Geschichte des "Zigeuner"-BildesKitsch und Hass

Warum lösen Sinti und Roma bis heute so widersprüchliche Reflexe aus? Fragen an Klaus-Michael Bogdal, der für sein Werk "Europa erfindet die Zigeuner" jetzt den Leipziger Buchpreis erhält. von 

Eine Roma steht vor ihrem zerstörten Haus in einem Vorort der bulgarischen Stadt Maglizh.

Eine Roma steht vor ihrem zerstörten Haus in einem Vorort der bulgarischen Stadt Maglizh.  |  © Dimitar Dilkoff/AFP/GettyImages

DIE ZEIT: Herr Bogdal, die Romvölker sind mit mehr als zehn Millionen Menschen Europas größte Minderheit. Dennoch erregt der Hass gegen sie so gut wie keinen Protest. Woher rührt diese Blindheit gegenüber Leben und Leiden der Sinti und Roma?

Klaus-Michael Bogdal: Es bleibt ein bitterer Widerspruch: Wir Europäer beschwören gern die Menschenwürde und fordern die Anerkennung des Individuums als Rechtssubjekt. Für die Roma aber scheint uns dies noch immer nicht selbstverständlich. Schon früh wurden sie als ehrloses Volk angesehen, das keinerlei Rechte zu beanspruchen habe. Und bis heute stellen sie eine Gruppe dar, auf die sich Vernichtungsfantasien richten. Die Literatur hat uns dabei über Jahrhunderte darin eingeübt, Gewalt gegen sie für legitim zu erachten: In Nikolaus Lenaus Epos Die Albigenser von 1842 etwa werden »Zigeuner« nach einem von ihnen begangenen Kreuzfrevel samt ihren Kindern von Raben zerhackt.

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ZEIT: Wie finden solche Gewaltfantasien in heutige Köpfe? Die Literatur, die Sie in Ihrer Studie Europa erfindet die Zigeuner zitieren, ist schließlich kaum noch Gemeingut.

Klaus-Michael Bogdal

Professor für Literaturwissenschaft in Bielefeld. Sein Buch Europa erfindet die Zigeuner erschien bei Suhrkamp (592 S., 24,90 €).

Bogdal: Mag sein. Aber die Darstellungen in den Medien heute und die populistische Rhetorik bedienen sich eben aus dem tradierten Repertoire. Die alten Feindbilder ruhen wie Schmutz am Boden unserer Gesellschaft, und der kann jederzeit aufgewirbelt werden. Der skandalöse Aufmacher der Schweizer Weltwoche im vergangenen Jahr ist ein Beispiel dafür.

ZEIT: Das Titelbild zeigte ein Romakind, das mit einer Pistole auf den Betrachter zielt...

Bogdal: ...darunter die Schlagzeile Die Roma kommen. Damit war ein bekanntes Bedrohungsklischee aufgerufen. Nur: Die Roma »kommen« nicht, sie leben seit 600 Jahren mitten unter uns! Trotzdem werden sie beharrlich als Barbaren diffamiert, die »von außen« in »unsere« Zivilisation eindringen.

ZEIT: Ein typischer Fall von Fremdenfeindlichkeit? Oder unterscheidet sich die Zigeunerverachtung vom üblichen Ausländerhass?

Bogdal: Die europäischen Gesellschaften der Neuzeit haben zwei Typen des »Anderen« hervorgebracht. Zum einen den Feind, der einem in Gestalt anderer Nationen gegenübertritt und mit dem man um territoriale, wirtschaftliche und kulturelle Hegemonie ringt. Zum anderen den Fremden, der bleibt und weder Freund ist noch Feind. Dieser »Dritte« ist an keinem Ort zu Hause, er ist die gesichtslose Verkörperung des Anderen, ein Nichts. In diese Kategorie fallen »der Jude« und »der Zigeuner« als stereotype Figuren.

ZEIT: Was unterscheidet sie voneinander?

Bogdal: Verknappt gesagt: Der Antisemitismus arbeitet sich daran ab, dass die sogenannte christlich-abendländische Gesellschaft im Judentum wurzelt. Die besitzlosen Romvölker hingegen gelten als Erscheinung der Wälder. Unter anderem weil sie keine Schriftkultur besaßen und lange Zeit nomadisch lebten, diffamierte man sie als unzivilisierbare Parasiten, denen auch andere Minderheiten mit Verachtung begegneten.

ZEIT: In der aktuellen Debatte geht es vor allem um die Roma-Einwanderung aus Osteuropa.

Bogdal: Immer wieder wurde und wird die Angst vor dem »Eindringen« von Menschen »aus dem Osten« evoziert. Das hat eine lange Tradition und richtete sich seit den Mongolen- und Türkenkriegen immer auch gegen die Romvölker. Im Übrigen wird deren soziale Verelendung und vermeintliche Unterentwicklung als ein Zeichen der Zurückgebliebenheit Südosteuropas gedeutet. Im Hass gegen die Roma scheint daher auch das Ressentiment gegen die »unerwünschten Nachbarn« im Osten Europas durch.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und bemühen Sie sich um differenzierte Beiträge. Danke, die Redaktion/fk.

