Die Bundesbank ist für gewöhnlich zurückhaltend, doch was sich derzeit an den Schiffsmärkten abspielt, veranlasste Vorstandsmitglied Andreas Dombret zu einer recht deutlichen Warnung: Die Schifffahrtskrise stelle ein »beträchtliches« Risiko im Bankensektor dar, sagte er vergangene Woche vor Bankern in Hamburg. Banken, so Dombret, hätten mehr als 100 Milliarden Euro an Krediten für Schiffskäufe bereitgestellt. Die Bankenaufsicht analysiere die betroffenen Institute deshalb »seit einiger Zeit besonders aufmerksam«.

Denn die Beträge, die Reedereien für das Mieten von Schiffen zahlen müssen, sind deutlich gesunken; daher kassieren die Eigentümer – in aller Regel sogenannte Schiffsfonds – deutlich weniger als geplant. Viele können deshalb ihre Kredite nicht mehr bedienen, geschweige denn Renditen an ihre Investoren ausschütten. Auch die Schiffsfonds-Anleger trifft die Krise daher mit voller Wucht: Oft müssen sie ihr Investment komplett abschreiben. Zuletzt blieb rund 7.000 Anlegern der MPC Offen Flotte, mit 14 Schiffen einer der größten Fonds, nichts anderes übrig, als dem Notverkauf der Schiffe zuzustimmen. Von ihrem eingezahlten Geld – insgesamt rund 180 Millionen Euro – sehen sie nun wohl keinen Cent wieder. Das hieße dann: Totalverlust.

Tausenden Anlegern steht dies noch bevor. Fast 300 Fonds seien Sanierungsfälle, hat das Analysehaus Deutsche Fondsresearch ermittelt. Mehr als 150 Pleiten oder Notverkäufe wurden in den vergangenen Monaten gemeldet. »Wöchentlich gibt es neue Hiobsbotschaften«, sagt der Heidelberger Anlegeranwalt Mathias Nittel. Das Desaster ruft nun auch die Politik auf den Plan. »Es ist ein Fehler, Investitionen in Schiffe steuerlich massiv zu fördern«, sagt Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen. »Dadurch war es für die Branche ein Kinderspiel, Scharen von Anlegern anzulocken. Das hat zu erheblichen Überkapazitäten geführt.« Schick fordert deshalb eine Reform der niedrigen Tonnagesteuer für Schiffseigner.

Tatsächlich zeigt die Pleitewelle bei Schiffsfonds: Wenn der Staat mit Steuervorteilen oder anderen Subventionen lockt, sollten Anleger vorsichtig werden. Denn die Eingriffe schaffen eine künstliche Nachfrage – und bergen somit die Gefahr, dass eine Blase entsteht, deren Platzen Ersparnisse vernichtet. Was anfangs vielversprechend aussieht, kann deshalb mittelfristig zum Fehlinvestment werden. »Ich rate bei Investitionen auf staatlich beeinflussten Märkten zu größter Vorsicht«, sagt Andreas Zittlau, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Privacon in Bonn. »Es besteht die große Gefahr, dass diese Anreize Fehlallokationen auslösen.« Dieses Problem entsteht durch ein Zusammenspiel von Politik und Finanzbranche: Manager entwickeln eigens Fonds und nutzen die staatlich gesetzten Anreize gegenüber Kunden als Verkaufsargument. Wer so handelt, kann Millionen einsammeln und einen Teil davon als Verkaufsgebühren in die eigene Tasche stecken.

Nach Angaben des Analysehauses Feri haben Schiffsfondsanbieter seit 2003 mehr als 19 Milliarden Euro bei Anlegern eingesammelt. Rund 20 Prozent davon haben laut Rating-Agentur Scope Fondsanbieter und Finanzvermittler abgegriffen. Der Verkauf der Fondsanteile war oft ein Kinderspiel. »Leider werden viele Anleger sehr schnell hellhörig, wenn ihnen jemand steuerliche Vorteile in Aussicht stellt«, sagt Vermögensverwalter Zittlau. »In fast jedem Beratungsgespräch wurde das Thema von den Bankberatern angesprochen«, berichtet Anwalt Nittel, der zahlreiche geschädigte Anleger vertritt.

Die Reeder wehrten sich nicht: Weil die Fonds immer mehr Schiffe kauften und vermieteten, konnten sie ihre Flotten mit geringem Risiko vergrößern; sie waren ja nur Mieter, die Anleger hafteten für Verluste. Viele Fonds hätten auch 2007 und 2008 noch Schiffe geordert, obwohl längst klar war, dass Überkapazitäten entstehen und infolgedessen die Schiffsmieten einbrechen würden, kritisiert Nittel.

Der Investitionsboom in Deutschland sorgte maßgeblich dafür, dass nun zu viele Schiffe auf den Ozeanen kreuzen. Viel zu viele: Der Harper Petersen Index (Harpex), der die Charterraten für Containerschiffe abbildet, liegt derzeit bei weniger als 400 Punkten. Zum Vergleich: Der Durchschnitt der letzten zehn Jahre lag bei knapp 1.000 Punkten. Selbst die jüngste konjunkturelle Erholung hat also nicht für Entspannung gesorgt; zu groß sind die Überkapazitäten, die vor der Krise aufgebaut wurden.