Fotografie des jüngeren Richard Wagner© dpa

Dresden ist für viele vor allem ein Museum des Barock. Doch die Geschichte der sächsischen Residenzstadt kennt noch ganz andere Seiten. So wird sie in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als Hauptstadt des ökonomisch am weitesten entwickelten deutschen Staates, zu einem Laboratorium der Moderne. Nicht zuletzt im politischen Sinne: Denn der wirtschaftliche Aufschwung weckt Forderungen nach Emanzipation – im Bürgertum wie in den Unterschichten. Das Königreich Sachsen wird zur Hochburg der Demokratie und zur Wiege der Arbeiterbewegung in Deutschland. Im Vormärz findet die "deutschkatholische" Bewegung des charismatischen Priesters Johannes Ronge regen Zulauf: Ronge lehnt den Zölibat ab und den päpstlichen Absolutismus. Ebenfalls vor 1848 wirken in Sachsen bereits etliche demokratische Organisationen, zum Beispiel Robert Blums Leipziger "Redeübungsverein". Wie sonst nur in Baden und Berlin gewinnen die Demokraten hier echten Einfluss. In dieser politisch avantgardistischen Atmosphäre wirkt auch Richard Wagner.

Im Jahr 1843 beruft Friedrich August II. den aufstrebenden Komponisten zum Königlich Sächsischen Hofkapellmeister. So kehrt Wagner – 1813 in Leipzig geboren – in die Stadt zurück, in der er seine Kindheit und frühe Jugend verbracht hat. Für den jungen Mann bedeutet dies nach langen Wander- und Hungerjahren den Beginn eines bürgerlichen Lebens. Am Dresdner Hoftheater werden 1842, 1843 und 1845 drei seiner Opern uraufgeführt: Rienzi, Der Fliegende Holländer und Tannhäuser. Erstmals kann Wagner seiner Frau Minna einen bescheidenen Wohlstand bieten. Die Vormärzzeit könnte für ihn eine Zeit der Etablierung und der Hinwendung zum Justemilieu werden. Dresdens oppositionelle Kultur und die allgemeine politische Entwicklung bewirken jedoch das genaue Gegenteil.

Wie kein anderer großer Künstler des 19. Jahrhunderts (mit Ausnahme Heinrich Heines) sucht Richard Wagner die Nähe zu den politisch radikalen Theoretikern seiner Zeit. Deren Gedanken wirken bis in seine Opern hinein. Das macht einen Teil ihrer Faszination aus. Wagner ist indes kein genuin politischer Kopf. Sein Radikalismus bleibt im Kern antipolitisch und voller Ressentiments gegen die Kräfte, die er als Ursachen sozialer Missstände ansieht: die industrielle Moderne, die Geldwirtschaft, die Kapitalisten und am Ende immer wieder "das Judenthum".

Heine ist ihm bereits Anfang der 1840er Jahre in Paris begegnet. In Dresden sind dann Karl Gutzkow – seit 1846 Dramaturg am Dresdner Theater –, der Architekt Gottfried Semper, der Maler (und spätere Paulskirchenkarikaturist) Friedrich Pecht und vor allem August Röckel Wagners wichtigste politische Diskussionspartner. Den aus Graz stammenden Röckel hat er kurz nach seiner eigenen Berufung als Musikdirektor und musikalischen Verbündeten ans Hoftheater geholt.

Röckel ist entschiedener Demokrat und Sozialist. Bei ihren fast täglichen Spaziergängen bringt er dem Freund seine Ansichten nahe und überzeugt ihn von der Notwendigkeit eines Nationalstaats. Durch intensive Lektüre eignet Wagner sich außerdem die Argumente frühsozialistischer und religionskritischer Autoren wie Pierre-Joseph Proudhon, Ludwig Feuerbach, Wilhelm Weitling oder Max Stirner an. Hinzu kommen politische Ereignisse, die zur Radikalisierung des Komponisten beitragen: 1844 empört ihn die blutige Niederschlagung des schlesischen Weberaufstands, 1845 das Massaker, das sächsische Truppen unter Leipziger Demonstranten anrichten, die, statt dem Kronprinzen zuzujubeln, "Es lebe Ronge!" gerufen haben; 14 Menschen kostet es das Leben.

Das demokratische und frühsozialistische Denken, das Wagner zunehmend politisiert, ist ein Konglomerat aus kommunitaristischen Gerechtigkeitsideen, einem Brüderlichkeitsideal, das einem vermeintlich demokratischen Urchristentum huldigt, aus Fürstenhass, maschinenstürmerischem Antikapitalismus und einem diffusen Unbehagen an der Moderne. Während die meisten eine gerechtere Ordnung mithilfe des Staates durchsetzen wollen, kommen bei Wagner anarchistische Komponenten hinzu: eine Verherrlichung des großen Einzelnen – bei Wagner immer ein Künstler – sowie ein prinzipielles Misstrauen gegen den Staat.

1847, in ihrem Kommunistischen Manifest, unterziehen Marx und Engels den Frühsozialismus und seine unklaren Vorstellungen einer schneidenden Kritik. Hätte Wagner ihre Schrift je gelesen, so hätte er sich als Mitläufer dieses diffusen Radikalismus angesprochen fühlen müssen. "Das Gewand, gewirkt aus spekulativem Spinnweb, überstickt mit schöngeistigen Redeblumen, durchtränkt von liebesschwülem Gemütstau, dies überschwängliche Gewand, worin die deutschen Sozialisten ihre paar knöchernen ›ewigen Wahrheiten‹ einhüllten", könne nichts erklären, sondern diene nur dem "Absatz ihrer Ware", spotten Marx und Engels. Sie kritisieren vor allem die mangelnde analytische Schärfe, den Mangel an historischem Materialismus bei den deutschen Radikalen.

Beispiele für jene diffuse, damals sehr wirksame Rhetorik des "wahren Sozialismus" lassen sich bei Wagner zuhauf finden – etwa in dem Vortrag Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königtum gegenüber?, den der Hofkapellmeister bei einer Massenversammlung des demokratischen "Vaterlands-Vereins" hält: "Gott wird uns erleuchten, das richtige Gesetz zu finden [...]. Wie ein böser nächtlicher Alp wird dieser dämonische Begriff des Geldes von uns weichen mit all seinem scheußlichen Gefolge von öffentlichem und heimlichem Wucher, Papiergaunereien, Zinsen und Bankiersspekulationen. Das wird die volle Emanzipation des Menschengeschlechts, das wird die Erfüllung der reinen Christenlehre sein."