Fragt man André Tesch, weshalb er Anwalt geworden sei, lautet seine Antwort: Er wolle für die Schwachen kämpfen. Tesch ist 46 Jahre alt, und er lebt in Heide, einer kleinen Stadt in Schleswig-Holstein. Er hat eine Frau, zwei Kinder und ein Problem: Möglicherweise soll vor seiner Haustür eine Stromtrasse gebaut werden.

Tesch will das nicht. Er hat Angst, dass seine Kinder durch den Elektrosmog krank werden könnten. Außerdem findet er, dass die Leitung die Natur verschandelt. Im vergangenen Jahr hat er deshalb mit 120 Bürgern eine Initiative gegründet, sie nennen sich "Westküste trassenfrei". Tesch ist ihr Vorsitzender. Er macht nicht den Eindruck, als sei er im Allgemeinen unbedingt auf Krawall aus. Doch wenn es um die Stromtrasse geht, ist er zu allem bereit. Tesch sagt: "Wenn nötig, werden wir uns an jeden Strommast ketten, der hier aufgestellt werden soll." Er will für sich und seine Familie kämpfen.

Der Bau von Stromtrassen gehört zu den Eckpfeilern der Energiewende. Die Trassen sorgen vergleichsweise kostengünstig dafür, dass die erzeugte Energie in die Steckdosen der Verbraucher gelangt. Rund 3.800 Kilometer Leitungen müssen in Deutschland neu gebaut werden, heißt es im Netzausbauplan, den die vier großen Netzbetreiber im vergangenen Jahr vorgelegt haben. Nur etwas mehr als 200 Kilometer davon wurden bislang tatsächlich gebaut.

Finanzielle Anreize sollen für weniger Widerstand sorgen

Martin Fuchs, Geschäftsführer des Netzbetreibers Tennet, ist überzeugt davon, dass das Tempo des Netzausbaus auch "das Tempo der Energiewende" bestimme. Sein Unternehmen hat sich deshalb zu einem deutschlandweit einmaligen Projekt entschlossen: Bei der 150 Kilometer langen Westküstentrasse in Schleswig-Holstein können sich erstmals Bürger finanziell am Ausbau einer Stromleitung beteiligen. Mindestens 1000 Euro muss man investieren. Verzinst wird die Anlage laut Tennet mit einem festen Satz von bis zu fünf Prozent. Wer also 1.000 Euro anlegt, erhält dadurch innerhalb von fünf Jahren inklusive Zinseszinsen rund 276 Euro Zinsen.

Zum Vergleich: Bei vielen Sparkonten liegt der Zinssatz zurzeit bei etwa einem bis anderthalb Prozent. Damit würde man im gleichen Zeitraum rund 51 bis 77 Euro Zinsen ansparen.

Das Beteiligungsmodell in Schleswig-Holstein ist auch entstanden, weil Netzbetreiber wie Tennet Angst vor Bürgern wie André Tesch haben. Sobald in Deutschland eine Stromtrasse gebaut wird, laufen Anwohner und Naturschützer Sturm. Viele fürchten sich vor dem Elektrosmog der Leitungen oder wehren sich dagegen, dass die Natur vor ihrer Haustür verschandelt wird. Sie gründen Bürgerinitiativen, klagen vor Gericht und verzögern Planungs- und Bauzeiten dadurch nicht selten um Jahre.

Bis beispielsweise eine Stromtrasse zwischen Hamburg und Schwerin im vergangenen Dezember ans Netz gehen konnte, dauerte es rund zehn Jahre. Eine Trasse zwischen Wahle in Niedersachsen und Mecklar in Hessen bezeichnete die Deutsche Energie-Agentur (Dena) schon vor acht Jahren als "zwingend notwendig". Bei den Umweltministerien beider Bundesländer gingen insgesamt mehr als 22000 Protestschreiben von Bürgern ein. Bis heute konnte Tennet nicht mit dem Bau beginnen.

