Bevor Marie Colvin am 7. Februar 2012 verreist, rennt sie in ihrem Haus umher. So außer sich hat Richard Flaye sie noch nie gesehen, der Mann in ihrem Leben. Er ist gerade dabei, ihr beim Packen zu helfen. Wenn Colvin beruflich fortmuss aus London, vergisst sie oft das Nötigste. Einmal ließ sie sogar ihren Pass liegen, Flaye musste ihn ihr zum Flughafen Heathrow bringen. Er hat deshalb eine Checkliste für sie aufgestellt, nun gehen sie sie gemeinsam durch: Satellitentelefon, Helm, Splitterschutzweste, Kopftuch. Dies ist auf Colvins Reisen oft das Wichtigste.

Dann öffnen sie eine Flasche Champagner. Es ist ein Ritual: noch einmal das Beste. Noch einmal genießen, bevor sich für Colvin, die Kriegsreporterin der Sunday Times, die Welt in ihr Gegenteil verkehrt: in eine Welt voller Schrecken und Entbehrung.

Selbst Flaye, der Geschäftsmann, ist an diesem Morgen kopflos. Colvin ist seit sechs Jahren seine Freundin, er hat Angst um sie. Sie wird in den syrischen Bürgerkrieg reisen, in die schwer umkämpfte, von Regierungstruppen eingeschlossene Stadt Homs. "A hellhole", sagt sie zu ihm, ein Höllenloch. Colvin will nach Beirut fliegen und sich dann von Aufständischen nach Homs bringen lassen. Das sei die nächste große Story.

Colvin ist Amerikanerin. Seit 26 Jahren ist sie Reporterin. Wer sie trifft, wird sich immer an die schlanke, große Frau erinnern, sie trägt eine Augenklappe. Seit einem Einsatz in Sri Lanka im Jahr 2001, bei dem sie durch Granatsplitter schwer verletzt wurde, ist sie auf dem linken Auge blind. Eine künstliche Iris ist implantiert worden, die Klappe soll vor Staub schützen. Zuerst wagte Colvin es kaum, damit auf die Straße zu gehen. Inzwischen trägt sie das Stück Stoff mit Stolz, als Insignie ihres Muts. Colvin hat unter Reportern den Ruf, eine Draufgängerin zu sein. In London kennt man sie dagegen als Partygirl, das schöne Kleidung liebt.

Ihr schmales Gesicht, die langen blonden Haare und die Augenklappe: Das ist die Marke Marie Colvin, in der sich Glamour und Heldenpathos verbinden.

Als an diesem Morgen die Champagnerflasche bis auf den letzten Tropfen geleert ist, steigt Colvin ins Taxi, diesmal wird sie nach Beirut fliegen. Eine Woche verbringt sie im Libanon, zusammen mit dem Fotografen Paul Conroy. Wem sie erzählen, dass sie nach Homs wollen, der guckt sie entgeistert an: viel zu gefährlich. Die Regierungstruppen töten gezielt Journalisten. Am 16. Februar lassen sich Colvin und Conroy von Soldaten der Freien Syrischen Armee über die Grenze schmuggeln.

Drei Tage später erscheint in der Sunday Times Colvins Reportage. Sie beschreibt darin das tägliche Sterben in Homs. Sie hat eine provisorische Klinik besucht, den "Witwenkeller". 28.000 Menschen leben in der Stadt unter dem andauernden Beschuss von Granaten, Raketen, Scharfschützen. Colvin schreibt: "Es ist eine Stadt der Kälte und des Hungers, in der sich die Echos der explodierenden Granaten und der Feuerstöße brechen." Das ist ihr Ton, absichtsvoll dramatisch und auch deshalb effektvoll, weil der Leser weiß, dass die Reporterin ihr Leben riskiert. Eine Zeitung, die solche Texte druckt, setzt einen Fels in den Sturm der Partikel, die als Nachrichten durchs Netz schwirren.

"Jeder Tag ist Horror. Ich denke ständig an dich"

Richard Flaye schickt Colvin eine Mail: "Komm bitte lebend zurück."

