Sabine Rennefanz"Zu Hause fanden wir keinen Halt"

Sabine Rennefanz erlebte den Mauerfall als Jugendliche in der DDR, genau wie die NSU-Terroristen. Ein Gespräch über die stille Wut ihrer Generation von Anne Hähnig

DIE ZEIT: Frau Rennefanz, der NSU-Terror hat Sie dazu gebracht, ein Buch über sich und Ihre Generation zu schreiben. Warum?

Sabine Rennefanz: Als im November 2011 die Terrorzelle aufflog, merkte ich, wie viele Ost-Vorurteile noch kursierten. Bekannte von mir sagten: Der Osten sei eben rassistisch und ausländerfeindlich. Ich wollte mit Klischees aufräumen, meine Generation erklären.

Anzeige

ZEIT: Eine Generation, der auch Uwe Mundlos angehörte, einer der NSU-Täter. Sie kamen zu dem Schluss, dass Sie vieles eint mit Mundlos, nicht nur die Herkunft und das Alter.

Rennefanz: Mit rechtem Gedankengut und mit Neonazis habe ich nichts am Hut. Aber ich kann mir vorstellen, wie Mundlos zum Neonazi wurde. Es gab 1990 die Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten. Das Leben spielte sich im Chaos ab. Die Wendezeit war schwer für uns, wir hingen zwischen zwei Ländern. Wir suchten vielleicht nach einer Ersatzfamilie, weil wir zu Hause keinen Halt fanden. Ich habe die auch gesucht und fand sie in der Kirche. Ich hätte genauso Islamistin, Scientologin oder – wer weiß – gar Neonazi werden können. Es war einfach nur die Frage, wer mich zuerst ansprach.

ZEIT: Sie waren 15, als die Mauer fiel, und wohnten in Eisenhüttenstadt. Wie war es dort nach 1989?

Sabine Rennefanz

Sabine Rennefanz, 38, verschlief den Mauerfall. Erst am 10. November 1989 erfuhr sie davon im Internat in Eisenhüttenstadt. In Berlin und Hamburg studierte sie Politologie. Für die Berliner Zeitung, deren Redakteurin sie seit 2001 ist, war Rennefanz zeitweise Korrespondentin in London. Ihr Essay Uwe Mundlos und ich wurde 2012 mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet.

Rennefanz: In Eisenhüttenstadt herrschte eine Atmosphäre der Angst. Die Stadt lebte ja von einem Stahlwerk. Nach der Wende war nicht klar, wie lange noch. Tausende wurden entlassen, Fabriken machten dicht. Wenn doch ein Investor kam, wusste man nicht, ob er die Firma übernehmen oder nur plattmachen wollte.

ZEIT: Wir hatten die Vorstellung, die Wendekinder könnten unbelastet durchstarten.

Rennefanz: Für mich und viele andere war das eine Illusion, denn ich war zur Wende noch nicht volljährig und konnte nicht einfach gehen. Ich blieb ja zunächst im Internat und bei meinen Eltern und musste mir selbst einen Sinn geben.

ZEIT: Wie fanden Sie den?

Rennefanz: Während des Studiums traf ich eine Frau, die mich beeindruckte. In ihrer evangelikalen Gemeinde habe ich mich aufgehoben gefühlt. Ich habe diesen Glauben aufgesaugt, Gottesdienste organisiert, sogar in Russland missioniert. Mein Glück war, dass ich irgendwann Zweifel bekam. Und einen festen Job.

Leserkommentare
  1. jetzt wollen die Räuber und Plünderer von 1989/90 eine Aufarbeitung ihrer Schandtaten. Wers glaubt......

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • cm30
    • 01. März 2013 17:12 Uhr

    Räuber und Plünderer? Das sind wohl die West-Konzerne, nur haben deren Vertreter hier kein Buch geschrieben.

  2. Lieber expropriateur

    Ich verstehe Ihren Kommentar nicht. Frau Rennefanz war 15, als die Mauer fiel. Räuber? Plünderer? wohl eher Teenager. aj

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...der Geschichtsverdreher. Oder schreibt sie über den Raub am Volksvermögen und der Kolonialisierung Ostdeutschlands mit ihren gesellschaftlichen Zerwürfnissen?

  3. ...der Geschichtsverdreher. Oder schreibt sie über den Raub am Volksvermögen und der Kolonialisierung Ostdeutschlands mit ihren gesellschaftlichen Zerwürfnissen?

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... die habe ich irgend wie verpasst. Wann soll die statt gefunden haben? Ich kann mich irgend wie an keine Wagentrecks mit Siedlern erinnern welche in das Gebiet der "Edlen Wilden" im Osten eingedrugen sind und mit Glasperlen, Decken & Tomahawks diese um Gold, Land und Weiber betrogen haben.

