Wolfgang HuberDas Bewusstsein vom eigenen Ende

Der Theologe Wolfgang Huber geriet beim Baden im Pazifik in Not. Bis ein Strudel ihn in die richtige Richtung trieb. von 

Theologe Wolfgang Huber

Theologe Wolfgang Huber  |  © Karlheinz Schindler/dpa

ZEITmagazin: Herr Huber, warum hat man eigentlich immer das Gefühl, dass ein katholischer Bischof eine heilige Figur, ein evangelischer mehr ein hoher Verwaltungsfunktionär ist?

Wolfgang Huber: Das Zweite ist falsch, das Erste mag richtig sein. In der katholischen Kirche ist die Bischofsweihe ein eigenes Weihesakrament – und unverlierbar. Einmal Bischof, immer Bischof. Daraus erklärt sich bei den Katholiken die Redeweise vom Altbischof. Bei den Protestanten wird der Bischof in ein besonderes kirchliches Amt eingeführt mit der Bitte um Gottes Segen, aber nicht mit einem zusätzlichen Weihesakrament und einem damit verbundenen unverlierbaren Status. Deshalb kann ich mich so schlecht an die Anrede Altbischof gewöhnen. Als evangelischer Bischof trete ich, wenn ich aus dem Amt scheide, zurück ins Glied. Deswegen galt der Gedanke, der Papst könne zurücktreten, bis vor Kurzem als systemwidrig. Ich sehe in dem Rücktritt von Benedikt XVI. einen Ausdruck von Weisheit und Größe. Er zeigt, dass auch das Amt des Papstes ein Amt menschlicher Verantwortung ist.

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ZEITmagazin: Was waren Ihre Gedanken, als Sie vom Rücktritt von Papst Benedikt hörten?

Wolfgang Huber

70, wurde in Straßburg geboren und wuchs in Freiburg auf. Bis 2009 war er Bischof in Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Huber fällt in seiner Kirche immer wieder als kritische Stimme auf – er kritisierte etwa die Hartz-IV-Reformen und den Irakkrieg

Huber: Ich hatte eine Erinnerung: Als ich 2003 zum Ratsvorsitzenden der EKD gewählt worden war, ging es Papst Johannes Paul II. sehr schlecht. Damals wurde ich beim gefühlt 25. Interview am späten Abend gefragt: Was wünschen Sie dem Papst? Ich hatte diese Leidensgestalt vor Augen und sagte: Ich wünsche ihm, er könnte sich von der Last dieses Amtes befreien und zurücktreten. Das war der schlimmste Fauxpas, der mir an diesem Tag passierte.

ZEITmagazin: Sie ließen sich zu einer zarten Gemeinheit hinreißen.

Huber: Nein, meine Antwort war mitfühlend gemeint.

ZEITmagazin: Die Antwort klang, als sei das Mitfühlende die Fassade. Dahinter übten Sie Kritik am katholischen System.

Huber: Aber genau das hatte ich dezidiert nicht gemeint. Ich war von Emotionen gesteuert. Damit muss man auch bei mir ab und zu rechnen.

ZEITmagazin: Sie erscheinen eher kopfgesteuert.

Das war meine Rettung
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Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

Huber: Diese Aussage begegnet mir oft. Aber neulich hat mir jemand gesagt: Machen Sie sich nichts draus, manche Menschen denken eben, wenn jemand versucht, klar zu sein, dass er dann auch kühl sei. Aber dem ist nicht so. Ich bin ein ziemlich leidenschaftlicher Mensch, leidenschaftlich in der Liebe, manchmal auch leidenschaftlich im Zorn. Es hat mich manchmal geschmerzt, wenn die Ganzheitlichkeit meiner Person nicht wahrgenommen wurde.

 

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