Oscar-PreisträgerEs sieht so einfach aus

Mittelgut geht nicht! Wie der zweifache Oscar-Preisträger Christoph Waltz in Hollywood den Dualismus des Deutschseins auslotet. von Moritz von Uslar

Der Oscar und Christoph Waltz Sonntagnacht in Hollywood

Der Oscar und Christoph Waltz Sonntagnacht in Hollywood  |  © ADRIAN SANCHEZ-GONZALEZ/AFP/Getty Images

Nirgendwo steht geschrieben, wie man sich als 56-jähriger Österreicher zu verhalten hat, wenn man den Oscar als bester männlicher Nebendarsteller innerhalb von drei Jahren zum zweiten Mal erhält – Christoph Waltz hat diese Aufgabe gerade wieder grandios subtil und beiläufig gemeistert: Er trug seine schwarze Hornbrille; er verbeugte sich tief; er ließ seine Stimme gekonnt wegbrechen, worauf das Publikum applaudieren und die Kamera zum Sonnenbrille tragenden Jack Nicholson schwenken konnte. Eine Pointe setzte Waltz, indem er seine "uneingeschränkte Dankbarkeit" Dr. King Schultz, seiner Rolle als Kopfgeldjäger in Quentin Tarantinos Django Unchained, aussprach. In den letzten Sätzen seiner Dankesrede feierte Waltz seinen Schöpfer, den Regisseur Tarantino, dann gleich als modernen Siegfried ("Du hast den Drachen erlegt / du hast das Feuer durchschritten...") – und erfüllte so die Rolle, die Hollywood für den zweifachen Oscar-Gewinner offenbar in Zukunft vorsieht: des guten, gebildeten, kulturbeflissenen Deutschen, der den Amerikanern die Kulturschätze des alten Europas näherbringt. Applaudierendes Dolby Theatre in Los Angeles. Und der frisch gekürte Oscar-Preisträger hatte natürlich keine Sekunde zu lange geredet.

Für Hollywood mag es nicht so entscheidend sein, ob ein Schauspieler aus Österreich oder Deutschland stammt – er spricht halt dieses komisch abgehackte Englisch, also ist er Deutscher. Und in deutschen Medien wurde der sich als Österreicher sehende Waltz komischerweise immer gerne als Deutsch-Österreicher bezeichnet – was ein Ausdruck dafür sein mag, dass Deutsche so selten Preise in Hollywood gewinnen, oder einfach dafür, dass diesen so klugen, souveränen, fast vornehm taktvollen Schauspieler wohl jede Nation gerne als einen der ihren beanspruchen würde: Christoph Waltz, 1956 in Wien geboren, als Sohn einer Österreicherin und eines Deutschen. Drei Jahrzehnte einer respektablen Schauspielerlaufbahn hatte er schon hinter sich, als seine Karriere mit dem Engagement für Tarantinos Inglourious Basterds (2009) jenen sagenhaften Schub ins Irreale, Fantastische, Märchenhafte erfuhr: Waltz drehte nicht nur in Hollywood, er drehte mit dem coolsten Regisseur der jüngeren Hollywood-Geschichte, und es war eine Paraderolle: Waltzs Darstellung des SS-Standartenführers Hans Landa auf dem Rollenfeld des Naziteufels wirkte auch deshalb so grauenhaft böse, kalt und intelligent, weil sein Gesicht dabei so freundlich blieb. Bis heute ist das so etwas wie Christoph Waltzs Markenzeichen, sein Glamour: der Abgrund, das Böse hinter der lächelnden Fassade.

