Erzählung "Leben"Das unbewegte Pokerface

David Wagner lässt sich in seinem Buch "Leben" nicht in die Karten schauen. von 

Nach der Lektüre von David Wagners Krankenhausgeschichte fühlt sich der Leser selbst, als habe er Monate in einer Klinik zugebracht. Essen wird gebracht und wieder abgeholt, man schleppt sich auf den Gang und wieder zurück, man beobachtet den Himmel; das Wetter und die Jahreszeiten wechseln. Es wechselt auch der Bettnachbar, es wechseln die Erinnerungen an Freundinnen und Liebschaften. Die Stimmung schwankt, man döst und träumt, Vater und Mutter ziehen durchs Gemüt. Man denkt an Mexiko und andere Orte, die man besucht hat. Gearbeitet hat man offenbar nicht oder kaum oder kann sich an Arbeit nicht erinnern. Die Tage zerfließen und mit ihnen das Leben. Aber was, wenn man nicht gearbeitet hat, hat man dann getan?

Nun, man war seit frühester Jugend krank. An diesem Punkt endet das Miterleben, das außergewöhnliche Maß an Identifikation, zu dem dieses Buch den Leser bringt, und es beginnt die individuelle Geschichte des Erzählers. Er leidet an einer Autoimmunerkrankung, die Leber zerstört sich selbst, und nach Jahrzehnten der leichten, dann langsam wachsenden Beeinträchtigung ist das Organ ruiniert wie bei einem Trinker. Das Blut kommt nicht mehr durch, es staut sich, es bilden sich die berühmten Varizen, Krampfadern an der Speiseröhre, sie platzen, der arme Junge spuckt Blut. Er könnte jetzt den theatralischen Säufertod sterben, aber es gibt die moderne Medizin, die ihm mit einer Lebertransplantation hilft.

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Von dem Warten auf die neue Leber, von ihrer Einpflanzung, den folgenden Komplikationen, auch vom Nachdenken über den Spender und ob er jetzt mit seinem Körperteil Einfluss auf die Identität des Erzählers nehme, handelt der dramatische Teil des Romans. Dass hier metaphysische Fragen berührt sind, berührt werden sollen, deutet ja der Buchtitel Leben an. Ja, das Leben hätte vorbei sein können; ja, es wurde wiedergewonnen mithilfe eines Organspenders, der seinerseits starb; ja, das Leben zieht zur Gänze oder in Fragmenten durch den Kopf des Patienten; ja, der Erzähler hat oft genug erwogen, es wegzuwerfen respektive sich umzubringen; ja, es ist am Ende sein Kind, das ihn zum Weiterleben zwingt.

Aber was macht der Erzähler mit diesen Fragen? Nichts, er macht nichts mit ihnen. Er ist nun mal kein Philosoph und will auch keiner sein. Er flieht die Fragen nicht, er lässt sie ganz nah an sich heran – und hält sie dann einfach aus. Das hat enorme Vorteile, vor allem stilistische: Der Autor vermeidet eine ganze Klasse von Sätzen, die pathetisch, ungeschickt oder kitschig wirken könnten oder jedenfalls nur sehr schwer so zu formulieren sind, dass sie sich von Pathos und Kitsch frei halten lassen, vor allem aber von den gedanklichen Klischees, die immer schon bereitliegen, wenn es um letzte Fragen geht. Der ästhetische Gewinn dieser Enthaltsamkeit ist hoch; die Prosa David Wagners ist makellos und lässt sofort verstehen, warum er mit diesem Buch auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis kam.

Aber der metaphysische Verzicht hat auch Kosten. Ein Preis, der ziemlich schnell gezahlt werden muss, ist das nach fünfzig Seiten rapide sinkende Interesse des Lesers. Er weiß nun schon, was er von dem Erzähler zu halten hat und wie sich das Krankenschicksal in seiner milden, demütig ergebenen Seele malt, die auch mit einem stillen, allmählichen Erlöschen einverstanden wäre. Wir haben keinen Hiob vor uns, der mit seinem Unglück hadert.

Der Roman ist bei Rowohlt erschienen.

Der Roman ist bei Rowohlt erschienen.  |  © Rowohlt

Aber wen haben wir stattdessen vor uns? Nun, wir haben David Wagner vor uns, der die Geschichte nicht erfunden, sondern selbst erlitten hat – falls Leiden der richtige Ausdruck sein sollte für dieses schwerelose Gleiten durch die Bewusstseinsräume einer medizinischen Behandlung. Wahrscheinlich ist es nicht der richtige Ausdruck. Aber es ist doch sehr enttäuschend, im Laufe der Lektüre zu bemerken, dass hier der Autor keine hochmerkwürdige, denkwürdige Erzählerfigur erfunden hat – denkwürdig durch ihre Leidenslosigkeit, ihren Fatalismus, ihre Passivität –, sondern dass er sich selbst erzählt. Wie kommt man darauf? Nach und nach tauchen wirkliche Personen einer wirklichen Berliner Literatenszene auf, zu der auch der wirkliche David Wagner gehört. Und nachdem man einmal erfahren hat, dass er mit Judith Hermann Urlaub gemacht hat, ist der ganze Zauber der Fiktion vorbei.

Es sei denn – es sei denn, David Wagner hätte sich die kleine Frechheit erlaubt, in eine erfundene Geschichte wirkliche Personen einzumontieren. Das wäre nicht ohne Schick, das haben ein paar große Autoren auch schon gemacht – Balzac, Musil, Thomas Mann. Aber das Schicke, jedenfalls das der frecheren Sorte, ist nicht die Sache Wagners, er ist ganz ernst, ganz innig – es ist ja auch sein Leben. Und da es um sein Leben geht, wissen wir auch schon, dass er überlebt, denn sonst gäbe es das Buch nicht, und damit geht viel Spannung verloren, wenngleich natürlich Spannung der trivialeren Art. Was bleibt, ist die anders spannende Frage, die keineswegs triviale Frage, warum er überlebt, nicht medizinisch, sondern seelisch überlebt, also das heimliche Einverständnis mit seinem baldigen Tod wieder kündigt.

Leserkommentare
    • gorgo
    • 15. März 2013 2:00 Uhr

    Na die Rezension gefällt! Vielleicht könnte man noch hinzufügen, dass diese Generation/Gruppe von der hier die Rede ist, komplett jenseits der internationalen Literaturentwicklung schreibt. Hat auch seinen Reiz - und zu hohe Kosten und die Lesenden...

    • jqqg
    • 20. März 2013 6:52 Uhr

    die Lust auf das Buch macht. (Oder auch nicht.) Besonders gefällt mir die Analyse dieser Generation von Schreibern der auch J. Hermann angehört und die ich mit einem grossen 'aber' schätze; Jens Jessen konnte diesen meinen Vorbehalt im Text gut formulieren. Der Joker wird suggeriert, aber nie gespielt, ein riskantes Spiel, ein grosses Vergnügen.

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