StudiumfinanzierungVorsicht, Armutsfalle

Wenn Eltern das Studium nicht finanzieren können, springt der Staat ein. Meist klappt das gut. Bis auf Ausnahmen, mit denen viele Studenten nicht rechnen. von  und Benedikt Peters

Falle 1: Mangelnde Bedürftigkeit: Wenn die Eltern nicht zahlen

Das Bafög-Amt geht davon aus, dass die Eltern für den Unterhalt und die Ausbildung ihrer studierenden Kinder aufkommen, denn nach dem bürgerlichen Recht sind sie dazu verpflichtet, ihnen eine erste Ausbildung zu finanzieren. Das Kind hat im Gegenzug die Verpflichtung, sein Studium möglichst schnell zu absolvieren. Wer also häufig das Studienfach wechselt oder 16 Semester bis zum Bachelor braucht, verliert diesen Anspruch. Für alle anderen gilt: Ihnen stehen, wenn sie nicht mehr zu Hause wohnen, monatlich 670 Euro zu – zuzüglich des Geldes für einen Krankenversicherungsbeitrag und die Studiengebühren. Die rechtliche Regelung ist also eindeutig. Grundsätzlich hat man einen Unterhaltsanspruch gegenüber seinen Eltern. Doch was, wenn die nicht mitspielen?

"Wer verklagt schon seine Eltern?", fragt Svenja Hahn, Sprecherin der Liberalen Hochschulgruppen. Sie plädiert für ein eltern- und vermögensunabhängiges Bafög, für einen Grundbetrag, der jedem Studenten zustehen soll, den er später zurückzahlen muss und der bei Bedürftigkeit aufgestockt wird. So soll gewährleistet sein, dass Studenten mit einer gewissen Sicherheit planen können. In anderen europäischen Ländern wie Dänemark und den Niederlanden gibt es solche Förderungsmodelle bereits.

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Falle 2: Überlastete Bürokratie: Zu viele Bafög-Anträge pro Amt

Selbst Studenten, deren Bedürftigkeit eindeutig festgestellt wurde und die somit ein Anrecht auf Bafög haben, können in eine finanzielle Bredouille geraten, wenn die Zahlungen nicht rechtzeitig auf dem Konto ankommen. Das passiert häufiger. In einigen Bundesländern ist die Situation so verfahren, dass Studenten sechs Monate lang auf ihr Geld warten müssen, mit teils schwerwiegenden Folgen: In Berlin beispielsweise konnten einzelne Studenten ihre Mieten nicht mehr zahlen – ihre Wohnungen wurden zwangsgeräumt.

Der Grund dafür, dass die Studenten kein Geld auf ihrem Konto haben, ist ein personeller Engpass bei den Behörden: Mit der Zahl der Schulabgänger steigt auch die Zahl der Bafög-Anträge – es gibt aber nicht mehr Berater als vorher, die diese bearbeiten könnten. Dementsprechend sind sie überlastet. Im Bezirksamt Berlin-Charlottenburg etwa kommen auf einen Mitarbeiter 800 bis 900 Bafög-Anträge pro Jahr, dabei kann er nur 500 Anträge bewältigen. Das Problem besteht nicht nur in Berlin, sondern bundesweit. "Auf einen Berater kommen 750 Fälle", sagt der Vorsitzende des Deutschen Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde. Lösen könnten diese Misere nur die Landesregierungen, indem sie mehr Geld für Personal bereitstellten.

Leserkommentare
  1. Mir erschließt sich nicht der Zusammenhang zwischen Artikelüberschrift und Artikelinhalt.

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  2. Ein Studium in Deutschland ist im Vergleich zu anderen Ländern wie Großbritannien oder den USA eigentlich ein günstiges Unterfangen: Studiengebühren sind fast flächendeckend abgeschafft. Was bleibt sind der Semesterbeitrag, etwaige Ausgaben für Lehrmittel und die normalen Lebenshaltungskosten (aber wer hat die nicht?). Es würde mich daher interessieren, wie viele Studenten tatsächlich von den genannten Problemen betroffen sind und ob man deswegen von einer reellen "Armutsfalle Studium" sprechen kann.

