TrampenTankstellenkaffee, Nieselregen

Hannah Lu Verse fährt per Anhalter von Berlin nach Bremen. Auf dem "Tramperstrich" in Grunewald beginnt die Reise. von Hannah Lu Verse

Ein Pappschild mit der Aufschrift Bremen

Per Anhalter von Berlin nach Bremen  |  © ZEITmagazin

"Tramperstrich", so wird die Autobahnauffahrt gegenüber der Tankstelle Grunewald im Westen Berlins genannt. Hier versuchen wir uns – halb aus Geldgründen (mein Freund), halb aus Neugierde (ich) – am Reisen per Autostopp. Über die Internetseite hitchwiki.org, auf der Tramper ihre Erfahrungen austauschen, haben wir diese erste Station für den Weg von Berlin nach Bremen entdeckt. "Unsolidarische Menschen", war dort zu lesen, sollten das Trampen lieber bleiben lassen. Bis jetzt fühle ich mich sehr solidarisch und winke den anderen Wartenden zu. Sie gehören zu den wenigen, die noch am Straßenrand stehen. Längst haben Mitfahrzentralen das Abenteuer mit Pappschild und ausgestrecktem Daumen abgelöst.

Von A nach B
Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin

Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin  |  © .marqs/Photocase

Als erfahrener Tramper schlägt mein Freund vor, Autofahrer direkt anzusprechen. Ich übernehme den Parkplatz, er die Tankstelle. Als er mich nach einigen Runden zu einem Wagen herüberwinkt, bin ich besorgt: Der Fahrer trägt Schnauzer, halb offenes Hemd und raucht Zigarillo, sein Auto ist mit weißem Leder ausgestattet. Das böse Wort "Tramperstrich" fällt mir wieder ein. Mein Freund sitzt schon, und ich rutsche neben ihn auf die Rückbank. Die Luft und das Schweigen sind erdrückend. Nach einer Weile redet unser Fahrer, aber nicht mit uns: Er telefoniert wegen irgendwas mit seinem Anwalt. Unterdessen rauschen wir durch Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen. Ich versuche, nicht auf das Lenkrad zu sehen, das er mit nur einem Knie bedient. Kurz vor Hannover stolpere ich benommen auf den Parkplatz. Überlebt. Tankstellenkaffee, einsetzender Nieselregen. Ein junger Mann lädt uns schließlich in seinen kleinen Opel ein, ein Student auf dem Weg zu seiner Freundin. Er sieht mehr nach Anhalter aus als wir. Wir teilen Kaffee aus der Thermoskanne, selbst gedrehte Zigaretten und plaudern ausgelassen. Er fährt uns bis vor die Haustür. Am Ende tauschen wir Telefonnummern aus. So kann es auch gehen.

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Trampen ist keine besonders effiziente Art der Fortbewegung und vielleicht auch deshalb aus der Mode gekommen. Von uns Zwanzigjährigen wird oft behauptet, dass wir die Dinge unter Kontrolle haben wollten, alles soll schnell gehen. Warten passt nicht unbedingt dazu, ist aber eine interessante Erfahrung. Auch wenn es langwierig und anstrengend sein mag: Billiger und abwechslungsreicher kann man kaum von A nach B kommen.

Technische Daten

Strecke: circa 400 Kilometer
Dauer: mit etwas Glück sechs Stunden
Kaffeeverbrauch: ein bis zwei Tassen pro Wartestunde
Kosten: 2,40 Euro für einen S-Bahn-Fahrschein zum Startpunkt

Hannah Lu Verse ist Mitarbeiterin der iPad-Redaktion des ZEITmagazins.

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Leserkommentare
  1. war Johannes Kuhn mit Hilfe seines Daumens unterwegs, sehr lesenswert
    http://bloggertramp.com/page/5/

  2. Ich bin als Student sehr viel getrampt. Billig und schnell war es, meistens. Im Winter habe ich mir dabei schon mal eine üble Erkältung geholt. Für Männer ist Trampen ja meist unproblematisch. Die Stories die ich von Frauen damals gehört hatte, machten Angst. Ich sehe nur noch selten Tramper. Die Zeiten haben sich wohl geändert.

