Bevor Marie Colvin am 7. Februar 2012 verreist, rennt sie in ihrem Haus umher. So außer sich hat Richard Flaye sie noch nie gesehen, der Mann in ihrem Leben. Er ist gerade dabei, ihr beim Packen zu helfen. Wenn Colvin beruflich fortmuss aus London, vergisst sie oft das Nötigste. Einmal ließ sie sogar ihren Pass liegen, Flaye musste ihn ihr zum Flughafen Heathrow bringen. Er hat deshalb eine Checkliste für sie aufgestellt, nun gehen sie sie gemeinsam durch: Satellitentelefon, Helm, Splitterschutzweste, Kopftuch. Dies ist auf Colvins Reisen oft das Wichtigste.

Dann öffnen sie eine Flasche Champagner. Es ist ein Ritual: noch einmal das Beste. Noch einmal genießen, bevor sich für Colvin, die Kriegsreporterin der Sunday Times, die Welt in ihr Gegenteil verkehrt: in eine Welt voller Schrecken und Entbehrung.

Selbst Flaye, der Geschäftsmann, ist an diesem Morgen kopflos. Colvin ist seit sechs Jahren seine Freundin, er hat Angst um sie. Sie wird in den syrischen Bürgerkrieg reisen, in die schwer umkämpfte, von Regierungstruppen eingeschlossene Stadt Homs. "A hellhole", sagt sie zu ihm, ein Höllenloch. Colvin will nach Beirut fliegen und sich dann von Aufständischen nach Homs bringen lassen. Das sei die nächste große Story.

Colvin ist Amerikanerin. Seit 26 Jahren ist sie Reporterin. Wer sie trifft, wird sich immer an die schlanke, große Frau erinnern, sie trägt eine Augenklappe. Seit einem Einsatz in Sri Lanka im Jahr 2001, bei dem sie durch Granatsplitter schwer verletzt wurde, ist sie auf dem linken Auge blind. Eine künstliche Iris ist implantiert worden, die Klappe soll vor Staub schützen. Zuerst wagte Colvin es kaum, damit auf die Straße zu gehen. Inzwischen trägt sie das Stück Stoff mit Stolz, als Insignie ihres Muts. Colvin hat unter Reportern den Ruf, eine Draufgängerin zu sein. In London kennt man sie dagegen als Partygirl, das schöne Kleidung liebt.

Ihr schmales Gesicht, die langen blonden Haare und die Augenklappe: Das ist die Marke Marie Colvin, in der sich Glamour und Heldenpathos verbinden.

Als an diesem Morgen die Champagnerflasche bis auf den letzten Tropfen geleert ist, steigt Colvin ins Taxi, diesmal wird sie nach Beirut fliegen. Eine Woche verbringt sie im Libanon, zusammen mit dem Fotografen Paul Conroy. Wem sie erzählen, dass sie nach Homs wollen, der guckt sie entgeistert an: viel zu gefährlich. Die Regierungstruppen töten gezielt Journalisten. Am 16. Februar lassen sich Colvin und Conroy von Soldaten der Freien Syrischen Armee über die Grenze schmuggeln.

Drei Tage später erscheint in der Sunday Times Colvins Reportage. Sie beschreibt darin das tägliche Sterben in Homs. Sie hat eine provisorische Klinik besucht, den "Witwenkeller". 28.000 Menschen leben in der Stadt unter dem andauernden Beschuss von Granaten, Raketen, Scharfschützen. Colvin schreibt: "Es ist eine Stadt der Kälte und des Hungers, in der sich die Echos der explodierenden Granaten und der Feuerstöße brechen." Das ist ihr Ton, absichtsvoll dramatisch und auch deshalb effektvoll, weil der Leser weiß, dass die Reporterin ihr Leben riskiert. Eine Zeitung, die solche Texte druckt, setzt einen Fels in den Sturm der Partikel, die als Nachrichten durchs Netz schwirren.