"Così fan tutte"Spaßverderber

Michael Haneke inszeniert am Teatro Real in Madrid Mozarts "Così fan tutte". von Christine Lemke-Matwey

Der Gedanke mag irrational sein, ist nach dieser sternleuchtenden madrilenischen Nacht aber einfach nicht wegzudenken: Die Vorwehen des Oscars, den Michael Haneke nun endlich bekommen hat, all die Goldenen Palmen und Globes und Césars und Independent Awards für Amour, sie haben seiner zweiten Operninszenierung eher geschadet.

Ein Jahr lang immer wieder bekränzt und belobigt zu werden für die drastische Geschichte einer Altersliebe, das tut dem Gespür fürs junge, jähe, hitzige Liebeswollen offenbar nicht gut; sich gar vier Jahre lang (mit dem Drehbuch für Amour hatte Haneke bereits 2009 begonnen) ins Melancholische, Endzeitlich-Gallige zu verbohren, das scheint den Blick für Mozart, den Alterslosen, und sein 1789, mit 33 Jahren komponiertes Dramma giocoso Così fan tutte nicht nur nicht zu schärfen, sondern gleichfalls ins Endzeitliche, Trübe, Abgeschabte zu rücken. Und so tritt die Oper zum Kino, die Musik zum Bild mit einem Mal in eine blöde Konkurrenz und formuliert lauter altbackene, psychologisierende Fragen: »Grundfragen der menschlichen Existenz«, wie es in Haneke-Kritiken gerne heißt. Einer Existenz, der man schon deshalb misstraut, weil sie nicht das kleinste Fünkchen Humor besitzt.

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Wer liebt also wen in Mozarts und Da Pontes abgefeimtem Spiel im Spiel um Treue und Lust? Die Männer ihre Frauen, obwohl diese durch jede Liebesprobe rasseln? Die Frauen ihre Männer, weil sie deren lachhafte Verführerkünste und Maskeraden (geklebte Schnurrbärte à la Groucho Marx, lasziv geöffnete Hemdkrägen) von Anfang an durchschauen? Keiner keinen oder alle alle? »Amor cos’è?«, sinniert Despina im Finale des ersten Aktes und fasst mal eben die Botschaft von Amour in Worte: »Was ist Liebe? / Gefallen, Bequemlichkeit, Lust / Freude, Vergnügen, Zeitvertreib, / Fröhlichkeit; es ist keine Liebe mehr, / Wenn es unbequem wird und, / anstatt zu gefallen, stört und quält.« Im Film treten Georges und Anne den Gegenbeweis an, das alte Ehepaar, er erlöst sie, die Schwerstkranke, indem er ihr ein Kissen ins Gesicht drückt.

Die Oper indes verweigert diesen Beweis. Mozart kennt keinen Liebestod, keinerlei romantisch-utopische Konzepte, und dass Haneke ihn ausgerechnet darin zu belehren müssen glaubt, indem er eine Art Ehetherapie für Don Alfonso und die vom Kammerkätzchen zur Maîtresse de Plaisir aufgestiegene Despina in Szene setzt, ein Psychodrama mit mehr oder weniger willigen Marionetten, lässt tief blicken: in das Frauenbild dieses Regisseurs wie in seine bockige Musikalität. Haneke will die Tragödie um jeden Preis, Arien der Selbstzerfleischung, klinisch durchchoreografierte Ensembles, ganz gleich, ob er es hier mit einem »komischen Singspiel« zu tun hat oder nicht. Ebenso wenig scheint ihn zu interessieren, dass am Ende nur die Frauen als betrogene Betrügerinnen dastehen und wie das im Heute, das er und sein Bühnenbildner Christoph Kanter bemühen (eine frisch renovierte Villa des 18. Jahrhunderts, Bar und Bücherregal inklusive), eigentlich glaubhaft sein will. William Shimell übrigens, der Sänger des Don Alfonso, spielt in Amour Geoff, den britischen Schwiegersohn – enger, lebensechter lassen sich Film und Oper kaum verzahnen.

So gesehen war es kein Fanal, sondern bloß schlechtes Timing, dass Haneke, während sich am Teatro Real über Così fan tutte der Vorhang hob, bereits im 9375,004 Kilometer Luftlinie entfernten Hollywood saß. Natürlich nicht ohne im Programmheft ein Grußwort zu deponieren (ein Österreicher weiß, was sich gehört): Falls die Aufführung gefalle, möge man ihm für die Oscars die Daumen drücken – und falls nicht, bitte auch. Allerdings braucht es nicht viel Theateraberglauben, um die Abwesenheit eines Regisseurs bei einer Premiere als ungünstig zu begreifen. Vor allem die sechs fabelhaften, teilweise blutjungen, aus 120 internationalen Bewerbern gecasteten Sängersolisten dürften sich merkwürdig verlassen, ja verstoßen gefühlt haben. Ein bisschen wie Hänsel und Gretel im Wald, nur dass die Hexe von vorn herein mit zur Familie gehört, indem die Regie einem Realismus huldigt und einer Ästhetik, an der zuletzt frühe Botho-Strauß-Stücke ihre Freude gehabt haben dürften: links ein mit Bildbänden vollgestopftes Bücherregal, wie gesagt, und eine heftig frequentierte Bar, an der Wand ein Fresko wie von Watteau, die Damen in Cocktailfähnchen und die Hälfte des Chores in historischen Rokokogewändern – alldieweil Don Alfonso und Despina hier, so Hanekes Erzählung, zum house warming ein Kostümfest geben.

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