EnergiewendeWenn Anlieger zu Anlegern werden

In Schleswig-Holstein sollen sich erstmals Bürger am Bau einer Stromtrasse beteiligen. Ein Modell für ganz Deutschland? von Catalina Schröder

Fragt man André Tesch, weshalb er Anwalt geworden sei, lautet seine Antwort: Er wolle für die Schwachen kämpfen. Tesch ist 46 Jahre alt, und er lebt in Heide, einer kleinen Stadt in Schleswig-Holstein. Er hat eine Frau, zwei Kinder und ein Problem: Möglicherweise soll vor seiner Haustür eine Stromtrasse gebaut werden.

Tesch will das nicht. Er hat Angst, dass seine Kinder durch den Elektrosmog krank werden könnten. Außerdem findet er, dass die Leitung die Natur verschandelt. Im vergangenen Jahr hat er deshalb mit 120 Bürgern eine Initiative gegründet, sie nennen sich »Westküste trassenfrei«. Tesch ist ihr Vorsitzender. Er macht nicht den Eindruck, als sei er im Allgemeinen unbedingt auf Krawall aus. Doch wenn es um die Stromtrasse geht, ist er zu allem bereit. Tesch sagt: »Wenn nötig, werden wir uns an jeden Strommast ketten, der hier aufgestellt werden soll.« Er will für sich und seine Familie kämpfen.

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Der Bau von Stromtrassen gehört zu den Eckpfeilern der Energiewende. Die Trassen sorgen vergleichsweise kostengünstig dafür, dass die erzeugte Energie in die Steckdosen der Verbraucher gelangt. Rund 3.800 Kilometer Leitungen müssen in Deutschland neu gebaut werden, heißt es im Netzausbauplan, den die vier großen Netzbetreiber im vergangenen Jahr vorgelegt haben. Nur etwas mehr als 200 Kilometer davon wurden bislang tatsächlich gebaut.

Finanzielle Anreize sollen für weniger Widerstand sorgen

Martin Fuchs, Geschäftsführer des Netzbetreibers Tennet, ist überzeugt davon, dass das Tempo des Netzausbaus auch »das Tempo der Energiewende« bestimme. Sein Unternehmen hat sich deshalb zu einem deutschlandweit einmaligen Projekt entschlossen: Bei der 150 Kilometer langen Westküstentrasse in Schleswig-Holstein können sich erstmals Bürger finanziell am Ausbau einer Stromleitung beteiligen. Mindestens 1000 Euro muss man investieren. Verzinst wird die Anlage laut Tennet mit einem festen Satz von bis zu fünf Prozent. Wer also 1.000 Euro anlegt, erhält dadurch innerhalb von fünf Jahren inklusive Zinseszinsen rund 276 Euro Zinsen.

Zum Vergleich: Bei vielen Sparkonten liegt der Zinssatz zurzeit bei etwa einem bis anderthalb Prozent. Damit würde man im gleichen Zeitraum rund 51 bis 77 Euro Zinsen ansparen.

Das Beteiligungsmodell in Schleswig-Holstein ist auch entstanden, weil Netzbetreiber wie Tennet Angst vor Bürgern wie André Tesch haben. Sobald in Deutschland eine Stromtrasse gebaut wird, laufen Anwohner und Naturschützer Sturm. Viele fürchten sich vor dem Elektrosmog der Leitungen oder wehren sich dagegen, dass die Natur vor ihrer Haustür verschandelt wird. Sie gründen Bürgerinitiativen, klagen vor Gericht und verzögern Planungs- und Bauzeiten dadurch nicht selten um Jahre.

Bis beispielsweise eine Stromtrasse zwischen Hamburg und Schwerin im vergangenen Dezember ans Netz gehen konnte, dauerte es rund zehn Jahre. Eine Trasse zwischen Wahle in Niedersachsen und Mecklar in Hessen bezeichnete die Deutsche Energie-Agentur (Dena) schon vor acht Jahren als »zwingend notwendig«. Bei den Umweltministerien beider Bundesländer gingen insgesamt mehr als 22000 Protestschreiben von Bürgern ein. Bis heute konnte Tennet nicht mit dem Bau beginnen.

