SchauspielLasst euch nicht einsperren!

Theaterreise zu drei tollen Schauspielerinnen: Kristin Scott Thomas spielt in London ein doppeltes Spiel, Judith Engel wagt sich in Berlin an die Ränder des Irrsinns, und Julia Jentsch kämpft in Zürich gegen die Dämonen. von 

Kristin Scott Thomas

Schauspielerin Kristin Scott Thomas (Archiv)  |  © GABRIEL BOUYS / AFP / GettyImages

Das moderne Drama wird von Männern bestimmt – von Regisseuren, Dramatikern, männlichen Helden. Vielleicht ist das sein Problem. Der deutsche Dichter Einar Schleef jedenfalls hat behauptet, das Theater sei im Niedergang begriffen, seitdem die Frau als Figur und Schauspielerin aus dem Zentrum der Bühne vertrieben worden sei. Vielleicht ist das wahr. Auf den Bühnen jedenfalls herrscht, wie draußen im Land, eisiger Winter. Kurz vor Frühlingsbeginn reist der frierende Rezensent deshalb zu drei Premieren, in denen große Schauspielerinnen zu sehen sind: Zeit, dass es wieder hell wird.

Berlin. Eine Frau namens Anna sitzt auf ihrem Bett und betrachtet das Rankenmuster der Schlafzimmertapete. Sie wirkt gelassen, in Wahrheit aber sind ihre Nerven gespannt, denn Anna liegt auf der Lauer. Sie befindet sich in einem Kampf auf Leben und Tod: Mit ihrem Blick hält sie ein Monstrum in Schach. Sie ist sich sicher, dass die Tapete ein diabolisches Eigenleben führt, dass in deren Rankenmuster eine Frau gefangen gehalten wird. Diese Frau will Anna retten, wenn der Moment günstig ist: Dann wird sie die Tapete von der Wand reißen und – hinüberspringen. Deshalb darf sie keinen Blick von dem Tapetenmuster wenden, sie gibt ihre Familie auf und gewöhnt sich das Schlafen ab.

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Die amerikanische Schriftstellerin Charlotte Perkins Gilman (1860 bis 1935) schrieb im Alter von 31 Jahren Die gelbe Tapete, die Ich-Erzählung einer Frau, die entdeckt, dass in der Tapete ihres Hauses eine dritte und vierte Dimension, eine ganze Welt gefangen ist. Es ist die Geschichte einer Reise in den Wahnsinn. An der Berliner Schaubühne hat man das Wagnis unternommen, hinter diese Tapete zu reisen, unter Zeugen, mit einer großen Schauspielerin als Vorausreisender – Judith Engel. Im Bann ihres Blickes machen wir die Reise mit.

Die englische Regisseurin Katie Mitchell inszeniert Die gelbe Tapete mit jenen Mitteln, für die sie berühmt ist: Ihre Inszenierung ist zugleich ein Theaterstück und die Verfilmung des Stücks. Man sieht Darsteller, die eine Szene spielen, aber vor allem sieht man unzählige Helfer, welche die Szene umwimmeln. Das Paradox des Films ist Teil des szenischen Witzes: Schattenhafte Zuträger, graue Sterbliche, erzeugen den unsterblichen Moment.

Das Grauen entsteht vor unseren Augen, vollkommen überraschungslos. Es ist, als würde man Hitchcocks Psycho in seine Requisiten zerlegen. So treffen sich höchste Künstlichkeit und penible Ursprünglichkeit – und erzeugen eine Wahrheit zweiter Ordnung: Von jedem Geräusch, jedem Lichtstrahl kennen wir den Urheber. Es ist nicht zuletzt ein Handwerkertriumph zu betrachten, das Zusammenspiel der Zünfte. Geräuschemacher, Tonmeister, Musiker, Lichtmeister, Kameramann, Sprecher, Kostümbildner, Visagistin – hinter dem dramatischen Geschehen tackert und klöppelt das Gleichmaß der Spezialisten, die lautlos am selben Werk arbeiten: Schicksal entsteht. All das ist von einem Einzelnen weder zu lenken noch aufzuhalten. Man muss den Schmerz auf viele Schultern laden, um ihm die Schärfe zu nehmen; vielleicht verschwindet er dann.

Wir Zuschauer sehen, wie alles gemacht ist, und dann ignorieren und vergessen wir, dass es »gemacht« ist, und überlassen uns der Geschichte. Wir lassen uns in die Welt hinter der Tapete locken.

In der Mitte von alldem: Judith Engel als Anna. Man hört sie nicht sprechen, denn eine Schauspielerin (Ursina Lardi) in einem verglasten Studio spricht Annas Gedanken im Hauchton des inneren Monologs – jeder Moment gerinnt zu Form, jede Geste wird flugs überzogen mit dem Lack der Filmewigkeit.

Der Effekt dieses Sprechens aus der Ferne ist groß. Aus ihrem Inneren gibt Anna ihrem Körper, ihrem Gesicht Anweisungen: »Lächle, damit sie denken, dass alles in Ordnung ist.« Es ist, als würde ein Kommandant seinem Lakaien einen Befehl zuzischen.

Judith Engel spielt eine Frau, die ganz allein ist, eine innerlich auf Grund Gelaufene. Sie hält keine Verbindung mehr zur Außenwelt. Wenn sie lächelt, straffen sich vor Erschöpfung die Sehnen an ihrem Hals, gerade so, als wären es die Züge einer Theaterkulisse. In der filmischen Großaufnahme verwandelt sich ihr Gesicht in ein aufgegebenes Gebiet.

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