Uni-Sponsoring : "Wir wollen Ruhm"

Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne, ist ein glühender Befürworter von Uni-Sponsoring. Ein Gespräch über Geld – und darüber, was es mit einem Wissenschaftler macht

DIE ZEIT: Herr Aebischer, was macht Sie glücklicher: Wenn Sie 500 Millionen Euro von der EU erhalten oder wenn Sie eine bahnbrechende Entdeckung feiern?

Patrick Aebischer: Die Entdeckung, aber dazu braucht man Ressourcen. Geld ist ein Mittel, um Wissenschaft zu betreiben. Und die wird immer teurer. Es war Max Planck, der sagte: »Jeder weitere Schritt wissenschaftlicher Erkenntnis kostet uns mehr als der vorherige.«

ZEIT: Doch für Schlagzeilen sorgt die ETH Lausanne (EPFL) vor allem, wenn Sie wieder ein paar Millionen gesammelt hat. Ist das für einen Wissenschaftler wie Sie nicht frustrierend?

Patrick Aebischer

Geboren 1954 in Freiburg, Studium der Medizin und Neurowissenschaften in Freiburg und Genf. 2000 übernimmt er das Präsidium der ETH Lausanne und macht aus der biederen Ingenieurschule eine Weltklasse-Universität. 2013 gewinnt das Human Brain Project den Forschungswettbewerb der EU und erhält 500 Millionen Euro. Patrick Aebischer sitzt u. a. in den Verwaltungsräten von Lonza und Nestlé Health Science. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Aebischer: Aebischer: Tief in meinem Innern bin ich ein Wissenschaftler, ich habe auch mein Labor behalten. Gerade heute Morgen war ich am Lab-Meeting und sah ein paar absolut hervorragende Resultate meiner Studenten – that made my day! Aber jemand muss das Geld dafür auftreiben.

ZEIT: Dennoch wundert man sich ob Ihrer Jubelhymnen über Erfolge im Fundraising.

Aebischer: Die Medien spielen das hoch. Wir publizieren fast jeden Tag eine Medienmitteilung über ein neues Forschungsresultat. Aber auf die Frontseite schaffen es die gesammelten Millionen. Zumindest in der Schweiz. International sieht das etwas anders aus. Wir waren 2012 dreimal auf der Frontseite der New York Times – immer mit Forschungsresultaten. Eine Ausnahme waren in diesem Januar die 500 Millionen für das Human Brain Project.

ZEIT: Sie bezeichnen sich als scientific entrepreneur...

Aebischer: ...jaja, aber im Grunde bin ich ein Wissenschaftler.

ZEIT: Gehen Wissenschaft und Unternehmertum tatsächlich zusammen?

Aebischer: Als Wissenschaftler sind Sie immer Unternehmer, weil sie ein Labor führen. Klar, wenn Sie an der Knotentheorie, einem Gebiet der theoretischen Mathematik, forschen, dann müssen Sie weniger unternehmerisch denken. Wenn Sie angewandte Forschung betreiben, dann brauchen Sie unbedingt unternehmerische Fähigkeiten.

ZEIT: Der Wissenschaft geht es um Erkenntniswahrheit, der Wirtschaft um nutzbare Erfolge.

Aebischer: Diese zwei Welten sind tatsächlich verschieden. Wir Wissenschaftler sind nicht primär motiviert durch finanzielle Anreize. Der wichtigste Lohn ist peer recognition, wir wollen uns mit brillanten Forscherkollegen umgeben und deren Wertschätzung erlangen. Oder anders ausgedrückt: Wir wollen Ruhm. Das ist unsere Motivation. Sie dürfen nicht vergessen, die Wissenschaft birgt ein enormes Frustrationspotenzial. Normalerweise funktioniert ein Experiment ja nicht. (lacht) In der Wirtschaft hingegen geht es in erster Linie um den finanziellen Profit. In diesem Sinne sind wir unterschiedliche Spezies.

ZEIT: Welches Geld ist Ihnen lieber: das private oder das staatliche?

Aebischer: Ich mag beide. Die Sockelfinanzierung einer Hochschule, also mindestens 50 Prozent, sollte durch den Staat erfolgen. Nur so lässt sich Grundlagenforschung finanzieren. Ohne diese gibt es keine Innovation. Aber wenn es um angewandte Forschung geht, braucht man das Geld der Wirtschaft. Wir sind nicht gut darin, Prototypen oder solche Dinge zu produzieren, da brauchen wir die Industrie. Das private Geld macht aber nur rund zehn Prozent unseres Budgets aus.

ZEIT: Was kann privates Geld denn besser als staatliches?

Aebischer: Das Industriegeld ist ein strategisches Instrument. Ich kann entscheiden, ob ich das Geld will oder nicht. Ich nehme das Geld nur, wenn es sinnvoll ist.

ZEIT: Ist privates Geld ein Machtmittel für den EPFL-Präsidenten?

Aebischer: Es ist ein Anschub, ein booster in gewissen Forschungsgebieten.

ZEIT: Lehrstühle werden nur für eine gewisse Zeit von Privaten finanziert. Was passiert, wenn die Finanzierung ausläuft?

Aebischer: Wir sind vorsichtig mit privat finanzierten Lehrstühlen. Wir nehmen nur solche, die in unsere Strategie passen, sonst kriegt man in zehn Jahren ein Problem. Die Lehrstühle, die Professoren und ihre Teams werden also über das normale Budget weiterfinanziert.

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