MartensteinÜber einen zornigen Leserbrief und die Vorzüge der Gelassenheit

Hat sich Harald Martenstein sein Hirn vernebelt? Ein Leser meint: Ja! Hier ist die Antwort unseres Kolumnisten. von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Lieber Wolfgang S., Sie haben mir einen Brief geschrieben. Ich bekomme viele Briefe, meist nette. Leider kann ich nicht alle beantworten. Ihr Brief aber ist so eigenwillig in seinem Ton, dass ich darauf reagieren muss. Sie schreiben: "Ihr jahrelanger Zigarettenkonsum hat ihnen ihr Hirn vernebelt. Ihre persönliche Meinung zur EU hat auf diese völlig ausrastende und somit indiskutable Art den Höhepunkt erreicht. Diesen primitivsten Stil einer Kolumne will ich im Zeitmagazin nicht haben. Sie sind sehr krank und brauchen einen Psychotherapeuten."

Lassen Sie uns nicht darum herumreden, Wolfgang: Ihr Brief ist ein wenig grob. Sie sind wütend und möchten mir wehtun, nicht wahr? Ihr Hinweis auf mein Laster, das Rauchen, lässt allerdings erkennen, dass Sie meine Kolumne trotz Ihres Ärgers regelmäßig lesen. Ihr Rat, ich solle einen Arzt aufsuchen, der mich von meiner Meinung kuriert, zeigt mir, dass Sie die Hoffnung in mich, trotz allem, nicht ganz aufgegeben haben. Das freut mich. Ob ein Psychotherapeut wirklich in der Lage ist, die Meinung seiner Patienten zu europapolitischen Fragen zu beeinflussen, weiß ich nicht.

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Was habe ich überhaupt zur EU geschrieben? Ehrlich gesagt, ich erinnere mich nicht genau. Was Sie an meinen Ansichten so wütend macht und den Wunsch auslöst, mir Schmerz zuzufügen, sagen Sie mir ja leider nicht. Das sollten Sie beim nächsten Mal, wenn Sie jemandem schreiben, unbedingt tun, Wolfgang. Wenn ein Mensch Sie ärgert, sagen Sie nicht: "Du bist ein Depp und ärgerst mich." Damit kann der andere nichts anfangen. Sagen Sie: "Aus dem und dem Grund bist Du ein Depp, dies und jenes ärgert mich an Dir." So wird Dialog möglich. Wie soll der Depp seinen Fehler denn einsehen, wenn Sie ihm gar nicht erklären, warum er ein Depp ist? Versuchen Sie, immer nur in gelassenem Seelenzustand zu schreiben. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Aber Sie sind doch mit Ihrer Frau nach Santiago de Compostela gewandert, Ihr sehr schönes Tagebuch mit den tollen Fotos steht im Internet. Sie müssen ein spiritueller Mensch sein. Denken Sie an die meditierenden Mönche auf den Pilgerpfaden des Mittelalters. Was haben diese Menschen nicht alles erduldet, Hunger, Verfolgung, sogar Folter, und doch haben sie ihre Gelassenheit nicht verloren. Das können Sie auch, Wolfgang. Es ist doch nur eine Kolumne.

Ich möchte nicht belehrend wirken, aber, schauen Sie, man kann unmöglich irgendeine Meinung äußern, zur EU, zur Frauenfrage, zur Rasenpflege, was auch immer, ohne dass andere Menschen ganz entschieden gegenteiliger Ansicht sind. Das müssen wir aushalten, Sie, ich, der EU-Kommissar, jedes vernunftbegabte Geschöpf muss das aushalten. Die Menschen denken und empfinden so unterschiedlich – liegt nicht gerade darin, in dieser Verschiedenheit, ein wunderbarer Reichtum? Eine Lösung bestünde allenfalls darin, dass wir einander unser Leben lang anschweigen. Ich mache, in meiner Kolumne, nur Vorschläge, fehlerhafte, unvollkommene Vorschläge, gewiss. Ich bin ein Staubkorn im Kosmos. Seien Sie unbesorgt, die Gefahr, dass meine Ideen von irgendwem sofort in die Tat umgesetzt werden, ist sehr gering. Vielleicht treffen wir einander einmal und können unsere interessante Konversation fortsetzen. Auch ich wandere gern. Nur in einem Detail muss ich Ihnen, mit allem Respekt, widersprechen, mein Freund. Nikotin hat, den Verstand betreffend, keine vernebelnde, sondern eine eher anregende Wirkung. Deshalb fällt es mir so schwer, dieses Laster aufzugeben.

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Leserkommentare
    • Kometa
    • 28. Februar 2013 11:16 Uhr

    "Wolfgang" als Absender?
    Da hat Her Martenstein Glück gehabt, dass nicht ein anonymer Schreiber hinter dem miefigen Leserbrief steckte. Oder einer, der falschen Namen und falsche Adresse angab.

    So war die briefliche Erleuchtung des "Santiago"-Wanderes sicherlich eine wunderbar-wunderliche Frucht eines Leser, der Satire-Elemente nicht von real-bezogenen in den Komumnen unterscheiden konnte.

