Per Anhalter von Berlin nach Bremen © ZEITmagazin

"Tramperstrich", so wird die Autobahnauffahrt gegenüber der Tankstelle Grunewald im Westen Berlins genannt. Hier versuchen wir uns – halb aus Geldgründen (mein Freund), halb aus Neugierde (ich) – am Reisen per Autostopp. Über die Internetseite hitchwiki.org, auf der Tramper ihre Erfahrungen austauschen, haben wir diese erste Station für den Weg von Berlin nach Bremen entdeckt. "Unsolidarische Menschen", war dort zu lesen, sollten das Trampen lieber bleiben lassen. Bis jetzt fühle ich mich sehr solidarisch und winke den anderen Wartenden zu. Sie gehören zu den wenigen, die noch am Straßenrand stehen. Längst haben Mitfahrzentralen das Abenteuer mit Pappschild und ausgestrecktem Daumen abgelöst.

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Als erfahrener Tramper schlägt mein Freund vor, Autofahrer direkt anzusprechen. Ich übernehme den Parkplatz, er die Tankstelle. Als er mich nach einigen Runden zu einem Wagen herüberwinkt, bin ich besorgt: Der Fahrer trägt Schnauzer, halb offenes Hemd und raucht Zigarillo, sein Auto ist mit weißem Leder ausgestattet. Das böse Wort "Tramperstrich" fällt mir wieder ein. Mein Freund sitzt schon, und ich rutsche neben ihn auf die Rückbank. Die Luft und das Schweigen sind erdrückend. Nach einer Weile redet unser Fahrer, aber nicht mit uns: Er telefoniert wegen irgendwas mit seinem Anwalt. Unterdessen rauschen wir durch Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen. Ich versuche, nicht auf das Lenkrad zu sehen, das er mit nur einem Knie bedient. Kurz vor Hannover stolpere ich benommen auf den Parkplatz. Überlebt. Tankstellenkaffee, einsetzender Nieselregen. Ein junger Mann lädt uns schließlich in seinen kleinen Opel ein, ein Student auf dem Weg zu seiner Freundin. Er sieht mehr nach Anhalter aus als wir. Wir teilen Kaffee aus der Thermoskanne, selbst gedrehte Zigaretten und plaudern ausgelassen. Er fährt uns bis vor die Haustür. Am Ende tauschen wir Telefonnummern aus. So kann es auch gehen.

Trampen ist keine besonders effiziente Art der Fortbewegung und vielleicht auch deshalb aus der Mode gekommen. Von uns Zwanzigjährigen wird oft behauptet, dass wir die Dinge unter Kontrolle haben wollten, alles soll schnell gehen. Warten passt nicht unbedingt dazu, ist aber eine interessante Erfahrung. Auch wenn es langwierig und anstrengend sein mag: Billiger und abwechslungsreicher kann man kaum von A nach B kommen.

Technische Daten

Strecke: circa 400 Kilometer
Dauer: mit etwas Glück sechs Stunden
Kaffeeverbrauch: ein bis zwei Tassen pro Wartestunde
Kosten: 2,40 Euro für einen S-Bahn-Fahrschein zum Startpunkt

Hannah Lu Verse ist Mitarbeiterin der iPad-Redaktion des ZEITmagazins.