Sie antwortet, sie sei in Baba Amr, dem am heftigsten umkämpften Viertel von Homs. Sie vergleicht die Lage dort mit dem Massenmord im bosnischen Srebrenica, wo 1995 mehr als 8000 bosnische Muslime umgebracht wurden, ohne dass das Ausland es mitbekam. "Ich kann über das neue Srebrenica nicht von einem Vorort aus berichten." Die Rebellen haben sie in einem Haus ohne Fenster untergebracht, es ist bitterkalt, es gibt kaum etwas zu essen. "Ich werde noch eine Woche bleiben. Jeder Tag ist Horror. Ich denke ständig an dich." So endet ihre letzte Nachricht.

Am 22. Februar 2012 wird Colvin in Homs von einer Granate getötet, die Regierungstruppen offenbar gezielt auf das Haus abgefeuert haben, in dem sie untergebracht ist. Sie ist 56 Jahre alt. Ihr Begleiter, der britische Fotograf Paul Conroy, wird schwer verletzt. Mit Colvin stirbt der französische Fotograf Rémi Ochlik.

Ein Jahr nach dem Tag, an dem Richard Flaye sich von Colvin verabschiedet hat, steht er in seiner Küche, die aussieht, als sei sie lange nicht benutzt worden. Flaye trägt Hemd und Anzughose, obwohl er an diesem Tag freihat. Er ist 58 Jahre alt und lebt in einem Haus am Ufer der Themse. Mit einem Verlag für Firmenzeitschriften ist er wohlhabend geworden. Seit er ihn verkauft hat, sitzt er nur noch in Aufsichtsräten und geht oft segeln. Er besitzt eine Jacht in der Karibik, häufig war er mit Colvin dort, zuletzt über Silvester 2011. Nach ein paar Wochen hielt sie es nicht mehr aus, sie wollte wieder in den Einsatz. Jetzt sieht Flaye es als seine Aufgabe an, ihr Andenken zu pflegen.

Ihr Tod hat aus der bekannten Journalistin eine Berühmtheit gemacht. Jede größere Zeitung in Europa und den USA veröffentlichte einen Nachruf. Der britische Premierminister zeigte sich erschüttert. Wenn Kriegsreporter sterben, schrickt die Welt kurz auf. Für einen Moment fragt sie sich, wer diese Leute sind, die ihr Leben aufs Spiel setzen für Texte, Fotos, Fernsehberichte.

Colvin gibt vielen unbekannten Toten ein Gesicht. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" hat gezählt, dass 2012 weltweit 143 Journalisten ums Leben gekommen sind – so viele wie nie zuvor. Für die meisten interessiert sich niemand. Vor allem der Nahe Osten ist eine Todeszone. Allein in Syrien starben voriges Jahr 68 Journalisten. Der Großteil waren Einheimische, Bürgerjournalisten und Blogger. Wenn das Volk gegen Herrscher aufbegehrt, bekämpfen Diktatoren auch die Meinungsfreiheit mit Waffen.

Richard Flaye blickt von der offenen Küche auf die Themse, das Grau des Flusses füllt die breiten Fenster ganz aus. Friedvoll und träge zieht er dahin im silbrigen Winterlicht. "Hier haben wir abends gekocht, und hinterher haben wir noch The Wire geguckt." Das ist ihm das Wichtigste: dass er der Abenteurerin ein Zuhause gegeben hat. "Mit mir hat Marie zum ersten Mal so etwas wie ein normales Leben gehabt."

Anders als die meisten von Colvins Freunden und Kollegen erschrak Flaye nicht, als vier Monate nach ihrem Tod in der amerikanischen Vanity Fair ein Porträt über sie erschien. Es stellte sie als getriebene Frau dar, die Alkoholprobleme hatte und traumatisiert war von ihren Kriegserfahrungen. Flaye findet, dass der Artikel Marie Colvin "ziemlich gut getroffen" hat. "Die negativen Seiten hat er nur angedeutet." Der Mann, der Colvin wohl am besten gekannt hat, ist dabei, die mit Preisen überhäufte Journalistin von ihrem Denkmal zu stürzen.

