Die Ermittler haben den Fall in groben Zügen rekonstruiert: Die Verdächtigen waren früh am Tatort erschienen, schnell bildeten sie einen Mob. Bald darauf brannte es lichterloh. Seitdem hört man nur noch Gerüchte: An den Rändern der Milchstraße sollen die Delinquenten gesichtet worden sein und im Galaxienhaufen 1E 0657-558. Das letzte Foto der Täter ist allerdings etwa 13.769.620.000 Jahre alt. Wie soll man da den Fall noch lösen?

Die Rede ist von einem mächtigen Schattensyndikat. Als das Universum noch jung war, haben seine Handlanger den Kosmos in den Schwitzkasten genommen. Sie haben wehrlose Atome herumgeschubst, haben sie gezwungen, Galaxien zu bilden und sich im Feuer der ersten Sterne zu opfern. Heute operiert das Syndikat im Unsichtbaren, so geschickt, dass mancher gar an seiner Existenz zweifelt. »Dunkle Materie« heißt die Gruppe – so kann sich ja jeder nennen!

Eine interstellare Fahndertruppe will den Anführer stellen, dem Versteckspiel ein Ende machen. »Mister Wimp« heißt der Schattenboss. Seit Jahren läuft die Fahndung auf Hochtouren. Und nun gibt es endlich eine heiße Spur – aber stammt sie wirklich von dem intergalaktischen Superschurken?

Einer der Ermittler sitzt in einer grauen Kantine und steckt seine Gabel in lauwarme Spaghetti. »Es handelt sich um ein äußerst unsoziales Elementarteilchen«, sagt Alfredo Ferella, ein 35-jähriger Physiker mit schwarzem Kinnbart. Seit neun Jahren jagt er Mister Wimp – das Elementarteilchen, aus dem die Dunkle Materie bestehen soll. Im Universum die Strippen ziehen, sich aber bis heute versteckt halten? »Ich mag dieses Verhalten nicht«, sagt Ferella.

Deshalb fährt er an 70 Tagen im Jahr in einen Autotunnel, der neben der Kantine im Gran Sasso d’Italia verschwindet – einem zackigen Felsmassiv, zwei Autostunden von Rom entfernt. Nach fünf Kilometern hält Ferella vor einem Metalltor und sagt das Codewort in die knackende Sprechanlage: »Xenon«. Surrend schiebt sich die Pforte zu den Laboratori Nazionali del Gran Sasso zur Seite. Ferella nickt den Wachmännern zu, setzt seinen roten Helm auf und verschwindet in dem Tunnellabyrinth.

In den Untergrundlaboren wollen 900 Menschen die besonders zähen Kriminalfälle des Universums lösen. Wer nicht nach Mister Wimp sucht, interessiert sich für die Taten der geisterhaften Neutrinos oder die Akte des »neutrinolosen doppelten Betazerfalls«. Es sind verschiedene Fälle, die aber am Ende dieselbe ewige Frage beantworten sollen: Woraus besteht das Universum?

Bisher haben die Physiker erst einen kleinen Teil der Frage beantwortet. In den letzten 50 Jahren haben sie das »Standardmodell« ausgearbeitet: ein Regelwerk für jene vier Grundkräfte und zwölf Elementarteilchen, mit denen sich das Innere von Sternen, Planeten und Menschen beschreiben lässt. Könnte man jedoch das Universum auf die Waage legen, würde man feststellen, dass der Stoff des Standardmodells gerade mal ein Fünftel des Gewichts ausmacht. Über 80 Prozent der Materie des Kosmos entfallen dagegen auf eine bisher unsichtbare Materieform, vermuten die Physiker. Ihrem Stand geht es damit ähnlich wie ein paar Provinzpolizisten, die eigentlich eine Dorfschlägerei aufklären wollten – und es unverhofft mit der Mafia zu tun bekommen.

Stichhaltigstes Indiz für die Dunkle Materie ist ein schemenhaftes Bild aus dem frühen Universum. Der Schnappschuss des Satelliten WMAP zeigt den Zustand des Kosmos kurz nach dessen Geburt; vor 13,77 Milliarden Jahren entstand er in einem gewaltigen Feuerball aus dem Nichts. Danach expandierte die Ursuppe aus leichten Atomkernen, Elektronen und Photonen mit rasanter Geschwindigkeit. Nach 380.000 Jahren war der junge Kosmos weit genug abgekühlt, dass sich Elektronen und Wasserstoffkerne zu Paaren zusammenfinden konnten.

Als sie sich in die Arme fielen, konnten sich die Photonen plötzlich ungehindert im All ausbreiten. Bis heute hallt ihr Echo durchs Universum, aus allen Richtungen trifft es zu jeder Zeit auf die Erde. Winzige Schwankungen in dieser »Hintergrundstrahlung« verraten, wie viel Materie sich einst im frühen Universum befand – und wie diese verteilt war.

In dem Beweisstück erkennen die geübten Augen der Ermittler die Umrisse der Dunklen Materie. Sie muss sich früh an vielen Orten versammelt haben. Denn die dunklen Klumpen bildeten vermutlich die Keimzelle gewaltiger Gasnebel, die bald zu Galaxien anwuchsen. Darin verdichtete sich Wasserstoffgas so weit, dass vielerorts die Kernfusion zündete und alsbald die ersten Sterne zu leuchten begannen. »Ohne Dunkle Materie wäre all das nicht passiert«, sagt die Astrophysikerin Katherine Freese von der University of Michigan.