Silvio Berlusconi © REUTERS/Remo Casilli

Warum ist Italien anders? Wer Wahlen gewinnen will, heißt es in den meisten Ländern, muss die Mitte der Gesellschaft ansprechen. In Italien gilt das offenbar nicht. Bei den jüngsten Wahlen gewonnen haben der zum Politiker gewandelte Komiker Beppe Grillo und Silvio Berlusconi. Zusammen kommen sie auf rund 58 Prozent der abgegebenen Stimmen. Beide sind auf ihre Weise extrem, sie sind unseriös und exzentrisch, sie verkörpern das glatte Gegenteil von Maß und Vernunft, von Konsens und Common Sense .

In Italiens Mitte klafft ein riesiges Loch. Es herrscht dort eine Leere, die jeden verschlingt, der in ihre Nähe kommt. Mario Monti ist nur das letzte prominente Opfer dieser italienischen Besonderheit. Er predigte im Wahlkampf Pflichtgefühl, Verantwortung und Sachpolitik. Monti bekam dafür neun Prozent der Stimmen. Pierluigi Bersani, der Kandidat der Mitte-links-Partei PD, vermied wie Monti alle populistischen Töne und präsentierte sich als Mann der Zuverlässigkeit. Die Sparpolitik Montis wollte er mit sozialen Korrekturen ergänzen, doch im Kern verteidigte er sie.

Je vernünftiger Bersani jedoch redete, je deutlicher er sich in der Mitte zu positionieren versuchte, desto mehr schwand die Zustimmung der Wähler. Am Ende reichte es noch für einen Sieg in einem der beiden Häuser des Parlaments, in der Abgeordnetenkammer. Zwei Monate vor den Wahlen lag Bersani in Umfragen noch bei 47 Prozent, am Ende kam er auf knapp 30 Prozent. Es ist ein niederschmetterndes Ergebnis.

Es lässt sich vieles sagen über die Schwächen der Politiker Monti und Bersani, doch man kann nicht bestreiten, dass sie das Gemeinwohl Italiens ins Zentrum ihres Wahlkampfes stellten. Ist gerade das der Grund, warum sie verloren haben? Das Gemeinwohl scheint in Italien nicht mehrheitsfähig zu sein. Das "Interesse des Landes" interessiert nur eine Minderheit.

Interesse kann man freilich nur für etwas empfinden, was es wirklich gibt. Italien aber gibt es nicht. Es gibt viele verschiedene Italien, den reichen Norden, den armen Süden; es gibt traditionsbewusste Regionen, stolze Städte, auf ihrer Eigenart beharrende Provinzen – das eine, das einzige Land Italien aber, das existiert nicht; es hat nie existiert.

Als Italien nach mehreren Unabhängigkeitskriegen 1861 endlich von Norden bis Süden geeint wurde, soll der Architekt dieser Einigung, der Piemontese Graf Camillo Cavour, gesagt haben: "Jetzt, da wir Italien geschaffen haben, müssen wir die Italiener erschaffen!" Die geeinte Nation war ein großes Modernisierungsprojekt. Die Grenzen des Landes waren festgeschrieben; es ging jetzt darum, ihm seine innere Form zu geben. Was bedeutet es für einen Sizilianer, Italiener zu sein? Was verbindet einen Sarden mit einem Venezianer? Und warum soll ein Piemontese sein hart erarbeitetes Geld mit einem Kalabresen teilen? So wurde die Frage nach dem Gemeinwohl plötzlich sehr konkret. Es war eine Herkulesaufgabe, dafür einen Sinn zu wecken.

Der einzige Akteur, dem man das allenfalls zutrauen konnte, war der Staat. Nur er verfügte über die Mittel, um dieses so vielgestaltige Volk davon zu überzeugen, dass es vorteilhafter war, Bürger Italiens zu sein als etwa Untergebener eines Fürstentums oder des päpstlichen Kirchenstaats. Der Staat musste also mit anderen, traditionellen Machtzentren und Autoritäten des Landes in Konkurrenz treten – mit Stadtstaaten und Provinzen, mit Familien, mit Clans, mit der Mafia. Er musste mehr leisten, er musste mehr Wohlstand garantieren, mehr Frieden, mehr Sicherheit, mehr Rechte zur Verfügung stellen, um diesen Kampf zu gewinnen.