GesellschaftskritikÜber Politikjournalismus

Alleskönner Stefan Raab "talkt" über Politik - in seiner Sendung "Absolute Mehrheit" und demnächst im Kanzlerduell zwischen Merkel und Steinbrück. Ob das gut geht? von 

Alles begann damit, dass Sabine Christiansen eines Tages aufwachte und nicht mehr Sabine Christiansen sein wollte. Zumindest nicht mehr Sabine Christiansen, die Flugbegleiterin. Also wurde sie Redakteurin, Tagesthemen-Moderatorin, Talkshow-Gastgeberin, Kanzler-Duell-Präsentatorin – sie wurde eine politische Journalistin. Bis dahin hatten im Fernsehen alte grauhaarige Männer, die immer schon alles wussten, die Welt erklärt. Nun gesellte sich also eine zierliche blonde Frau dazu, die erst einmal fragte. Die Geschichte der Sabine Christiansen ist die einer doppelten Befreiung: der Befreiung des politischen Fernsehens von der Alleinherrschaft des grauhaarigen Weltvermittlers. Und der Befreiung der Sabine Christiansen von Stewardessen-Uniform und Tomatensaft.

Gesellschaftskritik
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Klicken Sie auf das Bild, um weitere Artikel der Serie "Gesellschaftskritik" zu lesen.  |  © Frazer Harrison/Getty Images

Das Modell machte Schule. Plötzlich wollten Mars und Snickers keine Schokoriegel mehr sein – und wurden Eiscreme. Dusch- und Badegels wollten mehr können als nur schäumen und säubern – also nahmen sie, zumindest einige, die Geschmacksrichtungen Erdbeere, Schokolade und Crème Caramel an. Das Telefon wollte kein plumpes Telefon mehr sein und verwandelte sich in eine dauerpräsente Informationsflutmaschine, die ihrem Besitzer die Diktatur der Erreichbarkeit aufzwingt. Das Prinzip der Selbstbefreiung fand in Stefan Raab seinen gleichzeitigen Höhe- und Endpunkt. In jungen Jahren ließ Stefan Raab bereits Stefan Raab, den jahrgangsbesten Metzgergesellen Kölns, hinter sich und wurde Werbe-Jingle-Erfinder, Viva-Moderator, Echo-Preisträger, Eurovision-Song-Contest-Reformer, Lena-Erfinder, Wok-Weltmeister, Wachsfigur bei Madame Tussauds. Jetzt möchte Stefan Raab auch noch ein politischer Journalist werden. Das muss scheitern. Als aus der Stewardess-Christiansen die Talkshow-Christiansen wurde, war Mars nur ein Schokoriegel, Duschgel nur ein Körperreiniger, das Telefon nur Hilfsmittel zum Reden und Zuhören – und Multitasking ein Fremdwort.

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Nun leben wir in der Welt der Flexibilisierung, der Generation Praktikum und des Twitterns. Wer mithalten will, muss heute dies, morgen das können – und permanent mitteilen, was er wie warum gerade macht; muss also ein kleiner Alleskönner und Selbstvermarkter sein, sein eigener Raab. Wo jeder Stefan Raab sein muss, erreicht das Prinzip Selbstbefreiung sein Ende. Den politischen Journalisten nehmen die Leute Stefan Raab nicht ab, die Quoten seiner Sendung Absolute Mehrheit stürzen ab. Wo alle alles können, wächst die Sehnsucht nach Expertise.

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Leserkommentare
  1. Tic, tic, tic ...

    • an-i
    • 02. März 2013 19:41 Uhr

    Raab?- schlag den Raab und Basta!

  2. 3. Nein!

    Die Fernsehunterhaltung ist nicht, wo " alle alles können" sondern wo fast alle nichts können! Raab ist ne Ausnahme, er wird junge Leute zum Kanzlerduell bringen! Da werden sich die üblichen Verdächtigen mit ihren öffentlich-rechtlichen Fiffis, ihren 2 Promille und ihrem voreilenden Devotismus aber umschauen.

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  • Serie Gesellschaftskritik
  • Schlagworte Stefan Raab | Sabine Christiansen | Diktatur | Fernsehen | Mars | Praktikum
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