Wenn ihre Freundinnen an Colvin denken, sehen sie eine andere Frau. Sie trägt eine Perlenkette, ein kurzes schwarzes Kleid und hohe Schuhe. Es kommt ihnen so vor, als hätten sie Marie nie auch nur ein Mal in Hosen gesehen. Eine von ihnen ist Jane Bonham Carter. Sie empfängt Besucher im House of Lords, dem britischen Oberhaus. Die ehemalige Fernsehjournalistin ist hier für die Liberaldemokratische Partei. Sie trägt den Titel einer Baroness. Wenn sie über Colvin redet, wird sie laut und euphorisch: "Sie war ein Energiebündel. Die mutigste Frau, die ich je getroffen habe." Ihr Vater, ein Weltkriegsveteran, habe Colvin geradezu verehrt.

Gaddafi versuchte sie zu verführen

Bonham Carters Beitrag zum strahlenden Bild Colvins ist die Geschichte von der Prada-Jacke. Eine gemeinsame Freundin hatte Colvin überredet, die teure Daunenjacke zu kaufen. Die nahm Colvin im Winter 1999 in den tschetschenischen Bürgerkrieg mit. In der Sunday Times beschrieb sie, wie sie in der Nähe der Hauptstadt Grosny einen Tag in einem Feld neben ihrem zerschossenen Auto verbrachte, während russische Flugzeuge über der Gegend kreisten und Bomben abwarfen. Wie oft war Colvin die Einzige unter den ausländischen Journalisten, die blieb, wenn es gefährlich wurde – das russische Militär hatte die Grenzen geschlossen. Um nach Georgien zurückzukehren, musste sie übers Gebirge, sie lief acht Tage lang. Ohne ihre Designerjacke, sagte sie später, hätte sie nicht überlebt.

"Als sie wieder da war, kam sie nach Schottland, ich machte da Urlaub", sagt Bonham Carter. "Marie trug immer noch die Jacke. Sie erzählte die Geschichte und lachte, so was liebte sie. Sie hatte ein herrliches Lachen." Bonham Carter lacht jetzt auch.

Als sie Marie Colvin Ende der achtziger Jahre kennenlernt, hat diese gerade in London bei der Sunday Times angefangen. Sie stammt aus der Kleinstadt Oyster Bay im Bundesstaat New York. Ihre Eltern sind Lehrer, der Vater hat in Korea gekämpft. Colvin hat in Yale amerikanische Literatur studiert und in Washington bei der Nachrichtenagentur UPI gearbeitet. Sie will unbedingt ins Ausland, 1986 wird sie Korrespondentin in Paris. Ihr erster Scoop ist ein Interview mit dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi. Sie beschreibt, wie er sie mitten in der Nacht in Tripolis empfängt und zu verführen versucht. Später wird Colvin es öfter einen Vorteil nennen, in Kriegsgebieten eine Frau zu sein – als Journalistin komme man nun mal leichter durch Checkpoints. Nach dem Gaddafi-Interview wirbt die Sunday Times sie von der Nachrichtenagentur ab.

Die Freundinnen – darunter viele Journalistinnen und eine Schauspielerin, die mal Bond-Girl war – erinnern sich, dass Colvin London "im Sturm erobert" habe, eine 31-Jährige mit Modelfigur und langen Locken. Bald ist sie der Mittelpunkt einer Gruppe ehrgeiziger junger Journalistinnen. Zu ihnen gehört Emma Duncan, heute stellvertretende Chefredakteurin des Economist. Alle hätten damals an aufregende Orte reisen wollen, auch in Krisengebiete, das sei gut für die Karriere gewesen. "Manche machten das nur für den Kick der Gefahr. Marie wurde ebenfalls von Gefahr angezogen. Sie hatte Spaß dran."

In wenigen Jahren erarbeitet sich Colvin ein Renommee, um das sie von Kollegen beneidet wird. 1991 steht sie voller Abenteuerlust auf dem Dach des Al-Raschid-Hotels in Bagdad, es sind die Stunden vor dem Beginn des Ersten Golfkriegs – daran erinnert sich Maggie O’Kane, damals Kriegsreporterin des Guardian. "Sie trug eine Perlenkette, die Jassir Arafat, der Chef der Palästinensischen Befreiungsfront, ihr geschenkt hatte. Sie war schön." Die meisten Ausländer verlassen vor dem drohenden Bombardement der Amerikaner die Stadt. Einige Journalisten bestehen darauf zu bleiben, Colvin ist ihre Anführerin. In dem Bild vom Hoteldach ist Gefahr und Glamour, beides eine Überhöhung des Alltags – viele erliegen dieser Mixtur. O’Kane findet es "logisch", dass Colvin irgendwann im Einsatz sterben würde. "Sie ging höhere Risiken ein als jeder andere. Wenn sie irgendwo ankam, stöhnten die Reporter auf: Sie würde wieder die bessere Geschichte kriegen." O’Kane hat den Job lange aufgegeben, heute macht sie für den Guardian Dokumentarfilme.

