Cook IslandsDie Leichtigkeit der Schwergewichte

Auf den Cook Islands kann man sich von Einheimischen bekochen lassen – mit frisch gefangenem Südseefisch, Backhuhn im Bananenblatt und scharfem Papayasalat. Wenn danach der Bastrock spannt, stört das hier niemanden. von Susann Sitzler

Laientäzer im Backstagebereich auf dem Wochenmarkt von Rarotonga

Laientäzer im Backstagebereich auf dem Wochenmarkt von Rarotonga  |  © Frank Heuer für DIE ZEIT

Verstanden habe ich es am letzten Vormittag. Vor mir standen fünf pummelige kleine Mädchen mit Blumen im Haar. Als ihr Einsatz kam, begannen sie, im Gleichklang mit den Baströckchen zu wackeln und die Arme anmutig zu winden. Ihr stolzes Strahlen voller Zahnlücken ging ans Herz. Nach ein paar Takten stießen die Jungen mit kriegerischem Stampfen dazu und schrien Hu und Ha. Der Größte in der Mitte war vielleicht zwölf Jahre alt. So moppelig, wie er war, hätte man ihn bei uns ins Abnehmlager gesteckt. In dieser Kindertanzgruppe auf dem Markt von Rarotonga hatte er die Rolle des Häuptlings. Freudig stampfte er immer wieder auf, während im Hintergrund die Frauen sangen und die große Trommel geschlagen wurde.

Eine Woche zuvor war ich auf den Cook Islands gelandet. Noch bevor ich den Flughafen verließ, legte mir eine Unbekannte einen schweren Kranz aus weißen Frangipani um den Hals. Es war sieben Uhr morgens, und die feuchte Luft war bereits warm und erfüllt vom Duft fremder Blüten.

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Die Cook Islands sind eine Inselgruppe im Südpazifik, dreitausend Kilometer nordöstlich von Auckland; Rarotonga ist die Hauptinsel. Verwaltungstechnisch gehören sie zu Neuseeland, verfügen aber über ein eigenes Staatswesen. »Pack Röcke ein«, sagte mir eine Freundin, die es wissen musste. »Die Frauen da tragen keine Hosen. Und du wirst dich noch wundern, was für Kaliber dir da über den Weg laufen.« Dann ist ja gut. Ich fahre nämlich, um zu essen. Dass auf den Cook Islands gut gekocht wird, ist schließlich zu vermuten. Und seit einiger Zeit kann man sich dort auch mühelos einen ersten Eindruck verschaffen. »Progressive Dinner« heißt das Angebot, bei dem man einen Abend lang landestypisch verköstigt wird und jeden Gang von anderen Gastgebern serviert bekommt. Homestays gibt es neuerdings auch.

Dicke Wolkenballen hängen in den waldigen Hügeln, die das Hinterland von Rarotonga bilden. Die Sonne scheint schon wieder, aber die Ringstraße an der Küste ist noch regennass. Sie ist gesäumt von Gärten mit niedrigen Häusern. Die Bäume hängen voller Avocados, Sternfrüchte, Guaven, Kokosnüsse. Zwischen riesigen Bananenstauden stehen Schweine und Ziegen, an einem Hinterlauf angebunden. Wilde Hühner laufen herum, wer eins fängt, darf es essen. Früchte türmen sich auch auf kleinen Holzständen am Straßenrand. Hinter einem Tisch voller Mangos warten drei Frauen, rote Tücher mit gelben Blumen um ihre großformatigen Leiber geschlungen. »Hast du Kinder?«, fragen sie zur Begrüßung. »Leben deine Eltern noch?« Dann gackern sie hemmungslos. »Kennst du nicht einen guten Mann für uns?« Fürs Foto rücken sie die Blumen hinter ihren Ohren mit derselben routinierten Sorgfalt zurecht, wie ich mir die Lippen nachziehe. Touristen gibt es hier nicht viele. Meist sind es Hochzeitspaare aus Neuseeland, die sich in einem der Resorts am Strand ein paar Tage Erholung gönnen.

Eine knappe Stunde benötige ich, um mit dem Auto einmal um die Insel zu kommen. Die Cook Islander fahren am liebsten Roller, und es gehört zum guten Ton, sie nicht zu überholen. Der Überfluss der Insel zeigt sich an den Menschen. Man sieht überall kräftige Fesseln, ausschweifende Rückseiten, weiche Schultern bei den Frauen. Fleischige Oberkörper, kräftige Beine bei den Männern. Hin und wieder auch ein echtes Schwergewicht. In dieser feuchten Wärme ist man sich seines Körpers jeden Augenblick bewusst. Man atmet tief und kann den Düften der Pflanzen und des Meeres nicht entgehen. Schon nach wenigen Stunden fühlt es sich an, als ob das Blut dicker fließt. Ich bin plötzlich sehr zufrieden, dass ich bei dieser Fülle ein Stück weit mithalten kann.

Anreise

Air New Zealand fliegt wöchentlich über London und Los Angeles nach Rarotonga.

