Ingenieure : Haltet die Ingenieure

Nirgendwo gibt es so viele Studienabbrecher wie in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern. Die Unis sollten mehr tun, um das zu ändern.

Es hätte eine Erfolgsmeldung für die Ingenieurwissenschaften, für die ganze Branche werden können: 115800 Studienanfänger begannen 2011 ein ingenieurwissenschaftliches Studium, ein deutlicher Anstieg zum Vorjahr, wo es noch 93417 waren. Es hätte: Wäre da nicht diese andere Zahl, die je nach Fach variiert – aber im Grunde immer auf rund 50 Prozent hinausläuft: Jeder zweite, der hoffnungsvoll in ein ingenieurwissenschaftliches Studium startet, bricht es nach ein paar Semestern wieder ab. 48 Prozent Abbrecher ermittelte das Hochschul-Informations-System (HIS) für die Ingenieurwissenschaften. In den Fachrichtungen Maschinenbau und Elektrotechnik geben sogar 53 Prozent aller Bachelorstudenten an Universitäten auf, die meisten nach zwei Semestern. Und Abbruch bedeutet in diesem Fall nicht, dass die Studenten sich umschreiben, sondern Hochschule und Ingenieurausbildung ganz verlassen haben.

Wie viele Ingenieure wirklich gebraucht werden, ist umstritten – aber viel deutet darauf hin, dass der Markt für Ingenieure weiter wächst. Bei der Bundesagentur für Arbeit sind 12.000 offene Stellen gemeldet. Der demografische Wandel und Fachkräftemangel werden für zusätzlichen Bedarf an Ingenieuren sorgen, zumal gerade Branchen für Ingenieure zulegen, zum Beispiel die alternativen Energien.

Die häufigsten Gründe für den Studienabbruch sind Schwierigkeiten mit den Studienanforderungen und fehlende Motivation, ermittelte jüngst das HIS im Auftrag des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Am wahrscheinlichsten wird ein Studienabbruch, wenn mehrere Risikofaktoren zusammentreffen. Besonders gefährdet ist zum Beispiel ein Fachhochschüler ohne Mathe- oder Physik-Leistungskurs, der nach seinem Schulabschluss erst eine Ausbildung gemacht hat, dann gearbeitet hat und im Studium zuerst nur abstrakte Grundlagenvorlesungen besuchen muss und den Anschluss verliert. Selbst schuld könnte man meinen. Und tatsächlich glaubt laut HIS rund die Hälfte des befragten Hochschulpersonals das auch. Wer es nicht schafft, war demnach nicht geeignet. Das mag im Einzelfall stimmen. Eine hohe Abbrecherquote verweist allerdings auch nicht auf eine hohe Qualität der Ausbildung. Zum Vergleich: Bei Medizin beträgt die Abbrecherquote neun Prozent. Niemand wirft deshalb den Unis vor, das medizinische Staatsexamen sei leicht zu haben. Der Abbrecher mit Fachhochschulabschluss und Ausbildung wäre vielleicht ein guter Ingenieur geworden, hätte er nur seine Mathe-Kenntnisse rechtzeitig auffrischen können. Das aber ist Aufgabe der Hochschulen. Erste Bemühungen in diese Richtung gibt es schon.

Selbsttest

Bei Online-Selbsttests können Interessenten prüfen, ob sie für ein Fach geeignet sind und welches Wissen ihnen noch fehlt. Die Tests werden von einigen Hochschulen angeboten, darunter Hamburg und Nürnberg. Die Teilnahme ist in der Regel kostenlos und anonym, manchmal müssen Bewerber allerdings bei der Einschreibung nachweisen, dass sie teilgenommen haben.

Einstellungsgespräche

Die Technische Universität Darmstadt beispielsweise wählt ihre Studenten schon vor dem Studium aus. Alle Bewerber, deren Schnitt schlechter ist als 1,7 und besser als 2,8, werden zu einem etwa halbstündigen Gespräch eingeladen. Vor einem Professor, einem wissenschaftlicher Mitarbeiter und einem Vertreter der Fachschaft müssen sie begründen, warum sie ein bestimmtes Fach studieren wollen. Professoren und Studienanfänger sollen sich so schon kennenlernen und einander verpflichtet fühlen, denn nimmt der Professor den Bewerber auf, wird er auch dessen Mentor.

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Kommentare

112 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

Sie vergreifen sich im Ton.

"Nur zu Ihrer Information, Herr Abiturient, ist der Mathematik-Unterricht der Oberstufe in den restlichen Bundesländern identisch aufgebaut."
Sie hängen den Wert vom Abschluss nur am Mathematikunterricht auf oder wie soll ich das verstehen? Schön - mein Gymnasium war ein Humansitisches, mit Fokus auf Latein und Alt-Griechisch.

