Videokünstlerin Rineke Dijkstra : Pubertieren in Würde

Rineke Dijkstra präsentiert ihre neue Videoarbeit "The Krazy House" in Frankfurt.

Ein bisschen schämt man sich für die Objekte dieser Ausstellung. Denn was Rineke Dijkstra unter dem Titel The Krazy House in dunklen Museumsräumen hell und groß an die Leinwand wirft, sind Bilder, die andere im Giftschrank aufbewahren. Filmsequenzen, die Menschen normalerweise auf Lebzeit wegsperren, damit sie bloß niemand je zu sehen bekommt, Zeugnisse einer Zeit, die ihnen noch nach Jahrzehnten die Röte ins Gesicht schießen lässt und die sie, was Aussehen, Kleidung und Körperhaltung betrifft, am liebsten vergessen würden: die Pubertät.

Seit Mitte der Neunziger dokumentiert die niederländische Fotografin und Künstlerin Dijkstra Szenen jugendlicher Selbstdarstellung. In Fotos und Videos porträtiert sie junge Erwachsene, Teenies, die sie direkt von der Disco ins Fotostudio bittet, in Parks anspricht, in Schulen oder Tanzworkshops besucht, wo sie sich zu ihren Lieblingsliedern bewegen sollen, ganz wie sie wollen.

»Einfach weitermachen«, lautet Dijkstras einzige Vorgabe. In The Buzz Club, ihrer bekanntesten Videoarbeit von 1996, rekrutierte sie ihre zufälligen Models aus der Masse von Clubbesuchern, die dann in einem Nebenzimmer weitertanzten, selbstvergessen, als hätten sie den Ortswechsel kaum wahrgenommen. Entstanden sind Bilder größter Intimität, rührend und merkwürdig dadurch, dass hier ausgeleuchtet wird, was sonst nur vor dem Spiegel zu Hause oder in der sicheren Kulisse von donnerndem Bass und Discokugel passiert.

Auch für The Krazy House, die neueste Videoarbeit, die jetzt im Frankfurter Museum für Moderne Kunst neben vielen ihrer anderen Werke zu sehen ist, hat sich Rineke Dijkstra wieder dorthin begeben, wo sie das, was jugendliches Lebensgefühl ausmacht, direkt abschöpfen und ein Kunstwerk daraus destillieren konnte. Wieder war es ein Club in Liverpool, das Krazy House, dieses Mal kehrten die Jugendlichen am Tag für die Aufnahmen zurück. Nichts als Musik und eine weiße Fläche als Hintergrund hat Dijkstra ihnen gegeben, eine schlichte Bühne der Individualität, Raum für ihre Person. Doch was für eine Person ist das? Die Tänzer wissen das noch nicht, man sieht die Suche nach sich selbst in der Körperhaltung, ihr Blick verrät sie. Denn das Leben befindet sich hier genau an der Schwelle: in der Phase des Umbruchs vom Kindsein zum Erwachsenwerden, ganz am Anfang, voller Verwirrung und Verheißung.

Um diese Neugier gehe es ihr, sagt Rineke Dijsktra, darum, dass fast alles, was die Jugendlichen erleben, zum ersten Mal geschehe. »Everything is potential«, fasst Dijsktra zusammen, was sich im mal unsicheren, mal selbstbewussten, übertrieben erotischen, pseudolässigen, ekstatischen, oft aber einfach nur pathetischen Ausdruck der fünf Tanzenden in The Krazy House zeigt. Everything is potential – das lässt sich nicht als ein euphorisches »Alles ist möglich« übersetzen. Was gezeigt wird, ist kein jubelnder Aufbruch ins Freie, sondern ein Zustand, der stetig zu kippen droht.

Schon in Buzz Club fängt Dijkstra dieses Hin und Her zwischen vermeintlicher Sicherheit und dem Herausfallen aus der Rolle ein. Jederzeit können ein albernes Kichern, ein verkrampfter Gesichtsausdruck, die stoischen Bewegungen zum Techno-Beat oder ein allzu gewollt routinierter Zug an der Zigarette das Unfertige aufdecken. Das, was an den rot geschminkten Lippen oder dem bauchfreien Kleid verrucht aussehen soll, will einfach noch nicht funktionieren. Imitation von Reife ist eben noch keine, nichts wirkt natürlich, wenn es wie eine abgeguckte Geste dessen aussieht, was man sein will: ein Popstar, ein Erwachsener, eine richtige Frau und kein Mädchen. Immer ist da die fiese feste Zahnspange, das Kaugummi, das unmögliche Outfit, ein Verhaspeln der Lippen, die den Text playback singen und gnadenlos den Status zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht bloßlegen. Ein Zustand, der nur einmal in einer Biografie vorkommt, wenn sie noch weitgehend unbespielt, aber nicht mehr kindlich behütet ist. So verunsichert, so offen waren wir und werden wir nie wieder sein, sagen die Fotos und Filme. In Frankfurt hat Dijkstra sie neben Werke von Picasso bis Warhol gestellt, die sie aus der Sammlung des Museums ausgesucht hat, um ihre Porträts in einen größeren Kontext einzubetten. Das sieht ganz nett aus, aber man hätte ihr zutrauen sollen, für sich allein zu stehen.

Transformation, Metamorphose, Häutung – doch nicht die Peinlichkeit sei ihr Thema, betont die Künstlerin immer wieder streng, als würde das empathische Gelächter des Publikums nicht genau daher rühren: dass man mit den Jugendlichen fühlt, weil die unsägliche Phase der Adoleszenz ebenso universell wie unvermeidlich ist. Und doch scheint auch Rineke Dijkstra ein Gespür dafür zu haben, dass sie die freakige Einzigartigkeit der noch wackeligen Selbstsuche ihrer Jugendlichen manchmal beschützen muss. Als ein Fotomotiv für die Postkarte zur Frankfurter Ausstellung gesucht wird, lehnt sie das Bild eines pickeligen rothaarigen Jungen in Schuluniform ab. Sie wolle nicht, dass über ihn gelacht wird. Auch das zeigt The Krazy House: Es gibt ein Recht darauf, in Würde zu pubertieren.

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