Aber das Bild ist nur die Oberfläche. 2004 hat Colvin einen Zusammenbruch. Wegen Panikattacken muss sie in eine Klinik. Ein Kollege, der sie besucht, kann kaum glauben, was er sieht: Die Frau, die sonst Stärke verströmt, hockt klein und gekrümmt auf ihrem Bett. Ihre Angst hat sie zuerst mit Wodka bekämpft, jetzt kann sie nicht mehr. Die Ärzte stellen eine posttraumatische Belastungsstörung fest, offenbar eine Folge des Granatenangriffs, bei dem sie drei Jahre zuvor ihr Auge verlor.

Auch zwei Jahre später verfolgen sie Panikattacken

Ihren Freundinnen offenbart sie sich nicht. "Sie sah damals immer traurig aus", sagt Jane Bonham Carter, "aber sie sprach nicht über die Gründe. Das Wort Angst habe ich von ihr nie gehört." Auch Emma Duncan bemerkt, dass es Colvin schlecht geht – allerdings nur daran, dass sie sich zurückzieht. Sie taucht tagelang ab. Die Freundinnen sorgen sich, weil Colvin so viel trinkt. Manchmal ist sie schon nachmittags betrunken. Bis heute glauben jedoch alle, dass sie keine Alkoholikerin war. Sie freuen sich, als sie mit dem Rauchen aufhört, sie kennen sie nur mit einer Zigarette in der Hand. Colvin hat ihre Zähne völlig vernachlässigt, sie mussten alle durch Implantate ersetzt werden. Wenn sie rauche, warnte der Zahnarzt, hielten die Implantate nicht. Das erzählt Richard Flaye.

Auf ihn sind ihre Freundinnen nicht gut zu sprechen: Er sei a creepy guy, ein fieser Typ, er habe Colvin unglücklich gemacht. 2010 trennten sich Colvin und Flaye, weil er sie betrogen hatte – er spricht ganz offen darüber. Einige Monate vor ihrem Tod kamen sie wieder zusammen. Nicht allen Freundinnen hat Colvin davon erzählt, als sei ihr das peinlich gewesen. Sie war zweimal verheiratet. Alle, die sie länger kennen, sagen, dass die Ehen schnell zerrüttet gewesen seien. Vielleicht stört die Freundinnen auch nur, dass Flaye ein anderes Bild von Colvin bewahren will als sie selbst.

Marie Colvin hat ihm all ihre Dokumente vermacht, darunter 150 Notizbücher. Sie hatte geplant, ihre Autobiografie zu schreiben, und sie verhandelte mit einem Regisseur über die Verfilmung. Die Chancen, dass dieser Film entsteht, sind mit ihrem Tod gestiegen. Charlize Theron, heißt es, soll die Hauptrolle spielen. Ein Sammelband mit Reportagen ist bereits voriges Jahr erschienen. Nun sucht Flaye mit zwei von Colvins Freunden einen Autor, der sich der Biografie annimmt. Der solle Colvin "wahrhaftig" und "positiv" darstellen, will Flaye. "Auch auf das Thema Alkohol soll er eingehen." Am wichtigsten aber sei, "dass klar wird, was der emotionale Preis dieses Jobs ist".

Als Flaye und Colvin 2006 ein Paar werden – er trifft sie bei einer Journalistenpreis-Verleihung –, ist Colvin öfter nach Bagdad unterwegs. Es ist die Zeit der täglichen Selbstmordattentate. Was sie von den Reisen erzählt, fasziniert Flaye. Er ist jetzt näher dran als jene, die zu Hause mit der Zeitung oder der Fernbedienung in der Hand auf die Gräuel in der Ferne schauen. "In Bagdad blieben alle Journalisten in der Grünen Zone. Es war gefährlich rauszugehen, doch sie übernachtete außerhalb, bei einem Oppositionspolitiker. Es war riskant. Sie war schon oft in Bagdad gewesen und kannte sich aus."

