Uni-SponsoringGeist gehorcht Geld

Die Privatwirtschaft steckt Millionensummen in die Universitäten. Damit kann sie die Wissenschaft beeinflussen. Es braucht strengere Regeln. von 

Hauptgebäude der ETH Zürich (Archiv)

Hauptgebäude der ETH Zürich (Archiv)  |  CC BY-SA 3.0 ZachT

Vorsprung durch Verpflegung? An der ETH Zürich können Forscher ihren Hunger neuerdings in der Alumni quattro Lounge stillen. Dort ist nicht nur die Präsentation der Häppchen extravagant – von der Waadtländer Saucisson bis zum Russenzopf wird alles im Einmachglas serviert. Auch das Finanzierungsmodell ist außergewöhnlich. Bezahlt hat die Mensa der Automobilhersteller Audi. Benannt hat er sie nach seinem Allradantrieb-Modell.

Die gesponserte Mensa ist nur das Amuse-Bouche. Firmen engagieren sich mit Abermillionen von Franken an staatlichen Universitäten. Sie finanzieren Bibliotheken, Labors – und vor allem: Lehrstühle.

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Die Migros bezahlt einen Lehrstuhl für Internationales Handelsmanagement, die Post einen für Logistikmanagement, der Nahrungsmittelkonzern Nestlé einen für Energiestoffwechsel, die Mobiliar-Versicherung eine Professur in Klimafolgenforschung im Alpenraum oder der Zementriese Holcim eine für Nachhaltiges Bauen.

Im Gegenzug benehmen sich die Universitäten selbst wie Unternehmen. Sie verkaufen ihre Forschungsresultate, ihre Professoren gründen Start-ups und sitzen in Verwaltungsräten von gewinnorientierten Firmen. Was aber macht das Geld mit dem Geist?

»Die Idee, das Geld der Mäzene und der Industrie beeinflusse die Forschung, ist dummes Zeugs.« So sagte es der große ETH-Mäzen Branco Weiss ein halbes Jahr vor seinem Tod. Gesegnet mit der Abgeklärtheit des Alters, fügte der damals 81-Jährige lächelnd an: »Eigentlich müsste ich sagen: Fragen Sie nicht einen solchen Seich!«

Tatsächlich, schaut man auf die absoluten Zahlen, droht nicht, dass Firmen die Hochschulen kapern. 14 Prozent der Budgets aller ETHs und Universitäten werden von Privaten berappt. Oder umgekehrt: 86 Prozent des Geldes stammen aus der Staatskasse; dieser Anteil ist seit Jahren stabil. Allerdings sind die Unterschiede zwischen den Schulen beträchtlich. Spitzenreiter ist die Uni St. Gallen mit beinahe 40 Prozent Sponsoringanteil, an der Uni Luzern sind es gerade mal 7 Prozent. Erstaunlicherweise gehören die beiden ETHs zu den Schlusslichtern. Just jene Institutionen also, die gegründet wurden, um Wissenschaft und Industrie zusammenzuführen, und die auch heute am offensivsten um private Gelder werben. Sie decken damit lediglich 7,6 Prozent (Lausanne) beziehungsweise 8,5 Prozent (Zürich) ihres Budgets.

Trotzdem regt sich an den Hochschulen Kritik am privaten Uni-Sponsoring. Man fürchtet die Vereinnahmung durch das wirtschaftliche Nützlichkeitsdenken.

In seiner Streitschrift La bulle universitaire schreibt Libero Zuppiroli, emeritierter Physikprofessor an der ETH Lausanne, die modernen Hochschulen seien heute »ein Ort, an dem man mehr handle als denke«. Und der Ökonomieprofessor und Wettbewerbskritiker Mathias Binswanger meint: »In der modernen Universität geht es nur noch am Rande um Erkenntnis.« Wem das private Manna zufließt, der sieht die Sache naturgemäß entspannter. Im Interview mit der ZEIT sagt Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne, eigentlich beschäftige ihn das Thema nicht wirklich.

Systematische Untersuchungen über die Auswirkungen des Sponsorings an den Hochschulen fehlen. Es gibt nur Anhaltspunkte, doch die lassen aufhorchen.

Etwa der Fall Merkle. Im Januar 2010 nahm der Direktor des Adolphe-Merkle-Instituts in Freiburg entnervt den Hut. »Meine Glaubwürdigkeit als Forscher stand auf dem Spiel«, sagte er. 100 Millionen Franken hatte der Industrielle Adolphe Merkle der Uni für ein nanotechnologisches Institut vermacht, und der Stiftungsrat nahm direkten Einfluss auf das Tagesgeschäft der Forscher. Die Verträge mit der Uni erlaubten dies. Oder der Fall Novartis. Da verkündete die Uni Zürich anfangs 2005 mit Stolz, sie werde eine Professur für Magen-Darm-Krankheiten einrichten. Dazu kam es nur, weil die Pharmafirma den Wunsch hatte, dass in diesem Gebiet mehr Grundlagenforschung betrieben werde. Die Firma stellte das Geld für den Lehrstuhl gleich selber zur Verfügung.