"Wir lassen uns doch nicht kaufen"

Weil das Beteiligungsmodell der Westküstentrasse einen finanziellen Anreiz für die Bürger bietet, hofft Tennet auf geringeren Widerstand. Zusätzlich hat das Unternehmen schon früh Pläne für den möglichen Trassenverlauf veröffentlicht und trifft sich regelmäßig mit Bürgern und Naturschützern, um darüber zu diskutieren. Statt wie ursprünglich geplant ab 2020, hofft Tennet nun, dass die Trasse schneller gebaut wird und schon 2018 Strom transportieren kann.

Wenn das klappt, wäre es auch ein Verdienst von Christian Schneller. Er ist bei Tennet dafür zuständig, den Anwohnern entlang der geplanten Trasse das Beteiligungsmodell schmackhaft zu machen. In den vergangenen Monaten ist er immer wieder von seinem Büro in der Tennet-Niederlassung in Bayreuth nach Schleswig-Holstein gefahren. Dort hat er mit Anwohnern und Naturschützern diskutiert, ob die Trasse ein Stück weiter östlich oder westlich verlaufen sollte und ob zum Beispiel der Vogelflug über die Eider eher geschützt werden muss als die Menschen, die ein paar Hundert Meter weiter wohnen.

Für jeden einzelnen Streckenabschnitt gibt es nun verschiedene Bauverläufe, die unterschiedliche Interessen berücksichtigen. Schneller ist optimistisch: "Der Umbau der Stromversorgung gelingt nur, wenn die neue Infrastruktur akzeptiert wird. Deshalb bieten wir hier an, dass Anlieger zu Anlegern werden."

André Tesch und seine Bürgerinitiative halten das Beteiligungsmodell trotzdem nicht für ein faires Angebot, im Gegenteil. "Wir lassen uns doch nicht kaufen", schimpft Tesch. Wer sich entlang der Trasse umhört, bekommt in vielen Orten ähnliche Reaktionen. Manche wundern sich darüber, dass durch ihren Ort überhaupt eine Stromtrasse gebaut werden soll. So wie Tjark Schütt. Er ist Bürgermeister der 340-Seelen-Gemeinde Sankt Annen, 20 Kilometer südlich von Brunsbüttel: "Windkraft- und größere Photovoltaikanlagen durften bei uns nicht aufgestellt werden, um die Vögel nicht zu stören", erzählt Schütt. "Wieso ist es nun erlaubt, dass eine Stromtrasse über diese Gebiete gehen soll?"

Bundesumweltminister Peter Altmaier lässt das Projekt loben

Von einem Versuch, die Zustimmung der Anwohner zu kaufen, will Tennets PR-Manager Christian Schneller nichts wissen: "Die Bürger sollen von der Trasse profitieren und dazu beitragen, dass die Energiewende gelingt", erklärt er. In den kommenden Monaten will das Unternehmen endgültig über den genauen Trassenverlauf entscheiden.

In den Ministerbüros in Kiel und Berlin wird Tennets Beteiligungsmodell gelobt. Im schleswig-holsteinischen Energiewendeministerium hofft man, dass die Idee zum Vorreiter für das ganze Land werden kann. Und das Bundesumweltministerium will das Projekt am liebsten gleich als eigenen Erfolg verkaufen. Im vergangenen Herbst hatte Minister Peter Altmaier vorgeschlagen, künftig deutschlandweit 15 Prozent aller Netzausbaukosten über Bürgerbeteiligungen zu finanzieren. Seit der Ankündigung ist jedoch nichts passiert. Aus dem Ministerium heißt es nun, dass das Projekt Westküstentrasse "eine sehr gute Nachricht und ein Zeichen dafür" sei, "dass die von Peter Altmaier initiierte Idee einer Bürgerdividende richtig und realistisch" sei.

Ob es durch das Beteiligungsmodell weniger Verzögerungen geben wird als bei anderen Stromtrassen, wird sich in den nächsten Monaten herausstellen. André Tesch will sich nicht mehr umstimmen lassen: "Wenn die Stromtrasse an unserem Haus vorbeigeht, werden wir klagen."