Noch im selben Jahr kauft Flaye das Haus an der Themse. Colvin wohnt hundert Meter entfernt, in einem viktorianischen Reihenhaus. Es ist mehr als eine Million Pfund wert. Colvin ist wohlhabend, weil sie sich in London früh eine Wohnung gekauft hatte, deren Preis stieg, und ihre Arbeit ist gut bezahlt. Mithilfe eines Innenarchitekten hat sie das Haus aufwendig gestaltet, mit arabischen Teppichen und alten Möbeln. Sie lädt zu großen Abendessen ein und feiert manchmal bis zum frühen Morgen.

Vor Flaye kann Colvin nicht verbergen, dass sie auch zwei Jahre nach ihrem Klinikaufenthalt immer noch Panikattacken hat. Oft trommelt sie plötzlich mit der einen Hand auf die andere, um sich von der Angst abzulenken. In ihrem Job hatte sie nur kurz Pause gemacht, ungefähr ein Jahr. "Sie dachte, sie wäre weitgehend darüber weg", sagt Flaye. "Und es sah auch so aus." Die Zeitung hat sie gedrängt, sich zu schonen. Sie arbeitet jetzt nur noch sieben Monate im Jahr.

In der freien Zeit geht sie segeln, das ist ihre neue Leidenschaft. Sie nimmt sogar an Wettbewerben teil. Flaye zeigt ein Foto auf dem Laptop: Eine Jacht im Sturm, der Mast berührt fast die Wellen. Auf dem Deck Gestalten in blauem Ölzeug, eine muss Colvin sein. Das Foto ist von einem Helikopter aus über dem Mittelmeer aufgenommen. Flaye lacht. "Die meisten Boote hatten schon aufgegeben, Marie hielt durch. Da war sie in ihrem Element. Es ging ihr ums Adrenalin." Das Segeln gibt ihr einen Kick, wie ihre Reisen. In den folgenden Jahren fährt sie nicht nur immer wieder nach Bagdad, sondern auch in den Gazastreifen und nach Afghanistan.

Hat die Sunday Times eine gebrochene Frau in gefährliche Einsätze geschickt?

Die Zeitung residiert im Osten Londons in einem Hochhaus. Weiße Wände, Großraumbüros, kühle Effizienz. Die Sunday Times gehört zu Rupert Murdochs Medienkonzern News Corporation, dessen Ruf durch den Abhörskandal um das Boulevardblatt News of the World ruiniert ist. Sicherheit ist hier nur eine Frage von Chipkarten, die man braucht, um in eine der Etagen zu gelangen. Colvins Freunde sagen, sie habe Büros gehasst.

Sean Ryan sitzt in einem Glaskubus, in den der Schrecken der Welt nur über Bildschirme dringt. Er leitet das Auslandsressort, ein ruhiger Mann im perfekt gebügelten Hemd. Er war so etwas wie Colvins Aufpasser. "Sie hielt sich nicht immer an Deadlines, rief nicht an, wenn es verabredet war, oder vergaß, Bescheid zu sagen, mit wem sie sich traf." Er habe ihr oft hinterhertelefoniert. Er sagt das, wie um zu zeigen, dass er getan hat, was möglich war. Von ihrem Trauma habe sich Colvin weitgehend erholt gehabt. "In den letzten Jahren war sie mehr oder weniger wieder sie selbst. Niemand hat sie dazu gedrängt, nach Homs zu fahren."

"Auf einmal war ein Riesenloch in meinem Bein"

Am letzten Tag ihres Lebens sprach er mit ihr über Skype. Er wollte, dass sie aus Homs abreiste. Paul Conroy, der Fotograf, saß neben ihr, schwieg und nickte. Ryan dachte, er hätte Colvin überzeugt. Später schickte sie eine E-Mail, gerade seien französische Reporter eingetroffen. "Ich weigere mich, von den Franzosen geschlagen zu werden." Da wusste er, dass sie bleiben würde.

