Lieber Wolfgang S., Sie haben mir einen Brief geschrieben. Ich bekomme viele Briefe, meist nette. Leider kann ich nicht alle beantworten. Ihr Brief aber ist so eigenwillig in seinem Ton, dass ich darauf reagieren muss. Sie schreiben: "Ihr jahrelanger Zigarettenkonsum hat ihnen ihr Hirn vernebelt. Ihre persönliche Meinung zur EU hat auf diese völlig ausrastende und somit indiskutable Art den Höhepunkt erreicht. Diesen primitivsten Stil einer Kolumne will ich im Zeitmagazin nicht haben. Sie sind sehr krank und brauchen einen Psychotherapeuten."

Lassen Sie uns nicht darum herumreden, Wolfgang: Ihr Brief ist ein wenig grob. Sie sind wütend und möchten mir wehtun, nicht wahr? Ihr Hinweis auf mein Laster, das Rauchen, lässt allerdings erkennen, dass Sie meine Kolumne trotz Ihres Ärgers regelmäßig lesen. Ihr Rat, ich solle einen Arzt aufsuchen, der mich von meiner Meinung kuriert, zeigt mir, dass Sie die Hoffnung in mich, trotz allem, nicht ganz aufgegeben haben. Das freut mich. Ob ein Psychotherapeut wirklich in der Lage ist, die Meinung seiner Patienten zu europapolitischen Fragen zu beeinflussen, weiß ich nicht.

Was habe ich überhaupt zur EU geschrieben? Ehrlich gesagt, ich erinnere mich nicht genau. Was Sie an meinen Ansichten so wütend macht und den Wunsch auslöst, mir Schmerz zuzufügen, sagen Sie mir ja leider nicht. Das sollten Sie beim nächsten Mal, wenn Sie jemandem schreiben, unbedingt tun, Wolfgang. Wenn ein Mensch Sie ärgert, sagen Sie nicht: "Du bist ein Depp und ärgerst mich." Damit kann der andere nichts anfangen. Sagen Sie: "Aus dem und dem Grund bist Du ein Depp, dies und jenes ärgert mich an Dir." So wird Dialog möglich. Wie soll der Depp seinen Fehler denn einsehen, wenn Sie ihm gar nicht erklären, warum er ein Depp ist? Versuchen Sie, immer nur in gelassenem Seelenzustand zu schreiben. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Aber Sie sind doch mit Ihrer Frau nach Santiago de Compostela gewandert, Ihr sehr schönes Tagebuch mit den tollen Fotos steht im Internet. Sie müssen ein spiritueller Mensch sein. Denken Sie an die meditierenden Mönche auf den Pilgerpfaden des Mittelalters. Was haben diese Menschen nicht alles erduldet, Hunger, Verfolgung, sogar Folter, und doch haben sie ihre Gelassenheit nicht verloren. Das können Sie auch, Wolfgang. Es ist doch nur eine Kolumne.

Ich möchte nicht belehrend wirken, aber, schauen Sie, man kann unmöglich irgendeine Meinung äußern, zur EU, zur Frauenfrage, zur Rasenpflege, was auch immer, ohne dass andere Menschen ganz entschieden gegenteiliger Ansicht sind. Das müssen wir aushalten, Sie, ich, der EU-Kommissar, jedes vernunftbegabte Geschöpf muss das aushalten. Die Menschen denken und empfinden so unterschiedlich – liegt nicht gerade darin, in dieser Verschiedenheit, ein wunderbarer Reichtum? Eine Lösung bestünde allenfalls darin, dass wir einander unser Leben lang anschweigen. Ich mache, in meiner Kolumne, nur Vorschläge, fehlerhafte, unvollkommene Vorschläge, gewiss. Ich bin ein Staubkorn im Kosmos. Seien Sie unbesorgt, die Gefahr, dass meine Ideen von irgendwem sofort in die Tat umgesetzt werden, ist sehr gering. Vielleicht treffen wir einander einmal und können unsere interessante Konversation fortsetzen. Auch ich wandere gern. Nur in einem Detail muss ich Ihnen, mit allem Respekt, widersprechen, mein Freund. Nikotin hat, den Verstand betreffend, keine vernebelnde, sondern eine eher anregende Wirkung. Deshalb fällt es mir so schwer, dieses Laster aufzugeben.

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