Es ist ein Drohbrief, der Ende Dezember in Wien einlangte. Mit scharfen Worten geht die EU-Kommission darin mit der Umweltpolitik Österreichs ins Gericht: Die Republik sei »ihren Verpflichtungen nur teilweise nachgekommen«, ist zu lesen. Die Versäumnisse seien »gravierender, als bisher der Kommission bekannt war«.

Grund des geharnischten Schreibens: Österreichs Versäumnisse im Rahmen des Programms Natura 2000, das von den EU-Mitgliedern verlangt, schützenswerte Naturlandschaften zu deklarieren. Lediglich 218 Regionen wurden bislang zu Schutzgebieten erklärt; zu wenige laut der Kommission, die nun weitere 150 Gebiete auflistet, die nach den Kriterien »hätten vorgeschlagen werden müssen«. Nun drohen Konsequenzen.

Österreich und der europäische Naturschutz hatten von Anfang an eine schwierige Beziehung. Dabei klang alles so einfach: 1992 beschlossen die Mitgliedsstaaten, innerhalb von drei Jahren für mehr als 1.000 Tier- und Pflanzenarten eine Liste der schützenswerten Lebensräume nach Brüssel zu senden – und anschließend selbst für die Erhaltung dieser Gebiete zu sorgen, in denen ein sogenanntes Verschlechterungsverbot gilt.

Auch Österreich verpflichtete sich mit seinem Beitritt dazu. »Man hat diese Richtlinien aber nicht ernst genommen«, sagt Georg Grabherr. Der Ökologe und Wissenschaftler des Jahres 2013 war Berater der Republik für Natura 2000 in Brüssel und erlebte die Wiener Gleichgültigkeit in Naturschutzfragen hautnah: »Der zuständige Beamte im Landwirtschaftsministerium vermittelte uns damals, man brauche quasi das alles nicht ernst zu nehmen.«

Mit seinem geringen Engagement galt Österreich bei den Brüsseler Beamten rasch als säumigstes Mitglied. Keiner wusste so recht, wie mit Natura 2000 umzugehen sei; und auf Bundesebene interessierte es niemand sonderlich. Denn Naturschutz ist Ländersache, und dort überwiegen »wirtschaftliche Interessen«, wie Daniel Ennöckl vom Institut für Staats- und Verwaltungsrecht der Universität Wien sagt. Niederösterreich nominierte zum Beispiel, ohne lang zu überlegen, einfach ein Drittel der Landesfläche als Natura-2000-Gebiet, das benachbarte Oberösterreich lediglich sechs Prozent.

Immer wieder musste der Europäische Gerichtshof einschreiten. So hatte etwa die steirische Landesregierung die Verpflichtung zum Schutz des Wachtelkönigs ignoriert, einer besonders sensiblen Vogelart, und die Erweiterung eines Golfplatzes im Ennstal gebilligt. 2004 wurde das Bundesland dafür verurteilt.

Von Anfang an sei die Nennung von Natura-2000-Gebieten verschleppt worden, sagt Michael Proschek-Hauptmann, Geschäftsführer des österreichischen Umweltdachverbandes, der eine Liste potenzieller Schutzgebiete nach Brüssel übermittelte. Sie war Grundlage für das Schreiben der EU. Doch die Kommission forschte selbst nach, nennt zusätzliche Regionen und spricht sogar davon, dass an manchen Orten ein »früherer Erhaltungszustand« wiederherzustellen sei. Für den Tiroler Grünpolitiker Gebi Mair ein Zeichen dafür, dass »die Kommission vielleicht sogar plant, selbst Gebiete in Österreich auszuweisen«.

Kommt es zu einer Verurteilung in einem Vertragsverletzungsverfahren, drohen Strafzahlungen in Millionenhöhe. »Und die sind dann so gesalzen, dass etwas getan werden muss«, sagt Daniel Ennöckl.

Eng werden könnte es für Bauprojekte an Orten, die von der Kommission genannt werden: Eine Umfahrung im Burgenland, eine Seilbahn auf den Piz Val Gronda in Tirol oder ein Kraftwerk an der Isel – sie alle liegen in potenziellen Schutzzonen. Werden sie errichtet und beeinträchtigen sie die lokalen Arten und Lebensraumtypen, könnte gar ein Rückbau angeordnet werden.

Doch die Krux bleibt: »Man kann tun, was man will, Natura 2000 wird man in einer alpinen Region nicht adäquat umsetzen können«, meint Georg Grabherr. »Halb Österreich müsste nominiert werden.« So wachsen die schönsten Zwergbinsenfluren des Landes, die von »gemeinschaftlichem Interesse« sind, direkt vor dem Landhaus Bregenz. »Theoretisch müsste der Platz ein Schutzgebiet werden.«