Ein Jahr nach ihrem Tod ist Colvins Stelle nicht neu besetzt worden. Reporterarbeit ist teuer und gefährlich. Zeitungen und Sender greifen gern auf Texte und Bilder aus dem Netz zurück, von Bloggern und anderen Amateuren. Oder sie bilden eigens Reporter aus der Region aus, wie der Guardian das tut.

Wer für die Sunday Times in Krisengebiete will, muss heute ein dreiseitiges risk assessment form ausfüllen, zur Risikoeinschätzung. Er ist verpflichtet, sich mehrmals am Tag zu melden. Eine Sicherheitsfirma liefert vorab einen Gefahrenbericht, es gibt Notfallpläne. Die Zeit der unabhängigen, eigenwilligen Reporter ist vorbei. Auch deshalb spricht Ryan über Colvins Arbeit mit Wehmut. "Sie ragte heraus", sagt er. "Manche ihrer Geschichten waren einfach spektakulär." Es wirkt wie ein Akt der Verzweiflung, dass die Sunday Times ein Marie-Colvin-Stipendium ausgeschrieben hat. Junge Journalisten sollen damit auf den Einsatz in Krisengebieten vorbereitet werden. Sean Ryan sagt, es gebe bereits mehr als hundert Bewerbungen. Der erste Reporter soll im März mit der Arbeit beginnen.

Hätte die Zeitung Colvin vor sich selbst schützen müssen? Ryan macht ein Gesicht, als denke er an ein Kind, mit dem man Nachsicht haben musste. "Wenn Marie nicht die Arbeit hätte machen dürfen, die sie wollte, wäre das schlimm für sie gewesen. Es war ihre Identität." Es klingt, als habe er Colvin nicht stoppen können – oder zumindest hingenommen, dass das kaum möglich war. Was sie lieferte, war eine zu kostbare Ware auf dem Zeitungsmarkt.

Marie Colvin hat öfter selbst beschrieben, was sie angetrieben hat. Nachdem sie 2001 in Sri Lanka ihr Auge verloren hatte, bekam sie einen Preis. In ihrer Rede bei der Verleihung stellte sie sich selbst die Frage, ob es das Risiko wert gewesen sei. "Ich dachte das damals, und ich muss sagen, ich tue es immer noch." Ihr Glaubenssatz war: "Ich will Zeugin sein", sie wiederholte ihn oft. Ihre Pflicht sei es, dahin zu gehen, wo Unrecht geschieht. Wo Menschen unterdrückt werden und niemand hinschaut. Die große Politik, die Verschiebungen der Macht interessierten sie nicht. Wie viele Kriegsreporter wähnte sich Colvin in einem moralischen Auftrag. Man kann darin ein hehres journalistisches Anliegen sehen, aber auch eine Selbstüberhöhung. "Wir decken die Gräuel auf und die Lügen", sagt Sean Ryan.

Zu denen, die die wahren Kosten dafür tragen, gehört Paul Conroy. Der Fotograf, der Marie Colvin nach Syrien begleitet hat, schleppt sich an diesem Nachmittag auf Krücken in die Redaktion. Sean Ryan läuft aus seinem Büro, um ihn zu umarmen. Auch andere Journalisten rennen herbei. Conroy grinst breit, ein unrasierter Mann, der in seinem schmuddeligen Parka aussieht, als habe er seine Welt der zerschossenen Häuser und des unvorstellbaren Leids gerade erst verlassen. Er humpelt in eine zugige Ecke neben dem Kaffeeautomaten. Der einzige Ort hier, an dem man in Ruhe reden kann.

"Die Wunde", sagt er als Erstes. "Sie wollen bestimmt die Wunde sehen."

Ohne die Antwort abzuwarten, knöpft er die Hose auf. Sein linkes Bein ist dünn und voller Narben. Ein Schrapnell der Granate, die Colvin tötete, durchschlug es. "Da war auf einmal ein Riesenloch in meinem Bein. Ich habe reingegriffen und die Schlagader gesucht. Ob sie noch heil ist. Ob ich noch länger als ein paar Minuten zu leben habe. Sie war noch ganz." Er erzählt das mit einem seltsam entrückten Lächeln.