    • H_Krebs
    • 28. Februar 2013 14:21 Uhr

    Merken wir eigentlich, wie die Gleichschaltung unserer Meinungen zum politisch korrekten Vernunftkonsens in Verbindung mit Handlungs- und Sprechvorschriften die Abweichung, den Unterschied, das Lebendige, kurzum die Freiheit abschafft. Kinderbücher werden gesäubert von Neger und Hexen. Es darf nicht mehr heißen: "Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann?" sondern "vorm Gelben U-Boot?" Ich pilgre nicht nach Santiago. Danke Martenstein!

  1. Wieder einmal sitze ich mit einem Espresso vor Ihrer Kolumne, die ich dieses Mal mit Bleistiftskizzen verschandelt habe. Ich hoffe, Sie entschuldigen, dass ich Ihr Werk in meiner Fassung bewerte. Ich oute mich hiermit erneut als Kaffeejunkie und schätze Ihre Offenheit, die eigene Tabakabhängigkeit kund zu tun. Dreiviertel aller Raucher würden gerne aufhören (Sie gehören stolz zu der Minderheit!) - und nur weniger als 5% schaffen einen Entzug ohne professionelle Hilfe. Braucht nicht jeder einmal im Leben Hilfe? Nikotin soll in der Tat harmonisierend, beruhigend, antriebs- und konzentrationssteigernd wirken. Ich mag den Satz "nur in gelassenem Seelenzustand zu schreiben" (die "Rasenpflege" folgt nach meinem Geschmack zu rasch hinter der "Frauenfrage"!). Aber ich möchte lieber bei dem Thema Abhängigkeit als beim Geschlechterkampf bleiben. Ein Raucher darf die Anti-Raucher-Pille schlucken und vergewaltigte Frauen dürfen mit dem Segen der Bischöfe die Antibabypille schlucken, sofern die Eizelle noch nicht befruchtet ist. Wie krank ist das? Lieber Herr M., in diesem Sinne überlasse ich Ihnen Ihre Entscheidungsfreiheit, Ihren eigenen Körper zu schädigen. Alternativ schenke ich Ihnen ein Bild, wie es in der Hypnose üblich ist: stellen Sie sich bitte bei Ihrer nächsten Zigarette vor, dass Sie Asche im Mund schmecken. Küsse schmecken doch ohne Nikotin viel besser! Glaube, Liebe und Hoffnung sollten nie aufgegeben werden. Wollen Sie nicht eigentlich doch Nichtraucher werden? LG WW

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "... (die "Rasenpflege" folgt nach meinem Geschmack zu rasch hinter der "Frauenfrage"!). ..."
    Nee, nee, das ist schon richtig so. Sie haben nur die Ironie nicht...

    • deDude
    • 28. Februar 2013 16:00 Uhr

    http://www.zeit.de/2013/0...

    Sie sind aber auch ein schlimmer Finger (wegen der eigenen Meinung, sowas gehört verboten!) ;-)

    • Nest
    • 28. Februar 2013 17:25 Uhr

    ...fühle ich mich jetzt ermutigt, einen Leserbrief zu schreiben.
    Vielleicht komm ich dann auch mal in die Zeitung.
    (*_*)
    Aber es muss wohl ein böser Brief sein.

  2. Kein Wunder, dass Wolfgang S. Jakobspilger ist: Die Religionen geben vor, welche Lust erlaubt ist und welche nicht, um Macht über die Menschen ausüben zu können. Zu den Lüsten gehörte von jeher auch der Drogenkonsum, wie z.B.der Gebrauch von Cannabis, den Papst Innozenz VIII. in seiner "Hexenbulle" von 1484 untersagte. Ver-und Gebote gehören zum Lebenselixier aller Religionen, sie sind ihr Daseinszweck und werden durch die freiheitliche Selbstbestimmung des Einzelnen in Frage gestellt.
    Zumindest beim Rauchverbot kann also, was den säkularen Staat hierzulande angeht,von der von Ratzinger beschworenen "Gefahr des Relativismus" keine Rede mehr sein.

    Ich als Nichtraucher begrüße es zwar schon, dass nicht mehr überall geraucht werden darf, aber wollen wir irgendwann einen Polizei-Staat des Gesundheitswahns,der uns richtiges Essen und Trinken etc vorschreibt, einen Staat, in dem, überspitzt formuliert, Menschen nicht mehr an Lungenkrebs sterben, sondern an Lungenentzündung?
    "Die Dicken sterben früher, aber sie essen länger." (Stanislaw Jerzy Lec)
    "Solange man nicht die Moral des Christentums als Kapitalverbrechen am Leben empfindet, haben dessen Verteidiger gutes Spiel." Nietzsche

  3. Ich bin zwar Nichtraucher, aber ich werde die Freiheit von Herrn Martenstein, zu rauchen, verteidigen, indem ich mit spitzer Zunge auf Putz der Rechthaberei haue.

    • Mari o
    • 02. März 2013 0:54 Uhr

    In meiner Straße hat eine Therapeutin die »Radikale Vergebung nach Tipping« im Programm. so Martenstein letzte Woche.
    ich könnte mir vorstellen:Martenstein macht bei der Dame ´ne Terrapi,die ihm auch immer zur Gelassenheit rät:"atmen Sie ruhig.
    einatmen ausatmen usw."
    Beethoven soll sich beim Komponieren eiskaltes Wasser über´n Kopf gegossen haben.Der konnte sich und niemandem was vergeben.aber wir müssen das,sonst kriegen wir´n eins drüber

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Europäische Union | Arzt | Brief | Folter | Hoffnung | Internet
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