Roma"Das sage ich euch als Zigeuner"

István Forgács ist Ungar und Roma. Er sagt, sein Volk finde nur aus dem Elend heraus, wenn es sich ändere. Und dass einige Vorurteile stimmten. von 

Hätten seine Eltern woanders gelebt, im Osten Ungarns vielleicht oder hoch im Norden, dann wäre das Leben von István Forgács womöglich verlaufen wie das der meisten Roma in Ungarn. Und hätten Vater und Mutter nicht das eine oder andere Mal die richtige Abzweigung genommen im Leben: Er wäre heute ein Mann von 37 Jahren, der nur mit Mühe schreiben könnte. Die Grundschule hätte er wohl zu Ende gebracht, und dann wäre Schluss gewesen – wie für zwei Drittel der ungarischen Roma seines Alters. Er wäre wohl arbeitslos, so wie die anderen Roma-Männer. Ziemlich sicher hätte er eine Romni aus seinem Stamm geheiratet, die ohne Arbeit geblieben wäre. Er hätte drei, vielleicht auch fünf, sechs Kinder, die wie er nur die Grundschule abschließen und davon träumen würden, Polizist oder Friseurin zu werden. Wahrscheinlich aber würden sie das Leben des Vaters fortsetzen, denn das Leben in einer Roma-Großfamilie läuft selten auf ein Ziel zu. Meistens dreht es sich im Kreis.

Aber István Forgács’ Leben ist anders. Er ist im Westen Ungarns aufgewachsen, nahe der Grenze zu Österreich und zum Wohlstand, in einer Kleinstadt mit 60.000 Einwohnern, davon 3.000 Roma. Die Mutter ist Köchin, der Vater pensionierter Kleinhändler. Ein Sohn, eine Tochter. Dass andere nicht arbeiten und von früh an ein Kind nach dem anderen kriegen, verstehen die Eltern nicht. Sie wollten nur zwei Kinder und ihnen eine gute Ausbildung bieten. Heute leben seine Eltern in einem beschaulichen Familienhaus: fünf Zimmer, zwei Stockwerke, traditionelles Porzellan in der Schrankwand.

Anzeige

"Mein Vater hat mir beigebracht, dass die anderen alle Mittel, alle Ressourcen haben. Und dass es nicht gegen die Tradition verstößt, an diese Mittel ranzukommen", sagt Forgács. Die anderen: die Nicht-Roma, die "Gadsches". Wenn er es zu etwas bringen will, muss er sich gut mit ihnen stellen. Sie von sich überzeugen. Denn: "Sie haben alles, was wir brauchen."

Was der Vater brauchte, wusste er bald. Nach der Wende fuhr er jede Woche nach Österreich und kaufte für ein paar Schilling Kosmetikprodukte, die er dann in Ungarn mit üppigem Gewinn verkaufte. Und während in den eben noch sozialistischen Ländern massenweise Arbeitsplätze verschwanden und die Mehrheit der Roma sich ohne Arbeit wiederfand, gehörte die Familie Forgács zu jenen, mit denen es bergauf ging. Die Privatisierung, der wirtschaftliche Aufschwung, zog an den meisten Roma-Familien vorbei. Der Vater aber hatte genau beobachtet, wie die Gadsches es machten. Der Sohn schaute ihm zu und lernte.

István Forgács hat keine Romni geheiratet, sondern eine Ungarin aus dem Westen. Eine traditionelle Hochzeit hat es nicht gegeben. Seinen zwei kleinen Kindern bringt er Romanes bei, aber meistens redet er Ungarisch mit ihnen. Er hat, wie seine Schwester auch, studiert, Verwaltungswissenschaften und Roma-Studien, obwohl es, wie er schätzt, nur ein bis zwei Prozent der Roma in Ungarn auf eine Universität schafften.

Die Karriere des Sohnes macht die Eltern stolz: Er hat für die Stiftung Open Society gearbeitet, die dem Milliardär George Soros gehört, und den sozialistischen Regierungschef in Ungarn in Roma-Fragen beraten. Doch dann fand er, dass seine Arbeit vergeblich sei: teure Programme, die ohne Wirkung verpuffen. Also wurde er zu einem Einmannunternehmen. Er weiß, wie ein Staat tickt, und er weiß, wie Roma-Gemeinden ticken.

