Kriegsreporterin Marie ColvinDie Frau, die nicht wegsah

Marie Colvin, die Kriegsreporterin der "Sunday Times", starb im Bürgerkrieg in Syrien. Sie wird als Heldin bewundert. Dabei führte sie Krieg gegen sich selbst. von 

Marie Colvin im November 2010

Marie Colvin im November 2010  |  © WPA Pool/Getty Images

Bevor Marie Colvin am 7. Februar 2012 verreist, rennt sie in ihrem Haus umher. So außer sich hat Richard Flaye sie noch nie gesehen, der Mann in ihrem Leben. Er ist gerade dabei, ihr beim Packen zu helfen. Wenn Colvin beruflich fortmuss aus London, vergisst sie oft das Nötigste. Einmal ließ sie sogar ihren Pass liegen, Flaye musste ihn ihr zum Flughafen Heathrow bringen. Er hat deshalb eine Checkliste für sie aufgestellt, nun gehen sie sie gemeinsam durch: Satellitentelefon, Helm, Splitterschutzweste, Kopftuch. Dies ist auf Colvins Reisen oft das Wichtigste.

Dann öffnen sie eine Flasche Champagner. Es ist ein Ritual: noch einmal das Beste. Noch einmal genießen, bevor sich für Colvin, die Kriegsreporterin der Sunday Times, die Welt in ihr Gegenteil verkehrt: in eine Welt voller Schrecken und Entbehrung.

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Selbst Flaye, der Geschäftsmann, ist an diesem Morgen kopflos. Colvin ist seit sechs Jahren seine Freundin, er hat Angst um sie. Sie wird in den syrischen Bürgerkrieg reisen, in die schwer umkämpfte, von Regierungstruppen eingeschlossene Stadt Homs. "A hellhole", sagt sie zu ihm, ein Höllenloch. Colvin will nach Beirut fliegen und sich dann von Aufständischen nach Homs bringen lassen. Das sei die nächste große Story.

Colvin ist Amerikanerin. Seit 26 Jahren ist sie Reporterin. Wer sie trifft, wird sich immer an die schlanke, große Frau erinnern, sie trägt eine Augenklappe. Seit einem Einsatz in Sri Lanka im Jahr 2001, bei dem sie durch Granatsplitter schwer verletzt wurde, ist sie auf dem linken Auge blind. Eine künstliche Iris ist implantiert worden, die Klappe soll vor Staub schützen. Zuerst wagte Colvin es kaum, damit auf die Straße zu gehen. Inzwischen trägt sie das Stück Stoff mit Stolz, als Insignie ihres Muts. Colvin hat unter Reportern den Ruf, eine Draufgängerin zu sein. In London kennt man sie dagegen als Partygirl, das schöne Kleidung liebt.

Ihr schmales Gesicht, die langen blonden Haare und die Augenklappe: Das ist die Marke Marie Colvin, in der sich Glamour und Heldenpathos verbinden.

Als an diesem Morgen die Champagnerflasche bis auf den letzten Tropfen geleert ist, steigt Colvin ins Taxi, diesmal wird sie nach Beirut fliegen. Eine Woche verbringt sie im Libanon, zusammen mit dem Fotografen Paul Conroy. Wem sie erzählen, dass sie nach Homs wollen, der guckt sie entgeistert an: viel zu gefährlich. Die Regierungstruppen töten gezielt Journalisten. Am 16. Februar lassen sich Colvin und Conroy von Soldaten der Freien Syrischen Armee über die Grenze schmuggeln.

Drei Tage später erscheint in der Sunday Times Colvins Reportage. Sie beschreibt darin das tägliche Sterben in Homs. Sie hat eine provisorische Klinik besucht, den "Witwenkeller". 28.000 Menschen leben in der Stadt unter dem andauernden Beschuss von Granaten, Raketen, Scharfschützen. Colvin schreibt: "Es ist eine Stadt der Kälte und des Hungers, in der sich die Echos der explodierenden Granaten und der Feuerstöße brechen." Das ist ihr Ton, absichtsvoll dramatisch und auch deshalb effektvoll, weil der Leser weiß, dass die Reporterin ihr Leben riskiert. Eine Zeitung, die solche Texte druckt, setzt einen Fels in den Sturm der Partikel, die als Nachrichten durchs Netz schwirren.

