In Heidelberg gibt es neuerdings ein Problem. Und das Problem hört auf den Namen Heidi. So heißt der Onlinekatalog der Universitätsbibliothek in der badischen Studentenmetropole. Der weiteren Öffentlichkeit war er bislang unbekannt – bis der Heidelberger Germanist Roland Reuß in der FAZ seinem Unmut freien Lauf ließ. Unmut über Heidi oder besser gesagt: über das, was Heidi verbirgt. Denn hinter vielen bunten Buchcovers, mit denen Heidi die Literaturrecherche anreichert, versteckt sich ein Link, der direkt zum Onlinehändler Amazon führt. Reuß kritisierte die "altehrwürdige Bildungseinrichtung", deren Praxis "wie der Schlüssel ins Loch der amerikanischen Geschäftspolitik" passe. Zumindest indirekt macht er damit die Bibliothek mitverantwortlich für die Misere des Buchhandels.

Ist das, was bei Heidi passiert, ein Einzelfall? Oder gängige Praxis an deutschsprachigen Universitäten?

Tatsächlich schicken auch andere Onlinekataloge ahnungslose Suchende direkt zum Bestellbutton des Handelsgiganten, etwa jene der Uni-Bibliotheken in Essen-Duisburg, in Bayreuth oder am Karlsruher Institut für Technologie. Und sogar die persönliche Seite des Wissenschaftstheoretikers Gerhard Schurz auf der Homepage der Universität Düsseldorf verlinkt über prominent platzierte Covers seiner Buchveröffentlichungen direkt zu Amazon.

Warum?

Den Vorwurf der Mitschuld an der Krise in Buchhandel und Verlagswesen will man nicht auf sich sitzen lassen. "Welche Bücher sich unsere Nutzer außerhalb der Bibliothek kaufen und wo sie sie kaufen, ist selbstverständlich allein deren Angelegenheit", nimmt Veit Probst, Direktor der Universitätsbibliothek Heidelberg, gegenüber der ZEIT schriftlich Stellung. Ein Gespräch lehnt er ab und hält lediglich fest: Seiner Einrichtung gehe es nicht um eine Werbung für Amazon, selbst beziehe sie die Bücher über den klassischen Handel, und bislang habe man am 2007 eingeführten System "keinerlei Kritik vonseiten der Leser erfahren" – allerdings wurde die kommerzielle Verbindung schon 2009 in der Studentenzeitung Unimut angeprangert. Leider, so schließlich das Hauptargument aus Heidelberg, gebe es noch immer keine Alternative zu Amazons umfassendem Bildangebot.

Nun ja. Der Bibliotheksverbund Bayern, zu dem die Universitätsbibliothek München gehört, nutzt wie andere Einrichtungen auch die Buchsuche von Google. Der Suchgigant – nicht weniger profitorientiert und diskutierbar wie der Handelsgigant Amazon – listet dem Informationssuchenden einige Online-Versandhändler ebenso auf wie die Option, Buchhändler in der Umgebung zu suchen, vor allem aber den prominent gesetzten Hinweis auf Googles eigenen E-Book-Store. Eine andere Variante ist Libreka. Zugegeben, die Antwort des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels auf Google Books lässt, wie von unterschiedlicher Stelle seit Jahren moniert, zu wünschen übrig. Amazons Angebot sei nun einmal umfassender und komfortabel, erklärt Ralf Brugbauer, Direktor der Universitätsbibliothek Bayreuth. Andere Suchmasken zeigen aber, dass es auch ganz und gar ohne Kaufverleitung der Studierenden geht, wenn man schon unbedingt die Covers abbilden möchte. Die Universitätsbibliothek Frankfurt am Main etwa nutzt dafür ein Zusatzangebot ihres Software-Anbieters. Auch an der ETH Zürich hat man sich bewusst für ein solches Modell und gegen eine kommerzielle Verlinkung entschieden. Der Hochschule stehen damit laut Angaben des Vertriebspartners aktuell immerhin 12 Millionen Buchumschläge zur Verfügung.

Nur ist so ein Zusatzdienst nicht kostenfrei, während Amazon lediglich die Verlinkung einfordert. In Heidelberg werfen die an den Konzern delegierten Literatursuchenden sogar Gewinne für die Bibliothek ab, sofern sie sich vom Kaufknopf verleiten lassen. Bei der Provision handle es sich allerdings nur um einen "kleinen vierstelligen Betrag pro Jahr", hieß es aus der Bibliothek gegenüber buchreport.de; eine Anfrage der  ZEIT zu Details des Vertrages wollte die Bibliotheksdirektion nicht beantworten. Das Heidelberger Geschäftsmodell stößt bei anderen deutschen Uni-Bibliotheken auf Erstaunen, oft aber auch auf offene Ohren. Warum solle man schließlich nicht "ein bisschen mitprofitieren, wenn man diese Verbindung schon herstellt?", fragt Ralf Brugbauer. "Viele Bibliotheken werden heute von ihren Unterhaltsträgern aufgefordert, mehr Drittmittel und Sponsorengelder einzuwerben", sagt die Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbandes Monika Ziller, die das Geschäft im Windschatten des Handelsgiganten als Ermessenssache der einzelnen Institutionen sieht.

Freilich: Jene Bestellungen bei Amazon, die über die Links des Uni-Professors Gerhard Schurz, von Heidi und anderen Bibliothekskatalogen zustande kommen, sind nicht viel mehr als ein Brösel im Umsatzvolumen der deutschen Buchhandelstorte. Und sie entscheiden auch nicht über Leben oder Sterben der Buchhandlung am Platz. Rechtlich, so bestätigt der Deutsche Bibliotheksverband, ist an der Kooperation der Universitätsbibliotheken mit Amazon ebenfalls nichts zu bemängeln.

Es ist aber die Symbolik, die irritiert: Die öffentlich-wissenschaftliche Bibliothek, eine der letzten Bastionen der Buchkultur, verweist den Bürger ausgerechnet an jenen Konzern, der vielen als Hauptursache für den Untergang der traditionellen Buchbranche gilt.