KircheVon Sexualität und Erpressung

Warum Bischöfe und Kardinäle so gern über Kondome, die Pille, über Zölibat und Schwulsein sprechen von David Berger

Glaubt man manchen Kirchenfürsten, so gibt es derzeit kein größeres Übel als die "Sexualisierung der Gesellschaft". Umso erstaunlicher, dass sich zunehmend der Eindruck einer "Sexualisierung der Kirche" aufdrängt. Denn nirgends engagiert man sich mehr als in den Diskussionen um Kondome in Afrika, Pillen davor und danach, um wiederverheiratete Geschiedene und um den Zölibat. Zum absoluten Topthema aber im Pontifikat Benedikts XVI. hat es die Homosexualität geschafft. Ob nun der Untergang des Abendlandes zu beklagen ist, die Banalisierung des menschlichen Körpers, die "Pogromstimmung" gegen Katholiken oder zuletzt der Papstrücktritt: Schuld sind immer die Schwulen.

Besonders jene, die sich arglistig in die katholische Kirche eingeschlichen haben. Vor nicht allzu langer Zeit konnte man in Deutschlands auflagenstärkster theologischer Zeitschrift für konservative Katholiken lesen: "Die Gefahr droht nicht nur von außen, der Feind greift bereits in ihrem Innern an, oft sehr gut maskiert, gleich einem trojanischen Pferd. Das Problem der Homoideologie und Homolobby existiert nicht nur außerhalb der Kirche, ein analoges Problem existiert auch innerhalb." Die schwulen Kirchenmänner bildeten informelle Bünde mit den "Zügen einer Clique oder Mafia". Und seien angeblich darum bemüht, "Schlüsselpositionen zu erobern, die über Macht und Geld verfügen".

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Da passt die aufsehenerregende Nachricht, Benedikts Rücktritt könnte mit der Verschwörung eines geheimen Schwulennetzwerks zu tun haben, ebenso ins Bild wie der Amtsverzicht des schottischen Kardinals und Erzbischofs Keith O’Brien: Er hatte sich öffentlich gegen den Zölibat ausgesprochen und stolperte dann über die Aussagen mehrerer Priester, er habe sich ihnen in "unangemessener Weise" genähert.

Das alles scheint jenen homophoben Ultrakonservativen in die Hände zu spielen, die unter dem letzten Pontifikat zu einem entscheidenden Machtfaktor geworden sind. Auch im anstehenden Konklave – wann immer es nun beginnt – werden die Liberalen nur noch eine unbedeutende Gruppe darstellen. Der neue Papst wird aus dem Kampf zwischen den gemäßigten Neokonservativen und den traditionalistischen Hardlinern hervorgehen. Gerade Letztere werben damit, den "geheimen Homo-Seilschaften" endgültig ein Ende zu bereiten. Oder wie es der neue Vordenker dieser Gruppe, der römische Priester Stefano Levi di Gualdo, formulierte: "Der Schlange ist der Kopf abzuschlagen und fertig."

Die jüngsten Nachrichten sind aber nicht nur Begleitmusik eines sich abzeichnenden Machtkampfs. Sie berühren einen der Schlüsselpunkte der Kirche überhaupt, das Zusammenspiel von Sexualmoral und Macht. Man muss dafür gar nicht Michel Foucaults ausgefeilte Theorien bemühen. Unzählige Priester und kirchliche Angestellte können von ihren Erfahrungen berichten: Die strikte Sexualmoral wird nicht um der Menschen willen hochgehalten, sie ist das wichtigste Instrument zum Machterhalt Einzelner, aber auch der ganzen Institution.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/sam

    4 Leserempfehlungen
  2. Wenn - nach katholischer Lehrmeinung - die Homosexualität von "Gott" nicht gewollt wird, wo kommt sie dann her? Vom Teufel? Im Römerbrief ist von der Homosexualität als "Strafe Gottes" die Rede. Von konservativen katholischen Theologen, die sich ja ansonsten oft zur menschlichen Sexualität äußern - habe ich zu obiger Frage noch nichts Sachdienliches vernommen

