Kirche : Von Sexualität und Erpressung

Warum Bischöfe und Kardinäle so gern über Kondome, die Pille, über Zölibat und Schwulsein sprechen

Glaubt man manchen Kirchenfürsten, so gibt es derzeit kein größeres Übel als die "Sexualisierung der Gesellschaft". Umso erstaunlicher, dass sich zunehmend der Eindruck einer "Sexualisierung der Kirche" aufdrängt. Denn nirgends engagiert man sich mehr als in den Diskussionen um Kondome in Afrika, Pillen davor und danach, um wiederverheiratete Geschiedene und um den Zölibat. Zum absoluten Topthema aber im Pontifikat Benedikts XVI. hat es die Homosexualität geschafft. Ob nun der Untergang des Abendlandes zu beklagen ist, die Banalisierung des menschlichen Körpers, die "Pogromstimmung" gegen Katholiken oder zuletzt der Papstrücktritt: Schuld sind immer die Schwulen.

Besonders jene, die sich arglistig in die katholische Kirche eingeschlichen haben. Vor nicht allzu langer Zeit konnte man in Deutschlands auflagenstärkster theologischer Zeitschrift für konservative Katholiken lesen: "Die Gefahr droht nicht nur von außen, der Feind greift bereits in ihrem Innern an, oft sehr gut maskiert, gleich einem trojanischen Pferd. Das Problem der Homoideologie und Homolobby existiert nicht nur außerhalb der Kirche, ein analoges Problem existiert auch innerhalb." Die schwulen Kirchenmänner bildeten informelle Bünde mit den "Zügen einer Clique oder Mafia". Und seien angeblich darum bemüht, "Schlüsselpositionen zu erobern, die über Macht und Geld verfügen".

Da passt die aufsehenerregende Nachricht, Benedikts Rücktritt könnte mit der Verschwörung eines geheimen Schwulennetzwerks zu tun haben, ebenso ins Bild wie der Amtsverzicht des schottischen Kardinals und Erzbischofs Keith O’Brien: Er hatte sich öffentlich gegen den Zölibat ausgesprochen und stolperte dann über die Aussagen mehrerer Priester, er habe sich ihnen in "unangemessener Weise" genähert.

Das alles scheint jenen homophoben Ultrakonservativen in die Hände zu spielen, die unter dem letzten Pontifikat zu einem entscheidenden Machtfaktor geworden sind. Auch im anstehenden Konklave – wann immer es nun beginnt – werden die Liberalen nur noch eine unbedeutende Gruppe darstellen. Der neue Papst wird aus dem Kampf zwischen den gemäßigten Neokonservativen und den traditionalistischen Hardlinern hervorgehen. Gerade Letztere werben damit, den "geheimen Homo-Seilschaften" endgültig ein Ende zu bereiten. Oder wie es der neue Vordenker dieser Gruppe, der römische Priester Stefano Levi di Gualdo, formulierte: "Der Schlange ist der Kopf abzuschlagen und fertig."

Die jüngsten Nachrichten sind aber nicht nur Begleitmusik eines sich abzeichnenden Machtkampfs. Sie berühren einen der Schlüsselpunkte der Kirche überhaupt, das Zusammenspiel von Sexualmoral und Macht. Man muss dafür gar nicht Michel Foucaults ausgefeilte Theorien bemühen. Unzählige Priester und kirchliche Angestellte können von ihren Erfahrungen berichten: Die strikte Sexualmoral wird nicht um der Menschen willen hochgehalten, sie ist das wichtigste Instrument zum Machterhalt Einzelner, aber auch der ganzen Institution.

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