Deutsche Bildungsreformen sind nicht nur Flickschusterei, sondern auch hochideologisch gepolstert. Jüngstes Beispiel ist die derzeit erbittert geführte Debatte über Sinn und Unsinn des Sitzenbleibens, das jährlich zwei Prozent aller Schüler betrifft. Munter überziehen sich die Streitparteien – grob: linkes gegen rechtes Politlager, Norden gegen Süden der Republik – mit polemischen Anwürfen, statt gemeinsam der Wahrheit ins Auge zu schauen: Die Wiederholungsrunden sind Symptom einer tiefen Systemkrise. Die Krise aber ist ein Tabu, wie die Bildungsforscherin Jutta Allmendinger nur allzu gut weiß. Einladungen zu Diskussionsveranstaltungen erhält sie regelmäßig mit dem Vermerk: "Auf dieser Konferenz wollen wir konstruktiv diskutieren. Wir bitten Sie daher, die Systemfrage nicht zu stellen." Glücklicherweise denkt Allmendinger gar nicht daran, dem Wunsch nach Selbstzensur zu willfahren. Für "die konsequente Vermittlung sozialwissenschaftlicher Forschungsthemen in die Öffentlichkeit" hat sie soeben den Schader-Preis 2013 erhalten. Ihr neuestes Buch kommt als Streitschrift daher: Schulaufgaben ist ein faktenreiches wie mitreißendes Plädoyer dafür, dass wir dem Fäulnisprozess unseres Bildungswesens nicht länger zuschauen dürfen. Die Systemfrage steht auf der Agenda, und zwar ganz oben!

Ein Blick nach Berlin genügt. Kürzlich haben die Hauptstädter einmal mehr miserable Zensuren für ihre sogenannten Reformen eingefahren: Ob Einschulung Fünfjähriger, ob Jahrgangsmischung oder Sprachförderung – überall, wo die Pisa-geschockte Verwaltung Hand angelegt hat, ist nachweislich Murks herausgekommen. Ganze Schülergenerationen, Elternkohorten und Pädagogenteams werden als Versuchskaninchen verschlissen, weil überstürzt gestartete und schlecht gesteuerte Modellversuche sich als untauglich erweisen, den Missständen abzuhelfen. Als da sind: ein Schulsystem, das seine Klientel nach sozialer Herkunft gruppiert, Begabungen ignoriert und jede Menge Jugendliche in die Hartz-IV-Sackgasse entlässt. Seite um Seite listet Jutta Allmendinger die "vielen unterlassenen Hilfeleistungen" auf – eine Chronik des gesellschaftlichen Versagens. "Warum", fragt die Soziologin, die dem Wissenschaftszentrum Berlin, einer der renommiertesten Denkfabriken des Landes, vorsitzt, "warum werden nicht alle Kinder herausgefordert, gepikst und unterstützt?"

Jedes Jahr bleiben 50.000 Kinder ohne Schulabschluss

Seit 20 Jahren ist Allmendinger, selbst Mutter, mit dieser Misere befasst. In einer privaten Langzeitstudie hat sie verfolgt, wie die Bildungswege ihres Patensohns Alex und seiner Kindergartenfreunde auseinanderdrifteten. Der Architektenfilius Alex, das Migrantenkind Erkan, die mit einer alleinerziehenden, erwerbslosen Mutter aufwachsende Jenny und die lernbehinderte Laura wandern im Schulterschluss durch die ersten Jahre. Jeder der Freunde kann etwas besonders gut – Memory oder Schach, malen oder rechnen. Gemeinsam sind sie unschlagbar. Der Bruch kommt mit der Einschulung, die innerbezirklich erfolgt und das Kleeblatt auseinanderreißt.

Laura wird ärztlich begutachtet, zurückgestellt und schließlich in eine Integrationsklasse geschickt, wo sie ins Abseits gerät. Allmendinger macht keinen Hehl daraus, dass der gemeinsame Schulbesuch aller Kinder, ungeachtet vorhandener Handicaps, trotz entsprechender UN-Konvention bislang nur eine Worthülse ist. Das pädagogische Know-how reicht dafür gegenwärtig genauso wenig aus wie die personelle und finanzielle Ausstattung der Schulen, von der fehlenden Akzeptanz Behinderter zu schweigen. Lauras einzige Rettung sind die Eltern, die alle Hebel in Bewegung setzen, als Familie freilich am zermürbenden Kampf um richtige Diagnosen, Therapien und Schulplätze fast zerbrechen.

Jenny reiht sich, kaum Abc-Schützin geworden, ins Heer der Unterrichtsschwänzer ein. Das Mädchen wird durch den Rost von Grund-, Real- und Hauptschule immer weiter nach unten fallen und am Ende ohne Abschluss dastehen. "Abschulung" wird das im Wissenschaftsjargon genannt, allein im Schuljahr 2011/2012 waren bundesweit 50.000 Kinder davon betroffen. Erkan wiederum hat bessere Noten als Alex, bekommt aber trotzdem keine Gymnasialempfehlung, während der Minderleister grünes Licht kriegt, getreu der Überzeugung: "Bei diesen Eltern steht das doch ganz außer Frage."