Vorsprung durch Verpflegung? An der ETH Zürich können Forscher ihren Hunger neuerdings in der Alumni quattro Lounge stillen. Dort ist nicht nur die Präsentation der Häppchen extravagant – von der Waadtländer Saucisson bis zum Russenzopf wird alles im Einmachglas serviert. Auch das Finanzierungsmodell ist außergewöhnlich. Bezahlt hat die Mensa der Automobilhersteller Audi. Benannt hat er sie nach seinem Allradantrieb-Modell.

Die gesponserte Mensa ist nur das Amuse-Bouche. Firmen engagieren sich mit Abermillionen von Franken an staatlichen Universitäten. Sie finanzieren Bibliotheken, Labors – und vor allem: Lehrstühle.

Die Migros bezahlt einen Lehrstuhl für Internationales Handelsmanagement, die Post einen für Logistikmanagement, der Nahrungsmittelkonzern Nestlé einen für Energiestoffwechsel, die Mobiliar-Versicherung eine Professur in Klimafolgenforschung im Alpenraum oder der Zementriese Holcim eine für Nachhaltiges Bauen.

Im Gegenzug benehmen sich die Universitäten selbst wie Unternehmen. Sie verkaufen ihre Forschungsresultate, ihre Professoren gründen Start-ups und sitzen in Verwaltungsräten von gewinnorientierten Firmen. Was aber macht das Geld mit dem Geist?

»Die Idee, das Geld der Mäzene und der Industrie beeinflusse die Forschung, ist dummes Zeugs.« So sagte es der große ETH-Mäzen Branco Weiss ein halbes Jahr vor seinem Tod. Gesegnet mit der Abgeklärtheit des Alters, fügte der damals 81-Jährige lächelnd an: »Eigentlich müsste ich sagen: Fragen Sie nicht einen solchen Seich!«

Tatsächlich, schaut man auf die absoluten Zahlen, droht nicht, dass Firmen die Hochschulen kapern. 14 Prozent der Budgets aller ETHs und Universitäten werden von Privaten berappt. Oder umgekehrt: 86 Prozent des Geldes stammen aus der Staatskasse; dieser Anteil ist seit Jahren stabil. Allerdings sind die Unterschiede zwischen den Schulen beträchtlich. Spitzenreiter ist die Uni St. Gallen mit beinahe 40 Prozent Sponsoringanteil, an der Uni Luzern sind es gerade mal 7 Prozent. Erstaunlicherweise gehören die beiden ETHs zu den Schlusslichtern. Just jene Institutionen also, die gegründet wurden, um Wissenschaft und Industrie zusammenzuführen, und die auch heute am offensivsten um private Gelder werben. Sie decken damit lediglich 7,6 Prozent (Lausanne) beziehungsweise 8,5 Prozent (Zürich) ihres Budgets.

Trotzdem regt sich an den Hochschulen Kritik am privaten Uni-Sponsoring. Man fürchtet die Vereinnahmung durch das wirtschaftliche Nützlichkeitsdenken.

In seiner Streitschrift La bulle universitaire schreibt Libero Zuppiroli, emeritierter Physikprofessor an der ETH Lausanne, die modernen Hochschulen seien heute »ein Ort, an dem man mehr handle als denke«. Und der Ökonomieprofessor und Wettbewerbskritiker Mathias Binswanger meint: »In der modernen Universität geht es nur noch am Rande um Erkenntnis.« Wem das private Manna zufließt, der sieht die Sache naturgemäß entspannter. Im Interview mit der ZEIT sagt Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne, eigentlich beschäftige ihn das Thema nicht wirklich.

Systematische Untersuchungen über die Auswirkungen des Sponsorings an den Hochschulen fehlen. Es gibt nur Anhaltspunkte, doch die lassen aufhorchen.

Etwa der Fall Merkle. Im Januar 2010 nahm der Direktor des Adolphe-Merkle-Instituts in Freiburg entnervt den Hut. »Meine Glaubwürdigkeit als Forscher stand auf dem Spiel«, sagte er. 100 Millionen Franken hatte der Industrielle Adolphe Merkle der Uni für ein nanotechnologisches Institut vermacht, und der Stiftungsrat nahm direkten Einfluss auf das Tagesgeschäft der Forscher. Die Verträge mit der Uni erlaubten dies. Oder der Fall Novartis. Da verkündete die Uni Zürich anfangs 2005 mit Stolz, sie werde eine Professur für Magen-Darm-Krankheiten einrichten. Dazu kam es nur, weil die Pharmafirma den Wunsch hatte, dass in diesem Gebiet mehr Grundlagenforschung betrieben werde. Die Firma stellte das Geld für den Lehrstuhl gleich selber zur Verfügung.