Leserkommentare
  1. Es ist immer wieder lustig. "Wenn die Stromtrasse an unserem Haus vorbeigeht, werden wir klagen."
    Deutscher gehts nicht. Wir wollen Strom, günstig, aber er soll nicht bei uns produziert werden, aber für uns Arbeitsplätze schaffen.
    Man hätte es wohl mit den "Erneuerbaren Energien" so halten sollen wie mit Kohle, Gas und Atomkraft.
    Ohne wenn und aber durchziehen und die Preise künstlich über Steuern senken, so dass niemand merkt wie teuer es wirklich ist.
    Ich würde behaupten: Wenn wir sehen, wie etwas gemacht wird, wollen wir es nichtmehr. Je ehrlicher man mit etwas umgeht, desto mehr wird mit dem Verweis auf andere "ehrliche, günstige" (Lügen) Sachen verwiesen.

    7 Leserempfehlungen
  2. Nun die Frage lautet, warum nicht unterirdisch. Ja es ist teurer, doch würden wir mit den Norwegern einen echten Kooperationsvertrag schließen (Norwegen darf uns seinen 30% billigeren Strom liefern und wir liefern überflüssigen Strom für die norwegischen Pumpspeicherwerke) was von der "Marktwirtschaftspartei" FDP verhindert wird ( bloß keine Konkurrenz für die BIG FOUR), könnten wir die Zusatzkosten auffangen.
    Wenn dann diese Gemeinschaftsaufgabe auch als Gemeinschaftsaufgabe verstanden werden würde und wirklich alle bezahlen, dann wäre es kein Problem.
    Doch daran scheitert ja immer alles. Die Gemeinschaft wird ja immer auf den einfachen Bürger und den kleinen Mittelstand reduziert. Der soll auch alles bezahlen und das funktioniert halt nicht.

    9 Leserempfehlungen
  3. die ihre Behauptung in Bezug auf AE untermauern, und diese dann ins Verhältnis zur Förderung der EE setzen, dabei aber auch auf die Zeitschiene achten.

    @Thema
    Das Konzept E-Wende war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, da unausgegoren und von meist technischen Laien ins Leben gerufen.
    Auch das Angebot von Tennet ist spannend,da sie da wohl die letzten Entwicklungen im Bankwesen irgendwie nicht mitbekommen haben,
    Richtlinie 2011/61/EU da hat die Mindestanlagesumme bei 20k zu liegen, scheint auch der Autorin nicht bekannt zu sein.
    Auch ist die Angabe des Zinsertrages spannend, denn er unterstellt das man seinen Freibetrag nicht ausschöpft, nimmt man nämlich die Abgeltungssteuer noch dazu, da kommt man dann auf 198 Euro in 10 Jahren, über die Bewertung des Investments zum Schluss also möglichen Abschlägen für "Nutzung" möchte man sich gar keine Gedanken machen. Denn es dürfte sich um eine Art geschlossener Fond handeln und was passiert wenn es wie z.B. in Quebec zu Eisregen kommt (nennen wir es mal Klimawandel) und die Leitungen beschädigt oder zerstört werden, dann heisst es Totalverlust.
    Wiedermal Bauernfang unterstützt durch die ZEIT vom Besten.

    Liebe Autorin bitte auch mal Fonds im EE Bereich nennen, die stetig Gewinn gemacht haben, aber nicht von der Staatsanwaltschaft untersucht werden.

    2 Leserempfehlungen
  4. "Verzinst wird die Anlage laut Tennet mit einem festen Satz von bis zu fünf Prozent."

    Die "marktwirtschaftliche" Verzinsung liegt - dank des Eurorettungswahns - derzeit bei ca. 1 %.

    Weshalb ist es da legitim, dass es hier wieder Leute gibt, die eine Überrendite in Form von 4 % ZU LASTEN DER ALLGEMEINHEIT abgreifen dürfen?

    Der Staat kann sich derzeit mit unter für 0 % refinanzieren. Aber nein, diese Stromleitung muss in privater Hand gebaut werden, damit auch ja wieder jemand daran verdient und die Stromversorgung ja nicht autark in kleineren Einheiten - und unter Konkurrenz - geschieht.