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    Wieso wird beim Thema Kosten eines Studiums eigentlich so oft der Vergleich zu Großbritannien und den USA herangezogen, also zu Ländern, in denen das Studium als besonders teuer gilt? Müssen wir uns daran jetzt orientieren?

    Der Ausdruck "Armutsfalle Studium" ist insofern irreführend, dass er eine noch nach dem Studium fortbestehende Armut suggeriert.

    • SYD07
    • 18. März 2013 10:06 Uhr

    "Was bleibt sind der Semesterbeitrag, etwaige Ausgaben für Lehrmittel und die normalen Lebenshaltungskosten (aber wer hat die nicht?)."

    Natürlich haben auch Sie Lebenshaltungskosten, aber ihr Vergleich hinkt gewaltig - ich gehe spontan davon aus, dass Sie berufstätig sind!? - dann bleibt bei meiner Rechnung Folgendes:
    Wenn Sie +/- 40 Stunden pro Woche arbeiten, bekommen Sie ein Gehalt. Richtig?
    Wenn ein Student 40 Stunden die Woche (auch da gern mal + anstelle von -) 'studiert', bekommt er im Idealfall einen Wissenszuwachs. Der macht nicht satt, aber damit kann er sich hoffentlich später mal was zu Essen kaufen.

    Ich verstehe also offiziell Ihre Klammer nicht.

    Der Artikel beschreibt tatsächlich verschiedene (finanzielle) Engpässe heutiger Studierender, die ich aus meinem Bekanntenkreis kenne.
    Da es Sie interessiert, ein Beispiel:

    Mein Bafög-Satz beträgt seit dem 1. Semester 60 Euro, da für den Rest, laut Bafög-Amt, mein Vater in der Lage ist zu bezahlen.
    Mein Vater kommt aus einer Arbeiterfamilie und hat sich nie sonderlich für mein Studium erwärmt. Daher fühlte er sich auch nicht nicht für die Finanzierung meines Studiums in der Verantwortung. Die ersten fünf Semester waren daher von Familienstreitereien und insgesamt drei Nebenjobs neben dem Studium geprägt.
    Als ich im Bafög-Amt meine Lage schilderte, legte mir die Dame prompt das Formular zur Einforderung meines Unterhaltsanspruches vor. Tja, da ist wieder die Frage: "Wer verklagt denn seine Eltern..?" Familienstreit ist eine Sache, eine Klage eine andere Liga. Ich konnte/wollte es nicht.
    Ich hatte das Glück, dass ich durch ein familiäres Darlehen inzwischen aus dieser Lage herausgekommen bin. Trotzdem werde ich länger für mein Studium brauchen, da ich in der ersten Hälfte meines Studiums mehr mit dem Verdienen meines Lebensunterhaltes beschäftigt war. Ich kenne noch zwei weitere Studenten, die in einer ähnlichen Lage studieren. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Kommilitonen, die kein Bafög mehr bekommen, weil sie den Bachelor nicht in 6 Semestern geschafft haben. Das schaffen die wenigsten. Zumindest ist man mit den Sorgen dann nicht alleine...

  3. 3. Danke

    dass Sie dieses Thema einmal aufgreifen.

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  4. Ich sage es immer wieder: die einfachste Lösung wäre, JEDEM Studenten den gleichen Bafög-Satz zu geben; die, die nicht zu Hause wohnen, bekommen noch ein bisschen mehr und fertig. Dann kann man beim Personal sparen und alle sind glücklich. Wird in den nördlichen Ländern schon lange so gemacht und es funktioniert.

    17 Leserempfehlungen
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    Das wäre dann allerdings auch ein erster Schritt in Richtung des Bedingungslosen Grundeinkommens der Piraten, eine sehr radikale Idee des Bürokratieabbaus. Wahrscheinlich wäre das für den Steuer- und beim BGE noch Beitragszahler sogar günstiger als die teure Kontrollbürokratie...