 Forscher lassen sich nicht so einfach kaufen

Nicht mehr die Neugier treibt hier den Wissenschaftler, sondern der Wunsch des Sponsors.

So auch an der ETH Zürich, wo die Vereinigung der Schweizer AKW-Betreiber einen Lehrstuhl für Kernenergiesysteme bezahlt. Die Hochschule selbst wollte ihn vor einigen Jahren auflösen, weil der frühere Inhaber emeritiert wurde. Da sprang die Atombranche in die Bresche. Ebenfalls an der ETH Zürich bezahlt der Agrokonzern Syngenta einen Lehrstuhl für nachhaltige Agrar-Ökosysteme. Hier ging die Hochschule zwar erst auf Geldsuche, als das Forschungsfeld bestimmt war. Doch der Sponsor darf bei der Ernennung des Lehrstuhlinhabers mitreden. Ein Syngenta-Vertreter sitzt in der Berufungskommission und kann seine Bedenken äußern, die der ETH-Präsident »zur Kenntnis nehmen« muss. So steht es im Vertrag der Hochschule mit der Agrarfirma.

Was aber ist der Wert von Forschungsresultaten aus einem gesponserten Labor? Fragt man Hochschulvertreter und Wissenschaftler, betonen sie: Wir können uns eine direkte Einflussnahme der Wirtschaft gar nicht erlauben. Wir würden unsere Reputation verlieren. Und die Freiheit der Forschung sei in den Sponsoringverträgen garantiert.

Nein, gekauft sind die Schweizer Universitäten nicht. Aber darum gehe es gar nicht, sagt Markus Müller, Professor für öffentliches Recht und Mitinitiator des »Zürcher Appells«: »Entscheidend ist das dumpfe Bauchgefühl der Öffentlichkeit, der Anschein, der die Kooperation gegen außen erweckt – ob zu Recht oder zu Unrecht.«

Das gilt auch für eines der spektakulärsten Universitäts-Sponsorings: die 100-Millionen-Franken-Spende der UBS an die Universität Zürich. Die ZEIT hat im vergangenen Juni ein Gesuch auf Einsicht in den Vertrag zwischen der Universität Zürich (UZH) und der Großbank gestellt. Die Uni lehnte dies zunächst ab. »Würde die UZH gezwungen, ihre Verträge mit Privaten der Öffentlichkeit zugänglich zumachen, hätte dies zur Folge, dass diejenigen potentiellen Spender, Erben oder Sponsoren, denen an berechtigter Anonymität und Geheimhaltung ihres Engagements gelegen ist, die UZH nicht mehr berücksichtigen würden«, schrieb Rektor Andreas Fischer. Erst nach Rücksprache mit der Bank publizierte die Hochschule die Passagen, welche die Wahrung der akademischen Freiheiten betreffen. Der Rest des Vertrags, einschließlich einer Geheimhaltungsklausel, bleibt weiterhin unter Verschluss. Doch selbst wenn sich der Vertrag zwischen Großbank und Hochschule als unbedenklich entpuppen sollte, der Schaden an der ökonomischen Fakultät ist angerichtet. »Inzwischen ist jegliche Kritik an der UBS verpönt. Vorauseilender Gehorsam ist eine Realität«, sagt ein Professor, der ungenannt bleiben will.

Soll man das private Sponsoring an den Universitäten also verbieten? Nein, das private Geld kann an den Hochschulen Gutes tun. Aber es braucht strengere Regeln.

Ein Anfang wäre, sämtliche Sponsoringverträge zwischen Universitäten und Firmen im Internet zu publizieren. Das reicht aber nicht, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Deshalb sollten Firmen nur die Universität und nicht einzelne Institute oder Lehrstühle sponsern dürfen. Die Uni-Leitung würde bestimmen, was mit dem Geld passiert.

Gegenüber der Politik pochen die Hochschulen gerne auf ihre Autonomie. Das sollten sie auch gegenüber der Wirtschaft tun.