Abgebrannt, bankrott, pleite – es gibt viele Worte für das eine Problem, das Anne Koarks Alltag jahrelang bestimmt hat: Sie war insolvent. Und wegen der Schulden verlor sie ihr Girokonto, nirgends konnte sie ein neues eröffnen. Fünf Jahre lang sei es ihr deshalb kaum möglich gewesen, den Alltag zu bewältigen oder ihre Geschäfte als Selbstständige weiterzuführen, erzählt die 49-Jährige. "Sagen Sie mal einem Kunden, Sie würden gern in bar bezahlt werden! Da denkt jeder, man wolle das Geld am Finanzamt vorbeischleusen."

In Deutschland geht es laut Schätzungen der Europäischen Kommission rund 670.000 Bürgern so wie Anne Koark damals: Sie leben ohne Girokonto; europaweit sollen es mehr als 30 Millionen sein. Häufig sind Menschen betroffen, die überschuldet oder insolvent sind. Bloß: Ohne Konto werden sie noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt und von alltäglichen Abläufen ausgeschlossen. Viele von ihnen können beispielsweise keinen Handyvertrag abschließen, und sie tun sich schwer, eine Wohnung zu finden, weil meist ein Konto vorausgesetzt wird, um eine zu mieten.

In elf europäischen Ländern haben Bürger bereits heute einen gesetzlichen Anspruch auf ein Girokonto, in Deutschland fehlt dieser bisher. Das wird sich nun allerdings ändern. Die Europäische Kommission will demnächst einen Gesetzesvorschlag präsentieren, der vorsieht, jedem EU-Bürger das Recht auf ein Girokonto und eine EC-Karte zuzusichern – unabhängig von dessen finanzieller Lage. Anfang dieser Woche wurden erste Details des Entwurfs bekannt.

Das Besondere an den Konten für Insolvente wird sein, dass sie auf Guthabenbasis laufen, die Halter können sie also nicht überziehen. Zwar existieren solche Guthabenkonten in Deutschland bereits. Allerdings halten Verbraucherschützer und Schuldnerberater die Angebote für nicht ausreichend. Daher fordern sie schon lange ein Gesetz, das sowohl Funktionen als auch Entgelte für diese Konten einheitlich regelt, so wie es der EU-Gesetzesvorschlag offenbar vorsieht.

In Deutschland gilt bisher nur eine Selbstverpflichtung der Kreditwirtschaft aus den neunziger Jahren. Darin ist zwar die Zusage der Banken festgehalten, jedem ein Girokonto zu gewähren. In der Praxis sieht das aber häufig anders aus: "Banken reißen sich nicht gerade um finanziell schwache Kunden. Bei ihnen lässt sich natürlich weniger verdienen", sagt Jana Brockfeld, Referentin für Schulden und Insolvenz beim Verbraucherzentrale Bundesverband. "Aber auch wenn Banken wirtschaftlich denken müssen, ist von ihnen ein sozialer Beitrag für die betroffenen Verbraucher zu erwarten." Stattdessen kosten Guthabenkonten vielerorts deutlich mehr als normale Girokonten. Ein Unding, findet Brockfeld. "Es kann nicht sein, dass die, die sowieso wenig Geld haben, viel mehr als die übrigen Kunden zahlen müssen."

Die deutschen Sparkassen bieten ihren Kunden seit wenigen Monaten das sogenannte Bürgerkonto an, bei dem die Gebühren nicht höher sein sollen als die für ein vergleichbares Konto mit Überziehungsmöglichkeit. Aber auch das reicht laut Verbraucherschützerin Brockfeld nicht aus. "Es bleibt unklar und den Sparkassen überlassen, welches Kontomodell als Vergleich herangezogen wird. Es kann sich daher auch um ein Modell mit hohen Entgelten handeln. Dann aber sehe ich keine nennenswerten Vorteile des Bürgerkontos."

Ausnahmen in der Bankenwelt gibt es auch: Sylke Schröder ist Vorstandsmitglied der Ethikbank, eines Ablegers der Volksbank Eisenberg. Bei dem kleinen Institut können Privatinsolvente Konten eröffnen. Zwar liegen auch hier die Gebühren ein wenig über jenen eines gewöhnlichen Girokontos. Allerdings scheinen die Gründe nachvollziehbar. Vieles sei für die Bank schlicht teurer, so Schröder: Zusätzlich benötigt würden etwa eine Unterschrift des Insolvenzverwalters und Gerichtsunterlagen, zudem fielen auf die Guthabenkonten viele Rücklastschriften, die die Bank bearbeiten müsse. Auch gingen Kunden mit knapper Haushaltskasse öfter zum Automaten, um Geld abzuheben – und jede dieser Transaktionen koste die Bank zwei Euro.