    5 Leserempfehlungen
  2. 2. [...]

    Rechtfertigungen von Diskriminierung und Ausgrenzung sind hier nicht willkommen. Danke, die Redaktion/fk.

    7 Leserempfehlungen
  3. Mir ist es völlig egal woher jemand kommt, welcher Religion er angehört oder welcher Kultur er zurechnet, solange er sich an die Spielregeln vor Ort hält.

    27 Leserempfehlungen
  4. Ob Herr Bogdal mit dieser doch sehr einseitigen Betrachtung, die ganze Problematik sei allein ein Folge von Zuschreibung und Ausgrenzung der Diskussion einen Gefallen getan hat, wage ich zu bezweifeln. Versuche mal einer, den Armutsdiskurs auf diese einseitige Weise über die "Opfer" Perspektive zu führen.

    11 Leserempfehlungen
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    ...aber halten sich die Deutschen auch an die Spielregeln? Behandeln Behörden, Arbeitgeber, Nachbarn die Sinti und Roma wie andere Deutsche auch, ohne Ansicht der Herkunft?

    Ich glaube, so weit sind wir noch lange nicht...

  5. 5. [...]

    Bitte belegen Sie Tatsachenbehauptungen, die nicht allgemein bekannt sind mit seriösen Quellen. Danke, die Redaktion/fk.

    2 Leserempfehlungen
  6. bis heute so widersprüchliche Reflexe aus?"

    Interessiert das die ZEIT-Redaktion? Wenn ja, könnte sie ganz einfach die Menschen in Duisburg-Hochfeld oder Berlin-Neukölln befragen.
    Im übrigen ist das Wort "Reflexe" an dieser Stelle anmaßend und diskriminierend. Wo es die ZEIT doch sonst so mit den "richtigen" Wörtern hat.
    Wie klingt es, wenn jemand sagte, irgendetwas löse bei Sinti und Roma "Reflexe" aus? Das geht gar nicht, gell?
    Also dann bitte auch nicht andersherum.

    21 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich und verzichten auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

    bestätigt die Aussagen des Artikels sehr eindrucksvoll, denn natürlich wird nicht die Frage gestellt, warum die Menschen in den Vierteln von Duisburg/Berlin leben, wie sie leben. Sie fragen nicht danach,dass dies mit dem Asylrecht und der deutschen Asylpraxis begründet sein könnte, dass viele Asylbewerber unter denen sich auch Roma befinden, auf engsten Raum zusammengepfercht werden, sie nicht arbeiten dürfen, sich nicht frei bewegen können (es würden auch die finanziellen Mittel fehlen) usw. Nein stattdessen verweisen Sie auf diese Stadtteile um was genau zu zeigen? Das die Klischees wahr sind und die Menschen zu Recht die Reflexe haben?
    Sie beschweren sich, über das Wort Reflex? Bei mir löste Ihr Kommentar auch einen aus. Den Wutreflex darüber, dass wie es so oft ist, wenn es um diese und ähnliche Themen geht, nur oberflächlich etwas hingeklatscht wird, ohne sich die Mühe einer differenzierten Betrachtung zu machen.

    Zum Artikel selbst. Es ist ein sehr guter theoretischer Ansatz des Kollektivlabelings, also ein Teil des LabelingApproach. Das bedeutet, dass anomisches, abweichendes Verhalten einer Minderheit darin begründet liegt, dass es von der Mehrheit sozial zugeschrieben wird. Quasi die Minderheit wird mit einem Etikett versehen (Diebe) und die Rahmenbedingungen entsprechend gesetzt, die jedoch das abweichende Verhalten erst ermöglichen/auslösen.

    • Varech
    • 10. März 2013 19:43 Uhr

    Herrn Bogdans Satz im letzten Absatz des Artikels hätte er auch anders forulieren sollen: Ich befürchtre, dass sich das Verhältnis der Romvölker zur Bevölkerung kaum gewandelt hat.

    Handverlesene Geschichtchen aus alten Zeiten können ein heute real vorhandenes Problem weder erklären, noch lösen. Das ist eiine nicht mal neue Form der Zigeunerromantik. Nötig wäre ernsthafte und unvoreingenommene Arbeit von Soziologen und Psychologen. Und für den Anfang wäre es sicherlich hilfreich, wenn Polizei und Gemeindeverwaltungen mit sicherer Hand und ohne Hass die Einhaltung elementarer Regeln des Zusammenlebens durchsetzten. Sind nicht sichere und gerechte Regeln der erste Schritt der Sozialisierung?

    Herrn Bogdals "fehlendes Unrechtsbewusstsein" in der Bevölkerung bis in die siebziger Jahre muss wohl sein persönliches Problem sein. Ich wusste von den Verbrechen an den "Zigeunern" seit den vierziger Jahren.

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    "Herrn Bogdals "fehlendes Unrechtsbewusstsein" in der Bevölkerung bis in die siebziger Jahre muss wohl sein persönliches Problem sein. Ich wusste von den Verbrechen an den "Zigeunern" seit den vierziger Jahren."

