Das Haus der Popandas ist wirklich schön. Vieles hat der Hausherr selbst gemacht. Eddy Popanda und seine Frau hängen an ihrem Heim in Bochum-Hofstede. Es ist der Ertrag ihrer beider Arbeitsleben. Und der gemauerte Beweis, dass ein Industriearbeiter im Ruhrgebiet es in den vergangenen Jahrzehnten zu vorzeigbarem Wohlstand bringen konnte. Doch das Eigenheim-Idyll der Popandas ist in Gefahr.

Eigentlich könnte der Opel-Arbeiter Eddy Popanda erleichtert sein. Denn vergangene Woche einigten sich die Betriebsparteien des Konzerns darauf, die Autoproduktion in Bochum nicht schon 2014 einzustellen. Gegen die Stimme des Bochumer Betriebsratschefs Rainer Einenkel hat der Konzernbetriebsrat in Rüsselsheim unterschrieben, dass Tariferhöhungen gestundet werden. Dafür sagt die amerikanische Konzernmutter General Motors zu, auch nach 2015 in den Werken Rüsselsheim und Eisenach Autos und im Werk Kaiserslautern Komponenten zu bauen. Bochum darf bis 2016 das Modell Zafira Tourer produzieren. Danach sollen rund 1.200 Mitarbeiter nur noch Komponenten fertigen und ein erweitertes Ersatzteillager betreiben. Unmittelbar allerdings müssen von den 3.300 Beschäftigten am Standort 700 mit einer Abfindung gehen.

Eddy Popanda ist aber kaum erleichtert wegen der Einigung. »Was hier im Einzelnen passiert, muss doch erst noch verhandelt werden«, sagt er. »Wenn nicht genug Leute die Abfindung nehmen, kann immer noch gekündigt werden. Deshalb ist richtig, dass der Bochumer Betriebsrat keinen Blankoscheck unterschreibt, so wie die Rüsselsheimer. Fest steht doch nur, dass 2000 Leute ihre Arbeit verlieren bei Opel. Und 20.000 in der Region, bei Zulieferern und Betrieben, die von Opel abhängig sind.«

Persönlich muss er sich sorgen, dass er sein Eigenheim nach 2016 eventuell nicht wird halten können, dass er es verkaufen muss. Diesen Sonntag ist Eddy Popanda deshalb auf die Straße gegangen, zusammen mit 17.000 Menschen in der Bochumer Innenstadt. Die IG Metall hat zum großen Opel-Soli-Fest auf dem Rathausmarkt aufgerufen. Sie haben in Bochum schon Übung darin. Kabarettisten, regionale Popmusik-Größen, Künstler vom Schauspielhaus, die Oberbürgermeisterin – alle traten auf die Bühne. Das Wort »Solidarität« war dort oben eine viel gebrauchte Vokabel, unten auf der Straße aber auch »Scheiße« und »Angst«.

Ein Mann, der eher still dabeisteht, ist Manfred Wannöffel. Der Industriesoziologe leitet die gemeinsame Arbeitsstelle der Universität und der IG Metall, die es schon seit 1975 an der Ruhr-Uni Bochum gibt. Am Sonntag hat er einen Infostand inmitten des Trubels bezogen. Mit seinen Kollegen Antje Blöcker und Mark Palomo bringt er gerade einen 100 Seiten starken Bericht der gewerkschaftsfinanzierten Hans-Böckler-Stiftung heraus, in dem die Geschichte des Automobilstandorts Bochum aufgearbeitet ist.

Einerseits wird nachvollzogen, wie das Werk zum Opfer globaler Trends auf den Automärkten wurde. Ein Werk, das 1962 auf dem Gelände einer aufgelassenen Kohlenzeche entstand und zum Inbegriff des industriellen Wandels der Montanregion an der Ruhr werden sollte. Aus dem der Opel Kadett kam, der in den achtziger Jahren dem VW Golf den Rang als meistverkauftes Auto Deutschlands ablief. Das ins Schleudern geriet, weil das Konzernmanagement auf einfallslose Strategien von Kostensenkung und Produktivitätssteigerung setzte, während sich auf den internationalen Märkten die Wohlstandsschere öffnete.

Für die Autoindustrie heißt das, dass sich Premiumhersteller wie Daimler, BMW und Audi behaupten können und zum Teil Rekordgewinne einfahren, während Massenhersteller wie Opel oder Fiat von aufkommender Billigkonkurrenz aus Korea und China aus dem Markt gedrückt werden. Detroit behält zudem noch die Zukunftsmärkte in Russland und China den amerikanischen Konzernmarken vor und lässt Opel auf dem schrumpfenden europäischen Markt verhungern.

Die Opel-Werke – Bochum zumal – unter diesen Umständen halten zu wollen muss aussichtslos erscheinen. Dennoch nutzten die Betriebsräte an der Ruhr die Betriebsverfassung, um der Konzernleitung in zwölf Jahren fünf Pläne zur Sanierung und Beschäftigungssicherung abzutrotzen. Allerdings »mit sinkender Halbwertszeit«, sagt Wannöffel. »Allerdings wäre es falsch, das als letztes Gefecht der Arbeiterbewegung gegen die Globalisierung zu interpretieren. Die deutsche Betriebsverfassung bewährt sich. Ohne den Druck, den die Betriebsräte entfalten, wäre vieles nicht zustande gekommen.«