Unterkunft

Ein Homestay in Mitiaro kostet pro Nacht rund 121 Euro für eine Einzelperson und 90 Euro pro Person in einer Zweierhütte. Kinder bis 12 Jahre zahlen ca. 63 Euro. Darin inbegriffen sind Übernachtung und drei Mahlzeiten sowie der Transfer vom und zum Flughafen in Mitiaro. Zweimal wöchentlich fliegt Air Rarotonga nach Mitiaro und zurück. Der Hin- und Rückflug zum Preis von rund 330 Euro pro Erwachsenem ist nicht inbegriffen, kann aber über den Veranstalter gebucht werden. Tel. 00682-20639, www.cookislandstours.co.ck

Verpflegung

Das »Progressive Dinner« auf Rarotonga findet immer montags und donnerstags statt und kostet rund 54 Euro pro Person. Reservierungen unter reservations@cookislandstours.co.ck

Info

Cook Islands Tourism, Tel. 089/219096512, www.cookislands.travel

Ich stoppe an einem weißen Haus mit ziselierter Holzveranda und dem Schild »Island Living«. Hier lebt Minar Henderson. Mit 17 zog sie nach Sydney, um bei ihrem Liebhaber, einem chinesischen Koch, sein Handwerk zu lernen. 25 Jahre später ist sie längst wieder zurück. Der Chinese ist Geschichte, aber das Kochen ist geblieben. Nähen und Basteln sind dazugekommen. Minar lebt vom Verkauf ihrer verspielten Lampenschirme und bemalten Wickeltücher. Dreimal im Monat veranstaltet sie in ihrem Haus zudem Dinners für bis zu 24 zusammengewürfelte Gäste. Diese Woche ist Pause. Deshalb hat Minar Zeit zum Plaudern. »Das Verhältnis zum Essen hat sich hier in den letzten Jahren verändert«, sagt sie. »Die Leute interessieren sich wieder für Traditionen.«

Minar hat sich einen dicken Kranz aus Orchideen auf den Kopf gelegt. Er ersetzt Schmuck und Make-up, die in dieser Schwüle unangenehm sind. Sie bietet mir Schnitze einer dunkelorangen Papaya an, die mit Kokosraspeln belegt sind. Die ganze Saftigkeit der Insel tropft über meine Hände. Bei ihren Dinners serviert Minar die überlieferten Speisen, nach denen sie sich in Australien sehnte: Tapioka, Poké (Fruchtklöße), fangfrischen rohen Fisch. Alles aus ihrem Garten oder direkt vom Hafen. Allerdings verwendet sie beim Anrichten gern Gewürze und Kräuter. Das ist relativ neu in der einheimischen Küche. »Früher hat man nur mit Meerwasser gesalzen.«

Ebenfalls neu ist das Nachdenken über Fett und Kalorien. Wie kommt es, dass so viele Insulaner so üppig sind, wenn sie doch vorwiegend Fisch und frisches Obst essen? »Es ist eine Mischung aus Veranlagung, Kultur und Kokosmilch«, sagt Minar, die es selbst zu einer venusartigen Fülle bringt. »Probleme mit Fettleibigkeit gibt es aber erst, seitdem die Leute angefangen haben, raffiniertes Öl zu verwenden. Das war vor etwa 30 Jahren, als die Supermärkte kamen. Früher benutzte man nur Kokosöl. Davon wird man stark, aber nicht krank.«

Leserkommentare
    • Auora
    • 16. März 2013 23:18 Uhr

    Ich hatte auch das Glück zwei Wochen auf den Cook Inseln Rarotonga und Aitutaki verbringen zu können. Anders als der Autor des Artikels habe ich diese allerdings nicht in einem Luxusresort verbracht. Nur Luxusresortgäste bekommen wie oben beschrieben am Flughafen weiße Blumengirlanden um den Hals gehängt. Ich habe meine zeit in einer Backpackerunterkunft und in der Strandhütte einer sehr gastfreundlichen Familie verbracht. Welche uns sogar in ihr eigenes Haus aufnahm und wie Familienmitglieder behandelten, als ein Zyklon auf die Insel zusteuerte...
    Die Darstellung, dass die Inselbewohner ein generelles Problem mit Übergewicht haben ist sehr übertrieben. Im Vergleich zu Neuseeland und den USA, die ich jeweils vor und nach den Cook Inseln bereiste konnte ich keine Unterschiede feststellen. Und die Frauen tragen dort auch nicht alle Röcke!!! Junge Frauen sind ebenfalls so modern gekleidet wie in Deutschland und überwiegend schlank. Der Eindruck des Problems mit dem Übergewicht kann lediglich dadurch Zustande kommen, dass die Inseln ein ganz anderes Problem haben. Viele junge Leute zieht es nach Neuseeland. Die zurückbleibende Population ist also keines Wegs repräsentativ.

    Ich kann nur jedem wärmstens empfehlen dieses Paradies aufzusuchen. Die exotischen Früchte direkt vom Baum schmecken einfach himmlisch. Und wer wirklich Durst hat lernt schnell selbst, wie man eine Kokosnuss von Hand öffnet...

    • SteB
    • 17. März 2013 9:01 Uhr

    zu Kommentar #1

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