    2 Leserempfehlungen
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    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/au

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Aussagen, die als diskrimierend empfunden werden können. Danke, die Redaktion/jp

    • wauz
    • 10. März 2013 20:44 Uhr

    Aus einer naturwissenschaftlichen Sicht (also mit Materialismus als zumindest Arbeitshypothese) ist Homosexualität einfach da. Weder eine genetische Veranlagung noch das Gegenteil konnte bisher widerlegt werden. Schlicht: man weiß es nicht, wo Homosexualität herkommt.
    Aus der Sicht des christlichen Glaubens gibt es eine 'geistliche' d.h. idealistisch geprägte Erklärung. Welche ist: zuerst gab es eine göttliche Schöpfung und mit ihr eine Ordnung, die nach Gottes Wohlgefallen war. Mann und Frau sind beide 'ein Fleisch' und zusammen Gottes Ebenbild.
    Eva und Adam entschieden sich aber, das Angebot des Drachens anzunehmen, der ihnen verhieß, durch den Gebrauch der (magischen) Frucht würden sie wie Gott. Damit haben sie sich, als Vertreter der ganzen Menschheit auf den 'Weg der Erkenntnis' begeben, also der Suche nach dem Okkulten. Durch diese Entscheidung ist die göttliche Ordnung zerstört und damit auch das Verhältnis der Geschlechter (Frau+ Mann = Ebenbild Gottes) in Unordnung geraten. Homosexualität ist damit Folge der Abwendung von Gott, Folge der Erbsünde und damit Folge einer Entscheidung der Menschen und somit auch kein Teufelswerk. Adam und Eva hatten die freie Entscheidung und haben die Entscheidungsfreiheit zum Schlechten genutzt.
    Diese Lehre basiert allein auf Glaubensinhalten und ist damit außerhalb des naturwissenschaftlichen Bezugssystems. Naturwissenschaft kann dies weder bestätigen noch widerlegen.

  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au

    4 Leserempfehlungen
  4. 4. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/au

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ein Werk des Teufels?"
    • TDU
    • 10. März 2013 14:09 Uhr

    Zit.: "Es ist kein Zufall, dass im Vatikan, dem Herzen des Katholizismus, die Dichte schwuler Männer besonders hoch ist und daher das Thema Homosexualität oberste Priorität besitzt"

    Eine Theorie wird bewiesen, indem man unbewiesene Tatsachen behauptet. Oder hat man Umfragen oder Beweise, die das bestätigen? Irgendwelche Artikel über schwule Verschwörungen reichen nicht.

    Zit.: Intransigente Romtreue, aus Sublimierung herrührende übersteigerte Frömmigkeit und Konservativismus jedoch sind beste Voraussetzungen dafür, um in der katholischen Kirche Karriere zu machen."

    Das gilt auch für heterosexuell Veranlagte und im Grunde für jede einseitig festgelegte Organaisation. Selbst der kritische Katholik kann solchen Behauptungen auch nur ein klares: Sie haben recht erwidern. Über Geschmacksfragen und subjektive Sichten kann man streiten, muss man aber nicht.

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    Ihrer Kritik, WDU, an dem Artikel möchte ich mich neben einer Leser-Empfehlung auch ausdrücklich anschließen.

    Auch m.E. gründet David Berger seinen Artikel und seine Schlussfolgerungen allein auf ein Sammelsurium von Gerüchten, unbewiesenen Annahmen, Vermutungen, mithin (ihm genehmen ?) Vorurteilen.

    Als die wesentlichste Inkohärenz/Inkonsistenz erachte ich seine Grundthese - so mein Verständnis seines Artikels, dass im Vatikan homosexuelle Kleriker gerade deshalb in der Mehrheit seien, weil der Vatikan homosexuelle Kleriker diskriminiert bzw. dass der Vatikan gerade deswegen homosexuelle Kleriker diskriminiert, weil die Mehrzahl der vatikanischen Kleriker homosexuell sei.

