Erinnern Sie sich an die berühmte Szene aus Monty Pythons Filmklassiker Das Leben des Brian? Der unscheinbare Brian, zur selben Zeit wie Jesus geboren, wird durch einige Missverständnisse mit dem Messias verwechselt und unfreiwillig verehrt. Um die ihm zujubelnde Volksmenge wieder loszuwerden, versucht er sie davon zu überzeugen, dass sie gar keinen Messias brauche: »Ihr seid doch alle Individuen!«, ruft er ihnen zu – worauf das Volk im Chor antwortet: »Ja, wir sind alle Individuen!« Nur einer widerspricht mit mickriger Piepsstimme: »Ich nicht.« Offenbar ist er der einzige wirklich selbstständig Denkende.

Auch wenn es unserem modernen Selbstbild kolossal widerspricht: Die menschliche Grundkonstitution scheint nicht darauf ausgelegt zu sein, dass wir alleine stehen. Vielmehr ist die Orientierung an der Gruppe tief in uns verankert. Wir alle kennen das Bedürfnis, uns an unseren Mitmenschen zu orientieren, das gut zu finden, was auch sie gut finden, und im Zweifelsfall das zu denken, was sie denken.

Deshalb sind Helden so selten. Deshalb bewundern wir Menschen, die sich eine eigene Meinung leisten, Menschen, die auch unter schwierigen Umständen ihrem Gewissen folgen und die, wenn es sein muss, auch gegen die Masse Widerstand leisten. Ob unsere persönlichen Heldinnen und Helden nun Jeanne D’Arc oder Robin Hood heißen, Nelson Mandela oder Martin Luther King: Sie alle folgten im Zweifelsfall ihrem eigenen Gewissen. Sie verteidigten ihre Werte und übernahmen dafür die Verantwortung. Und – ach – wie gerne wären wir wie sie!

Doch die Geschichte lehrt, dass solche Lichtgestalten Ausnahmeerscheinungen sind. Für die Mehrheit ist es schwer, eigenständige Entscheidungen zu treffen und dafür einzustehen. Wie können wir diesem Ideal wenigstens ein bisschen näher kommen? Dieser Frage widmeten sich auch der Sozialpsychologe Harald Welzer, der Philosoph Michael Pauen und der Neurowissenschaftler Christoph Herrmann in einem gemeinsamen Forschungsprojekt. Sie versuchten herauszufinden, welche Eigenschaften jemand braucht, um selbstständig denken und autonom handeln zu können. Denn wenn man das wüsste, »hätte man eine Spur«, meint Harald Welzer zu Recht.

Allerdings erwies sich ihr Projekt als unerwartet schwierig. Man könnte sogar sagen, es sei gescheitert. Doch gerade dieses Scheitern macht den Blick frei für die tiefere Erkenntnis dessen, was Widerständler von Mitläufern unterscheidet.

Zunächst teilten die Wissenschaftler ihre Testpersonen in zwei Gruppen: Die eine umfasste Studierende, die sich selbst für hochgradig unabhängig hielten (sogenannte hochautonome), in die andere Kategorie kamen diejenigen, die sich nur wenig Eigenständigkeit zutrauten (niedrigautonome). »Bereits beim ersten Telefonkontakt waren die Unterschiede zwischen den beiden Testgruppen deutlich zu spüren«, erinnert sich Welzer, »die Interviewer wussten nach wenigen Sätzen, ob sich eine Testperson für besonders unabhängig hielt oder eher für beeinflussbar.«

Doch dann kam der Praxistest: Wie verhielten sich die Hoch- und Niedrigautonomen in verschiedenen Lebenssituationen tatsächlich? Die Wissenschaftler beobachteten beide Gruppen bei Diskussionen zu moralischen Fragen, prüften, wie sehr sie sich von Zeitungsartikeln in ihrer Meinung beeinflussen ließen, und testeten ihr Verhalten in psychologischen Experimenten.

Überraschendes Ergebnis: »Das tatsächliche Verhalten der Versuchspersonen widersprach kolossal ihrer Selbsteinschätzung!«, fasst Welzer zusammen. Die angeblich Hochautonomen waren keinesfalls eigenständiger als die vermeintlichen Duckmäuser. Und am wenigsten angepasst, so zeigte sich nach Auswertung aller Antworten und Tests, war eine Frau, die sich selbst als niedrigautonom eingeschätzt hatte.

Wie selten echte Verhaltensautonomie ist, belegte auch ein kognitionspsychologisches Experiment im Rahmen des Forschungsprojekts. Dabei sollten die Probanden beurteilen, welche von zwei Bildschirmhälften heller sei als die andere. Zeitgleich wurde ihnen die angebliche Mehrheitsmeinung dazu mitgeteilt (die freilich von den Forschern manipuliert war).