Leserkommentare
  1. auch wenn der Tod eines Menschen ein bedauernswertes Ereignis darstellt, so sollte doch bei allem Mitgefühl, Folgendes nicht vergessen werden:

    Entscheidungen, insbesondere zu kriegerischen Konflikten, werden getroffen, auf Grund bestimmter Interessen, bestimmten Wissens, bestimmter Erfahrungen und bestimmter Informationen, die das Geschehen betreffen.

    Wenn diese - wie hier im Syrienkonflikt - in den westlichen Medien häufig zu beobachten, in einer äusserst einseitigen und teilweise verfälschenden Weise, an die Öffentlichkeit und die Entscheidungsträger dringt, so kann man wohl kaum von Wahrheitsfindung und Unterstützung demokratischer Kräfte reden.

    Egal was die Hauptmotivation Frau Colvins war; Mit dieser völlig undiffernzierten Aussage: "Die syrische Armee bombardiert eine Stadt voller frierender, hungernder Zivilisten." hat sie sich m.E. für eine glaubwürdige und der Wahrheitsfindung dienlichen Berichterstattung deligitimiert. Die Lage ist wesentlich komplexer, als diese propagandistisch vereinfachte Darstellung.

    [...]

    Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass wir auf die angegebene Seite nicht verlinken möchten. Danke, die Redaktion/jp

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    Zitat:Die Lage ist wesentlich komplexer, als diese propagandistisch vereinfachte Darstellung.

    ****
    Was für ein Unsinn. Die Lage ist so komplex, und ihr seid so dumm, darum können wir euch das nicht erklären und berichten auch nicht darüber. Selten so einen Quatsch gelesen. Jeder Reporter ist subjektiv. Trotzdem versucht er/sie so gut zu berichten, wie es eben geht. Als komplex wird eine Lage immer von denen bezeichnet, die eine andere Sichtweise haben. Die muss aber nicht richtig sein.

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich argumentativ an der Diskussion. Danke, die Redaktion/jp

    Entfernt. Bitte nutzen Sie für Anliegen dieser Art in Zukunft die Funktion "bedenklich melden". Der öffentliche Kommentarbereich ist ausschließlich der Diskussion des konkreten Artikelinhalts vorbehalten. Danke, die Redaktion/jp

    Ein Bild, das einen Kriegsfotografen mit "bösen Jungs" zeigt, die öffentlich bekannte Beziehung der getöteten Journalistin zu einem Geschäftsmann -- das sind doch ziemlich dürftige "Beweise" um hier eine verdeckte Operation zu suggerieren und den Fotografen gar zum MI6-Agenten zu erklären.

    Aber die Situation ist ja "komplex", nicht wahr?

    wer ausgerechnet Thierry Meyssan als Kronzeugen gegen Conroy aufführt, dem ist nicht mehr zu helfen. Meyssan kann man getrost als Kopf all derer vermuten, die hinter jedem Anschlag auf dem Planeten Erde den amerikanischen oder britischen Geheimdienst vermuten. Selbst die Geiselnahme von Besslan in Nordossetien hat nach seinen Ausführungen der CIA organisiert.
    Da wird denn auch die syrische Armee zur Heilsarmee stilisiert, die in ihrer hilfsbereiten Art natürlich niemals auf die eigene Bevölkerung schießen würde und Assad wird zum selbstlosen Helden, dem nichts so sehr am Herzen liegt, wie das Wohl der Nation. Das Ganze wird dann als objektive Information verkauft. Eine Kriegsreporterin, die gegenteiliges berichtet, passt nicht in dieses Bild. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis auch sie als Agentin eines westlichen Geheimdienstes "entlarvt" wird.

    Entfernt. Bitte richten Sie Fragen zur Moderation direkt an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jp

    Massenmörder Assad tut scheinbar alles, um die Situation der Menschen zu verschlechtern.

    Ich denke Frau Colvin hat als Augenzeugin berichtet. Ihre Berichte als Propaganda zu denunzieren ist meiner Meinung nach typisches ekelhaftes Tätergeschwätz.

