Behindertensport im FilmTrauma, Kampf, Sieg

Zwischen Alltag und Heldengeschichte: Das Kino entdeckt den Behindertensport. von Kilian Trotier

Was für eine Gleichzeitigkeit: Da setzte die Berlinale ein Thema, Inklusion, zeigte drei Filme über behinderte Sportler, machte die Kinos da, wo es möglich war, barrierefrei, lud Bundespräsident Joachim Gauck zur Premiere von Gold ein, einem Film über drei Spitzensportler auf ihrem Weg zu den Paralympics, und dann das: Oscar Pistorius, der berühmteste von allen, die Symbolfigur des Behindertensports, soll seine Freundin umgebracht haben. Dopingmittel lagen in seiner Wohnung. Er steht vor Gericht.

Die Weltöffentlichkeit redet über einen Behindertensportler. Und die drei Filme, die den Behindertensport in die Öffentlichkeit bringen wollten, stehen auf einmal in einem ganz anderen Kontext. Als die Regisseure drehten, wollten sie eigentlich nur zeigen, wie die Sportler leben, wie sie sich quälen, wie sie mit ihren Behinderungen umgehen. Jetzt zeigen sie auch, dass diese Athleten den Behindertensport völlig anders repräsentieren als Oscar Pistorius, der für die Lichtgestalt einer ganzen Branche gehalten wurde.

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Wie aber erzählen sie ihre Geschichten? Wer sind die Sportler in Gold von Michael Hammon, in Mein Weg nach Olympia des contergangeschädigten Regisseurs Niko von Glasow und in La Piscina des kubanischen Regisseurs Carlos Machado Quintela? Helden? Besessene?

Gold, die erste Szene: Die Kamera fliegt über einen Wald, dahinter öffnet sich das Meer in all seiner Weite. Die Kamera fliegt weiter, schwenkt langsam nach unten und bleibt hängen bei einer Schwimmerin, mitten im offenen Meer. Sie krault durch den Ozean, versucht die Wellen zu besiegen. Es ist eine Metapher für all das, was da kommt. Regisseur Michael Hammon erzählt die Geschichten der behinderten Spitzensportler als klassische Heldengeschichten. Als scheinbar aussichtslosen Kampf, den sie am Ende doch gewinnen.

Die Biografien ähneln sich: Kirsten Bruhn, eine querschnittsgelähmte Schwimmerin aus Deutschland, und Henry Wanyoike, ein blinder Läufer aus Kenia, wuchsen auf wie alle anderen um sie herum. Beide machten viel Sport, beide hatten ein schreckliches Erlebnis, Bruhn stürzte mit dem Motorrad und war querschnittsgelähmt, Wanyoike erblindete, beide litten unter Depressionen, wollten nicht weiterleben. Bis sie ihren Sport wiederfanden. Seitdem wachsen sie über sich hinaus und kümmern sich nicht nur um sich, sondern auch um andere. Der dritte Protagonist, Kurt Fearnley, ein Rennrollstuhlfahrer mit verkürzten Beinen aus Australien, unterscheidet sich nur darin von den anderen beiden, dass er schon mit seiner Behinderung auf die Welt kam.

Trauma, Sport, Sieg. Das Schema ist bekannt. Aber es nutzt sich in Gold nicht ab. Weil die drei Sportler charismatische Protagonisten sind. Weil ihre Geschichten selten erzählt wurden. Und weil das Team um Regisseur Hammon – und das ist wohl das größte Verdienst seines Filmes – durch akribische Recherche bis in die Tiefen der Psyche der Athleten und ihrer Familien vordringt.

Denn nicht nur die Sportler stehen in diesem Dokumentarfilm vor der Kamera, auch ihre Eltern, ihre Freunde. Und wenn es um die Aufarbeitung des Lebens, der traumatischen Erlebnisse geht, inszenieren die Eindringlinge von außen Situationen, die Therapiesitzungen ähneln.

Da sitzen Kurt Fearnleys Eltern in einer Hollywoodschaukel in ihrem Garten und reden von seiner Geburt. "Ich habe mich so sehr auf das Kind gefreut", sagt Glen, der Vater. "Aber dann musste ich nur in die Augen meiner Frau sehen, und ich wusste, dass etwas falsch ist. Ich spürte Wut in mir, also bin ich rausgegangen und rumgelaufen. Ich war so aufgebracht, bis jemand abends sagte: Glen, es geht hier nicht um dich, es geht um deinen Sohn." Fearnleys Lippe zittert.

Da gibt es eine Kameraeinstellung, in der Kirsten Bruhn von hinten gefilmt wird, wie sie mit ihrem Rollstuhl durch einen langen Krankenhausgang fährt. Es ist das erste Mal seit ihrem Unfall, dass sie an diesen Ort zurückkommt, an dem ihr der Arzt sagte: Frau Bruhn, das mit dem Gehen, das können Sie vergessen. In einem Gespräch einen Tag vor der Filmpremiere sagte sie: "Ich hätte die ganze Arbeit an dem Film fast hingeschmissen an diesem Punkt. Der Gang zurück ins Krankenhaus, all die Erinnerungen, ich hätte es fast nicht ausgehalten."

Leserkommentare
    • stylo
    • 07. März 2013 17:27 Uhr

    Vielen Dank für die Rezension, die Lust auf die Filme macht und durch die Gegenüberstellung des Falls Pistorius einen interessanten Aspekt einbringt. Schade nur, dass Hamburger Rollstuhlfahrer diesen Film offensichtlich nicht werden sehen können:

    http://jule-stinkesocke.b...

    • ckazok
    • 10. März 2013 1:54 Uhr
    2. Danke!

    Ich habe mich einzig und allein bei Zeit angemeldet, um mich fuer diesen Artikel zu bedanken. Ein ganz grosses Danke!

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  • Schlagworte Film | Kino | Dokumentarfilm | Sportler | Behindertensport
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