    Ich habe nichts gegen eine private Rendite von 4 % und mehr. Aber hier soll es wieder die Allgemeinheit bezahlen, weil dies garantiert auf den Strompreis wieder umgelegt wird!

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    In Ergänzung zu meinem vorherigen Kommentar:

    Das wirklich Pervese ist doch, dass jeder irgendwie mitverdienen will und die ganze Sache damit für den Stromkunden wieder noch teurer wird.

    Es ist sicherlich legitim, dass die Anwohner, über deren Grundstücke die Stromleitung etwas vom Kuch abhaben wollen. Aber genau an dieser Stelle sollte man sich fragen, ob es die richtige Politik und das richtige System ist!?

    Dezentrale, autarke und auf Konkurrenz basierte Lösungen scheinen da um einiges effektiver. Weshalb muss ich einen Grundbesitzer im Norden etwas (über dem Strompreis) bezahlen, weil ich im Süden Strom benötige? Was hat dieser Grundbesitzer bitte produktiv zur Stromherstellung beigetragen?

    Nur noch einmal zur Klarstellung: Ich neide dem Grundbesitzer nicht sein Grundstück. Er soll damit privatwirtschaftlich(!) machen, was er will. Aber ich sehe nicht ein, dass dieser von MIR finanziert wird.

    Eine Rendite von 4% ist rein nominal, real sind es aufgrund der Abgeltungssteuer nur 3%. Zitat: "Der Steuersatz beträgt pauschal 25 Prozent aller Kapitaleinkünfte aus Dividenden, Zinsen, Investmenterträgen und Veräußerungsgewinnen, unabhängig davon, ob diese einen spekulativen Charakter haben oder nicht."

  5. In Ergänzung zu meinem vorherigen Kommentar:

    Das wirklich Pervese ist doch, dass jeder irgendwie mitverdienen will und die ganze Sache damit für den Stromkunden wieder noch teurer wird.

    Es ist sicherlich legitim, dass die Anwohner, über deren Grundstücke die Stromleitung etwas vom Kuch abhaben wollen. Aber genau an dieser Stelle sollte man sich fragen, ob es die richtige Politik und das richtige System ist!?

    Dezentrale, autarke und auf Konkurrenz basierte Lösungen scheinen da um einiges effektiver. Weshalb muss ich einen Grundbesitzer im Norden etwas (über dem Strompreis) bezahlen, weil ich im Süden Strom benötige? Was hat dieser Grundbesitzer bitte produktiv zur Stromherstellung beigetragen?

    Nur noch einmal zur Klarstellung: Ich neide dem Grundbesitzer nicht sein Grundstück. Er soll damit privatwirtschaftlich(!) machen, was er will. Aber ich sehe nicht ein, dass dieser von MIR finanziert wird.

    Antwort auf "Perverses System!"
  6. Schon das Wort ist grandiose Täuschung . Es geht doch wohl nur um ein wenig Wandel bei der Stromproduktion. Strom an der deutschen Gesamtenergie ist aber nur ca.10 %. Der Anteil Photovoltaik und Windenergie an der Gesamtenergie liegt heute bei 1,8 %!, die Kernenergie ca. 4-7 %.
    Als Ersatz für ein AKW braucht es ca. 6000 Windkrafträder. Für unsere 25 AKW benötigen wir also 150 000 Windräder. Pro Jahr werden 800 gebaut. Wir benötigen also 187 Jahre, um mit Windkraft nur die Kernenergie zu ersetzten. Dann Fotovoltaikanlagen, wenn kein Wind weht. Und dann für die gleiche Menge Kohle- und Gaskraftwerke, wenn die Sonne weg ist ( 9/10tel eines Jahres ). Und dann wird Strom so viel Geld kosten, dass das Elektroauto längst ein „Totes Pferd“ ist. Nur Kleinkinder und äußerst Einfältige glauben, die Erneuerbaren könnten je die notwendige Energie einer Industrienation aufbringen.
    Beim Kohleabbau dieser Welt sterben alljährlich 10 000 Bergleute. Und wahrscheinlich noch mal 10 000 an Lungenkrebs. In 50 Jahren also 1.000.000 Tote. Jedes Stück Kohle ist mit Menschenleben bezahlt. Bei allen Atomunfällen der letzten 50 Jahre in Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima ca. 100 Tote. Atomkraft ist also nicht „sicher“, aber wohl das sicherste - kleiner Unterschied,!. Aber Angst verbreiten funktioniert wie in allen Religionen .
    Und dafür will jetzt wirklich jemand Privatgeld investieren?
    Hannovers-abenpost.de G Kurowski

    Eine Leserempfehlung
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    sind derzeit nur noch 9.

