Komponisten-Jubiläum"Wagner war ganz Politik"

Im Dresden der Revolution von 1848/49 wird der Komponist zum Freiheitskämpfer. von Christian Jansen

Dresden ist für viele vor allem ein Museum des Barock. Doch die Geschichte der sächsischen Residenzstadt kennt noch ganz andere Seiten. So wird sie in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als Hauptstadt des ökonomisch am weitesten entwickelten deutschen Staates, zu einem Laboratorium der Moderne. Nicht zuletzt im politischen Sinne: Denn der wirtschaftliche Aufschwung weckt Forderungen nach Emanzipation – im Bürgertum wie in den Unterschichten. Das Königreich Sachsen wird zur Hochburg der Demokratie und zur Wiege der Arbeiterbewegung in Deutschland. Im Vormärz findet die "deutschkatholische" Bewegung des charismatischen Priesters Johannes Ronge regen Zulauf: Ronge lehnt den Zölibat ab und den päpstlichen Absolutismus. Ebenfalls vor 1848 wirken in Sachsen bereits etliche demokratische Organisationen, zum Beispiel Robert Blums Leipziger "Redeübungsverein". Wie sonst nur in Baden und Berlin gewinnen die Demokraten hier echten Einfluss. In dieser politisch avantgardistischen Atmosphäre wirkt auch Richard Wagner.

Im Jahr 1843 beruft Friedrich August II. den aufstrebenden Komponisten zum Königlich Sächsischen Hofkapellmeister. So kehrt Wagner – 1813 in Leipzig geboren – in die Stadt zurück, in der er seine Kindheit und frühe Jugend verbracht hat. Für den jungen Mann bedeutet dies nach langen Wander- und Hungerjahren den Beginn eines bürgerlichen Lebens. Am Dresdner Hoftheater werden 1842, 1843 und 1845 drei seiner Opern uraufgeführt: Rienzi, Der Fliegende Holländer und Tannhäuser. Erstmals kann Wagner seiner Frau Minna einen bescheidenen Wohlstand bieten. Die Vormärzzeit könnte für ihn eine Zeit der Etablierung und der Hinwendung zum Justemilieu werden. Dresdens oppositionelle Kultur und die allgemeine politische Entwicklung bewirken jedoch das genaue Gegenteil.

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Wie kein anderer großer Künstler des 19. Jahrhunderts (mit Ausnahme Heinrich Heines) sucht Richard Wagner die Nähe zu den politisch radikalen Theoretikern seiner Zeit. Deren Gedanken wirken bis in seine Opern hinein. Das macht einen Teil ihrer Faszination aus. Wagner ist indes kein genuin politischer Kopf. Sein Radikalismus bleibt im Kern antipolitisch und voller Ressentiments gegen die Kräfte, die er als Ursachen sozialer Missstände ansieht: die industrielle Moderne, die Geldwirtschaft, die Kapitalisten und am Ende immer wieder "das Judenthum".

Heine ist ihm bereits Anfang der 1840er Jahre in Paris begegnet. In Dresden sind dann Karl Gutzkow – seit 1846 Dramaturg am Dresdner Theater –, der Architekt Gottfried Semper, der Maler (und spätere Paulskirchenkarikaturist) Friedrich Pecht und vor allem August Röckel Wagners wichtigste politische Diskussionspartner. Den aus Graz stammenden Röckel hat er kurz nach seiner eigenen Berufung als Musikdirektor und musikalischen Verbündeten ans Hoftheater geholt.

Röckel ist entschiedener Demokrat und Sozialist. Bei ihren fast täglichen Spaziergängen bringt er dem Freund seine Ansichten nahe und überzeugt ihn von der Notwendigkeit eines Nationalstaats. Durch intensive Lektüre eignet Wagner sich außerdem die Argumente frühsozialistischer und religionskritischer Autoren wie Pierre-Joseph Proudhon, Ludwig Feuerbach, Wilhelm Weitling oder Max Stirner an. Hinzu kommen politische Ereignisse, die zur Radikalisierung des Komponisten beitragen: 1844 empört ihn die blutige Niederschlagung des schlesischen Weberaufstands, 1845 das Massaker, das sächsische Truppen unter Leipziger Demonstranten anrichten, die, statt dem Kronprinzen zuzujubeln, "Es lebe Ronge!" gerufen haben; 14 Menschen kostet es das Leben.