István Forgács berät ungarische Minister, europäische Roma-Organisationen und den European Council. Seit einem Jahr, sagt er, kennen ihn auch die meisten Bürgermeister auf dem Land sehr gut: Da hat der Regisseur László Pesty einen Film über die Roma gemacht. In dem Film steht Forgács vor einer Klasse angehender Polizisten. "Was sagt ihr dazu, dass angeblich 60 bis 70 Prozent der ungarischen Gesellschaft Vorurteile gegen die Zigeuner haben?", hört man ihn sagen. Verlegen schauen ihn die Polizeianwärter an, als habe er sie ertappt. "Ihr müsst euch für eure Vorurteile nicht schämen. Das ist normal. Das sage ich euch als Zigeuner."

Als der Film ausgestrahlt wurde, war die Empörung über seine Einseitigkeit gewaltig. Der staatliche Rundfunk hat auf die geplante Wiederholung verzichtet.

"Mich hassen viele Leute, klar, darunter auch viele Roma, die alles so lassen wollen, wie es ist", sagt István Forgács. Aber viele lieben ihn auch. Vor allem die Gadsches. Er bekäme mehr Anrufe als früher. Bald werde er mit Freunden seine eigene Beratungsfirma für Roma-Fragen gründen. In einem Jahr sind Wahlen, "wir werden viele Kunden haben". Oft werde er zu irgendwelchen Parteiveranstaltungen eingeladen. Natürlich gehe er hin. Er redet mit allen, auch mit den Rechtsradikalen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen differenzierteren und respektvollen Kommentarstil. Die Redaktion/mak

    4 Leserempfehlungen
  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Wir wünschen uns eine differenzierte Diskussion. Danke, die Redaktion/jk

    20 Leserempfehlungen
  3. 3. [...]

    Entfernt, bitte verfassen Sie differenzierte Beiträge. Danke, die Redaktion/ds

    4 Leserempfehlungen
  4. Aus dem Artikel: "..Würde ihn zum Beispiel der Bürgermeister von Duisburg, wo seit Kurzem viele Roma leben sollen, zurate ziehen, dann würde die Empfehlung von István Forgács so aussehen: Stelle zwei, drei Experten aus Mittelosteuropa ein. Lass sie die Leute fragen, was sie dringend brauchen. Gibt es Verwandte in anderen Städten? Dann hilf ihnen, weiterzuziehen. Haben sie keine, dann gib ihnen eine Wohnung – aber schließe mit jeder einzelnen Person einen Vertrag. Welche Fähigkeiten haben die Leute? Welche Sprachen sprechen sie? Deutsch? Hilf ihnen, Arbeit zu finden. Ihre Erfahrungen sind wichtig..."

    Bei allem Verständnis für die Situation dieser Menschen: Wer soll das wieder alles bezahlen? Und warum sollen diese Leute mehr Hilfe bekommen, als die hier bereits ansässigen Menschen?

    Wichtige Erfahrungen haben auch viele Arbeitslose in Deutschland. Wer hilft denen?

    23 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Duisburger selbst. Gerade wird die Grundsteuer auf einen der höchsten Sätze in Deutschland erhöht. Genau 15 Mio mehr sollen dadurch eingenommen werden. Wie hoch war die Schätzung über die Höhe der Kosten, die der Stadt durch die Zuwanderung entstehen? Drei mal darf geraten werden.

  5. Ich kann und will nicht beurteilen, ob Verfolgung oder Diskriminierung stattfindet. Aber was soll ich von Personen halten, die keinerlei Interesse zeigen, an dem Leben der Gesellschaft, in der sie leben, auch nur ansatzweise teil zu nehmen.
    Zwei selbst erlebte Beispiele:
    Ein Mächen in einer Schulklasse fehlt regelmäßig ganze Tage. Entschuldigungen erfolgen nicht. Das Mädchen nimmt an keiner Schulveranstaltung teil. Die Leistungen sind entsprechend. Es handelt sich um eine Roma-Familie. Die Lehrerin hat längst kapituliert: "Alle Familientermine sind wichtiger, deshalb die vielen Fehltage. Das Schulamt unternimmt nichts, da dort die Angst vor einer Diskriminierungsdebatte zu groß ist !"
    Die gleiche Aussage höre ich dann in den Folgejahren an verschiedenen Schulen der Stadt.

    32 Leserempfehlungen
  6. Im letzten Jahr bin ich mit dem Rad auf einem überrregionalem Radweg in der Schweiz unterwegs. Auf einer Hangwiese in der Nähe einer Großstadt stehen vielleicht 50 - 60 Wohnwagen mit (Riesen-)-Autos, meist deutschen oder französischen Nummernschildern. Ich fahre vorbei und komme an eine kleine Senke und plötzlich sehe ich hunderte von einzelnen Küchentüchern auf dem Weg, am Hang daneben und am Waldrand links. Als ich hinkomme sind hunderte von "K...haufen" auf und neben dem Weg. Es ist fast unmöglich daran vorbeizufahren. Als ich um die Kurve komme, sitzt ein junger Mann mit herunter gelassener Hose mitten auf dem Weg und k.... !

