OrganhandelHerz auf Bestellung

In China werden Hingerichteten Organe entnommen – und gegen Bezahlung offenbar auch Patienten aus dem Westen implantiert. von Martina Keller

Als der Rechtsanwalt Han Bing aus Peking am 6. Dezember 2012 seinen neuesten Blog-Beitrag veröffentlicht, muss er wissen, dass er sich in große Gefahr begibt. Seine Nachricht verbreitet sich in Windeseile über den chinesischen Kurznachrichtendienst Sina Weibo: "An diesem Morgen", berichtet Han, "hat es eine schreckliche Hinrichtung gegeben." Ein zum Tode verurteilter Gefangener sei exekutiert worden, obwohl das oberste chinesische Gericht wenige Tage zuvor angeordnet hatte, den Fall neu zu prüfen. So lange aber mochten die Verantwortlichen offenbar nicht warten. Die Organe des Gefangenen wurden gebraucht, und zwar in möglichst gutem Zustand. Nur so ist zu erklären, warum die Hinrichtung in einer Klinik stattfand, wie der Anwalt berichtet. "Diese gewissenlosen Richter und Ärzte verwandeln ein Krankenhaus in eine Hinrichtungsstätte, in einen Marktplatz für Organhandel", schreibt Han.

Dem Anwalt zufolge hat man den Todeskandidaten gezwungen, ein Papier zu unterschreiben, mit dem er der Organentnahme "freiwillig" zugestimmt habe. Die Familie habe sich nicht von ihm verabschieden können, obwohl ihr dieses Recht zustand. "Wir werden dagegen vorgehen", kündigt der Anwalt im Auftrag der Hinterbliebenen an.

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Hans Bericht wird innerhalb eines Tages mehr als 18.000 Mal weitergeleitet, über 5.600 Menschen kommentieren ihn. Dann ist der Eintrag gelöscht.

Das Beispiel des namenlosen Hingerichteten ist kein Einzelfall. China liegt in der Transplantationsstatistik weltweit an zweiter Stelle, hinter den USA. Eine Tatsache, die die Regierung mit Stolz erfüllt. Mehr als 10.000 Nieren, Lebern, Herzen und Lungen würden jährlich in China verpflanzt, schreibt der Vize-Gesundheitsminister Huang Jiefu – selbst Transplantationsmediziner – im vergangenen Jahr in der Wissenschaftszeitschrift The Lancet. Aus seinen Statistiken geht hervor, dass knapp 60 Prozent dieser Organe von hingerichteten Gefangenen stammen. Eine Offenheit, die erstaunt. Bis vor wenigen Jahren hat die Regierung alle Berichte aus dem Ausland über die fragwürdige chinesische Transplantationspraxis als Propaganda abgetan.

Ein Mensch stirbt, just in time, damit ein anderer weiterleben kann. Im chinesischen Transplantationssystem ist das möglich. Im Namen des Fortschritts, im Namen des Geldes – auch westlichen Geldes, wie sich noch zeigen wird.

Die Zahl der Hinrichtungen in China ist ein Staatsgeheimnis. Auf 4.000 pro Jahr wird sie geschätzt. Die Verurteilten werden per Kopfschuss oder per Injektion getötet. Insider berichten, dass Transplantationskliniken mit Gefängnissen zusammenarbeiten und eigene Teams für die Organentnahme losschicken. Es ist nicht auszuschließen, dass sich Ärzte an Hinrichtungen beteiligen.

Intensiv wird in China erforscht, wie man mittels Injektionen töten kann, ohne Organe zu schädigen. Wang Lijun, ehemals Polizeichef in Jinzhou und im vergangenen Jahr im Zuge eines Politskandals zu einer langen Haftstrafe verurteilt, leitete mehrere Jahre ein psychologisch-forensisches Forschungsinstitut. Seine Studien zu Hinrichtungsmethoden brachten Wang 2006 den in China renommierten Guanghua Innovation Special Contribution Award ein. Preisgeld: umgerechnet rund 200.000 Euro. In der Laudatio hieß es, er habe eine "brandneue Schutzflüssigkeit" für Organe entwickelt, die eine Transplantation trotz der tödlichen Injektion ermögliche. In seiner Dankesrede sagte Wang, er habe seine Hinrichtungsexperimente "an mehreren Tausend Personen" durchgeführt. Es sei "herzergreifend" gewesen.