    Ich kann mich nur an ein Volk erinnern welches heil froh war, das es unblutig die Diktatur abgeschüttelt hat und reichlich naive auf das kapitalistische System getroffen ist und dabei noch Glück hatte und sich mit der BRD fusionieren durfte, mit seiner wirtschaftlichen Stärke und seinem Sozialenauffangnetz. Fragen Sie mal die Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Russen, Ukrainer, Bulgaren, Rumänen und baltischen Völker ob sie nicht lieber in der Position der Ostdeutschen gewesen wären, als die Regime gefallen waren und alles zur Dispostion stand, was gestern noch in Stein gemeiselt war.

    K Nr. 3 von expropriateuer: "Frau Rennefanz macht sich doch zum Sprachrohr der Geschichtsverdreher. Oder schreibt sie über den Raub am Volksvermögen und der Kolonialisierung Ostdeutschlands mit ihren gesellschaftlichen Zerwürfnissen?"

    Auch nach nochmaliger Lektüre des Interviews vermag ich nicht zu erkennen, dass / inwiefern Frau Rannefanz sich hier zum Sprachrohr der Räuber und Plünderer, die es sicherlich gab, macht.

    Und wenn ich in dem Interview insbesondere Sätze von Frau Rannefanz lese wie etwa "Außerdem war ich frustriert, wie mit den Menschen hier umgegangen wurde. Wir wurden extrem deklassiert." (2. Seite des Artikels, 2. Absatz), also Sätze, mit denen sie in gewisser Weise das damalige Rauben und Plündern anprangert, frage ich mich, ob Sie, expropriateur, den Artikel überhaupt gelesen haben, oder ob Sie, trotz Lektüre des Artikels, Frau Rannefanz wider besseren Wissens / Wissenkönnens zu diskreditieren versuchen.

    Dass im Zuge der Vereinigung etliche westliche Glücksritter, Hassadeure, Raubritter sich auf Kosten der neuen Bundesbürger bereicherten, will ich nicht in Abrede stellen.

    Doch warum Sie, expropriateur, Frau Rennefanz bezichtigen, Sprachrohr jenes Geschmeiß zu sein, ist nicht nachvollziehbar.

    Ausweislich Ihres Forumsnamens "Expropriateur" haben Sie sich die Themen "Enteignung, Ausbeuterei" etc. auf die Fahnen geschrieben.

    Hier haben Sie sich in Ihrer Mission arg vergaloppiert.

  4. "...Immerhin haben wir eine ostdeutsche Kanzlerin. So negativ kann diese Herkunft also nicht sein...."

    In diesem konkreten Fall: Oh doch!

    Eine Leserempfehlung
  5. dass man versucht in einem Artikel die Vorurteile gegen eine ganze Gruppe an Jugendlichen aufzuklären und dann mit Vorurteilen und Verallgemeinerung in den Kommentaren abgewimmelt wird.

    Ich bin nach dem Mauerfall geboren, so erklärt mir doch, ihr klugen Alten, warum diese jungen Menschen Räuber und Plünderer waren.

    2 Leserempfehlungen
  6. ... die habe ich irgend wie verpasst. Wann soll die statt gefunden haben? Ich kann mich irgend wie an keine Wagentrecks mit Siedlern erinnern welche in das Gebiet der "Edlen Wilden" im Osten eingedrugen sind und mit Glasperlen, Decken & Tomahawks diese um Gold, Land und Weiber betrogen haben.

    Ich kann mich nur an ein Volk erinnern welches heil froh war, das es unblutig die Diktatur abgeschüttelt hat und reichlich naive auf das kapitalistische System getroffen ist und dabei noch Glück hatte und sich mit der BRD fusionieren durfte, mit seiner wirtschaftlichen Stärke und seinem Sozialenauffangnetz. Fragen Sie mal die Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Russen, Ukrainer, Bulgaren, Rumänen und baltischen Völker ob sie nicht lieber in der Position der Ostdeutschen gewesen wären, als die Regime gefallen waren und alles zur Dispostion stand, was gestern noch in Stein gemeiselt war.

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hairy
    • 01. März 2013 16:50 Uhr

    "... die habe ich irgend wie verpasst. Wann soll die statt gefunden haben? Ich kann mich irgend wie an keine Wagentrecks mit Siedlern erinnern welche in das Gebiet der "Edlen Wilden" im Osten eingedrugen sind und mit Glasperlen, Decken & Tomahawks diese um Gold, Land und Weiber betrogen haben."

    Der Treck: zB. 'höhere' Beamte für die Verwaltungen, Professoren für die Unis, Alteigentümer für Immobilien usw., Politiker für die Regierungen. Hier und da waren das Leute, die es im Westen nicht geschafft hatten. Und die Osteliten waren ja weg vom Fenster, teils zu recht, teil zu unrecht, teils gab es keine passenden Leute. Und teils waren die Rückübertragungen von Eigentum gerechtfertigt, teils aber auch für Ossis ein Schlag ins Gesicht.

