Nein, mit seinem grauen Kapuzenpullover passt er nicht hierhin. Marco Kistler sitzt ganz vorne im großen Saal des Hotels Glarnerhof und referiert über Glarner Steuerpolitik, die Decke ist stuckverziert, die Vorhänge sind rot und schwer. Neben ihm auf dem Podium sitzt die Politprominenz des kleinen Kantons. Der anwesende Regierungsrat, der Landratspräsident, der Gemeindepräsident von Glarus Süd, alle tragen sie Anzug, Hemd und Krawatte. Bedeutungsschwer ist auch das Thema der Matinée, zu der die sozialdemokratische Partei des Kantons Glarus am vergangenen Samstagmorgen geladen hat. Gerade mal zwanzig Gäste interessieren sich für die kantonale Steuerpolitik.

Zum Schluss erinnert Marcos Onkel Thomas Kistler, der Präsident der SP Kanton Glarus, an den kommenden Abstimmungssonntag. Es sei nicht nur über die Abzocker-Initiative zu entscheiden, genauso wichtig seien Raumplanungsgesetz und Familienvorlage. Marco Kistler kann sich für die Abzocker-Initiative wenig begeistern, auch wenn er sie befürwortet. »Ihre Wirkung kommt einem Placeboeffekt gleich«, sagt der schlaksige 28-Jährige. »Initiant Thomas Minder entstammt demselben Filz, den er jetzt zu bekämpfen vorgibt.«

Viel wichtiger ist Marco Kistler die Initiative, die er vor gut fünf Jahren erfand und über die wohl am 22. September diesen Jahres abgestimmt wird: die 1:12-Initiative. Sie fordert, dass der Meistverdienende in einem Betrieb höchstens zwölfmal so viel kassieren darf wie derjenige, der am wenigsten bekommt. Der Chef darf pro Monat also nicht mehr verdienen als die Putzkraft im Jahr. Diese Forderung, sagt Kistler, sei viel wirksamer und einfacher verständlich als die Änderungen im Aktienrecht, die die Abzocker-Initiative mit sich brächte: »Bei ihr versteht die Bevölkerung doch kaum mehr als das Schlagwort.«

Zuerst wurde über 1:10 nachgedacht

Kistler ist einer dieser Menschen, die man gemeinhin mit dem Wort »schwierig« bezeichnet. Er besucht das Gymnasium in Glarus, stört sich an der »autoritären Schulstruktur«, fühlt sich von den Lehrpersonen nicht ernst genommen. Er rebelliert gegen den Lateinunterricht, schreibt Eingaben an den Kantonsschulrat, streitet mit Lehrern und Behörden. Er muss repetieren. Doch immerhin fällt er den Jungsozialisten auf, die in Glarus gerade eine Sektion eröffnen. »Das Glarnerland ist klein«, sagt Kistler. »Jeder Querulant war für die Juso interessant, jeder kritische Geist ein potenzielles Mitglied.«

Im Juni 2007 überfallen rund dreißig aus der ganzen Schweiz angereiste Neonazis das von der jungen Linken organisierte Open Air »für ein buntes Glarnerland ohne Rassismus« im Glarner Volksgarten. Sie treten mit ihren Springerstiefeln auf Kistler ein und werfen ihn in einen Brunnen. Zum Glück wird er kaum verletzt. Aber sein Wille, auf demokratischem Weg gegen die rechte Gewalt zu protestieren, wird durch die Attacke noch verstärkt. Kistler lässt sich in die Geschäftsleitung der Juso Schweiz wählen. An der Seite des umtriebigen Präsidenten Cédric Wermuth steht er für eine Jungpartei, die mit neuer Freude an der Provokation das Rampenlicht sucht. Während der Aargauer Wermuth schon mal am SP-Rednerpult vor laufender Kamera einen Joint anzündet, bleibt der Glarner lieber im Hintergrund. Dort aber macht er mehr als die meisten. »Marco war und ist sehr kreativ, ein wahrer Antreiber«, sagt Wermuth. »Manchmal muss man ihn fast ein wenig bremsen.«

Die Idee zur 1:12-Initiative schlägt Kistler an einer Retraite der Juso-Spitze in Neuenburg vor. Seine Mitstreiter sind zuerst nicht überzeugt, die Idee – zuerst noch als 1:10 gedacht – wird nicht sofort verfolgt. »Erst, als sich das Ausmaß der einsetzenden Finanzkrise immer deutlicher abzeichnete, hielten wir den Moment für reif«, erinnert sich Wermuth. Die Linke ist jetzt vom Ansinnen begeistert. Die für die Initiative nötigen Unterschriften kommen problemlos zustande, fast ausschließlich werden sie auf der Straße gesammelt. »Wir konnten uns die Briefmarken für einen Postversand der Unterlagen nicht leisten«, sagt Kistler. Seit der Armeeabschaffungs- und der Alpeninitiative habe es keine Vorlage mehr gegeben, schreibt die WoZ , die wie die 1:12-Initiative »mit dem nötigen Utopiegehalt das gängige Denken sprengen könnte«.

Ein Post-it-Zettelchen an jede Haustür

Kistler kennt das Gefühl, wie aus einer visionären Idee auf einmal Realität wird. 2006 sollen aus 25 Glarner Gemeinden zehn werden, da nicht mehr für jede Kommune genügend Behördenmitglieder gefunden werden können. Der Juso geht diese Reform nicht weit genug. Doch selbst ihre Mutterpartei SP traut sich nicht, den Vorschlag, zu drei Großgemeinden zu fusionieren, mitzutragen. Überraschend spricht sich die Glarner Landsgemeinde am 7. Mai 2006 für die entsprechende Einzelinitiative aus. Drei Jahre später wird Marco Kistler mit dem besten Ergebnis des zweiten Wahlgangs in den ersten Gemeinderat der neuen Gemeinde Glarus Nord gewählt. Die Wahlkampftaktik war denkbar einfach gewesen: An jede Haustür hatten Kistler und seine Mitstreiter ein Post-it-Zettelchen geklebt, auf dem sie zur Wahl aufriefen. Als einziger Linker in der siebenköpfigen Exekutive der Gemeinde mit ihren 17.000 Einwohnern steht er dem Ressort Gesundheit, Jugend und Kultur vor. Sein Soziologiestudium bricht er ab, in der Kommunikationsabteilung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes in Bern arbeitet er mit einem halben Pensum. In manchen Wochen verbringt der Pendler bis zu zwanzig Stunden im Zug.