Anderswo in der Welt lösen solche Meldungen Entsetzen aus. Was aber kaum jemand weiß: Der Westen ist tief in das chinesische System verstrickt. Auch Patienten westlicher Länder verdanken chinesischen Hingerichteten ihre neuen Nieren, Lebern und Herzen. Pharmafirmen versorgen den Markt in China mit Medikamenten gegen Organabstoßung und forschen zu Transplantationen, bei denen höchstwahrscheinlich Organe von Hingerichteten verwendet wurden. Westliche Kliniken und Ärzte unterstützen chinesische Transplantationszentren, ohne Fragen zu stellen. Westliche Berater der chinesischen Regierung geben vor, den Wandel in der Transplantationspraxis zu befördern, und verfolgen gleichzeitig geschäftliche Interessen in China. Fahrzeuge aus dem Westen werden zu Hinrichtungsmobilen umgebaut. Ein chinesischer Autohändler etwa bietet im Internet einen Wagen einer europäischen Marke mit medizinischen Überwachungsmonitoren und Infusionsapparaten zum Verkauf an – ein schauriges Symbol für das Hand-in-Hand-Arbeiten von Henkern und Ärzten.

Ärzte, die gegen die ethischen Grundsätze ihres Berufsstands verstoßen; der schmale Grat zwischen Kooperation und Komplizenschaft; Verstrickungen, über die viele Beteiligte lieber schweigen – davon berichtet diese Geschichte. Die Frage ist: Wie schwer wiegt die Moral, wie schwer der Forscherehrgeiz, wie schwer das Geld? Und wo muss der Westen Grenzen ziehen, wenn er nicht mitschuldig werden will?

Der Anwalt Han und seine Mandanten können nicht wissen, wer die Organe des im Dezember hingerichteten Mannes erhalten hat, doch es gibt Patienten, die über ihre Transplantation in China sprechen. Mordechai Shtiglits lebt mit seiner Frau in Petach Tikwa bei Tel Aviv. Der 63-Jährige ist trotz seiner 120 Kilo ein vitaler Mann, der Steaks liebt und seine Zeit am liebsten mit seiner Familie verbringt. Während seine Frau im Wohnzimmer Kaffee serviert, zieht er ein Fotoalbum aus einer Schublade. Es dokumentiert seine Reise nach China, die für Shtiglits die letzte hätte sein können.

Leserkommentare
    • FausN
    • 15. März 2013 19:33 Uhr

    … hätte DAS gedacht …

    … das mit die Organe ist doch alles Samariterdienst … 
    … Rotes Kreuz schachert mit Blut …
    … Chinesen mit Organen …

    das nennt man "Wirtschaftssystem" … Sie wissen schon … das mit Angebot und Nachfrage …

    … überall nur Korruption, Mauschelei, Schachern, Profitgier, Geld, Geld, Geld …

    IHR seid alle SOOOO krank …

    efka

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    • 可为
    • 16. März 2013 10:54 Uhr

    dass ein US-Todestrakt, in dem Verurteilte teilweise Jahrzehnte lang auf ihre Hinrichtung warten humaner ist und so wird wenigstens noch jemandem geholfen. Dass mit soetwas immer krumme Sachen laufen haben wir im eigenen Land vor ein paar Wochen erlebt, makaber ist soetwas immer...

    Anzuzweifeln ist also nur die Todesstrafe an sich - aber deren ethisch moralische Fragen stehen auf einem anderen Blatt; und sehen in einem Staat der mit Überbevölkerung kämpft auch ganz anders aus.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Relativierungen und unbelegte Behauptungen. Danke, die Redaktion/jp

  1. 2. Allein

    die erste Seite kann einen fassungslos machen. Ärzte erforschen, wie man tödliche Injektionen entwickeln kann, ohne dass dabei Organe, etc.... Das ist schon mehr als Science Fiction! Der Artikel ist eine gute Anregung, denn darüber habe ich bisher noch nie nachgedacht.

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    "Es gibt interessanterweise in der Vormoderne - zwischen dem 16. bis ins 19 Jahrhundert - die sogenannte Schafott-Medizin", erklärt Bergmann, "die sich dadurch auszeichnet, dass Körperteile von Hingerichteten als Therapeutikum verwendet wurden.

    Da sei das Blut von Hingerichteten getrunken worden, etwa gegen Epilepsie, oder Menschenfett wurde in Salbenform verwendet, um Rheuma oder Gicht zu heilen. "Diese Medizin", so Bergmann, "wird auch in der Kulturwissenschaft als 'kannibalistische Medizin' bezeichnet.

    Interessanterweise hat Paracelsus diese Medizin auch mit dem Begriff der Transplantation gekennzeichnet. In der Transplantationsmedizin geht es auch um die therapeutische Einverleibung von menschlichen Organen, beziehungsweise von menschlichem Fleisch."
    http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/164419/index.html

    Wie es den Anaschein hat, sind wir noch nicht allzu weit vom 16. Jahrhundert entfernt, bzw. die Weiterentwicklung besteht darin, dass wir in Dollar abrechnen.

  2. hat die transformation in die gesamte welt gefunden.

    => ist ja auch irgendwie logisch:
    es gibt halt mehr menschen mit ohne/wenig geld, denn mit viel geld.

    qualität hat aber nun mal ihren preis, den kaum einer noch zahlen will/kann?!