"Ihrem Kommentar kann man nur entnehmen, dass Sie vor Unwissenheit strotzen und keinerlei Empathie besitzen." - Aber sonst gehts Ihnen noch gut?

"Vielleicht möchten auch nicht ein jeder Abiturient, der in einem anderen Bundesland ein Gymnasium besucht hat und ein jeder Lehrer, der dort lehrt, Ihre Leistungen pauschal "herabgewürdigt wissen". - Sie würdigen also niemandes Leistung herab, wenn sie sagen, dass das Abitur zu leicht zu bekommen ist, sprich "zu leicht ist, und es als solches kaum noch Aussagekraft hat"? - Ich verstehe ihren Gedankengang nicht. Sie werfen damit doch alle in einen Topf, ob Meckelnburg-Vorpommern oder Bayern - Schüler wie Lehrer. Sie sagen das Gleiche.

Und so wie sie meine Worte auslegen habe ich das im Übrigen sowieso nicht gemeint. Nur weil ich sage, dass das Abi im Norden !vielleicht! einfacher (im Vergleich zu Baden- Württemberg) ist, heißt das noch lange nicht, dass ich es als generell einfach betrachte.

Tja, wird jeder Historiker?

"Sie hängen den Wert vom Abschluss nur am Mathematikunterricht auf oder wie soll ich das verstehen? Schön - mein Gymnasium war ein Humansitisches, mit Fokus auf Latein und Alt-Griechisch."

Womit wir beim Problem wären. Eben das Niveau des Mathematikabschlusses bestimmt eben den Erfolg in MINT. Man schaue einfach einmal wo das Schulwissen aufhört. Schreiben sie mal eine Jahreszahl dran. Da oft argumentiert wird, Latein würde das strukturierte Denken fördern, warum macht man dann nicht gleich Mathematik, die Strukturwissenschaft schlechthin.

Nein, nicht jeder wird Historiker

Aber ich wollte schon immer Latein lernen, deshalb bin ich auf dieses Gymnasium gegangen. Es mag wohl stimmen, dass das vermittelte mathematische Wissen auf einem normalen Gymnasium nicht ausreicht, aber warum geht man dann nicht auf ein Gymnasium mit Naturwissenschaftlicher Ausprägung. Nicht jeder weiß so früh, was er mal machen will, das ist mir bewusst, aber dennoch ein gangbarer Weg. Und mein Abi wird durch fehlende mathematische Fokussierung nicht weniger wertvoll, ich kann es nicht oft genug wiederholen.

Damit machen sie es sich zu einfach

Zum einen wer über den zweiten bildungsweg zum Studium kommt, kann wohl kaum ein zu schlechtes Abitur gehabt haben.

un zweitens, auch wenn es sein mag, dass die Abiturstandards fallen (wahrscheinlich aber nur subjektiv, nach dem Motto früher war alles besser)
der Grund dafür, dass die Hälfte der Ingineurstudenten abricht und Studienverweigerer wird nicht einfach das Studienfach wechselt, kann das wohl nicht sein.

Mein Eindruck von meiner Studienzeit (E-Technik) ist, dass den Professoren überwiegend völlig egal war, wer und wieviel ihrere Studenten bestehen. Viel mehr noch, dass eine hohe Durchfallquote stellvertretend für Qualität steht und somit das Problem immer beim Studenten zu suchen war.

Es fehlte auch die Einsicht, dass wenn im Folgejahrgang die drei schwersten Fächer alle im ersten Semester gelehrt werden, die Zweitklausurquote und folglich Durchfallquote dann nicht wegen schlechterer Studenten steigt.

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Ein völlig anderes Verständnis ist mir in den USA begegnet. Aufgrund der Studiengebühren hat der Student quasi ein Kundenstatus, und wird dementsprechend behandelt. D.h. die Uni & Professoren sind bemüht, dass man besteht.

Zugegeben, die Anforderungen sind wahrscheinlich teilweise niedriger als in Deu, aber dafür sind die Studieninhalte deutlich dichter zur Wirtschaft und wahrem Leben und mit echtem Nutzwert, was ich von meinen E-Technikstudium bisher nicht behaupten kann.

Ein Physiker der keine lineare Algebra braucht???

Einerseits richtig, wenn die Abiturienten keine quadratischen Gleichungen mehr lösen können, dann ist das nur konsequent.