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Es war eine andere, neue, irritierende Variante des bösen Fritz’, des ewigen Bösewichts und Monsters im Waffenrock, ebender immer wieder angebotenen Klischeerolle deutschsprachiger Schauspieler (Til Schweiger, Thomas Kretschmann), die in Hollywood Fuß zu fassen versuchten. Und mit nur zwei Rollen, der Darstellung des SS-Mannes in Inglourious Basterds und der Darstellung des verkappten Humanisten Dr. King Schultz in Gestalt eines Kopfgeldjägers in Django Unchained, hat Waltz nun das ganze Spektrum ausgelotet, das für einen deutschsprachigen Schauspieler in Hollywood möglich scheint: Teufel und strahlender Held, der unfassbar böse und der unfassbar gute Deutsche. Dualismus des Deutschseins: Eine dritte Rolle, etwa die des mittelguten Deutschen, ist in der amerikanischen Populärkultur erst einmal nicht vorgesehen. Interessant ist doch, was der Schauspieler Christoph Waltz aus diesen Rollenklischees herausgeholt hat: Der Gute sah bei ihm ziemlich böse, der Böse ziemlich gut aus. Interessant wäre sicher auch zu wissen, welche Rolle der Regisseur Tarantino gerade für seinen dritten Film mit seinem Lieblingsschauspieler vorbereitet. Vielleicht darf Waltz dann keinen Deutschen, sondern einfach nur einen mittelalten Mann mit merkwürdig deutschem Akzent spielen, der unglücklich verliebt ist. Wäre doch irre.

Was genau wissen wir über die Privatperson Christoph Waltz? Es ist so angenehm wenig – auch in dieser Hinsicht wirkt der zweifache Oscar-Preisträger wie ein sehr moderner Star. Waltz lebt in Los Angeles, New York und mit zweiter Frau und gemeinsamer Tochter in einer Mietwohnung in Berlin-Charlottenburg. Ein Verdienst Christoph Waltzs liegt sicher darin, wie er sich seit seinem Durchbruch als internationaler Star verhält: fast still. Er gewinnt Preise (alle wichtigen weltweit). Er gibt natürlich keine Klatsch-Interviews, er schwadroniert aber auch nicht pseudotiefsinnig über Erfolg und deutsches Fernsehen, wie das so viele deutsche Stars im Ausland gerne tun. Berühmt möchte dieser Star offenbar wirklich nur deshalb sein, weil es ihm die größte Freiheit bei der Wahl seiner nächsten Rolle unter denkbar privilegierten Bedingungen ermöglicht. Kürzlich hatte Waltz als Djesus Uncrossed, einen Jesus mit Dornenkrone und Samuraischwert, einen wahrhaft durchgedrehten Auftritt in der amerikanischen Fernseh-Comedy Saturday Night Live – mehr Ehre für einen ausländischen Schauspieler in Amerika gibt es nicht. So einfach kann deutschsprachiges Starsein in Hollywood aussehen.

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Sein Arbeitsverhältnis zu Tarantino hat Waltz offenbar schon während der Dreharbeiten von Django Unchained zu einer Männerfreundschaft ausgebaut. Oft hat Waltz die schöne Anekdote erzählt, wie er seinen Freund Tarantino in der Oper in Los Angeles zu Wagners Ring des Nibelungen mitnahm. Da war sie schon, die neue Rolle, die Waltz bei der letzten Oscar-Verleihung im Dolby Theatre noch einmal so grandios zur Aufführung brachte: Der alte Europäer erklärt dem coolen raconteur des amerikanischen Post-Pop-Kinos die deutsche Hochkultur. Großer Applaus. Big yeah.

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Leserkommentare
  1. So sehr ich Waltz's schauspielerische Leistungen in seinen Tarantinofilmen schätze, so wenig darf man doch seine Beteiligung in solch unglücklichen Filmen wie Green Hornet, Water for Elephants oder der vierhundertsten Verfilmung der drei Musketiere vergessen.

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    • Derdriu
    • 28. Februar 2013 11:21 Uhr

    Leider müssen auch gute Schauspieler irgendwoher Geld bekommen. Darum findet man auch bei Hollywood-Stars immer alte Werbefilme, Musikvideos, Soaps, etc pp. Erst wenn die Position sicher ist, kann man sich die Rollen wirklich aussuchen- und auch nur so lange wie man begehrt ist.

    Ich nehme es den Schauspielern nicht übel. Umso schöner, wenn sie dabei unabhängig bleiben. Zunächst sind Schauspieler ja nur Schauspieler und keine Kulturgutstifter...

    ... doch dann vielleicht auch an seine Glanzleistung in Polanskis "Der Gott des Gemetzels" erinnern.

