Es gibt zwei wiederkehrende Träume, an die ich mich nach dem Aufwachen deutlich erinnere. Der eine ist ein Albtraum, in dem ich aus dem Fenster falle oder aus großer Höhe abstürze und dann im Moment des Aufpralls schweißnass aufwache. Davon träume ich ein- oder zweimal im Jahr. Das Bild eines Sturzes aus großer Höhe zieht sich leitmotivisch durch mein Leben. Nicht sonderlich originell, solche Träume kennt wohl jeder.

Ein anderer, für mich sehr bewegender Traum ist eng mit meinem realen Leben verknüpft. Ich habe mich vor ein paar Jahren mit einer ehemals guten Freundin und Kollegin zerstritten. Das scheint mich so stark zu bewegen, dass ich ungefähr alle drei Monate von einer tränenreichen Versöhnung träume. Wenn ich dann aufwache, bin ich sehr gerührt und nehme dieses Gefühl mit in meine Alltagsrealität. Bis ich diesen Schritt tatsächlich wage und im Wachen eine Versöhnung versuche, muss wahrscheinlich noch etwas Zeit ins Land gehen, aber ich wünsche mir das sehr.

Im Falle dieses Versöhnungstraums kann ich ganz klar sagen, dass er eine Bedeutung hat, ich muss ihn nicht interpretieren. Grundsätzlich halte ich nicht viel davon, Träume zu interpretieren. Für manche mag das hilfreich sein, für mich war es das nie. Als ich 19 war, ging es mir sehr schlecht, ich hatte starke Depressionen und war bei einem Psychoanalytiker in Behandlung. Dessen Therapiebemühungen erschöpften sich darin, dass ich jeden Morgen meine Träume aufschreiben sollte und dann den Großteil der Behandlungszeit damit zubringen musste, ihm meine Träume zu schildern und sie dann selbst zu interpretieren. Das war auf die Dauer nur ermüdend. So ein Quatschkram, ich hatte nie das Gefühl, dass es mir weiterhilft, und meine brave Mutter musste dafür bezahlen.

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Als ich damals mit dem Schreiben anfing, habe ich davon geträumt, dadurch meine Ängste und die Schwermut zu überwinden. Das hat leider nicht funktioniert. Sicher, es ist tröstlich und versöhnlich, einer Zeitspanne meines Lebens, die ich als vertan und quälend empfunden habe, im Nachhinein Süße zu verleihen. Wenn es gelingt, Ängste in Worte zu fassen, ist das schön. Aber Schreiben ist generell ein untauglicher Versuch, sie loszuwerden. Ich kann mir nichts »von der Seele schreiben«.

Und ich habe das Gefühl, dass der Erfolg der vergangenen Jahre, die damit zusammenhängende Hetze und der Gedanke, dass es immer so weitergehen muss, eine innere Unruhe in mir auslösen.

Ich träume von Muße. Vielleicht fehlt mir ja die Fähigkeit dazu. Nach großen Anstrengungen und Erfolgen erlebe ich manchmal kurze Momente des Glücks, der Entspannung. Aber sehr schnell stellt sich dann eine Art schlechtes Gewissen ein, das Gefühl genereller Unzulänglichkeit, eine Unruhe und Getriebenheit. Dabei hätte ich, auch bei selbstkritischer Betrachtung, Glück und Muße durchaus verdient.

Manchmal träume ich davon, morgens aufzustehen und dann in einem Café zu sitzen und Zeitung zu lesen, eine Stunde oder so. Könnte ich machen, ich habe die Zeit, das Geld. Mach ich aber nie. Immer denke ich, ich muss los, etwas tun. Dass ich so etwas nicht kann, nervt mich.

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