DIE ZEIT: Brauchen wir in Deutschland einen einheitlichen Mindestlohn?

Joachim Möller: Ja. Vor 30 Jahren hätten wir keinen gebraucht. Heute arbeitet aber eine wachsende Zahl von Arbeitnehmern ganz ohne Tarifvertrag zu skandalös niedrigen Löhnen.

ZEIT: In welcher Höhe ist ein Mindestlohn nützlich, ab wann schadet er den Arbeitnehmern und der Wirtschaft?

Möller: Man sollte sehr vorsichtig mit der Einführung beginnen. Ein zu hoher Mindestlohn zerstört Arbeitsplätze. Das gilt sicherlich, wenn er bei zehn Euro pro Stunde angesetzt wird. Auf der anderen Seite darf der Lohn nicht zu niedrig sein, denn dann nützt er den Arbeitnehmern nichts. Man sollte diese kritischen Grenzen nach oben und nach unten sehr vorsichtig ausloten.

ZEIT: Was bedeutet das in Zahlen?

Möller: In Großbritannien hat man einen sehr niedrigen Mindestlohn eingeführt, das Ganze wissenschaftlich begleitet und ihn dann vorsichtig erhöht. Überträgt man dieses Modell auf Deutschland, würde man mit etwa 7,50 Euro beginnen. Allerdings halte ich es für sinnvoll, zwischen Ost- und Westdeutschland zu unterscheiden. Denn die Bedingungen sind immer noch unterschiedlich, die Produktivität hat sich noch nicht angeglichen.

ZEIT: Warum ist es sinnvoll, zwischen Ost und West zu unterscheiden, aber nicht zwischen Städten wie Flensburg und München oder auch zwischen einzelnen Branchen?

Möller: Wir haben da einen Zielkonflikt. Auf der einen Seite wollen wir möglichst viel Transparenz. Je mehr wir differenzieren, desto undurchsichtiger wird die Sache. Das spricht also für einen einheitlichen Mindestlohn. Auf der anderen Seite aber sollten wir klar sichtbare Produktivitätsunterschiede berücksichtigen. Und die sind nun mal zwischen Ost und West immer noch deutlicher zu sehen als zwischen Nord- und Süddeutschland.

ZEIT: Also brauchen wir einen zweigeteilten Mindestlohn. In welcher Höhe könnte sich der dann einpendeln?

Möller: Nehmen Sie Zeitarbeiter als Anhaltspunkt. Die bekommen 8,19 Euro im Westen und 7,50 Euro im Osten. Das ließe sich vertreten. Dass Jobs durch Einführung eines vorsichtigen Mindestlohns verloren gehen, ist nicht festzustellen. Im Gegenteil: Offene Stellen können dann manchmal sogar leichter besetzt werden. Gleichzeitig steigen die Bindung der Menschen an den Arbeitsplatz und ihre Produktivität. Leute, die sehr schlecht bezahlt werden, sind auch nur schwer zu halten.

ZEIT: Wer sollte eigentlich die Lohnhöhe festsetzen?

Möller: In Großbritannien macht das eine unabhängige Kommission. Die besteht aus Arbeitnehmervertretern, Arbeitgebervertretern und Wissenschaftlern, und sie hat sogar einen eigenen Etat. Sie kann beispielsweise Studien in Auftrag geben, um die Lage in bestimmten Regionen oder Branchen zu untersuchen. Auf der Basis bildet sie sich dann eine Meinung über die richtige Lohnhöhe, und es redet auch keiner von außen rein. Bisher ist die Kommission immer zu einheitlichen Empfehlungen gekommen. Diese britische Lösung ist attraktiv.

ZEIT: Warum hat sich hierzulande die Stimmung gewandelt, warum sind heute immer mehr Wissenschaftler und Politiker für einen Mindestlohn?

Möller: Nicht zuletzt, weil viele Studien gezeigt haben, dass richtig eingeführte Mindestlöhne keine Arbeitsplätze vernichtet haben. Außerdem hat die Lohnspreizung hierzulande so stark zugenommen wie in sonst keinem anderen Industrieland. Deswegen haben viele das Gefühl, dass bei uns die soziale Gerechtigkeit zu kurz kommt.