    Wäre mal interessant in dem Zusammenhang, wie heute die Verteilung ist zB in den Medien und an den Unis: wieviel % der dort Angestellten sind aus dem Osten...?

    • H.v.T.
    • 01. März 2013 17:01 Uhr

    So ganz falsch ist es nicht, wenn auch der Begriff ´Kolonissierung´ nicht richtig trifft, so mag es doch so empfunden worden sein von der Bevölkerung der ehemaligen DDR.

    Die Treuhand, die Besetzung sehr vieler wichtiger gesellschaftlicher Positionen durch Westdeutsche unter Zurückdrängung von Ostdeutschen, die Rückübereignung von Grundstücken an Westdeutsche, die Massenentlassungen, und viele andere Vorgehensweisen nach dem Fall der Mauer sind nicht gerade Glanzlichter der deutschen Wiedervereinigung.

    In Ostdeutschland gab es damals ein gesellschaftliches Klima, das selbst ich als Westdeutscher als nicht erträglich empfunden habe.

    Ich kann mich nur an ein Volk erinnern welches heil froh war, das es unblutig die Diktatur abgeschüttelt hat und reichlich naive auf das kapitalistische System getroffen ist

    Ich kann mich an Demonstrationen mit 100.000enden erinnern. Aber nicht wie in Leibzig gegen die SED, sondern gegen die Machenschaften der Treuhand. Naiv waren die Ostdeutschen nur anfangs. Später wurden sie richtig wütend.

    tatsächlich verpasst!Die begann nämlich mit der von den Sowjets installierten kommunistischen Verwaltung und endete zwangsläufig mit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems.
    Und wenn nun mal die ganze Lebensplanung mit solch einem System verbunden ist muss es doch zwangsläufig mit dem Zerfall des Systems bei den Betroffenen zu Missverständnissen, Frustrationen usw.führen.Wenn dem Mädel nun einmal aus ihrem persönlichem Umfeld heraus solch eine Gemütslage entstand, muss man sie ja nicht verallgemeinern. Mein zur Wende etwa gleichaltriger Sohn hatte und hat bis heute wohl nicht solche seelischen Probleme mit dem Verschwinden des Systems.

    Deindustrialisierung, Absatzgebiet für billige Massenprodukte, Lieferung billiger Arbeitskräfte, Raub von Rohstoffen, Besetzung der leitenden Positionen durch Kolonialbemate.....

    Drastische Worte aber alles mit Zahlen belegbar......

  7. Das Scheitern der DDR hat die Dame also nicht erlebt - oder kann / möchte es nicht thematisieren? Aber das Schlechte an der Wende - das kann sie exakt benennen? Zumindest in zwei Sätzen.

    Stellt sich für mich die Frage ob es nun wirklich nur die Unschuld / aka: Naivität des Alters ist - oder eine gewisse bewusste "Blauäugigkeit", sich mit der Vergangenheit eher nicht zu beschäftigen. Allerdings finde ich das Interview deutlich zu seicht, um hierauf eine Antwort zu finden. Ich hoffe mal, dass es nicht symptomatisch für eine ganze Generation ist. Denn das wäre schade.

    Eine Leserempfehlung
  8. ich stimme "bergischerjung20" voll und ganz zu: es ist wiedereinmal unglaublich, was hier in den kommentaren so abgeht...jede generation, jeder mensch hat ein berechtigtes bedürfnis danach und tut gut daran, die eigenen wurzeln zu untersuchen! selbst wenn man "erst" 10 jahre alt war als die mauer fiel, hatte das weitreichende folgen - denn man wird schließlich durch das gesamte lebensumfeld sozialisiert: eltern wurden arbeitslos, viele freunde zogen weg (gen westen), lehrer und schulbücher wurden ausgetauscht, auf der anderen seite natürlich die vielen neuen eindrücke, gerüche und chancen - und das alles quasi über nacht! natürlich hat das einen immensen einfluss auf einen menschen am anfang oder mitten in der pubertät! es ist unbeschreiblich anmaßend und ignorant, einer ganzen generation das recht abzusprechen, über problematische jugenderfahrungen zu reden - vor allem mit vorwürfen wie "naivität" und "blauäugigkeit"...wenn es alles so unwichtig und irrelevant wäre wie sie hier behaupten, dann hätte diese generation nicht so viele krasse lebenswege hervorgebracht...einige meiner vorkommentatoren verwechseln augenscheinlich wiedereinmal altersweisheit mit altersstarrsinn/-arroganz.

    10 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte DDR | Chaos | Eltern | Generation | Heimat | Internat
Service