Fast ein Jahr lang ist er in der Klinik gewesen. Er kann nur 500 Meter am Stück gehen. Die Zeitung übernimmt die Behandlung, er bekommt jetzt sogar ein Gehalt. Bisher wurde er nur für einzelne Aufträge bezahlt. Er scheint solches Wohlwollen kaum glauben zu können. Falls er jemals wieder fit wird, will er unbedingt zurück in den Krieg. "Immer eine gute Geschichte", sagt er. "Sehr fotogen. Die Flammen, die Lichter."

Eine Granate explodierte im obersten Stockwerk

Conroy und Colvin haben zehn Jahre lang zusammengearbeitet. Er ist 48 Jahre alt, er hat drei Kinder und ist geschieden. Bevor er Kriegsreporter wurde, war er Soldat in der britischen Armee. Ein Dream-Team seien Colvin und er gewesen. "Wir wollten beide immer das Gleiche: noch mehr, noch näher ran." Neun Wochen hielten sie 2011 im libyschen Misrata durch, noch so ein Höllenloch. "Keine Konkurrenz, alles nur für uns." Er habe sich dort "seltsam glücklich" gefühlt. Colvin muss wohl genauso empfunden haben. Mariann Wenckheim, eine weitere Freundin, sagt über sie: "An solchen Orten wusste sie, wer sie war."

In Homs verbrachten Colvin und Conroy zunächst nur zwei Tage. Sie verließen die Stadt, um Texte und Bilder per Satellitentelefon abzusetzen; das Telefon ist leicht zu orten. Dann bestand Colvin darauf zurückzukehren. "Geisteskrank" fand Conroy das. "Der Granatenbeschuss wurde immer schlimmer." Er sei nur mitgegangen, weil er sie nicht allein lassen wollte.

Am Montag, dem 21. Februar, sind sie wieder in dem Haus, in dem sie bereits übernachteten. Conroy, der ehemalige Soldat, zählt 45 Explosionen in der Minute. "40- und 80-Millimeter-Granaten, 120-Millimeter-Raketen, 240-Millimeter-Granaten, russisches Modell", er erkennt die Geschosse am Klang der Detonationen. Marie Colvin gibt auf BBC und CNN Live-Interviews per Skype. Sie sagt: "Es ist eine Lüge, dass sie hier Terroristen verfolgen. Die syrische Armee bombardiert eine Stadt voller frierender, hungernder Zivilisten." Die Wahrheit muss hinaus in die Welt, möglichst oft. Das ist ihre Mission.

Am nächsten Morgen gegen sechs Uhr erwachen Colvin und Conroy durch Granateinschläge. Eine Drohne surrt über dem Haus. Dann explodiert eine Granate im obersten Stockwerk. Alle geraten in Panik. Colvin läuft in den Flur, um ihre Schuhe zu holen. Eine Granate trifft den Eingang, sie reißt die Wand weg. Der Druck und Schrapnellteile zerfetzen die Tür, hinter der Conroy steht. Schwer verletzt tastet er sich durch Staub und Schutt. Er findet Colvin. Ihr Brustkorb ist reglos und nass vor Blut. Während weitere Granaten fallen, wird Conroy aus dem Haus geschleppt. In derselben provisorischen Klinik, über die sie berichtet haben, reinigt jemand seine Wunden mit einer Zahnbürste, ohne Betäubung. Es dauert fünf Tage, bis die Rebellen ihn zusammen mit anderen Verletzten aus Homs herausschaffen können, durch einen Abwassertunnel. Als Conroy in Beirut eintrifft, ist sein Bein bereits entzündet und angeschwollen. Erst in London wird er operiert. Er kommt ganz knapp mit dem Leben davon.

Colvins Leichnam wird erst Tage später aus Homs herausgebracht. Zweieinhalb Wochen nach ihrem Tod wird sie in ihrer Heimatstadt Oyster Bay beerdigt. Paul Conroy arbeitet jetzt an einem Buch über seine Flucht aus Homs. Es ist eine Geschichte, die ganz nach Colvins Geschmack gewesen wäre, hätte sie sie noch aufschreiben können.