    • ManRai
    • 28. Februar 2013 8:35 Uhr

    Schoen das es noch Tramper gibt, ich bin in den 70ern von Berlin nach Schottland getrampt, im Februar. 3 Tage von Grunewald bis Princess Street, jede Nacht im Motel uebernachtet, von einem Biochemie Professor, den ich viel spaeter wiedertraf, in den Niederlanden mitgenommen worden, im Polizeiauto zur Grenze, Rundfahrt um Loch Ness, Schottland real mit langem Marsch durch die Highlands, von Schafen bewacht, second-hand Kilt kaufen koennen, usw. ein unvergessliches Erlebnis. Aber immer wieder mitgenommen worden, bekam Essen, Uebernachtung im Gaestezimmer und vieles mehr

  3. ist an der Ausfahrt Spanische Allee in der Nähe des S-Bahnhofs Nikolassee. Das ist aber gar keine gute Stelle. Besser ist die Postdamer Chaussee vor dem Kreuz Wannsee in Richtung Potsdam. Da kommen alle Autos aus Steglitz und von der Westtangente vorbei. Ungefähr 50-mal soviele Chancen, wie an der beschriebenen Stelle.

  4. 5. Hmmmm

    Ich weiß jetzt werde ich die Ungnade von vielen anderen Kommentatoren auf mich ziehen, aber ich halte Trampen im eigentlichen Sinne für ein parasitäres Verhalten. Für den Tramper mag das alles ganz toll und witzig sein, aber der Mitnehmer trägt oft den (finanziellen) Schaden. Gerade wenn ich lese, dass die Autorin sich von einem Studenten für eine Kippe und einen Kaffee mitnehmen lassen hat der, Zitat: "nach mehr Anhalter aussieht als sie selbst", für den wahrscheinlich die geschätzten 20€ Spritkosten von Hannover nach Bremen auch viel Geld sind, finde ich das ein sehr unsolidarisches Verhalten. Mitfahrzentralen sind da m.E. die deutlich fairere Lösung. Argumente wie "Der hätte sie ja nicht mitnehmen müssen" ziehen übrigens nicht, da man Menschen altruistisches Verhalten, selbst wenn ihnen ein Schaden entsteht, nicht vorwerfen darf. Um für einen solidarischen Ausgleich zu sorgen sind die Profiteure in der Pflicht, ist ihnen das auch langfristig nicht möglich, sollten sie überlegen solche Hilfe überhaupt anzunehmen.

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    • kille_
    • 28. Februar 2013 10:04 Uhr

    Absoluter Quatsch, sorry.

    Ich trampe (vor allem früher) oft. Zum einen trampt man heutzutage zu 80% (zumindest in Süddeutschland) mit dem Daimler/Bosch Mitarbeiter der den Firmenwagen bezahlt kriegt und froh ist, bei seinen täglichen 4h Autobahn jemand zum quatschen dabei zu haben. Zum anderen hat noch nie - und ich habe das immer gemacht wenn ich gemerkt habe dass Leute ähnlich wenig Geld wie ich hatten - jemand von mir Geld nehmen wollen.

    Abgesehen davon freue ich mich immer sehr, wenn ich Tramper am Straßenrand sehe und ich somit jemanden mitnehmen kann.

    • dubie
    • 28. Februar 2013 10:30 Uhr

    Welcher Schaden?
    Ich fahre (allein/zu zweit...) von A nach B.
    Das tue ich, ob ich jemanden mitnehme oder nicht.
    Ich zahle den Sprit, ob ich jemanden mitnehme oder nicht.
    Ich hab jetzt noch nicht ganz verstanden, was mir für ein Schaden entsteht, wenn ich jemanden mitnehme.

    • iWitz
    • 28. Februar 2013 11:03 Uhr

    Der werte Mitforist vermag nicht zu glauben, dass es Menschen gibt, die gerne etwas unentgeldlich tun. Falls durch das Trampen irgendein materieller Schaden entstünde, obläge es alleine dem Mitnehmenden, diesen festzustellen. Jedoch weiss dieser in der Regel, dass er den Trampenden für lau mitnimmt, und tut es trotzdem. Und dass im Musterland des Kapitalismus im Jahre 2013!