    Ach tatsächlich, ein persönliches Problem vom Herrn Bogdal? Im Jahr 1956 stellte der Bundesgerichtshof fest, dass die Ermordung von 500.000 Roma während der NS-Zeit nicht als Völkermord sondern viel mehr als Kriminalitätsprävention gewertet werden sollte. Erst 1982 erkannte die Bundesregierung die systematische Ermordung dieser vielen Menschen als Völkermord an. Lassen Sie sich das mal bitte auf der Zunge zergehen und schreiben dann noch mal über (und Hr. Bogdal meinte kollektives) Unrechtsbewusstsein.

    Keine endlos belastbare Quelle, aber trotzdem:
    http://de.wikipedia.org/w...

  7. Wenn ich die 'Armut' der Aermsten in Europa mal im Vergleich sehe zu den zig-Millionen von Menschen, die in Afrika den Hungertod sterben, in Suedamerika in den Favelas ihr Essen auf den Muellbergen zusammensuchen, oder die als Kinderarbeiter in Chinas Fabriken angekettet auf dem kalten Fussboden lagern muessen, dann wird mit richtig schlecht. Angesichts der Kaltschnaeuzigkeit, mit der Herr Bogdal behauptet, wir taeten noch immer nicht genug. Was will er denn? Sollen wir die Entwicklungshilfe fuer Afrika streichen, oder nachkommende Generationen noch tiefer in den Schuldenturm treiben, um den moralischen Verpflichtungen nachzukommen, die wir allen armen Menschen in Europa gegenueber haben?

    Man kann durchaus argumentieren, dass alle Armut auf der Welt durch uns Europaeer kreiert wurde, durch Kolonisierung und Raubbau. Dann muss man aber auch sagen, dass eben diese, durchaus tragischen Massnahmen, auch zu Welthandel und Reichtum gefuehrt haben. China hat sich seiner Armut entledigt. Brasilien hat dies getan. Auch die Roma und Sinti koennen dies tun, aber dies geht nur aus eigenem Antrieb, jeder Mensch fuer sich.

    Wer jedoch, wie Bogdal, postuliert, dass Roma und Sinti, ganz im Gegensatz zu anderen Voelkern, nur dann erfolgreich sein koennen, wenn sie besonderen Schutz geniessen, der hegt tiefgruendig womoeglich slebst rassistische Ressentiments. Denn was Chinesen und Brasilianer koennen, das koennen Sinti und Roma allemal.

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    • Mkdrs
    • 10. März 2013 20:44 Uhr

    ...hinkt doch gewaltig. China und Brasilien sind souveräne Staaten. Die Sinti und Roma haben keinen Staat, bzw. gehören eigentlich zu dem Staat in dem sie leben. D.h. der jeweilige Staat genauso für die zu sorgen wie jeden anderen Bewohner dieses Lande. Oder sie geben denen einen eigenen Staat, dann können sie vielleicht wie China und Brasilien reich werden, aber das ist ja eine Gedankenspielerei die nirgendwo hinführt.

    Abgesehen davon, dass es Reichtum ohne Armut nicht geben kann. Auch China und Brasilien sind reich auf Kosten anderer.

    *Ja, was denn? Die Indianer massakriert, die islamische Welt um sich selbst gebracht, die chinesische Welt gut ein Jahrhundert lang geschändet und entstellt, die Welt der Schwarzen disqualifiziert, unzählige Stimmen auf immer ausgelöscht, Heimstätten in alle Winde zerstreut ... und Sie glauben, für all das müsse nicht bezahlt werden?*

    Aus Ihrem Beitrag könnte man nun schließen, man hätte die Sinti und Roma noch etwas mehr massakrieren, schänden, um sich selbst bringen, disqualifizieren, auf immer auslöschen, in alle Winde zerstreuen müssen, um ihnen etwas ganz unstrittig Gutes zu tun: ihren Leistungswillen zu wecken, sie 'zu Welthandel und Reichtum' zu führen.

    'Denn was Chinesen und Brasilianer koennen, das koennen Sinti und Roma allemal.' Es bedurfte nur 'eben dieser, durchaus tragischen Massnahmen'.

    ^^Die Europäer haben sich dafür entgegen jeder Überzeugung selbstlos aufgeopfert und ihre Nachfahren werden 'noch tiefer in den Schuldenturm' getrieben, um ihren 'moralischen Verpflichtungen nachzukommen'. Mir scheint, es wird Zeit für ein Spendenkonto und humanitäre Nothilfe, für 'uns Europaeer'.^^

    "Ich bin, wie gesagt, traumatisiert, vielleicht sogar verbittert durch die Tatsache, dass ich zu keiner einzigen gesellschaftlichen Opfergruppe gehöre und in jeder gottverdammten Debatte immer Teil der Tätergruppen bin, Männer, Deutsche, Weiße, Besserverdiener. Das ist auch ein Scheißgefühl. Ich finde, wir Mehrfachtäter sollten endlich als Opfergruppe anerkannt werden. Aber da lachen die anderen Opfer bloß, wenn sie so was hören."

    http://www.zeit.de/2013/1...

    :-)

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