Andrerseits erlebe ich es immer wieder wie Leute ohne vernünftige Grundlage, an komplexeren Themen scheitern. In den meisten Fällen sind das Softwareentwickler die kein klassisches Informatikstudium absolviert haben, sondern einen der ganz schicken, modernen, "praxisorientierten" oder gar "dualen" Ausbildungsgänge.
Das Konzept sieht eine Weile hervorragend aus, aber sobald es ein bißchen komplizierter wird und Probleme auftauchen die dann auch erfordern theoretische Konzepte zu diskutieren, fehlt den Kollegen einfach die Grundlage. (Manche gleichen das durch Intelligenz, offenes Nachfragen, Initiative und schnelle Begriffsfähigkeit wieder aus, aber das Problem bleibt bestehen:

Diese ganzen "praxisorientierten" und "interdisziplinären" Ausbildungen produzieren Leute die in der Lage sind Erkenntnisse eines Fachgebiets in anderen Bereichen anzuwenden, aber solche Erkenntnisse in keinem Fachgebiet hervorbringen können.

Natürlich kann man ohne Mathematik keine Physik betreiben

Ich habe ja auch nicht gesagt, daß ein Physiker keine Lineare Algebra braucht. Er braucht sie aber in aller Regel nicht in der gleichen Tiefe, wie sie ein Mathematiker gelehrt bekommt.

Den 1-2%, die später mal theoretische Forschungen betreiben wollen, wo tiefere Kenntnisse in dieser Fertigkeit gefragt sind, sollen sich auch gerne ausführlicher damit besfassen. Der Rest braucht den Bronstein.

Ich fage aber schon, warum die Ausbildung in den MINT Fächern ohne nähere Begründung dermaßen nach Schema F ablaufen muß, wie es zunehmend der Fall ist. Starre, verschulte Lehrpläne sind eine Erfindung der letzten 3 Jahrzehnte an den Universitäten. Früher ging's auch ohne und es kamen trotzem mehr Nobelpreisträger heraus.

Man konnte z.B. Thermodynamik langweilig finden und ich kenne Physiker, die nach eigenem Erzählen in den 60er/70er Jahren noch in die mündliche Prüfung in marschiert sind und den Dialog mit dem Hinweis "Über Thermodynamik brauchen Sie mich nichts fragen" eröffnet haben. Die Professoren nahmen darauf Rücksicht und es sind trotzdem gute Physiker herausgekommen. Heute ein Ding der Unmöglichkeit.

Komisch oder realisitisch?

Gerade die Quantenmechanik ist eigentlich ein ganz schlechter Ausgangspunkt für ein Plädoyer zugunsten einer verschulten Studiengestaltung heutiger Art.

Viele ihrer Mitbegründer hatten für heutige Verhältnisse ausgesprochene Schmalspurausbildungen. Den mathematischen Teil zu Heisenberg's Arbeiten in den 20er Jahren trugen z. B. im Wesentlichen Born und Jordan bei, weil Heisenberg - obwohl mathematisch sicher kein Idiot - das Rüstzeug dafür fehlte. Born war Physikprofessor geworden, obwohl er von der Ausbildung her eigentlich Mathematiker war und dabei während seines Studium definitv keinem Curriculum heutiger Art folgte.

http://www.spektrum.de/al...

Man kann sogar vermuten, daß die Physik sich in den letzten 50 Jahren gerade gerade deshalb so festgefahren hat und keine wirklich revolutionären Durchbrüche mehr erzielt wurden, weil den Studenten durch die verschulte Ausbildung nicht mehr beigebracht wird, das Pferd von vorne auszuzäumen: Erst nach neuen Ideen zu suchen (Antworten auf die Warum-Fragen) und sie dann versuchen in Gleichungen zu gießen. Statt dessen stellt man (siehe SM) erst Gleichungen auf und sucht dann nach Erklärungen für die Bedeutung der einzelnen Terme. Das ist natürlich zulässig, man kann sich aber leicht jahrzehntelang in einem Holzweg verrennen, wenn man sich allein darauf kapriziert.

Einzelne Biografien sagen überhaupt nichts

Unter den 'Großen der Theoretischen Physik' gab es sowohl große Formalisten (Dirac, Born, P.Jordan, Bogoljubov) die oft von der Mathematik kamen und so ihre wegweisenden neuen Ideen fanden, als auch physikalische Denker am Objektmodell wie Einstein (Elektrodynamik bewegter Körper), Heisenberg (Heisenbermodell des Festkörpermagnetismus) oder L.D.Landau (Landau- (Ginzburg-) Theorie) . Aber natürlich mußte und muß noch immer auch die zweite Gruppe mathematisch versiert sein, jedenfalls auf höherem Niveau als die Mathematikvorlesung für Physiker heute erfordert . Ohne die Fähigkeit zu haben, in Formalismen zu denken, geht es einfach nicht mehr. Bei Vielen ist es gar nicht möglich zwischen Mathematik und Theor. Physik zu trennen, z.B. bei Emmy Noether.