    Ich verspürte beim Lesen ein Déjà-vu, denn die Diskussion, dass die Mitfahrzentralen das Trampen abgelöst hätten, fand bereits in den 1980ern statt. Und war schon damals verkürzt, denn Trampen war noch nie ein Massenphänomen - höchstens an der Raststätte Dreilinden zu besten DDR-Zeiten ...

    Meine besten Tramperfahrungen durfte ich in Großbritannien machen: auf Tramper wartende LKW-Fahrer, die einen Anschlusstransfer organisierten, den deutschen Studis einen Kaffee spendierten und sie quer durch die Insel kutschierten. Oder die junge Assistenzärztin in den schottischen Highlands, die nicht aufgab, bis die zwei Riesenrucksäcke samt dazugehörenden Trampern in ihrem - damals noch wirklich kleinen - Mini Cooper verstaut waren.

    Neulich saß ein junger Mann auf dem Weg nach Aachen in meinem Auto, der sich freute, dass wir auch genau dorthin wollten. Neben einem netten Gespräch, das einem den Glauben an die Jugend zurück gibt, verdanke ich ihm auch einen guten Literaturtip.

    jemanden mit zu nehmen.

    • kille_
    • 28. Februar 2013 10:04 Uhr

    Absoluter Quatsch, sorry.

    Ich trampe (vor allem früher) oft. Zum einen trampt man heutzutage zu 80% (zumindest in Süddeutschland) mit dem Daimler/Bosch Mitarbeiter der den Firmenwagen bezahlt kriegt und froh ist, bei seinen täglichen 4h Autobahn jemand zum quatschen dabei zu haben. Zum anderen hat noch nie - und ich habe das immer gemacht wenn ich gemerkt habe dass Leute ähnlich wenig Geld wie ich hatten - jemand von mir Geld nehmen wollen.

    Abgesehen davon freue ich mich immer sehr, wenn ich Tramper am Straßenrand sehe und ich somit jemanden mitnehmen kann.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Hmmmm"
    • dubie
    • 28. Februar 2013 10:30 Uhr

    Welcher Schaden?
    Ich fahre (allein/zu zweit...) von A nach B.
    Das tue ich, ob ich jemanden mitnehme oder nicht.
    Ich zahle den Sprit, ob ich jemanden mitnehme oder nicht.
    Ich hab jetzt noch nicht ganz verstanden, was mir für ein Schaden entsteht, wenn ich jemanden mitnehme.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Hmmmm"
  5. Ja, sie werden mit ihrem Kommentar Kritik auf sich ziehen. Das ist aber okay, weil ihre Buchhalter-Argumentation am Kern des Thema vorbei geht.

    Es entsteht kein "Schaden" im Sinne von Mehrkosten, wie hier bereits angemerkt wurde.
    Zweitens ist das Argument der Freiwilligkeit durchaus zulässig. Viele nehmen einen nicht mit, und das ist ihr gutes Recht. Und oftmals ist die Gegenleistung "Gesellschaft". In meiner Tramper-Vergangenenheit wurde ich oft von Vertrieblern oder Truckern mitgenommen, denen es einfach zu öde war allein in ihrem Auto.

    Schon richtig, außer einem "Vergelt's Gott" ist für den Autofahrer nicht viel drin. Aber was für eine blöde Welt wäre es, wenn es niemanden mehr gäbe, der damit zufrieden wäre?

    Man kann anderen helfen und sich damit zufrieden geben. Wenn man aber hinter seinem Steuer sitzt und ständig im Kopf nachrechnet, wieviel mehr Benzin das Auto nun durch das zusätzliche Gewicht des Trampers verbraucht, ja dann sollte man es lieber sein lassen. Wir wollen ja keine Unzufriedenheit erzeugen.

    Zu dem von Ihnen angesprochen "solidarischen Ausgleich": Als ich dann selbst ein Auto hatte, habe ich selbstverständlich viele Tramper mitgenommen. Aber ich sehe ein, dass eine "ausgleichende Gerechtigkeit" kaum mit ihrem buchalterischen Ansatz konform geht.

    Gott zum Gruße!

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  • Schlagworte Abenteuer | Autofahrer | Kaffee | Mitfahrzentrale | Mode | Berlin
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