Leserkommentare
  1. solange sie sich, wie im ersten Absatz angemerkt, auf eine Verbesserung des Mensa Essens beschränkt.

    Es ist doch schön sich den Teller mit "Appetithäppchen" (sponsored by Audi) auf den Teller zu häufen, statt mit ergebener Demut das Freitags-panierte-Seelachsfilet-Trauma überleben zu müssen.

    Ansonsten hat die Wirtschaft in der Alma Mater nichts zu suchen und nichts verloren.

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    Gar so streng würde ich das nicht sehen. Ein von Novartis bezahlter Lehrstuhl bedeutet immerhin Geld für Forschung, das sonst vielleicht überhaupt nicht vorhanden wäre.
    In aller Regel lassen sich bei vernünftig gestalteten Verträgen übergreifende Mitbestimmungsrechte der Firmen begrenzen.

    Der gesellschaftliche Mehrwert von bezahlten Mittagsmenüs erscheint enden wollend, ganz anders bei einer z.B. von Audi mitfinanzierten Professur für - sagen wir ganz laienhaft - Spritsparen bei Autos!

    Also: Bitte nicht übers Ziel schießen mit den Verboten!

  2. Auch die ETH schwimmt offenbar nicht so im Geld, wie es auf den ersten Blick vermuten lässt. Aktuell wurden Studiengebührenerhöhungen beschlossen, um die Lehre bei steigenden Studentenzahlen weiterhin finanzieren zu können.

    Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es utopisch, auf die Förderung durch Wirtschaftsunternehmen zu verzichten. Es ist in gewissen Kreisen in der Schweiz sehr unpopulär, dass das universitäre System, insbesondere in der Ausbildung, so stark von Steuergeldern getragen wird. Obwohl offenkundig die Gefahr der Beeinflussung der Forschung durch fördernde Unternehmen besteht, muss differenziert abgewägt werden. Dabei ist von großer Relevanz, wie die Verträge im Detail gestaltet sind, es ist davon auszugehen, dass die Spielräume für Einflussmöglichkeiten gerade in den Naturwissenschaften vergleichsweise gering sind, insbesondere da die ETH internationales Renommee zu verlieren hat.

    Im Vergleich zu amerikanischen Universitäten, die maßgeblich von Alumni und anderen privatwirtschafltichen Geldquellen getragen werden, spielen solche Effekte in der Schweiz und Deutlschand wahrscheinlich eine eher untergeordnete Rolle.

    Ein viel größeres Problem bei einer vermehrten derartigen Förderung besteht darin, dass wirtschaftlich uninteressante Fachgebiete stark vernachlässigt werden können.

    In der Alumni Lounge zu essen ist im Übrigen trotz Sponsoring zu teuer ;)

    Eine Leserempfehlung
  3. Gar so streng würde ich das nicht sehen. Ein von Novartis bezahlter Lehrstuhl bedeutet immerhin Geld für Forschung, das sonst vielleicht überhaupt nicht vorhanden wäre.
    In aller Regel lassen sich bei vernünftig gestalteten Verträgen übergreifende Mitbestimmungsrechte der Firmen begrenzen.

    Der gesellschaftliche Mehrwert von bezahlten Mittagsmenüs erscheint enden wollend, ganz anders bei einer z.B. von Audi mitfinanzierten Professur für - sagen wir ganz laienhaft - Spritsparen bei Autos!

    Also: Bitte nicht übers Ziel schießen mit den Verboten!

    2 Leserempfehlungen
  4. ... sie wächst in einer Gemeinschaft von Denkern am besten in freien Diskussionen, und wenn man ihr zu viele Zielvorgaben macht, werden die schnell zu Scheuklappen, die dazu führen, dass man in eine Sackgasse läuft. Deswegen finde ich, dass Universitäten staatlich finanzierte, demokratische Institutionen bleiben müssen.
    Unternehmerisches und akademisches Denken widerspricht sich in vielen Belangen sehr grundsätzlich - der Unternehmer sucht etwas, das er irgendwie verkaufen kann, der Wissenschaftler die eleganteste Lösung und das, was der Wahrheit am nächsten kommt. Wissenschaftler müssen wissen, wie man Ressourcen effizient nutzt, und da könnten sie wirklich um Längen besser werden - aber den Anspruch der Verwertbarkeit überall anzusetzen, finde ich fatal; die eleganteste Lösung ist selten die absolut wirtschaftlichste.
    Wenn die Wissenschaft sich zu großen Teilen von Gönnern abhängig macht, kann sie dabei schnell ihre Seele verkaufen.
    _Kooperationen_ zwischen Wissenschaft und Wirtschaft finde ich absolut sinnvoll - aber ausschließlich dann, wenn beide Seiten gleichberechtigte Partner sind und nicht der eine irgendwann auf Gedeih und Verderb vom anderen abhängig wird; dieses Problem sehe ich aber, wenn ganze Einrichtungen und Institute gesponsort werden.