    Und da Deutschland nach wie vor Strom exportiert, müssen die wohl nicht alle ersetzt werden. Schon gar nicht durch "ca. 6000 Windräder" (selbstausgedacht, die Zahl? Scheint ganz so.)

    Sehr geehrte(r) kurowski,

    meinen Sie ihren Kommentar ernst oder versuchen Sie die Diskussion ins lächerliche zu ziehen? Bitte belegen Sie die 100 Toten durch Quellen. Haben Sie meine drei! Leherinnen die durch Krebs gestorben sind mit einberechnet oder nicht? Hintergrund: Während meiner Schulzeit ist alle 2 Jahre eine meiner Leherinnen an Krebs gestorben. Alle lebten in Morsleben, Sachsen Anhalt. Ich finde es eine Schande solch eine Behauptung aufzustellen.

    Zurück zum Thema: bitte belegen Sie ihre Aussage mit Quellen.

  7. wird vermutlich aus Süden kommen - aus dem Kernkraftwerk Brokdorf zum Beispiel.

    Vielleicht sollte er einmal die hundert Kilometer runter an die Elbe fahren und sich ansehen, wie viele Bürger im Kreis Steinburg dem "Elektrosmog" ausgesetzt sind - damit er oben in Heide Strom hat.
    Es gibt dort wahre Wälder an Überleitungsmasten, so wie in der Umgebung jedes Großkraftwerks.

    Herr Tesch sollte sein Quäntchen Elektrosmog zu tragen bereit sein - andere müssen es um seinetwillen ja auch.

    Die Lösung "alle sollen drunter leiden, nur ich nicht" sollte einem Rechtsanwalt eigentlich unappetitlich sein.

    2 Leserempfehlungen
    • Karl63
    • 16. März 2013 15:50 Uhr

    >>Tesch will das nicht. Er hat Angst, dass seine Kinder durch den Elektrosmog krank werden könnten.<<
    Nun, wir nutzen inzwischen Elektrizität seit rund einem Jahrhundert in allen Bereichen des täglichen Lebens. In diesem Zeitraum hat nicht zuletzt die Nutzung der Elektrizität für Elektrische Geräte und Elektronik die Arbeit der Wissenschaft erheblich vorangebracht. Das prägnanteste Beispiel sind Computer, ohne die geht in der modernen Wissenschaft so gut wir gar nichts, aber ohne Elektrizität funktionieren auch die nicht. In der Summe verfügen wir heute über Mittel und Methoden, die noch vor wenigen Jahrzehnten weit jenseits des Vorstellbaren lagen und sind in der Lage die verschiedensten Auswirkungen unserer Umwelt auf den Menschlichen Körper direkt nachzuweisen.
    Bei alledem ist es aber bislang nicht gelungen, einen belastbaren Nachweis dafür zu erbringen, dass "Elektrosmog" tatsächlich eine gesundheitliche Gefährdung darstellt. Wenn dies in den vergangenen 100 Jahren einer breiten Nutzung der Elektrizität im Alltag nicht gelungen ist, dann spricht dies eher dafür, dass auch in Zukunft keinerlei Nachweis möglich ist.
    Was wir nachweisen können ist beispielsweise, dass die in Spielzeug aus Plastik sehr häufig enthaltenen Weichmacher gesundheitliche Gefahren beinhalten.
    Insofern, die Energiewende beinhaltet noch eine ganze Menge ungelöster Probleme, wir sollten uns auf die Konzentrieren, die tatsächlich relevant sind.

    4 Leserempfehlungen

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