    Sollten die Roma wirklich ihr Problem lösen wollen, müssen sie bei sich und ihrem Verhalten anfangen. Ich kann damit nichts anfangen und sehe auch keinen Grund an meinem Verhalten etwas verändern zu müssen !

    Steuergelder für Projekte sind in diesem Fall sinnlos und dienen nur als Mitnahmeeffekt oder Feigenblatt.

    36 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    1. Hier machen Sie einen einzelnen Clan zum Beispiel für ein ganzes Volk und sagen, die sind alle so.

    2. Die Gruppen, die immer noch in Wohnwagen durch Europa ziehen, sind meistens Sinti, nicht Roma. Leider weigert sich dieses Volk absolut, in irgendeiner Weise in Kontakt mit den anderen im Land Lebenden Menschen zu treten. Sogar die Sprache wird geheim gehalten.

  7. Die Duisburger selbst. Gerade wird die Grundsteuer auf einen der höchsten Sätze in Deutschland erhöht. Genau 15 Mio mehr sollen dadurch eingenommen werden. Wie hoch war die Schätzung über die Höhe der Kosten, die der Stadt durch die Zuwanderung entstehen? Drei mal darf geraten werden.

    15 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Bei allem Verständnis"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ihren tollen duisburger oberbürgermeister gefragt,wieviele Ausreisepflichtige abgelehnte Asylbewerber im Sozialhilfebezug in sanierten Wohnungen rundumversorgt in Duisburg leben?
    Und wieso die rechtmässig zuwandernden Roma,die in kaputten Wohnungen ohne sozialhilfebezug und Krankenversicherung leben müssen,plötzlich ein Problem sein sollen?

    Beziehungsweise,wieso beschwert sich der Bürgermeister nicht,das Recht durchgesetzt wird und Abschiebungen durchgeführt werden?

  8. Alice Bota fordert Arbeit und Wohnungen für die hier angekommenen Roma.

    Aber was für Arbeitsplätze sollen das sein? Die Geschichte der Zuwanderung nach Deutschland korreliert mit einer zunehmenden Ausbeutung der deutschen Unterschicht, die über Leiharbeit, Werkverträge und geringfügige Beschäftigung unter Druck gesetzt wurde. Der Hauptgrund dafür ist ein Überhang an geringqualifizierten Tätigkeiten. Auch der andiskutierte Mindestlohn von 8,50 würde keinerlei Abhilfe schaffen, weil die Lohndifferenz zwischen Zeitarbeit und normaltariflich bezahlter Arbeit gleich hoch bliebe. Wieso will man dieses Problem noch verstärken, indem man noch mehr Arbeits-/Armutsmigranten in Deutschland versorgt?

    Wohnungen: Täglich lesen wir in der Zeitung, dass es an bezahlbarem Wohnraum mangelt. Welchen Sinn macht es, diese Notlage zu verschärfen, indem man Hunderttausende (über die Jahre vielleicht sogar Millionen) neue Wohlstandsflüchtlinge unterbringt?

    Ein weiteres Argument gegen die Forderungen von Alice Bota: Der kulturelle Wandel. Auch Roma sind Menschen, und als solche können sie sich ändern. Aber das dauert. Das ist ein Projekt über mehrere Generationen und kostet sehr viel Geld. Der Kostenaufwand liesse sich aber deutlich reduzieren, wenn man für eine bessere Forderung der Roma in ihren Heimatländern sorgt.

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Leider betrachtet keines der Länder, oder zumindest sagen wir, betrachten wenige Einwohner der Länder, in denen es viele Roma gibt, diese als dort beheimatet.
    Rumänen, die von klauenden Kindern in Madrid hören, sagen "Das sind aber keine Rumänen, sondern Zigeuner". Das gleiche hört man von Ungarn üner ungarische Roma in Frankreich, oder sogar in Ungarn selbst. Oder in Serbien oder wo auch immer.
    Die meisten Staatsangehörigen dieser Länder betrachten die Roma nicht als Ungarn, Rumänen, Serben oder was auch immer.

    Also: Welches Heimatland? Solange das Land selber sich nicht für deren Heimat hält?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Ungarn | George Soros | Roma | Armut | Rumänien | Europa
Service