Das neue Buch von Wolfgang Kraushaar, über das nun vielerorts lebhaft diskutiert wird, trägt seine plakative These schon im Untertitel: München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus. Die Rede von den "Wurzeln" soll offenkundig den ursprünglichsten, geheimsten und angeblich nicht ausreichend gewürdigten Motivkern offenlegen: einen "primären Judenhass", der "die ungebrochene Wirksamkeit eines antisemitischen Latenzzusammenhanges" bis tief in die 68er-Linke hinein bewiesen habe und im Terrorismus nur offen zum Ausbruch gekommen sei.

Diese Diagnose hatte bereits im Zentrum von Kraushaars früherer Recherche Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus (2005) gestanden, an die das aktuelle Buch anschließt. Darin hatte er rekapituliert, was schon in früheren Darstellungen ausführlich beleuchtet worden war: dass der Spiritus Rector des Anschlags auf das Jüdische Gemeindehaus in West-Berlin am 9. November 1969 der Oberhäuptling der ehemaligen Kommune 1, Dieter Kunzelmann, war. Bei einer Reise nach Palästina im Sommer 1969 hatten er und seine Reisegefährten, vor allem der Professorensohn Georg von Rauch, beschlossen, eine eigene Stadtguerillagruppe, die Tupamaros West-Berlin, zu bilden. Und als die erste Aktion ihres "bewaffneten Kampfes", worin Palästina nun als "unser Vietnam" firmierte, hatten sie beschlossen, bei der jährlichen Feier zur "Kristallnacht" im Jüdischen Gemeindehaus eine Bombe zu platzieren – auch um den eigenen "Judenknax" zu überwinden, wie Kunzelmann auffordernd schrieb.

Diese (funktionsuntüchtige) Bombe war ihnen allerdings von dem Verfassungsschutzagenten und notorischen Agent Provocateur Peter Urbach zugereicht worden. Und man darf sich schon fragen, welchen moralischen Skandal man am Ende höher bewerten soll: diese niederträchtige Tat – oder die Kaltblütigkeit der Dienstherren des Bombenbauers, die bei der Feier anwesend waren, ohne Zeichen von Beunruhigung, nur um am folgenden Tag in Gestalt des Innensenators Neubauer an der Seite des verstörten Gemeindevorsitzenden Heinz Galinski auf einer Pressekonferenz den "linken Antisemitismus" zu geißeln, der von 1967 an der Studentenbewegung als Ganzer ja regelmäßig zugeschrieben wurde.

Was das Buch wertvoll machte, war, dass Kraushaar den Bombenleger selbst, den Kommunarden Albert Fichter, ausfindig gemacht hatte, der sich sein Leben lang auf der Flucht vor seiner eigenen "üblen Tat" (wie er sie jetzt nannte) befunden hat; und er hatte ihn zu einer langen, detaillierten Konfession veranlasst, die mit einer Bitte um Vergebung an die Jüdische Gemeinde endete. Das war eine substanzielle Bereicherung unseres Wissens über das frühe Ausgangsmilieu des deutschen Terrorismus – mit dem schönen "Fehler", dass der Täter in das Klischee vom "primären Judenhass" nicht recht hineinpasste.

Das neue Buch von Wolfgang Kraushaar frischt nun allerdings mit doppeltem Elan genau diese These wieder auf, die schon damals nicht ganz passte. Es behandelt verdienstvollerweise einen bis heute unaufgeklärten Brandanschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum in München im Februar 1970, der in einer wirklichen Katastrophe mündete: Es gab sieben Tote und zwei Dutzend Verletzte und Traumatisierte, meist ältere Bewohner, "Überlebende" nun in einem zweifachen Sinn. Dieser Anschlag, so primitiv, wie er war, war tatsächlich einer der niederträchtigsten; und wie die Akten der Ermittler zeigten, führte von allen verfolgten Spuren die plausibelste in das Umfeld einer seit 1968 existierenden "Südfront". In diesem Umfeld bewegten sich auch die Tupamaros München, deren Kopf Fritz Teufel war, der andere prominente Protagonist der Kommune 1.

Ob es sich allerdings bei diesem nächtlichen Brandanschlag wirklich um eine unmittelbare Anschlusstat gehandelt hat, die gleichsam vollendete, was in Berlin "fehlgeschlagen" war, wäre erst einmal zu belegen gewesen. Zumindest fällt auf, dass es hier, anders als dort, kein Bekennerschreiben gab. Und die am direktesten von der Polizei Verdächtigten, ein 18-jähriger Lehrling und (eventuell) zwei seiner türkischen Freunde, waren eher Randfiguren dieser Münchner Kommunardenszene.

Wie auch immer: Diesen Fragen und Zusammenhängen noch einmal nachzugehen, wäre eine legitime und sinnvolle Arbeit gewesen – auch wenn sich am Ende die Tat nicht aufklären lässt. Hätte Wolfgang Kraushaar sich darauf konzentriert, den trüben Pool aus narzisstischer Geltungssucht und existenzialistischer Gewaltbereitschaft um dieses Münchner "Südfront"-Milieu auszuleuchten, aus dem später ein erheblicher Teil der deutschen Terrorkader sich rekrutierte und in dem (vielleicht) auch die Idee dieses mörderischen Brandanschlags ausgeheckt worden ist, wäre es ein anderes, konziseres Buch gewesen.

Aber Kraushaar wollte mehr: Sein monumentales Anklagedossier will plausibel machen, dass diese Tat mit vier anderen, sehr zeitnahen Ereignissen koordiniert gewesen sein müsse: zwei fehlgeschlagenen Flugzeugentführungen, die dramatischste davon in München, und zwei Bombenanschlägen, einer auf eine Swissair-Maschine in Zürich, die daraufhin mit allen Passagieren abgestürzt war. Die gefassten Täter waren palästinensische Kommandos oder Bombenbauer, aus scharf rivalisierenden Gruppen.