CDU für die Homo-Ehe: Die Jenachdemerin
Angela Merkel hat so viele Wenden vollzogen, dass ihre Partei nicht mehr weiß, wo sie war, steht und hinwill.
Opportunist ist ein hässliches Wort. Wilhelm Busch hatte ein viel schöneres: Jenachdemer. Reformpolitik, Familienbild, Wehrpflicht, Atomenergie und nun noch schnell die Homo-Ehe. Fünf große Wendemanöver hat Angela Merkel in ihren Jahren als CDU-Chefin hingelegt, die vielen kleinen Volten beim Euro oder, aktuell, beim NPD-Verbot nicht mitgerechnet. Was für ein merkwürdiger Kontrast zu dem Klischee von der Physikerin, die angeblich immer alles vom Ende her denkt. Den meisten Politikern hätten die Wähler das übel genommen, Merkel hingegen ist zur beliebtesten Politikerin des Landes aufgestiegen.
Sie ist eine begnadete Jenachdemerin.
Kann man einem Politiker vorwerfen, wenn er das Richtige auf falsche Weise tut, oder ist das reine Stilkritik? Schließlich ist Merkel ja immer zur "richtigen" Seite umgefallen, in den Mainstream hinein, der Mehrheit in die Arme, sie hat also nicht nur sich genützt, sondern vielen. Ist das nicht Demokratie?
Die Grenzen zwischen Opportunismus und Pragmatismus sind bekanntlich fließend, aber die atemberaubende Kurskorrektur, die die CDU binnen acht Wochen bei der Homo-Ehe vornimmt, erweckt den Eindruck: Hier ist nicht kühner Merkelliavismus am Werk, hier regiert die Panik vor dem Wahltag. Wenn es stimmt, dass Glaubwürdigkeit eine langsam nachwachsende Ressource der Politik ist, sind die Wenden der Kanzlerin nicht nur ein Fall für die Stilkritik. Dann könnte sich die Wende bei der Homo-Ehe als die eine Wende zu viel erweisen – mag sie in der Sache noch so richtig sein. Merkels innere Führungskraft erodiert womöglich in dem Maße, in dem ihre Beliebtheit steigt.
Merkel ist in all den Jahren immer beliebter geworden, immer souveräner, immer besser also nach den messbaren Kriterien der Politik. Ihre Wenden aber sind immer schlechter geworden, immer begründungsärmer, immer selbstgenügsamer. Inzwischen bewegt sie sich zwischen Kohlscher Bräsigkeit und Schröderschem Basta.
Merkels erste Wende war ihre beste. In ihrer Anfangszeit als Vorsitzende modernisierte sie den Familienbegriff der Union, erklärte ihrer Partei geduldig, warum das im besten Sinne bürgerlich sei. Das war ein Abräumen im Guten: Die CDU vollzog als Volkspartei stellvertretend für einen Teil der Bevölkerung nach, was ein großer Teil bereits lebte.
Bekanntlich verließ Merkel der Sage-Mut dann rasch, der Abschied von der Leipziger Reformpolitikerin mit Lust am Durchregieren erfolgte bereits ohne Worte. Die Aussetzung der Wehrpflicht, die sich die CDU heute als Modernisierungsbeitrag gutschreibt, war in Wirklichkeit der Sparbeitrag des damaligen Verteidigungsministers zur Haushaltsdebatte. Das Grundsätzliche wurde bloß nachgeschoben.





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