  3. Straffälliger erhält die Chance weiter zu leben mit einemneuen Organ, auch in Deutschland, als das die Organe hingerichteter verfaulen oder verbrennen.
    Das hat doch grundsätzlich nichts mit China zu tuen sondern mit dem Willen zu überleben und dafür wird ja so manches akzeptiert.
    In den frühen siebziger Jahren gab es doch auch viele Berichte über verschwundene Touristen in Rom und Venedig deren Verschwinden mit Organentnahmen zusammengebracht wurde, also kein neues Thema sondern ein altes das immer noch nicht geregelt ist.
    Und hier stand auch das in München mittlerweile der Begriff Hirntot bei Unfallopfern am Unfallort durchgegeben wird um transplatieren zu können, auch nicht gerade ehrenrührig unsere bayerische Haltung dazu.

    • doof
    • 15. März 2013 19:36 Uhr

    für diesen ausführlichen und informativen Bericht.

    Eine Leserempfehlung
  4. da hatte ich in einem Komentar geäußert das es Gerüchte gibt, dass es solche Praktiken in China gibt. Der Komentar wurde gelöscht.

    13 Leserempfehlungen
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    wenn ich darab erinnerte, das Organtransplantation in jedem Fall Vivisektion ist und ich wurde an die Nettiquette erinnert.

    Erschreckend ist die Verbindung zu deutschen Transplantationszentren.
    In Europa löst ein Organspender die Suche nach einem Empfänger aus.
    In China ist es umgekehrt.
    Gruselig.

    • doof
    • 15. März 2013 20:02 Uhr
  5. oder sind wir wieder dort, wo wir vor hundert Jahren waren, und denken darueber nach, Kanonenboote zu schicken, um unsere 'moralisch ueberlegenen' Vorstellungen in der Welt durchzusetzen?

    Wenn 1,2 Milliarden Chinesen andere moralische Vorstellungen haben als die Mehrheit der Deutschen, dann sollten wir vielleicht chinesische Kriterien benutzen, um die Legitimitaet der chinesischen Praktiken zu beurteilen.

    Sonst kann ein scheinbar aufklaerender Zeitungsbericht irgendwann in Chinesenhass und Massenhysterie enden. Dann brennt irgendwann das chinesische Kulturzentrum, und chinesische Studenten werden vom zeitungslesenden Mob totgepruegelt. Offenbar wird jetzt schon die Zusammenarbeit mit chinesichen Medizinern mancherorts boykottiert.

    Um die Sicherheit des im Artikel namentlich erwaehnten deustch-chinesischen Arztes und Herr Professor Hetzer ist es mir uebrigens jetzt schon bange.

    Wenn die Chinesen Gesetze erlassen, dann sollten gerade wir als ehemalige Kolonialmacht der Chinesen tunlichst daran denken, dass wir mit der Unterzeichnung der UN-Charta auch den Chinesen die Nicht-Einmischung in ihre Inneren Anmgelegenheiten zugestanden haben.

    Zur Erinnerung: wir sind KEINE Herrenmenschen. Deutsche Gesetze gelten in Deutschland, und sonst nirgendwo.

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    • FranL.
    • 15. März 2013 20:33 Uhr

    Auch der Westen ist involviert, nicht zu knapp und man darf schon erwarten, daß sich europäische Unternehmen an europäische Regeln halten. Gerade das was in China passiert ist verdammt nah an Kolonialismus und Herrenmenschenmentalität. Chinesen werden quasi zum Nutzen der Europäer und Amerikaner geopfert.

    Das Argument, bei den unfreiwilligen Spendern handle es sich nur um Mörder und Vergewaltiger, da sie ja offiziell hingerichtet wurden, zieht auch nicht, die Todesstrafe gibt es in China z.B. auch für Korruption. Letztendlich ist es ein chinesischer, kein westlicher Anwalt, der den Bericht veröffentlicht hat, offenbar sind viele Chinesen anderer Ansicht als Sie.

    • doof
    • 15. März 2013 21:03 Uhr

    es verboten, mit Organen Handel zu treiben.
    Wenn europäische (deutsche) Mediziner mit einer Approbation hier im Land Organe verpflanzen, die nicht durch europäisches Gesetz gedeckt sind, dann machen Sie sich mit diesem Organhandel gemein.
    Zudem ist es wohl sehr verwerflich, Menschen quasi "auf Halde" für den nächsten Organspender zu halten!
    Und soweit ist das nicht weg, wie die Beispiele der Doku auf 3sat zeigen http://www.3sat.de/page/?source=/ard/dokumentationen/168341/index.html.

    Nicht auszumalen welche Auswüchse das annimmt, wenn bei uns der Damm bricht mit dieser "Widerspruchsregelung".
    Ich finde NICHTS zivilisatorisches, fortschrittliches oder humanes daran, den Körper als Ware wie jede andere anzusehen!

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

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