Der Rapper 50 Cent © Jeremy Deputat

Ein schäbiges Motelzimmer, die Klimaanlage schnauft vor sich hin. Auf dem Bett liegt ein Mann, Kapuzensweatshirt, Jeans, auf den ersten Blick ein Durchschnittstyp. Drei Frauen rekeln sich neben ihm, halb nackte Bikinischönheiten. Gleich wird es abgehen, denkt man, aber der Kerl greift nur lustlos in die Chipstüte und erklärt: »Ich will nicht über diese Tussis reden. Alles, worüber sich zu reden lohnt, ist Geld.«

Die Szene stammt aus dem jüngsten Video des Rap-Stars 50 Cent, und tatsächlich ist die einzige Pornografie, die hier zu bestaunen ist, die des Geldes. »Ich hab so viele Währungen hier«, erklärt der Künstler zu einem schwer rollenden Beat. »Sieht aus wie ein Regenbogen. Mein Cash scheint schwul zu sein.« Die Metapher ist im traditionell homophoben Genre Rap ausnahmsweise mal nicht als Schmähung gemeint, sondern als Lob.

Der Musiker wuchs im New York der achtziger Jahre auf und dealte mit Crack

Muss man Rap-Songs hören, um den American Way of Capitalism zu verstehen? Es hilft jedenfalls. Curtis Jackson alias 50 Cent hat seine erfolgreichsten Songs dem Gelderwerb gewidmet. Sie heißen Piggy Bank, Straight to the Bank oder I Got Money, und wer die hingenuschelten Texte nicht versteht, kann deren Kernbotschaft in zwei Büchern nachlesen, die der Popstar verfasst hat. Da ist zum einen der Wirtschaftsratgeber Geld, Macht, Freiheit, in dem Jackson die »zehn Gesetze für den täglichen Businesskampf« verrät: »Sind Sie demütig, ernten Sie nur den Lohn der Demütigung« heißt es etwa im Kapitel Der fruchtlose Ansatz. »Sie müssen das Gegenteil entwickeln – eine Kampfhaltung, die tief aus Ihrem Inneren kommt und unerschütterlich ist.«


Business ist Krieg, und Krieger lernen die Gesetze des Marktes am besten von Kindesbeinen an. Das zweite, im Dezember 2012 erschienene Buch von 50 Cent übersetzt diese Einsicht nun in einen Jugendroman: Playground erzählt die Geschichte eines afroamerikanischen Teenagers, der in der Highschool Mitschüler drangsaliert und droht kriminell zu werden. Weil er keine traurige Ghettoexistenz zwischen Armut, Gangmitgliedschaft und Gefängnis führen will, muss er lernen, was der Markt braucht und wie er ihn bedienen kann. Deshalb verlegt sich der Junge aufs Filmen mit der Handykamera. Unbeirrt vom Spott seiner Schulkameraden bewirbt er sich mit einer Dokumentation über Breakdancer bei einer Kunstschule.

Playground könnte das für heutige Großstadtteenager sein, was der Fänger im Roggen für die Jugend der fünfziger und sechziger Jahre war, allerdings mit umgekehrten kulturellen Vorzeichen: Es geht nicht mehr um Rebellion gegen die Verhältnisse, sondern darum, wie man sich am besten in den Verteilungskämpfen der Gegenwart bewährt. »Ich habe einflussreiche Freunde«, sagt eine Künstlerin zu dem Jungen. In einer Zeit, da normale Erwerbsarbeit vielerorts an Wert verliert und in der Popindustrie viel zu holen ist, sollte man eine Kunst beherrschen, das ist die Botschaft dieses Buchs.

Curtis Jacksons Karriere ist die perfekte Illustration dieser Idee und ein Beleg für die These des amerikanischen Philosophen Michael Sandel: Der Harvard-Professor behauptet, wir seien von einer Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft mutiert, in der sich der Tauschwert absolut gesetzt hat und jede menschliche Leistung in Geld bemessen wird.

Jackson, geboren 1976 in New York, wächst in Queens auf. Der Vater ist fortgelaufen, die Mutter dealt Crack. Drogenhandel ist damals, jenseits moralischer Erwägungen, für viele eine plausible Alternative zur Obdachlosigkeit, und als Jacksons Mutter ermordet wird, übernimmt der Junge das Geschäft. »Ich habe das Dealen immer auch als Unternehmen gesehen, in dem ich viel lernen kann für andere Bereiche«, schreibt der Rapper in Geld, Macht, Freiheit und gibt als Grundregeln an: »Bleibe ständig in Bewegung.« »Gehe konsequent über deine Grenzen.«