    Die Leistung Frau Colvins wird dadurch, ein Glück, nicht geschmälert!

  2. 1) Presseverbot in Mali (geschweige denn Afg, Irk)
    2) Bradley Manning der nicht wegsah, droht lebenslang Haft in den USA
    3) Julian Assange der nicht wegsah wird gejagt
    von den USA
    4) Kim Dotcom, der den freien Datenaustausch im Netz ermöglicht steht vor Gericht gegen die USA
    5) Der europäische Satellitenfernsehanbieter Eutelsat, schaltet alle iranischen Sender ab (darunter Presstv, Hispasat)
    6) In Syrien werden Reporter durch die FSA gezielt getötet, siehe hier:
    http://www.guardian.co.uk/world/2012/sep/26/syrian-tv-journalist-dead-da...
    7) Die USA entscheiden, dass keine Details über Folter in den Prozessen gegen die Guantanamo-Häftlinge veröffenlicht werden dürfen.
    8) Letzte Woche wurde bekannt, dass die Meldung der USA, die Taliban seien 2012 schwächer geworden war ein Zahlendreher bei der Dateneingabe war.

    Das sieht nach einer großangelegten Offensive auf die
    Rede-, Presse- und Meinungsfreiheit in EU/USA aus.

    29 Leserempfehlungen
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    Bitte nochmal über Kim Schmitz besonders im Zusammenhang mit einem Günter Freiherr von Gravenreuth informieren. Das einzige was Kimble interessiert ist Geld und er selbst - dafür geht er auch über "Leichen".

  3. Zitat:Die Lage ist wesentlich komplexer, als diese propagandistisch vereinfachte Darstellung.

    ****
    Was für ein Unsinn. Die Lage ist so komplex, und ihr seid so dumm, darum können wir euch das nicht erklären und berichten auch nicht darüber. Selten so einen Quatsch gelesen. Jeder Reporter ist subjektiv. Trotzdem versucht er/sie so gut zu berichten, wie es eben geht. Als komplex wird eine Lage immer von denen bezeichnet, die eine andere Sichtweise haben. Die muss aber nicht richtig sein.

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    Antwort auf "Werte Mitforisten,"
  4. 4 Leserempfehlungen
  5. ...doch was Konzernjournalismus ist!?

    Ich denke es war Frau Colvin völlig klar, daß sie ihr Leben aufs Spiel setzt (wie alle Kriegsreporter), wenn sie sich mit den Terroristen an die Front begibt?

    Allerdings wird auch hier wieder zwischen "guten" und "bösen" Reportern unterschieden - kein Wort von Journalisten die von den "demokratischen Oppositionsaktivisten" gezielt getötet werden.

    P.S. Differenzierter und kritischer Journalismus findet in Deutschland kaum noch statt.

    15 Leserempfehlungen
    • zfat99
    • 02. März 2013 11:34 Uhr
    3 Leserempfehlungen
  6. gehen freiwillig und für Geld ins Risiko.
    Das Risiko im Krieg ist der Tod.

    3 Leserempfehlungen
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    Was wollen Sie eigentlich mit ihrer Ansammlung von Allgemeinplätzen sagen?
    Dass Colvin und Conroy selber schuld sind? Dass es nicht nötig ist, Mitleid zu haben?
    Dass ihre Arbeit weniger ist?

    Ich jedenfalls bin froh, dass es Menschen wie Marie Colvin und Paul Conroy gibt, die aus welchen Gründen auch immer diesen Job machen und uns damit helfen, der Wahrheit zumindest ein kleines bisschen näher zu kommen.

    Bequemer ist es natürlich, wie bei diesem Thema immer wieder zu lesen ist, die vermeintliche Undurchsichtigkeit der Verhältnisse zu beklagen und die Komplexität der Lage hervorzuheben ( ➜ Leser-Kommentar Nr. 1 ), um dann schlussendlich keine Stellung zu beziehen.

  7. ... könnte man beginnen ihn zu vermissen, kaum dass Frieden ist.
    So etwas könnte einem bei der Lektüre dieses lesenswerten Artikels auch durch den Kopf gehen und man ahnt was das bedeuten könnte, Krieg als Droge.

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