    Auch will mir die m.E. völlig freischwebende These David Bergers nicht einleuchten, dass homosexuelle Kleriker machthungriger, ergeiziger und/oder stromlinienförmiger etc. seien als heterosexuelle Kleriker - so mein Verständnis seines Artikels. Dass homosexuelle Kleriker sich aus Furcht vor Entdeckung besonders "stromlinienförmig" verhalten, kann ich mir zwar vorstellen. Woran des David Bergers Artikel diesem Zusammenhang aber des Weiteren auch gebricht ist, dass er jedweden Beleg dafür schuldig bleibt, dass "Stromlinienförmigkeit" - statistisch signifikant - ein überdurchschnittlich gewichtiges Beförderungskriterium für den Vatikan ist.

    Es gäbe noch so vieles, anhand dessen man die Blödsinnigkeit dieses Artikels aufzeigen könnte, aber ich nehme die Zeichenbegrenzung zum Anlass, es damit zu bewenden.

  5. Der entscheidende Punkt verbirgt sich zwischen den Zeilen.

    Wissenschaftlich gesehen gibt es keinen Zweifel, dass die sexuelle Präferenz zu einem sehr großen Teil genetisch angelegt ist.
    Das hieße aber im Umkehrschluss, da ja jeder Mensch "von Gott erschaffen ist", dass Gott die Homosexualität erschaffen würde, welche er gleichzeitig laut Bibel, welche Gottes Wort darstellen soll, ablehnt.
    Daher wird die Homosexualität als "Ideologie" dargestellt, was im Sinne meiner obigen Ausführungen ungf. genauso sinnvoll ist wie den aufrechten Gang als Ideologie darzustellen, und massiv bekämpft.
    Eine Akzeptanz homosexueller Priester würde den gesamten kirchlich organisierten Glauben in den Grundfesten erschüttern. Daher kann nicht sein, was nicht sein darf.

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    • stebo
    • 10. März 2013 14:35 Uhr

    Woher nehmen Sie Ihre Behauptung zu den genetischen Ursachen? Die Wissenschaftlichen Dokmente möchte ich gerne sehen.

    Zu den genetisch-physioligisch-psychologischen Kausalitäten ist die Wissenschaft noch sehr weit von einem Konsens entfernt.

  6. ...schön gespielt. :-)

    Eine Leserempfehlung
  7. ... Ideologie, möglichst alle Lebensbereiche der Untertanen zu beherrschen. Die Mittel und Wege sind vielfältig und reichen von physischer Gewalt über offenen moralischen Druck und finanzielle Steuerung bis zur gezielten, unterschwelligen Schaffung eines "richtigen" Meinungsbildes. So wird Macht ausgeübt. (Nebenbei bemerkt: Einen Teil dieser Methoden macht sich, in einer mehr oder weniger abgeschwächten Form, auch unser "wehrhafter Rechtsstaat" zurecht zunutze.)
    Eine andere Vorgehensweise würde mich sehr wundern, geht es doch um eine Institution, die sich wörtlich "das Ganze betreffend" nennt und eine monotheistische Offenbarungsreligion predigt.
    Das gute daran ist: Ob man bereit ist, bis ins Schlafzimmer und bis ins eigene Gewissen bespitzelt zu werden ("bespitzelt" ist hier eher im übertragenen Sinne zu verstehen), kann in Deutschland zum Glück jeder selbst entscheiden.
    greetz, BG

    4 Leserempfehlungen
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    "Das gute daran ist: Ob man bereit ist, bis ins Schlafzimmer und bis ins eigene Gewissen bespitzelt zu werden ("bespitzelt" ist hier eher im übertragenen Sinne zu verstehen), kann in Deutschland zum Glück jeder selbst entscheiden."

    Ganz genau.

    Und es ist für mich mittlerweile mehr als fragwürdig, warum nicht einfach alle, die die Kirche kritisieren, schlicht und ergreifend austreten.

    Dann kann endlich etwas Neues kommen.

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