    • dapf15
    • 06. März 2013 13:50 Uhr

    Und warum schauen wir da mal wieder über die Grenze? Das ist doch auch in Deutschland gang und gäbe! Gut, von so einer Mensa hab ich noch nicht gehört, aber die so genannte Vertragsforschung ist in vielen Fachrichtungen an der Tagesordnung. Institute mit mehr als 100 Mitarbeitern sind gar nicht selten, und die werden über Drittmittelprojekte nicht selten direkt aus der Industrie finanziert.
    Und wenn ein Kanzler dem neuen Professor ins Gesicht sagt, dass er, wenn er mehr verdienen will als das Minimum, doch nebenher eine Firma gründen soll, dann zeigt das, wie viele Unis ticken.

    Da muss man nicht auf die Schweiz zeigen, sondern lieber vor der eigenen Tür kehren.

  5. Also an unserer Uni (in Dtl.) ist das auch gang und gäbe, dass sich Professuren durch Drittmittelprojekte finaziert haben. Nicht zuletzt kam dies auch der Lehre zu gute, weil dadurch Geld für teure Spezialgeräte da war, die es sonst wohl nicht gegeben hätte. Bei uns kam auch die Diskussion auf so etwas zu verbieten (da ein Hörsaal nach einer Firma benannt wurde, die gespendet hatte).
    Die, die sich am lautesten darüber beschwert haben waren, welch Überaschung, Geites- und Sozialwissentschaftler.
    Ich kann leider nicht verstehen, wo das Problem liegt, wenn mit Hilfe der Industrie an aktuellsten Forschungsthemen gearbeitet wird.

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    • dapf15
    • 06. März 2013 16:09 Uhr

    Das Problem fängt dort an, wo der Auftrags- bzw. Geldgeber gleich mit vorgibt, was für ein Ergebnis er erwartet. Denken Sie mal an die Medizin, aber auch an die Wirtschaftswissenschaften. Mit der richtigen Studie in der Hand kann der Wirtschaftspartner dann an anderer Stelle seine Interessen durchsetzen.

    Und es gibt noch einen Aspekt: Die Industrieprojektbearbeitung steht an erster Stelle. Erst dann kommt irgendwann die Lehre und ganz zuletzt die Dissertation des Wissenschaftlichen Mitarbeiters. Der Professor ist mit Akquisition beschäftigt, in Vorlesungen (für die er doch eigentlich bezahlt wird) lässt er sich mehr und mehr vertreten, nicht selten zu 90 Prozent. Die Betreuung der eigenen Doktoranden bleibt rudimentär. Die tatsächliche Tätigkeit einiger Lehrstuhlinhaber ähnelt eher der eines Vertriebsleiters. Was hat das dann noch mit Universität zu tun?

    Auch hier gilt eben: Die Dosis macht das Gift...

    • dapf15
    • 06. März 2013 16:09 Uhr

    Das Problem fängt dort an, wo der Auftrags- bzw. Geldgeber gleich mit vorgibt, was für ein Ergebnis er erwartet. Denken Sie mal an die Medizin, aber auch an die Wirtschaftswissenschaften. Mit der richtigen Studie in der Hand kann der Wirtschaftspartner dann an anderer Stelle seine Interessen durchsetzen.

    Und es gibt noch einen Aspekt: Die Industrieprojektbearbeitung steht an erster Stelle. Erst dann kommt irgendwann die Lehre und ganz zuletzt die Dissertation des Wissenschaftlichen Mitarbeiters. Der Professor ist mit Akquisition beschäftigt, in Vorlesungen (für die er doch eigentlich bezahlt wird) lässt er sich mehr und mehr vertreten, nicht selten zu 90 Prozent. Die Betreuung der eigenen Doktoranden bleibt rudimentär. Die tatsächliche Tätigkeit einiger Lehrstuhlinhaber ähnelt eher der eines Vertriebsleiters. Was hat das dann noch mit Universität zu tun?

    Auch hier gilt eben: Die Dosis macht das Gift...

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    Antwort auf "Was ist das Problem?"
  6. In Bertolt Brechts „Turandot oder Der Kongress der Weißwäscher“ heißt es: „Immer wenn ich den Brotkorb höher ziehe, weißt du, dass du etwas Falsches sagst, Los!“ Und den alte Bauer Sen lässt er sagen: „Die Gedanken, die man hier kauft, stinken … …Man verkauft Meinungen wie Fische, und so ist das Denken in Verruf gekommen.”

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