Das demokratische und frühsozialistische Denken, das Wagner zunehmend politisiert, ist ein Konglomerat aus kommunitaristischen Gerechtigkeitsideen, einem Brüderlichkeitsideal, das einem vermeintlich demokratischen Urchristentum huldigt, aus Fürstenhass, maschinenstürmerischem Antikapitalismus und einem diffusen Unbehagen an der Moderne. Während die meisten eine gerechtere Ordnung mithilfe des Staates durchsetzen wollen, kommen bei Wagner anarchistische Komponenten hinzu: eine Verherrlichung des großen Einzelnen – bei Wagner immer ein Künstler – sowie ein prinzipielles Misstrauen gegen den Staat.

1847, in ihrem Kommunistischen Manifest, unterziehen Marx und Engels den Frühsozialismus und seine unklaren Vorstellungen einer schneidenden Kritik. Hätte Wagner ihre Schrift je gelesen, so hätte er sich als Mitläufer dieses diffusen Radikalismus angesprochen fühlen müssen. "Das Gewand, gewirkt aus spekulativem Spinnweb, überstickt mit schöngeistigen Redeblumen, durchtränkt von liebesschwülem Gemütstau, dies überschwängliche Gewand, worin die deutschen Sozialisten ihre paar knöchernen ›ewigen Wahrheiten‹ einhüllten", könne nichts erklären, sondern diene nur dem "Absatz ihrer Ware", spotten Marx und Engels. Sie kritisieren vor allem die mangelnde analytische Schärfe, den Mangel an historischem Materialismus bei den deutschen Radikalen.

Beispiele für jene diffuse, damals sehr wirksame Rhetorik des "wahren Sozialismus" lassen sich bei Wagner zuhauf finden – etwa in dem Vortrag Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königtum gegenüber?, den der Hofkapellmeister bei einer Massenversammlung des demokratischen "Vaterlands-Vereins" hält: "Gott wird uns erleuchten, das richtige Gesetz zu finden [...]. Wie ein böser nächtlicher Alp wird dieser dämonische Begriff des Geldes von uns weichen mit all seinem scheußlichen Gefolge von öffentlichem und heimlichem Wucher, Papiergaunereien, Zinsen und Bankiersspekulationen. Das wird die volle Emanzipation des Menschengeschlechts, das wird die Erfüllung der reinen Christenlehre sein."

Leserkommentare
  1. Auch wenn er vielleicht, wie es im Text heißt, kein genuin politischer Kopf war - sein Antisemitismus war tiefgehend und kam den späteren Nazis gerade recht für ihren Kulturkampf. Und auch wenn Wagner sicher nicht der einzige Antisemit seiner Zeit war und auch wenn er durch seine Werke sozusagen unsterblich wurde, bleibt er als Person für mich absolut zweifelhaft.

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    Wenn Wagners Antisemetismus so tiefgehend war, warum hat er sich dann mit Heine getroffen? Das passt nicht zusammen. Wagners politische Gedanken unterscheiden sich imho nicht wesentlich von der heutigen Kapitalismuskritik. Im Sinne dieser Kritik sind das Geldwesen, Zinssystem etc Gift für die Gesellschaft und kontraproduktiv für ein progressives Miteinander zum Vorteil aller. Was für uns heute der Antiamerikanismus ist mag für Wagner der Antizionismus gewesen sein. Den Schritt, die als schadhaft befundene Software als biologisch begründet zu betrachten, haben andere getan. Warum Deutschland DAHIN gekommen ist? Womöglich weil sie selber einem 'Software'Virus erlegen sind, nicht dem Zinsvirus, aber dem Maschinenvirus. Faszination und Ablehnung des Deutschen entzünden sich am roboterhaften unserer Nation. Diese Roboter überfallen heute nicht mehr Osteuropa oder bilden eine Vernichtungsmaschinerie, aber roboten sich zum Exportweltmeister - zum Nachteil der Nachbarländer. Wagners Ablehnung des maschinellen war weitblickender als es dem Autoren des Artikels vielleicht klar ist. Schon allein deswegen ist Wagners Denken mit dem Nazitum völlig unvereinbar, das eine einzige Zombieparade war.