    Ein Schauspieler schreibt sich die Rollen ja nicht selbst. Er muß halt arbeiten gehen, wie jeder andere auch. Wenn er Glück hat, kommen gute Angebote.

    • Muhme
    • 28. Februar 2013 14:22 Uhr

    Inwiefern ist ei Film nicht gelungen? Ist das nicht subjektiv? Oder orientieren Sie sich anhand der "objektiven" Filmkritiken, die von subjektiven Menschen stammen? Oder gehen Sie nach Verkaufszahlen? Vergleichen Sie dabei Massenproduktionen, die sich jeder Dödel ansieht mit Werken, die man nur in speziellen Häusern zu sehen bekommt?

    Waltz mag seine Höhen und Tiefen gehabt haben, wie jeder andere Schauspieler auch. Da können Sie doch jeden nehmen und aufzeigen, in welch "schlechten" Filmen die mitgespielt haben.

    Man sollte die Leistung des Schauspielers bewerten, anstatt irgendwelche Kriterien, die einen Film als Hit oder Flop klassifizieren. Und Waltz hat seine Rollen stets gut gespielt und sich dahingehend auch noch positiv weiterentwickelt. Was früher gut oder schlecht war ist doch unwichtig.

    Und wirklich wichtig ist das wiederum auch nicht, denn a) ist es subjektiv und b) kann es mir oder jedem anderen total egal sein, was ein Schauspieler macht. Das sind eigene Menschen mit eigenen Ideen und Vorstellungen. Wenn also jmd beschließt seine Karriere durch ungeschickte Züge zu sabotieren - so what? Und in der Regel regelt sich sowas von selbst durch wegfallende Angebote.

    Insgesamt finde ich es nicht nachvollziehbar, immer bewerten und vergleichen zu müssen. Wieso auch? Es besteht keinerlei Verpflichtung uns Filmzuschauern gegenüber, seinen Job als Schauspieler irgendwie erledigen zu müssen. Der Einzige der Erwartungen haben darf, ist der Regisseur.

  2. ist super geschrieben. Danke ^^

    3 Leserempfehlungen
    • Derdriu
    • 28. Februar 2013 11:21 Uhr

    Leider müssen auch gute Schauspieler irgendwoher Geld bekommen. Darum findet man auch bei Hollywood-Stars immer alte Werbefilme, Musikvideos, Soaps, etc pp. Erst wenn die Position sicher ist, kann man sich die Rollen wirklich aussuchen- und auch nur so lange wie man begehrt ist.

    Ich nehme es den Schauspielern nicht übel. Umso schöner, wenn sie dabei unabhängig bleiben. Zunächst sind Schauspieler ja nur Schauspieler und keine Kulturgutstifter...

    8 Leserempfehlungen
  3. Der Autor scheint länger nicht in Los Angeles gewesen zu sein.

    2 Leserempfehlungen
  4. ob ein Schauspieler aus Österreich oder Deutschland stammt"
    Für die Deutschen wohl irgendwie auch nicht, jedenfalls vereinahmen sie gerne Österreicher für sich. Arme Deutsche.

    3 Leserempfehlungen
    • H.v.T.
    • 28. Februar 2013 12:07 Uhr

    "Vielleicht darf Waltz dann keinen Deutschen, sondern einfach nur einen mittelalten Mann mit merkwürdig deutschem Akzent spielen, der unglücklich verliebt ist. Wäre doch irre."
    ----

    Und somit dann doch einen Österreicher spielen.:)

    4 Leserempfehlungen
  5. jenseits von allen kulturellen Überlegungen: die Klischees zu spielen, kommt halt immer gut an.

    Eine Leserempfehlung
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    Als Nazi in Hollywood zu reüssieren ist so einfach wie hier mit der korrekten Haltung Redaktionsempfehlungen zu ergattern.

  6. Der Spruch "Die Österreicher haben es geschafft, aus Hitler einen Deutschen und aus Beethoven einen Österreicher zu machen" trifft einfach zu.

    Frei nach Billy Wilder.

    8 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Christoph Waltz | Hollywood | Jack Nicholson | Oscar | Til Schweiger | USA
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