesetze zu Fall, Gesetzesvorlagen auf den Weg bringen? Und könnte es vielleicht auch sein, dass die dortigen Politiker es ihren methastasierenden Lobbyisten weniger dulden, internationale Abkommen, wie z.B. das der Reduzierung der Auto-Abgase, zu torpedieren? Ein Elend, dass die Niederlande heimsucht; nicht nur dass sie keine Auto-Industrie mit ca. 1 Million direkt oder indirekt Angestellten haben, nein, sie stehen im europäischen Vergleich auch noch gut da. Da kann doch irgendwas nicht stimmen, was hier so von gewählten Politikern skandiert wird. Oder haben die Texte einflussreichere Verbände diktiert?

Zu wenig Phantasie

"So einfach geschrieben, dass es jeder kapiert."

Meiner Meinung nach ZU einfach geschrieben. Wohlstand an Elektronikartikeln und Klamotten zu messen, greift zu kurz. Es blendet vor allem aus, welche Innovationen in den nächsten 30 Jahren kommen KÖNNTEN.

Der liebe Jan Müller mag im Alter von 18 Jahren noch zufrieden sein mit seinen 3 Playstations, aber im mittleren Alter kommen dann plötzlich ganz andere Bedürfnisse:

Gesundheit: Lange Leben, lange gut leben, lange an gesellschaftlichen Aktivitäten teilnehmen können. Neue medizinische Fortschritte erlauben dann die Heilung von Krebs und das Verlangsamen des Alterns. Man wird mit 80 noch locker Sport treiben, Weltreisen unternehmen, Sex haben, neue Partnerschaften eingehen.

Das wird sich in einem bis dahin privatisierten Gesundheitssystem jedoch nicht jeder leisten können. Daher wird sich Jan Müller freuen, wenn er in jungen Jahren das "LiveForever"-Versicherungspaket der Allainz-Versicherung abgeschlossen hat. Das ist teuer, und dafür wird Jan Müller eben doch schuften müssen. Nicht mit 18, aber wohl mit 30 Jahren.

Mobilität: Jan Müller wird seine Freunde nur noch besuchen können, wenn er sich den letzten Schrei von emmissionsfreiem Elektroauto leisten kann und die horrenden kilometerabhängigen Straßennutzungsgebühren berappen wird.

Ich sage nicht, dass ich Wachstum grundsätzlich gut finde, aber der Artikel ist schlichtweg mit zu wenig Phantasie geschrieben.