  2. Wenn Wagners Antisemetismus so tiefgehend war, warum hat er sich dann mit Heine getroffen? Das passt nicht zusammen. Wagners politische Gedanken unterscheiden sich imho nicht wesentlich von der heutigen Kapitalismuskritik. Im Sinne dieser Kritik sind das Geldwesen, Zinssystem etc Gift für die Gesellschaft und kontraproduktiv für ein progressives Miteinander zum Vorteil aller. Was für uns heute der Antiamerikanismus ist mag für Wagner der Antizionismus gewesen sein. Den Schritt, die als schadhaft befundene Software als biologisch begründet zu betrachten, haben andere getan. Warum Deutschland DAHIN gekommen ist? Womöglich weil sie selber einem 'Software'Virus erlegen sind, nicht dem Zinsvirus, aber dem Maschinenvirus. Faszination und Ablehnung des Deutschen entzünden sich am roboterhaften unserer Nation. Diese Roboter überfallen heute nicht mehr Osteuropa oder bilden eine Vernichtungsmaschinerie, aber roboten sich zum Exportweltmeister - zum Nachteil der Nachbarländer. Wagners Ablehnung des maschinellen war weitblickender als es dem Autoren des Artikels vielleicht klar ist. Schon allein deswegen ist Wagners Denken mit dem Nazitum völlig unvereinbar, das eine einzige Zombieparade war.

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    Wagner war kein Antisemit in dem Sinne, was wir heute darunter verstehen. Ich glaube, er war insgesamt sogar einer der ersten, die sich dahingehend auch theoretisierend geäußert haben. Dennoch wäre es falsch, seinen Antisemitismus mit Antiamerikanismus gleichzusetzen, obwohl es durchaus (kapitalismuskritische) Parallelen gibt. Wagner war in erster Linie Künstler, ein Künstler mit durchaus revolutionär zu nennenden Ansprüchen, der durch Kunst den Menschen verwandeln, läutern wollte. Dementsprechend ist ihm Kunst, die lediglich gefällig, unterhaltend, oberflächlich ist, ein Greuel, wie auch eine Journaille, die lediglich geistreich spottet und unterhält, und gar keinen höheren Anspruch mehr an Kunst stellt. Als Prototypen solcher Mentalität macht Wagner den "Juden" aus, und als Grund für dessen Haltung die Fremdheit, die Nicht-Verwurzeltheit im Geist der Nation, die zu distanzierter, ironischer Witzelei führt, statt zu dem romantischen, weltumwälzenden Idealismus, den Wagner gerne verwirklicht sähe.
    Und natürlich... verstand er sich mit den Juden, die er persönlich traf, meist recht gut, nur den Klischee-Juden, der er sich in seinem Gehirn als Grund, wieso die Welt nicht so war, wie er sie sich vorstellte, zusammenkonstruierte, hasste er. So sind sie halt, die Feindbilder. Heine hat er allerdings in "Vom Judentum in der Musik" explizit genannt und geschmäht.

  3. und eine kleine Anmerkung bezüglich des "später so geschichtsträchtigen 9. November": der Tag war auch 1848 schon geschichtsträchtig, und deshalb wohl mit Bedacht von den Österreichern für ihren gezielten Affront gegen das Parlament gewählt, handelt es sich doch um den Jahrestag von Napoleons Staatsstreich mit Auflösung der französischen Nationalversammlung vom 9. November 1799, besser bekannt als "18. Brumaire"

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  4. Wagner war kein Antisemit in dem Sinne, was wir heute darunter verstehen. Ich glaube, er war insgesamt sogar einer der ersten, die sich dahingehend auch theoretisierend geäußert haben. Dennoch wäre es falsch, seinen Antisemitismus mit Antiamerikanismus gleichzusetzen, obwohl es durchaus (kapitalismuskritische) Parallelen gibt. Wagner war in erster Linie Künstler, ein Künstler mit durchaus revolutionär zu nennenden Ansprüchen, der durch Kunst den Menschen verwandeln, läutern wollte. Dementsprechend ist ihm Kunst, die lediglich gefällig, unterhaltend, oberflächlich ist, ein Greuel, wie auch eine Journaille, die lediglich geistreich spottet und unterhält, und gar keinen höheren Anspruch mehr an Kunst stellt. Als Prototypen solcher Mentalität macht Wagner den "Juden" aus, und als Grund für dessen Haltung die Fremdheit, die Nicht-Verwurzeltheit im Geist der Nation, die zu distanzierter, ironischer Witzelei führt, statt zu dem romantischen, weltumwälzenden Idealismus, den Wagner gerne verwirklicht sähe.
    Und natürlich... verstand er sich mit den Juden, die er persönlich traf, meist recht gut, nur den Klischee-Juden, der er sich in seinem Gehirn als Grund, wieso die Welt nicht so war, wie er sie sich vorstellte, zusammenkonstruierte, hasste er. So sind sie halt, die Feindbilder. Heine hat er allerdings in "Vom Judentum in der Musik" explizit genannt und geschmäht.

