Das Herz des Reiseveranstalters Schauinsland schlägt im stickigen Keller der Unternehmenszentrale am Duisburger Innenhafen. "Was hier abgeht, ist Hölle", sagt Unternehmenschef Gerald Kassner und betritt den Raum, der die Computer beherbergt. Was abgeht wie die Hölle, das sind eine laute Kühlung und blinkende Steckplätze. Tippt ein Reisebüromitarbeiter in Berchtesgaden eine Schauinsland-Buchung in seine Suchmaske, wird sie hier verarbeitet. Jede eingehende Onlinebestellung aus Flensburg, jede Flugzeitänderung aus Berlin läuft durch diesen schwarzen Kasten. Die schnelle Technik ist ein Grund für den Erfolg von Schauinsland – aber nicht der einzige.

Während die Branchenriesen TUI und Thomas Cook um ihre Zukunft kämpfen, sich mit Reisebüros um Gebühren streiten und Stellen abbauen, stehen kleinere Reiseveranstalter erstaunlich gut da. Bei Schauinsland, einem Unternehmen mit 250 Mitarbeitern, stieg die Zahl der Gäste zuletzt um 19 Prozent. Sie buchen Pauschalangebote, immer öfter aber auch ganz individuell zusammengestellte Reisen. 2013 sollen erstmals mehr als eine Million Menschen mit Schauinsland in den Urlaub starten. Noch vor zehn Jahren erwirtschaftete das Unternehmen 50 Millionen Euro Umsatz, 2013 sollen es mehr als 700 Millionen Euro werden.

Das ist gerade bei diesem Reiseveranstalter erstaunlich. Als die Vermittler zweier Bielefelder Reisebüros das Unternehmen vergangene Woche besuchten, erzählten sie freimütig, dass Schauinsland sie nach wie vor an Busreisen erinnere. Der Name stand lange für Urlaub von gestern, für Kegeltouren und bundesdeutsche Costa-Brava-Fahrten.

"Dabei sind wir doch schon seit 2001 nicht mehr mit Bussen unterwegs", sagt die 71-jährige Mutter des Firmenchefs. Sie kommt nach wie vor täglich ins Unternehmen. Nur das Sekretariat auf dem Flur trennt sie vom Büro ihres Sohnes. Aber ihre Welt ist eine andere.

Doris Kassner heiratete 1959 den damaligen Unternehmenschef Erich Kassner junior. Dessen Vater hatte 1918 ein Umzugsunternehmen gegründet, aus dem nach dem Krieg Schauinsland-Reisen wurde. Benannt ist das Unternehmen nach einem Berg im Schwarzwald, eben dem Schauinsland. "Der Name passt einfach super zu einem Reiseveranstalter", findet Doris Kassner noch heute.

Anfangs verabschiedete sie jeden Reisebus auf dem Weg nach Spanien am Duisburger Bahnhof. 295 Mark kostete eine Woche mit Vollpension. Für den Fahrer gab es vor der Abfahrt Eier mit Speck und jede Menge Kaffee. "Herrlich war dat", schwärmt die Unternehmerin. Und doch war sie es, die den Abschied vom Bustourismus einleitete. 1962 buchte sie für Schauinsland-Kunden Woche für Woche sechs Sitzplätze in LTU-Fliegern nach Mallorca und erschloss dem Unternehmen auf diese Weise neue Kunden. Ihr Mann, so erinnert sie sich, schimpfte zunächst, sie wolle das Unternehmen ruinieren. Dabei habe sie veränderten Zeiten Rechnung getragen, in denen "die Sehnsucht und der Wunsch zu verreisen geblieben" seien, sagt Doris Kassner.

Heute streitet sie mit ihrem Sohn, wenn Gerald Kassner erwägt, künftig auch Kreditkartengebühren zu erheben. "Junge, uns geht es doch gut, lass doch die paar Groschen, wir sind schließlich ein Dienstleistungsunternehmen." Service hin oder her, der Junior prüft alles, was kostet. Als Gerald Kassner 1997 an die Unternehmensspitze rückte, ließ er das Schauinsland-Logo nicht mehr in vier, sondern nur noch in zwei Farben drucken. "Das spart jedes Jahr 50.000 Euro", sagt er.

Der 49-jährige Kassner ist kein typischer Schlipsträger, aber auch keiner, mit dem man im All-inclusive-Club an der Strandbar versackt. Er wirkt freundlich, nicht abgehoben. Bescheidenheit habe ihm die Mutter vorgelebt. Ansonsten "ordentlich arbeiten, zuverlässig sein". Er selbst wurde zu Beginn seiner Zeit im Unternehmen zum Dienst in der Poststelle verdonnert und fuhr an Wochenenden in seinem Ford Escort Kataloge im Ruhrgebiet aus.

Noch immer produziert Schauinsland seine elf Programmkataloge selbst. Ebenso die Reiseunterlagen, von denen täglich bis zu 1800 die hauseigene Druckerei verlassen. Millionen hat Kassner in den vergangenen Jahren in Technik und IT investiert, vor allem in die Buchungssteuerung. "Bei uns kann alles kombiniert werden, das ist komplex für Schauinsland, aber ein Vorteil für die Kunden", sagt Kassner. Zum Beispiel der Hinflug nach Palma de Mallorca mit Air Berlin ab Düsseldorf, der Rückflug über Köln mit Germanwings. Hotelwechsel, garantierter Meerblick, Dreibettzimmer. Zu den erfolgreichsten Schauinsland-Zielen zählen die Balearen, die Karibik und Dubai. Es sei vor allem die enorme Flexibilität zu einem anständigen Preis, die immer mehr Menschen zu Schauinsland locke, sagen Branchenkenner.