DeserteureFlucht nach Bautzen

Go West? Nicht nur im Kalten Krieg liefen Hunderte Nato-Soldaten in den Osten über. Eine Villa in der Lausitz war ihr Auffanglager. von Peter Köpf

Der britische Fallschirmjäger Jack Stuart erwies sich als Geschenk des Himmels für die Deutsche Demokratische Republik. Es war im August 1949, als der 19-jährige Arbeitersohn aus dem schottischen Falkirk desertierte, die Sektorengrenze bei Helmstedt zu Fuß überquerte und Asyl in der "Ostzone" suchte. Die Neue Berliner Illustrierte druckte einige Monate später – die "Ostzone" hieß nun DDR – das ganzseitige Foto des smarten Schotten in Uniform zur Schlagzeile Warum ich über die Elbe ging? Weil ich den Frieden will! Darunter stand: "Jack Stuart war von den Kriegsvorbereitungen der Westmächte so angewidert und empört, dass er auf den Boden der Deutschen Demokratischen Republik übertrat, um sich hier friedlicher Aufbauarbeit zu widmen."

Das war ein glänzender Propagandaerfolg für den am 7. Oktober gegründeten Staat. Stuart erhielt eine Wohnung im Haus eines Dresdner Genossen, Böttcherstraße 13. Partei und FDJ präsentierten den "jungen ausländischen Friedenskämpfer" fortan als Zeuge der Anklage gegen die westlichen "Kriegstreiber". Doch im Februar 1951 war Stuarts Karriere als umjubelter Propagandist beendet. In der Böttcherstraße lag eine Leiche; Stuart hatte die Frau seines Vermieters Erwin Kaufmann beraubt und erstochen.

Anzeige

Dass Menschen aus dem Ostblock in den Westen flüchteten, weiß jeder. Dass aber auch zahlreiche Nato-Soldaten in die DDR überliefen, war bisher weitgehend unbekannt. Ihre Lebensgeschichten gehören zu den ungewöhnlichsten des Kalten Krieges. Wenige Monate nach dem Mord und der Flucht Jack Stuarts beschloss die Abteilung Bevölkerungspolitik des DDR-Innenministeriums, künftig alle Deserteure aus Nato-Armeen an einem Ort zusammenzufassen, "damit die bessere Einbeziehung in die Maßnahmen der Regierung erreicht werden kann". Die Wahl fiel auf Bautzen. Bis zum Mauerfall sollten etwa 200 US-Amerikaner, Briten, Franzosen, Holländer und Belgier das Städtchen in der Lausitz kennenlernen.

Bautzen war auf das, was von Oktober 1951 an geschehen sollte, nicht vorbereitet. Noch waren längst nicht alle Kriegsschäden beseitigt: In den letzten Kriegswochen waren hier nicht nur mehrere Tausend Soldaten – Deutsche, Polen, Ukrainer und Russen – und Hunderte Zivilisten gestorben, weil die Nazis den Ort zur Festungsstadt erklärt hatten; auch Betriebe, Dutzende öffentliche Gebäude sowie fast ein Drittel des Wohnungsbestands waren der "Schlacht um Bautzen" zum Opfer gefallen. Und nun benötigten nicht nur die Einheimischen Wohnungen und Arbeitsplätze, sondern auch immer mehr Neuankömmlinge aus dem Westen, Deserteure aus Nato-Armeen.

Historischer Fund

Bei jahrelangen Recherchen ist der Berliner Autor Peter Köpf in Archiven der Staatssicherheit sowie des DDR-Innenministeriums auf überraschende Seiten des Ost-West-Konflikts gestoßen: Akten von etwa 200 Überläufern, die in der DDR um Asyl baten. Von alldem handelt Köpfs neues Buch. Der 52-Jährige ist Chefredakteur der englischsprachigen Monatszeitung The Atlantic Times und Autor von Biografien, so etwa über Edmund Stoiber und die Historiker-Familie Mommsen.

Der Rat der Stadt versuchte, die Gestrandeten in der Weigangschen Villa aufzufangen, einem an der Ecke Siegfried-Rädel-Straße und Wallstraße gelegenen Jugendstilbau. Ein Industrieller, reich geworden mit dem Druck von bunten Zigarrenbanderolen, hatte ihn 1903 inmitten einer ausgedehnten Parklandschaft gebaut. Als Hochzeitsgeschenk für seinen Sohn. Von 1951 an nutzte eine Organisation namens "Internationale Solidarität" die Villa.

Es gab einige Zimmer für Neuankömmlinge, einen Clubraum und eine Bibliothek. Vom Frühjahr 1953 an betrieben die Bautzener in der Villa eine Sonderschule, in der die "ausländischen Freunde" zu "bewussten demokratischen Menschen und guten Facharbeitern" erzogen werden sollten. Zudem war vorgesehen, so der Jahresbericht 1954, "die besten ausländischen Freunde zum Studium auf verschiedenen Gebieten zu delegieren, während die übrigen ihren hier erlernten Beruf in der Produktion weiter ausüben werden".

In der Weigangschen Villa traf sich damals der ganze Westen: schwarze und weiße Amerikaner; Engländer und Waliser, die sich – so hieß es – des Dialekts wegen manchmal nicht verstanden; ein Ire aus Belfast, der angeblich der IRA angehörte; Franzosen, denen eine frühere Mitgliedschaft in der SS, in der Fremdenlegion oder in der Kommunistischen Partei nachgesagt wurde; angeblich homo- und heterosexuelle Holländer; außerdem einige Araber, die nicht mehr bereit waren, für die Franzosen die Kastanien aus dem vietnamesischen oder nordwestafrikanischen Feuer zu holen.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte FDJ | DDR | Kommunistische Partei | Bautzen | Sowjetunion | USA
    Service