    • dacapo
    • 18. März 2013 9:14 Uhr

    Warum sollen die Studenten, deren Eltern genügend Geld haben, um den Kindern ein Studium bezahlen zu können, Bafög bekommen. Wenn das in den skandinavischen Ländern so gemacht werden sollte, dann hängt das wohl damit zusammen, dass die "Reichen" dementsprechend mehr Steuern bezahlen aus hier und somit schon dabei geholfen haben, einen Ausgleich mitzutragen.

  5. Wieso wird beim Thema Kosten eines Studiums eigentlich so oft der Vergleich zu Großbritannien und den USA herangezogen, also zu Ländern, in denen das Studium als besonders teuer gilt? Müssen wir uns daran jetzt orientieren?

    Der Ausdruck "Armutsfalle Studium" ist insofern irreführend, dass er eine noch nach dem Studium fortbestehende Armut suggeriert.

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  6. In Deutschland liebt man halt komplizierte Lösungen, die aber weder gerechter sind, noch glücklicher machen ;-)

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  7. Ich wüsste mal gerne wie viele von den beschriebenen Situationen betroffen sind.
    Warum wird nichtmal öfters darüber diskutiert den Satz ab dem Studenten Bafög erhalten herunterzusetzen? Es gibt so viele Menschen, die durch ein paar Euronen ihrer Eltern nicht mehr unter dem Satz liegen, die Eltern aber trotzdem dazu 'verpflichtet' sind 670€ zu zahlen. In vielen Familien ist das nötige Geld dafür aber nicht vorhanden. Wie sollen diese Studenten denn ihr Studium finanzieren?

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  8. Ich studiere Bachelor Wirtschaftspädagogik im aktuell 8. Semester. Da mein Studium im 2. und 3. Semester sehr schlecht lief, habe ich ab dem 5 . Semester kein Bafög mehr bekommen. Selbst ein Darlehen wurde abgelehnt, obwohl eine Krankheit vorhanden war. Da sitzt man in der Falle, man muss alle Prüfungen nachholen und schauen, dass man klar kommt und in den Ferien durcharbeitet. Aktuell stehe ich wieder gut da, man lebt halt sehr am Existenzminimum. Einer der sein lebenlang Hartz 4 kassiert muss nichts befürchten. Wehe es làuft als Student etwas bisschen schief... Nicht nachvollziehbar diese Regelungen....

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    • tose25
    • 18. März 2013 1:37 Uhr

    Soweit eine Krankheit für eine Studienverzögerung ursächlich ist, kann eine Verlängerung beantragt werden. Das Amt wird sicher versuchen, eine solche Verlängerung abzulehnen, da hilft dann nur der Klageweg. Allerdings werden sich viele Studierende nicht zutrauen, vor Gericht zu gehen. Sicher sollte aber das Gesetz soweit verbessert werden, dass eine Klage erst gar nicht nötig wird.

    In einem langfristigen Finanzplan wäre es natürlich sinnvoll, die Studierenden für eine bestimmte Zeit (z.B. 1-2 Jahre) länger zu fördern als es die Regelstudienzeit vorsieht. Dies könnte nicht nur Studierenden zu Gute kommen, die aufgrund von Krankheit kein Bafög mehr erhalten, sondern auch denjenigen, die sich etwas Zeit für ihre Persönlichkeitsentwicklung nehmen möchten. In beiden Fällen würde dem Arbeitsmarkt mehr Leistungsfähigkeit zur Verfügung stehen. Weil natürlich nur kurzfristig und nicht langfristig gedacht wird, wird daraus erst einmal nichts.

    Zu den Ländervergleichen: Hier kommt es eben darauf an, ob man sich in Sachen sozialer Entwicklungsstand des Landes nach oben oder nach unten vergleicht. Sicher ist es wichtig, die Leistungen der Ausbildungsförderung als solche überhaupt als wertvoll schätzen zu lernen, da dies in anderen Ländern eben keine Selbstverständlichkeit ist. Andererseits ist es sicher auch wichtig, sich als Staat sozial weiterzuentwickeln, dazu sollte auch gehören, dass die aktuelle Lage der Studierenden verbessert wird.

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  • Schlagworte Student | Studiengebühr | Ausbildung | Unterhalt | Hartz IV | Abschlusszeugnis
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