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    Sie beschreiben den Sachverhalt sehr treffend.

    Tatsächlich treffen sich Wagners Sozialismus und Antisemitimus, an dem es nichts zu deuteln gibt, an jener antikapitalistischer Schnittstelle.

    Letztendlich ist aber weder sein Sozialismus altruistisch noch sein Antisemititmus rassistisch. Letztendlich ging es Wagner immer nur um eines, der Verwirklichung seines eigenen Werkes. In der Revolution sah in erster Linie eine Chance zum Umsturz, die der Umsetzung seiner ästhetischen Ideen den Weg bereiten würden. Als sich mit Ludwig II. plötzlich eine reaktionär feudalistische Lösung bot, hat Wagner sie ohne auch nur eine Sekunde zu zögern ergriffen.

    Wagners Antisemitismus lässt sich im Grunde an zwei Personen festmachen, Mendelssohn und Mayerbeer. Beide kamen aus steinreichen jüdischen Familien und beherrschten, sicher nicht ganz ohne Hilfe des damit verbundenen Einflusses, die damalige Musikwelt weitgehend. Dass er gegenüber diesen beiden als Bittsteller auftreten musste (und durchaus auch gehört wurde) obwohl er wusste, dass er als Künstler ein ganz anderes Kaliber war (was sich eben auch kaum bestreiten lässt) war die entscheidende nerzisstische Kränkung, aus der sich im wesentlichen Wagners Antisemitismus speist.

  5. Wagner war einer der größten Antisemiten, die dieses Land wohl hervor gebracht hat. Aber es ist zu viel der Ehre ihn auch noch einen Sozialisten zu nennen. Diskreditieren Sie doch bitte nicht das sozialistische Ideal.

    Auch wenn es heute und durch den Filter der deutschen Presse so erscheint, ist und waren nicht alle Sozialisten Antisemiten...

  6. Sie beschreiben den Sachverhalt sehr treffend.

    Tatsächlich treffen sich Wagners Sozialismus und Antisemitimus, an dem es nichts zu deuteln gibt, an jener antikapitalistischer Schnittstelle.

    Letztendlich ist aber weder sein Sozialismus altruistisch noch sein Antisemititmus rassistisch. Letztendlich ging es Wagner immer nur um eines, der Verwirklichung seines eigenen Werkes. In der Revolution sah in erster Linie eine Chance zum Umsturz, die der Umsetzung seiner ästhetischen Ideen den Weg bereiten würden. Als sich mit Ludwig II. plötzlich eine reaktionär feudalistische Lösung bot, hat Wagner sie ohne auch nur eine Sekunde zu zögern ergriffen.

    Wagners Antisemitismus lässt sich im Grunde an zwei Personen festmachen, Mendelssohn und Mayerbeer. Beide kamen aus steinreichen jüdischen Familien und beherrschten, sicher nicht ganz ohne Hilfe des damit verbundenen Einflusses, die damalige Musikwelt weitgehend. Dass er gegenüber diesen beiden als Bittsteller auftreten musste (und durchaus auch gehört wurde) obwohl er wusste, dass er als Künstler ein ganz anderes Kaliber war (was sich eben auch kaum bestreiten lässt) war die entscheidende nerzisstische Kränkung, aus der sich im wesentlichen Wagners Antisemitismus speist.

    Antwort auf "Wagners Antisemitismus"
  7. Wagner hatte zweifellos einen komplexen und schwierigen Charakter, den man nicht mit einfachen Schlagworten umreißen kann. Vielleicht lässt sich sein revolutionärer Impuls auch mit seinem egomanischem Selbstverwirklichungstrieb erklären. Aus manchem "idealistischen" Revolutionär des 20. Jahrhunderts wurde nach dem Sieg ein ganz realistischer Diktator. Vielleicht wären sie lieber Künstler geworden, da hätten sie weniger Schaden angerichtet.
    Die politische Ambition ist Wagner später abhanden gekommen und aus der Zukunftsmusik wurde das Bühnenweifestspiel als Kunstreligion. Seine Person zeigt so viele Facetten, dass sich jeder "seinen" Wagner heraussuchen kann.

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  • Schlagworte Richard Wagner | Komponist | Revolution
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