Der Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate hat einen von den Medien mit Spannung erwarteten Wiederaufnahmeantrag vorgelegt. Er gilt dem Urteil des Landgerichts Nürnberg vom 8. August 2006, in dem die Unterbringung des Kaufmanns Gustl Mollath in der Psychiatrie angeordnet wurde. Nach Überzeugung der 7. Strafkammer hatte Mollath seine Ehefrau angegriffen, misshandelt und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und außerdem die Reifen von Kraftfahrzeugen ihm missliebiger Personen so fachkundig angestochen, dass die Luft erst während der Fahrt entwich. Da ein nervenärztliches Gutachten dem Angeklagten eine schwere psychische Erkrankung attestierte, sprach das Gericht den Angeklagten Mollath frei, wies ihn aber als schuldunfähigen, gleichwohl gefährlichen Straftäter in eine geschlossene Anstalt ein, wo er heute noch sitzt.

Viele Jahre hat Mollath – der sich für gesund und lediglich für das Opfer einer von seiner Frau angezettelten Verschwörung hält – versucht, die Öffentlichkeit für sein Schicksal zu interessieren. Damit hatte er schließlich Erfolg. Um ihn bildete sich ein Unterstützerkreis, der die Interessen des Anstaltsinsassen mit großem Engagement verfolgt. 2012 griff obendrein die Partei der Freien Wähler den Fall Mollath auf und brachte die bayerische Justizministerin Beate Merk von der CSU mithilfe der Presse in erhebliche Erklärungsnot (ZEIT Nr. 51/12).

Wie war das möglich? Mollaths Behauptung, seine Ehefrau, Anlageberaterin bei der HypoVereinsbank, sei in Schwarzgeldtransfers verwickelt, schien plötzlich plausibel. Die Behörden hatten Mollaths Anzeigen zuvor jahrelang als Hirngespinst eines Verrückten abgetan. Zu dieser Haltung hatte auch Mollaths sonderbares Auftreten beigetragen und die Tatsache, dass er zahllose Menschen, Behörden und Würdenträger mit wirren Briefen bombardierte. Seine Anschuldigungen nahm keiner ernst.

Außer der HypoVereinsbank. Tatsächlich tauchte Frau Mollaths Name wenig später in einem internen Revisionsbericht der Bank auf. Zwar konnte man ihr keine Schwarzgeldtransfers nachweisen, wohl aber, dass sie die Bank durch andere zweifelhafte Geschäfte geschädigt hatte. Die Bank trennte sich daher von ihr. Als öffentlich wurde, dass in Gustl Mollaths Geschichte ein Funken Wahrheit war, kochte der Fall in der Öffentlichkeit hoch. Ließ die Strafjustiz einen Unschuldigen in der Psychiatrie verschwinden, weil er Machenschaften einer Bank aufdecken wollte? Diese Frage trieb die Medien um.

Deshalb baten die Freien Wähler den Hamburger Strafverteidiger Gerhard Strate, die Sache Mollath wieder aufzurollen. Dessen Antrag auf Wiederaufnahme des Falles liegt nun vor. Um die Strafjustiz dazu zu zwingen, sich mit einem längst abgeschlossenen Fall noch einmal zu befassen, werden sonst neue Tatsachen und Beweismittel aufgeboten, die das verurteilende Gericht – hätte es sie gekannt – von seinem Schuldspruch abgehalten hätten. Strates Wiederaufnahmeantrag ist deshalb überraschend. Weder überzeugt der Schriftsatz davon, dass Strates Mandant die Taten nicht begangen haben kann, noch legt er die Einsicht nahe, Mollath sei in Wirklichkeit psychisch gesund. Strate bringt keine neuen Tatsachen bei, aus denen sich ergäbe, dass Mollath seine Frau nicht attackiert und die Reifen der betreffenden Kraftfahrzeuge nicht zerstochen hat. Auch wird nicht versucht, all die psychiatrischen Gutachten, die Mollaths Wahnerkrankung inzwischen belegen, ernsthaft in Zweifel zu ziehen oder gar zu widerlegen.