DIE ZEIT: In einem halben Jahr wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Sie alle haben eine Einwanderungsgeschichte und sind politisch aktiv. Sind Sie zufrieden mit der Integrationspolitik der Regierung?

Agnieszka Brugger: Nein. Weil ich nicht das Gefühl habe, dass jeder unabhängig von seinem Geschlecht oder seiner Herkunft die gleichen Chancen hat. Das gilt natürlich vor allem auch für Menschen mit Migrationshintergrund. Die Politik könnte noch viel mehr tun, um mehr Chancengleichheit herzustellen. Der entscheidende Hebel ist dabei die Bildung.

Taner Ünalgan: Ich habe den Eindruck, dass es niemanden in dieser Regierung gibt, der wirklich hinter dem Thema steht und es entsprechend ernst nimmt.

Younes Ouaqasse: Ich glaube schon, dass sich sehr viel in Sachen Integrationspolitik getan hat, gerade unter der Kanzlerin Angela Merkel, es gab Integrationsgipfel und Islamkonferenzen.

ZEIT: Nervt Sie eigentlich der Begriff Migrationshintergrund?

Ouaqasse: Ich benutze den Begriff nicht gern. Seit meinem 16. Lebensjahr sage ich: Ich bin ein deutscher Europäer mit marokkanischen Wurzeln. Ich bin Deutscher, beherrsche die deutsche Sprache besser als die arabische, aber meine Wurzeln liegen in Marokko, und es ist immer gut zu wissen, wo die Wurzeln sind.

Brugger: Mich stört das gar nicht so. "Menschen mit Migrationshintergrund", das klingt doch auch nach Vielfalt, nach Bereicherung. So empfinde ich auch die beiden kulturellen Hintergründe, die ich habe. Den Großteil meines Lebens habe ich in Deutschland verbracht, und das hat mich geprägt. Ich spreche viel besser Deutsch als Polnisch. Ich fühle mich als Europäerin, in der sich das Polnische und das Deutsche treffen. Das finde ich sehr schön.

Ünalgan: Ehrlich gesagt, mich nervt das total. Und auch, dass es selbst in der SPD Leute gibt, und ich meine nicht die Sarrazins, die mich fragen, ob ich denn jetzt unter die Islamisten gegangen sei, nur weil mein Bart etwas gewachsen ist.

ZEIT: Wenn in Deutschland über Integration und Chancengerechtigkeit gesprochen wird, geht es meist um die sogenannten Bildungsverlierer, junge Menschen, die die Hauptschule ohne Perspektive verlassen. Bei Ihnen war es anders, Sie alle haben Abitur. Was könnte man aus Ihren Geschichten lernen?

Ouaqasse: Bei mir gab es einen Moment auf der Hauptschule, da hat es plötzlich klick gemacht. Ich war in der neunten Klasse, hatte mein Halbjahreszeugnis mit einem Schnitt von 3,7 in der Hand und habe mich auf einmal gefragt: Was machst du denn eigentlich in einem halben Jahr, wenn du hier raus bist?