Nirgendwo steht geschrieben, wie man sich als 56-jähriger Österreicher zu verhalten hat, wenn man den Oscar als bester männlicher Nebendarsteller innerhalb von drei Jahren zum zweiten Mal erhält – Christoph Waltz hat diese Aufgabe gerade wieder grandios subtil und beiläufig gemeistert: Er trug seine schwarze Hornbrille; er verbeugte sich tief; er ließ seine Stimme gekonnt wegbrechen, worauf das Publikum applaudieren und die Kamera zum Sonnenbrille tragenden Jack Nicholson schwenken konnte. Eine Pointe setzte Waltz, indem er seine "uneingeschränkte Dankbarkeit" Dr. King Schultz, seiner Rolle als Kopfgeldjäger in Quentin Tarantinos Django Unchained, aussprach. In den letzten Sätzen seiner Dankesrede feierte Waltz seinen Schöpfer, den Regisseur Tarantino, dann gleich als modernen Siegfried ("Du hast den Drachen erlegt / du hast das Feuer durchschritten...") – und erfüllte so die Rolle, die Hollywood für den zweifachen Oscar-Gewinner offenbar in Zukunft vorsieht: des guten, gebildeten, kulturbeflissenen Deutschen, der den Amerikanern die Kulturschätze des alten Europas näherbringt. Applaudierendes Dolby Theatre in Los Angeles. Und der frisch gekürte Oscar-Preisträger hatte natürlich keine Sekunde zu lange geredet.

Für Hollywood mag es nicht so entscheidend sein, ob ein Schauspieler aus Österreich oder Deutschland stammt – er spricht halt dieses komisch abgehackte Englisch, also ist er Deutscher. Und in deutschen Medien wurde der sich als Österreicher sehende Waltz komischerweise immer gerne als Deutsch-Österreicher bezeichnet – was ein Ausdruck dafür sein mag, dass Deutsche so selten Preise in Hollywood gewinnen, oder einfach dafür, dass diesen so klugen, souveränen, fast vornehm taktvollen Schauspieler wohl jede Nation gerne als einen der ihren beanspruchen würde: Christoph Waltz, 1956 in Wien geboren, als Sohn einer Österreicherin und eines Deutschen. Drei Jahrzehnte einer respektablen Schauspielerlaufbahn hatte er schon hinter sich, als seine Karriere mit dem Engagement für Tarantinos Inglourious Basterds (2009) jenen sagenhaften Schub ins Irreale, Fantastische, Märchenhafte erfuhr: Waltz drehte nicht nur in Hollywood, er drehte mit dem coolsten Regisseur der jüngeren Hollywood-Geschichte, und es war eine Paraderolle: Waltzs Darstellung des SS-Standartenführers Hans Landa auf dem Rollenfeld des Naziteufels wirkte auch deshalb so grauenhaft böse, kalt und intelligent, weil sein Gesicht dabei so freundlich blieb. Bis heute ist das so etwas wie Christoph Waltzs Markenzeichen, sein Glamour: der Abgrund, das Böse hinter der lächelnden Fassade.

Es war eine andere, neue, irritierende Variante des bösen Fritz’, des ewigen Bösewichts und Monsters im Waffenrock, ebender immer wieder angebotenen Klischeerolle deutschsprachiger Schauspieler (Til Schweiger, Thomas Kretschmann), die in Hollywood Fuß zu fassen versuchten. Und mit nur zwei Rollen, der Darstellung des SS-Mannes in Inglourious Basterds und der Darstellung des verkappten Humanisten Dr. King Schultz in Gestalt eines Kopfgeldjägers in Django Unchained, hat Waltz nun das ganze Spektrum ausgelotet, das für einen deutschsprachigen Schauspieler in Hollywood möglich scheint: Teufel und strahlender Held, der unfassbar böse und der unfassbar gute Deutsche. Dualismus des Deutschseins: Eine dritte Rolle, etwa die des mittelguten Deutschen, ist in der amerikanischen Populärkultur erst einmal nicht vorgesehen. Interessant ist doch, was der Schauspieler Christoph Waltz aus diesen Rollenklischees herausgeholt hat: Der Gute sah bei ihm ziemlich böse, der Böse ziemlich gut aus. Interessant wäre sicher auch zu wissen, welche Rolle der Regisseur Tarantino gerade für seinen dritten Film mit seinem Lieblingsschauspieler vorbereitet. Vielleicht darf Waltz dann keinen Deutschen, sondern einfach nur einen mittelalten Mann mit merkwürdig deutschem Akzent spielen, der unglücklich verliebt ist. Wäre doch irre.

Was genau wissen wir über die Privatperson Christoph Waltz? Es ist so angenehm wenig – auch in dieser Hinsicht wirkt der zweifache Oscar-Preisträger wie ein sehr moderner Star. Waltz lebt in Los Angeles, New York und mit zweiter Frau und gemeinsamer Tochter in einer Mietwohnung in Berlin-Charlottenburg. Ein Verdienst Christoph Waltzs liegt sicher darin, wie er sich seit seinem Durchbruch als internationaler Star verhält: fast still. Er gewinnt Preise (alle wichtigen weltweit). Er gibt natürlich keine Klatsch-Interviews, er schwadroniert aber auch nicht pseudotiefsinnig über Erfolg und deutsches Fernsehen, wie das so viele deutsche Stars im Ausland gerne tun. Berühmt möchte dieser Star offenbar wirklich nur deshalb sein, weil es ihm die größte Freiheit bei der Wahl seiner nächsten Rolle unter denkbar privilegierten Bedingungen ermöglicht. Kürzlich hatte Waltz als Djesus Uncrossed, einen Jesus mit Dornenkrone und Samuraischwert, einen wahrhaft durchgedrehten Auftritt in der amerikanischen Fernseh-Comedy Saturday Night Live – mehr Ehre für einen ausländischen Schauspieler in Amerika gibt es nicht. So einfach kann deutschsprachiges Starsein in Hollywood aussehen.

Sein Arbeitsverhältnis zu Tarantino hat Waltz offenbar schon während der Dreharbeiten von Django Unchained zu einer Männerfreundschaft ausgebaut. Oft hat Waltz die schöne Anekdote erzählt, wie er seinen Freund Tarantino in der Oper in Los Angeles zu Wagners Ring des Nibelungen mitnahm. Da war sie schon, die neue Rolle, die Waltz bei der letzten Oscar-Verleihung im Dolby Theatre noch einmal so grandios zur Aufführung brachte: Der alte Europäer erklärt dem coolen raconteur des amerikanischen Post-Pop-Kinos die deutsche Hochkultur. Großer Applaus. Big yeah.